Lamborghini Diablo VT - der Sportwagenmassstab der Neunzigerjahre

Erstellt am 28. Mai 2012
, Leselänge 6min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Balz Schreier 
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Bruno von Rotz 
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Archiv Lamborghini 
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Bonhams 
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Artcurial 
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Antoine Dellenbach 
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- Courtesy RM Sotheby's 
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Ein Supersportwagen mit Vierradantrieb, dies war zu Beginn der Neunzigerjahre noch exotisch. Zwar hatte Porsche mit dem 959 schon die Richtung vorgegeben, aber gemeinhin pflegte ein Sportwagen zu dieser Zeit noch heckgetrieben zu sein. Lamborghini aber präsentierte 1991 den Diablo VT, der Allradantrieb erschien als probates Mittel den “schnellsten Serien-Sportwagen der Welt”, wie er vom Hersteller selbstbewusst beschrieben wurde, etwas handzahmer zu machen.


Lamborghini Diablo VT (1995)
Copyright / Fotograf: Balz Schreier

Von Mimran zu Chrysler

Lamborghini konnte 1990, als der Diablo vorgestellt wurde, bereits auf eine lange und ereignisreiche Geschichte zurückblicken. Gegründet von Ferruccio Lamborghini hatte sich die Firma mit den Typen 350 GT, 400 GT und insbesondere Miura in wenigen Jahren in den Supersportwagen-Olymp katapultiert. Mit dem kantigen Countach, der den Miura ablöste, hatte man 1971 einen weiteren Meilenstein präsentiert, der immerhin fast 20 Jahre in Produktion blieb.

In den Siebzigerjahren geriet Lamborghini aber in finanzielle Turbulenzen, wechselte mehrere Male den Besitzer, bis sie 1980 in den Händen des Kaufmanns Patrick Mimran landete. In diese Zeit fiel dann auch der Startschuss für das Projekt P132, den Nachfolger des Countach. Und fast zeitgleich ging Lamborghini nochmals an einen neuen Besitzer: Chrysler.

Präsentation im Jahr 1990

Chrysler-Chef Lee Iacocca fiel denn auch die Ehre zu, im Januar 1990 im Sporting Club von Monte Carlo den “Diablo” zu enthüllen, begleitet von Startenor José Carreras. Einmal mehr hatte Marcello Gandini die Grundlagen für ein atemberaubendes Design entworfen. Rundlicher und gestreckter als der Countach und (noch) ohne Flügelwerk stand er da.


Lamborghini Diablo (1990) - der neue von Marcello Gandini gezeichnete Sportwagen bei der Präsentation - Pressebild
Archiv Automobil Revue

Gleich mehrere Varianten soll Gandini gezeichnet haben, weil Chrysler nicht auf Anhieb überzeugt war. Einer der verworfenen Entwürfe soll dann auch Pate bei der Entstehung des Cizeta-Moroder gestanden habe, munkelt man.

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Ein Stier namens Diablo als Namensvetter

Wie üblich bei Lamborghini wurde auch der Name Diablo einem berühmten Stier entliehen, in diesem Falle einem Tier aus dem Stall von Graf de Veragua. Am 11. Juli 1869 kämpfte Diablo gegen den berühmten Torero Jose de Lara, der “El Chicorro” genannt wurde. Diablo war wendig und sehr schnell, sein Eintritt in die Arena wurde damals mit “con mucho gas” beschrieben. Sechzehn Lanzen wurden benötigt, um den den Stier zu Fall zu bringen. Diablo wurde von den Zuschauern für seinen Mut, seine Angstlosigkeit und seine Unerschrockenheit bejubelt.

Weiterentwicklung des Countach-Themas

Technisch baute der Diablo auf dem Countach S auf, der Radstand war allerdings gewachsen und der 5,7-Liter-Motor mit 492 PS war von Grund auf neu konstruiert worden.  Geblieben waren die nach vorne und oben öffnenden Türen, die Einbaulage des Motors und die Architektur der Aufhängungen.


Lamborghini Diablo (1990) - Durchsichtszeichnung
Archiv Automobil Revue

Mit über zwei Metern Breite und 4,46 Metern Länge war der neue Supersportwagen deutlich gewachsen, mit zusätzlichen 200 kg aber vor allem schwerer geworden, trotz Einsatz leichtgewichtiger Materialien beim Karosseriebau. Dies konnte aber an den Fahrleistungen, die keinen Vergleich scheuen mussten, kaum schaden, 0 bis 100 km/h in unter 5 Sekunden und eine Höchstgeschwindigkeit weit jenseits 300 km/h waren eine deutliche Ansage und keine leere Versprechung. Die Zeitschrift Auto Motor Sport notierte 1992 4,5 Sekunden für die Beschleunigung von 0 bis 100 km/h und 325 km/h Spitze.

Stetige Evolution

Im Oktober 1990 wurden die ersten Kundenfahrzeuge ausgeliefert und bereits im Folgejahr stellte man eine vierradangetriebene Variante, “VT” (Visco Traktion) genannt, vor, die bis 27% der Antriebskraft auf die Vorderachse übertrug und natürlich wegen der zusätzlichen Kraftübertragung nochmals ein wenig schwerer wog.

