Ghia 1500 GT - Klein-Ferrari und Porsche-356-Alternative mit Fiat-Technik

Erstellt am 29. August 2012
, Leselänge 7min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Bruno von Rotz 
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Balz Schreier 
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Ghia MarkenemblemKaum jemand kennt das kleine Coupé, aber es fällt auf. Parkt man irgendwo, wird der Wagen sofort von Interessierten umringt. “Ist das ein Ferrari?”, “Sicher italienisch, oder?” und “Ein Einzelstück?” sind Fragen, die man dann häufig hört. Dabei wurde der Ghia 1500 GT (auch Fiat 1500 GT Ghia genannt) gemäss Herstellerangaben immerhin 846 Mal gebaut. Doch nur wenige haben überlebt und daher sieht man den kleinen Italiener selten heutzutage.

Eleganz von Ghia

1961 begann die gerade von Luigi Segre übernommene Firma Ghia mit der Entwicklung eines neuen kleinen Sportcoupés auf der Basis des Fiat 1500. Gilberto Colombo zeichnete eine auf Aerodynamik getrimmte Koarsserie mit langen Überhängen vorne und hinten. Dieses Design wurde dann zugunsten der Praktikabilität noch stark überarbeitet, Front und Heck gekappt.

Fiat 1500 GT - Zeichnung von Giberto Colombo

1962 wurde das Ergebnis in Turin präsentiert. Die Automobil Revue meinte dazu: “Als Neuheit zeigt Ghia den Fiat 1500 GT. Das von der Seite dem Sunbeam Harrington ähnlich sehende Fahrzeug erhält mit dem rechteckförmigen und tief liegenden Kühllufteinlass eine sehr angriffslustige Note.”

1963 konnte dann die endgültige Version in Genf als “Fiat 1500 GT” präsentiert werden, ausgerüstet mit einem 67 PS starken Motor und ausgelegt auf eine Serienproduktion von 3’000 Exemplaren.

Modifizierte Technik von Fiat

Aufgebaut wurde der 1500 GT auf der Bodengruppe des Fiat 1500. Diese wurde auf Höhe der Spritzwand gekappt und vorne durch einen Rohrrahmenvorbau ergänzt, der den Vierzylindermotor und die standardmässigen Fiat-Aufhängungen trug. Durch diese Modifikation wurde der Radstand um 8 cm gekürzt und der Motor 40 cm weiter hinten eingebaut. Die 13-Zoll-Räder der Limousine wurden gegen 15-Zoll-Versionen von Borani getauscht, die mit Pirelli-S-Reifen der Grösse 155/15 besohlt wurden.

Die Hinterradaufhängung mit Starrachse an Blattfedern entsprach genauso der Fiat-Serie wie die Querlenker mit Schraubenfedern und Querstabilisator vorne.

Der Motor und das Getriebe wurden aus der Limousine übernommen, was vier Zylinder, Leichtmetall-Zylinderkopf, hängende Ventile, eine seitliche Nockenwelle und ein vollsynchronisiertes Vierganggetriebe bedeutete.

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Fortschrittliche Konstruktion

Dank der Modifikationen der Chassiskonstruktion war die Basis für wesentlich verbesserte Fahreigenschaften gegenüber der Serienlimousine gegeben. Die Gewichtsverteilung war vollständig neutral, 490 kg ruhten auf der Vorderachse, 490 kg auf den Hinterrädern. Alle gewichtigen Elemente (Motor, Getriebe, Besatzung) waren zwischen den Achsen angeordnet. Aufhängungen und Lenkung waren so in das Chassis eingebaut worden, dass der Schwerpunkt tiefer lag als bei der Grossserie. Die grösseren Räder verlängerten die Endübersetzung und die Fahrdynamik.

Solide Spezialkarosserie

Viel Lob erhielt die von Hand gedengelte Karosserie, die gemäss zeitgenössischen Berichten “denkbar solid” und überdurchschnittlich gut verarbeitet war. Es überzeugten aber nicht nur die Fertigungsqualität sondern auch die praktischen Vorzüge der Konstruktion. Grosse Scheibenflächen, eine niedrige Gürtellinie, ein bequemer Einstieg und eine optimale Sitzposition auf den gut ausgeformten Sportsitzen machten den kleinen Sportwagen zum angenehmen Begleiter. 

Erhältlich war der 1500 GT in sechs Standard-Farben: Azzurro metallizzato (blau), Beige metallizzato, Grigio argento metallizzato (silbergrau), Bianco latte (weiss), Rosso corsa (rot), Verde scuro (grün). Auf Sonderwunsch konnten auch Nero (schwarz), Blu scuro (blau) und Giallo (gelb) geordert werden.

Das Interieur war in schwarzem Vinyl gehalten, eine Lederaussattung konnte gegen Aufpreis bestellt werden. Zudem gab es eine für damalige Verhältnisse umfangreiche Liste von Zusatzoptionen wie Sicherheitsgurten, Nardi-Holzlenkrad, Dreiklanghorn, Radios, mechanische oder elektrische Antenne, Doppelauspuff, Bianchi-Overdrive, usw.

Mässige Leistung?

Die Automobil Revue meinte 1963: “Auf Grund dieser Detailmodifikationen kann der Fiat 1500 GT mit Recht als echter Gran Turismo bezeichnet werden, dessen geräumiges Interieur auf hohen Fahrkomfort ausgelegt wurde und bei welchem die Bedienung des Vierganggetriebes über einen von Nardi entwickelten Mittelschalthebel erfolgt. Was seine Fahrleistungen anbelangt, so stehen diese in bestem Einklang mit dem Motor Fiat 1500, doch könnte man sich noch einige zusätzliche ‘PS’ wünschen.”