1993 präsentierte man das Jubiläumsmodell Diablo 30 SE mit 525 PS und violett-farbiger Lackierung. Dies reichte für 333 km/h Spitze. Wem dies nicht genug war, bestellte das Jota-Paket und erhielt 603 PS und einen infernalischen Lärm. 15 der ausgelieferten Diablo 30 SE wurden so in primär für die Rennstrecke geeignete Rennsportwagen konvertiert.

Offener, kräftiger und schneller

Am Genfer Autosalon von 1993 wurde der Roadster vorgestellt, bei dem nicht ein Faltverdeck sondern ein leichtgewichtiges Hardtop für Wetterschutz sorgte.


Lamborghini Diablo SV (1996) - Sicht von oben
Copyright / Fotograf: Archiv Lamborghini

Der 1996 eingeführter Diablo SV (für Sport Veloce) wies einen auf 500, später 520 PS erstarkten 5,7-Liter-Motor aus und bot, dank abgemagerter Ausstattung die günstigste Möglichkeit, Diablo zu fahren. Der Sprint auf 100 km/h wurde von der Zeitschrift Auto Motor und Sport in 4,7 Sekunden gefahren, die Höchstgeschwindigkeit mit 326 km/h gemessen. Der Testverbrauch lag bei 22,8 Litern pro 100 km.

1998 wurde die Leistung bei allen Modellen auf mindestens 530 PS (bei 7’500 Umdrehungen) angehoben und im gleichen Jahr übernahm Audi die angeschlagene Marke, die nach Chrysler im Jahr 1993 mit MegaTech einen weiteren Interim-Besitzer erdulden musste.

Unter Audi-Ägide stiegen Leistung und Hubraum weiter, 557 PS und sechs Liter Motorinhalt reichten im Jahr 2000 einmal mehr, um den “schnellsten Sportwagen der Welt mit Strassenzulassung” zu stellen.

Nach insgesamt 2’884 Exemplaren wurde der Diablo schliesslich im Jahr 2001 durch den Murcielago abgelöst.

Die Fahrt im Über-Sportwagen

Kaum einen Betrachter lässt der Diablo kalt. Breit steht er da, riesige Einlässe kühlen die heissblütige Mechanik. Die Scherentüren sind showcar-würdig. Ehrfurcht erscheint angebracht. Wird man das Monster bändigen können?


Lamborghini Diablo VT (1995)
Copyright / Fotograf: Balz Schreier

Der Einstieg geht leichter als erwartet. Gegenüber dem Vorgänger Countach sind die Türausschnitte tiefer, was das Besteigen des Supersportwagens fast zum Kinderspiel werden lässt. Im Innern wird man von einer Symphonie aus Leder empfangen. Das Zündschloss sitzt rechts auf der Lenksäule, wie bei jedem VW Golf. Vor sich hat der Pilot sechs Runduhren, in der Mitte Tacho und Drehzahlmesser. Lenkrad und Instrumententräger sind verstellbar.

Für trainierte Waden

Die Schaltkulisse liegt offen dar, der erste Gang des Fünfganggetriebes wird links hinten eingelegt. Aber ächz, zuerst einmal will die Kupplung durch eine hoffentlich gut trainierte Beinmuskulatur betätigt werden. Ansonsten aber verläuft eine Fahrt im Countach viel weniger beängstigend und anspruchsvoll, als man es vielleicht vermuten könnte - zumindest solange man nicht die oberen Drehzahlregionen und  Grenzbereiche aufsucht. Spätestens dann zeigt der Diablo nämlich, warum ihm seine Schöpfer diesen Namen gegeben haben. Er wird laut, es wird warm und die Strassen scheinen umgekehrt proportional zur Geschwindigkeitszunahme zu schrumpfen.


Lamborghini Diablo VT (1995)
Copyright / Fotograf: Balz Schreier

Übersichtlich war schon der Vorgänger Countach nicht, der Diablo kann es aber kaum besser. Schräge Einfahrten werden am besten mithilfe eines Beifahrers gemeistert, parkieren will geübt sein.


Lamborghini Diablo VT (1995)
Copyright / Fotograf: Balz Schreier

Doch spätestens, wenn man am Ziel ankommt, den Motor nochmals kurz und heiser aufbrüllen und die Türe nach oben gleiten lässt, sind angesichts der uneingeschränkten Bewunderung der Passanten allfällige Mühen schnell vergessen. Und sowieso - im Vergleich zu seinen Vorgängern kann der Diablo VT als geradezu handzahm beschrieben werden. Eigentlich möchte man sofort wieder einsteigen, weiterfahren und auf den Espresso in der Bar verzichten.

Der hier gezeigte Lamborghini Diablo VT (Baujahr 1995) wurde uns von der Oldtimer Galerie Toffen zur Verfügung gestellt. Wir danken.

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