1964 publizierte die deutsche Fachzeitschrift “Auto Motor und Sport” einen Fahrbericht zum von der Firma Berger in Bayreuth importierten Sportwagen. Manfred Jantke war mehr als angetan vom kleinen GT und gestand ihm berechtigte Absatzchancen zu. “Der Ghia 1500 GT ist ein superexklusives Sportcoupé auf bewährter Basis; jede Fiat-Werkstatt kann das Auto betreuen, und auf die mechanischen Baugruppen gewährt Fiat Turin sogar die übliche Garantie ...”, stand da.

Nur die mässige Leistung wurde ausführlich kritisiert, denn mit 67 PS, aber 20 kg Mehrgewicht gegenüber der Serienlimousine von Fiat, was 980 kg Leergewicht für den 1500 GT bedeutete, war natürlich nicht viel  Staat zu machen. So beschleunigte der nicht ganz sauber laufende Testwagen in 16,2 Sekunden auf 100 km/h und erreichte eine Spitzengeschwindigkeit von 159,5 km/h.

Mit dem Testverbrauch von 10,5 Litern pro 100 km konnte man aber wieder zufrieden sein. Als besondere Stärken wurden insbesondere der Reisekomfort, die solide Karossorie und die neutralen Fahreigenschaften genannt.

Nicht einmal teuer

“Der Preis ist unbedingt angemessen, wenn man an den Renommierwert, die saubere Verarbeitung und die solide Mechanik des Autos denkt; man kann sich nur wundern, dass das in kleiner Serie gebaute Coupé zu diesem Preis auf den Exportmarkt gelangen kann”, schrieb Auto Motor Sport 1964. Und tatsächlich, mit DM 13’950 war die Rarität sogar noch etwas günstiger als ein Porsche 356 mit 60 PS, der DM 14’300 kostete, ein BMW 1500 schlug damals mit DM 9485, ein VW Käfer 1200 Exportmodell gab es für DM 4980.

In der Schweiz wurden 1963 für den 1500 GT CHF 15’700 verlangt, was etwa auf Augenhöhe des Alfa Romeo Giula Sprint 1600 (CHF 15’450) oder des Morgan Plus 4 Super Sport (CHF 15’500) lag.

Kleine Modifikationen, keine Quantensprünge

Während der rund vierjährigen Bauzeit profitierte der 1500 GT auch von Verbesserungen der Serienbasis, so stieg die Leistung von 67 auf 77 PS (84 nach SAE-Norm). Designmässig änderte sich wenig, durch unterschiedlichen Stossstangenausführungen variierte die Gesamtlänge zwischen 4’117 und 1’470 mm, während die Breite mit 1’625 bis 1’630 mm angegeben wurde. Um 1964 wechselte der Name von Fiat 1500 GT zu Ghia 1500 GT.

Eine Spezialversion namens 150 GTI mit erheblich mehr Motorkraft soll auch noch in kleinsten Stückzahlen produziert worden sein.
Gemäss einem Brief der Ghia S.pA. vom 26. Februar 1976 sollen 846 Fahrzeuge gebaut worden sein, 36 davon wurden in die USA exportiert. Ob diese Zahlen stimmen ist unklar, denn es kursieren auch wesentlich tiefere Schätzungen.

Elegant oder Speziell?

Das kleine Coupé ist - 50 Jahre nach seiner Präsentation - schwer einzuordnen. Von vorne klingen Ähnlichkeiten zum Ferrari 250 GT/Lusso an, die Kühlerpartie ist aber völlig eigenständig und nicht im engeren Sinne schön. Das Heck ist kurz und knackig und erinnert an berühmte GT-Fahrzeuge der Sechzigerjahre. Die Kabine ist kurz gehalten und weit nach hinten verlegt. Das Äussere ist hübsch, aber nicht unbedingt schön, dafür aber eigenständig und interessant!

Im Innern wird der Fahrer von einem typisch italienischen Interieur begrüsst. Das Armaturenbrett, das eigentlich Armaturenblech heissen müsste, ist vollständig bestückt.

Ein kleiner GT, kein Rennwagen

Man sitzt gut, im kleinen Ghia. Die Rundumsicht ist hervorragend, die Instrumente sind problemlos einsehbar. Wir umfassen ein relativ grosses Kunststofflenkrad mit dünnem Kranz, der Schalthebel liegt genau richtig. Gestartet wird mit dem Zündschlüssel und der Motor legt kräftig los, lässt allerdings eine besonders exotische Note vermissen.

Alles funktioniert wie erwartet, der Wagen erfordert kaum Eingewöhnung. Das Getriebe lässt sich knackiger schalten, als es zeitgenössische Testberichte erwarten lassen.

Der Ghia ist ein Gran Turismo, kein Rennwagen! Richtig schnell ist man nie unterwegs und man bevorzugt gepflegtes Gleiten, überlässt das Rasen anderen. Der Wagen wird zur Wohlfühloase, zur Zeitmaschine in die Vergangenheit.

Das ideale Sammlerfahrzeug

Er ist selten, hübsch anzusehen und immer relativ einfach im Unterhalt. Zudem liegen die Preise - Classic Data nennt aktuell weniger als Euro 30’000 für ein gut erhaltenes Fahrzeug - immer noch erstaunlich tief. Damit wäre der kleine Ghia eigentlich das ideale Fahrzeug für Oldtimerveranstaltungen und Rallyes, wo Seltenheit gefragt sind. Doch, zuerst muss man ein Fahrzeug finden!

Weitere Informationen

Wir danken der Firma allcarta für die Gelegenheit, das seltene Coupé mit Jahrgang 1965 kennenlernen zu dürfen. Der Wagen steht zum Verkauf.

Bilder zu diesem Artikel

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