Vier gewinnt – 40 Jahre Audi quattro

Erstellt am 6. Mai 2020
, Leselänge 7min
Text:
Sven Jürisch
Fotos:
Audi AG 
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Damals, in den späten Siebzigerjahren, müssen die Winter in Deutschland noch echte Winter gewesen sein. Mit Schnee und Eis auf den Straßen sorgten sie dafür, dass Bundesbürger in simplen Gebrauchsmobilen gleich reihenweise in Schneewehen steckenblieben und wegen fehlender Mobilfunktechnik erfroren. Und das alles nur, weil ihre zweiradangetriebenen Fahrzeuge trotz Schneeketten, Sandsäcken und Schwiegermüttern im Kofferraum oder auf der Motorhaube verzweifelt mit den Rädern auf der Stelle scharten. Da nutzten auch Papi’s Gummimatten vor den traktionslosen Rädern nichts mehr.


Audi quattro (1980) - Der Macher und sein Werk; Ferdinand Piëch kann seine Freude über den gelungenen Allradstreich nicht verbergen
Copyright / Fotograf: Audi AG

Doch die Rettung nahte, nicht etwa in Form des Klimawandels, sondern durch Audi. Der Leiter der technischen Entwicklung, Ferdinand Piëch, hatte sich vorgenommen, die bis dato biederen Bayern binnen kürzester Zeit zum angesagten Trendsetter in Sachen Technik zu pushen. Das Thema Allradantrieb schien ihm dafür wie geschaffen und mit Unterstützung einfallsreicher Ingenieure gelang es ihm, binnen kürzester Zeit einen schnelllaufenden Allradantrieb für den PKW zu entwickeln, der alle Nachteile bisheriger Systeme vermissen ließ.

Ein Idee für alle Fälle

Das zentrale Bauteil der quattro-Modelle der ersten Stunde war dabei das kompakt bauende Allradschaltgetriebe 016 Allrad, das Audi-Techniker aus dem bereits existierenden Fünfgang-Getriebe des Audi 100 entwickelten. Eine Hohlwelle ließ die Kraft dabei an das am Ende des Getriebes angeflanschten Zwischendifferentials laufen, welches bis 1987 zunächst als gewöhnliches Kegelraddifferential aufgebaut war. Von da aus ging es über eine Kardanwelle an die Hinterachse, bei der es sich aus Kostengründen im Falle der B-Baureihe (Audi Coupe, Audi 80) um eine umgedrehte Vorderachse handelte.


Audi quattro (1980) - Antriebsstrang Audi quattro der ersten Generation 1980
Copyright / Fotograf: Audi AG

Änderungen an der Bodengruppe, sowie Detailmodifikationen an Abgasanlage, Tank und Karosserie gingen zwar ins Geld, dennoch hielten sich die Kosten des innovativen Antriebs in Grenzen, zumal Audi es zunächst verstand, die neue Technik anspruchsvoll einzupreisen. Rund 8500 DM betrug der Mehrpreis zu konventionell angetriebenen Audis und war damit weit entfernt von dem von Piëch ausgelobten Mehrkosten in Höhe eines Winterreifensatzes.


Audi quattro (1984) - Ab Mitte 1983 erhielt der Audi quattro ein zartes Facelift
Copyright / Fotograf: Audi AG

Mit „quattro“ bekam das Konzept auch einen zugkräftigen Namen, zudem sorgten Rallye-und Rennerfolge für reichlich Aufmerksamkeit. Am Ende stand der legendäre Skischanzendreh, in dem ein Audi 100 quattro eine mit Schnee bedeckte Skischanzen “emporschnürrte”, als habe er griffigen Asphalt unter den Rädern.

Quattro für die Massen

Der Erfolg der quattro-Technik war für Audi in den ersten Jahren allerdings mehr medial als real. Nur mit hohen Rabatten und ständiger Erweiterung der Modellpalette konnte das Allradkonzept unter die meist betuchte Kundschaft gebracht werden.

Erst die Demokratisierung des Allradantriebs mit preiswerteren Vierzylindermodellen und einfacheren Ausstattungen brachte Stückzahlen. Ab 1986 gab es neben dem exklusiven Audi quattro mit seinem 200 PS starken Turbomotor  auch einen Einsteiger Audi 80 quattro mit 88 PS. Eine Version, die vor allem Förster in einer noch SUV-losen Welt begeisterte, weshalb Audi für dieses Modell auch ein höhergelegtes „Schlechtwegefahrwerk“ anbot.


Audi 80 quattro (1982) - Durchichtszeichnung der Baureihe B2 - damit kam der Allradantrieb richtig in Fahrt
Copyright / Fotograf: Audi AG

Nur durch konsequentes Umsetzen der quattro-Philosophie in jeder Baureihe stiegen die Stückzahlen. Zeitweise schien es gar, als gäbe es zwei verschiedene Audi-Firmen. Die ohne „quattro“ Zusatz war die alte Audi für Oberlehrer, die mit Allrad war irgendwie cool und innovativ. Audi war damals der Underdog, der es den etablierten Herstellern der Premiumliga zeigte. Mit Turbomotor, Aerodynamik, Vollverzinkung und nun auch mit Allrad.

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Evolution

Mit Einführung des aerodynamisch optimierten Audi 80 B3 im Jahr 1986 setzte Piëch auch die Innovationen im Antriebssektor fort. Ein neues Mitteldifferential sollte ein Ende machen mit den Bedienungsfehlern und mehr Komfort bieten. Konnte das bis dato verbaute Zwischendifferential noch mittels Unterdruck zu 100% gesperrt werden, entfiel diese Möglichkeit fortan. Ein Torsendifferential verteilte die Kraft im Fenster zwischen 25 und 75 % zwischen Vorder- und Hinterachse.


Audi 80 quattro (1988) - der B3 war ab 1987 der erste quattro der neuen Generation
Copyright / Fotograf: Audi AG

Die Abstimmung des neuen Systems gelang noch perfekter und am Ende merkte der Kunde vom Allradantrieb eigentlich nur, dass es auf nahezu jedem Untergrund zügig und ohne Antriebsverluste voran ging und sein Konto um einen deutlich fünfstelligen Betrag entlastet wurde.

Ungebremste Königsklasse

Den Gipfel der Entwicklung markierte ab 1989 der Audi V8. Denn war bis dato der „quattro“ Antrieb nur für Fahrzeuge mit Schaltgetriebe lieferbar, brachte die Einführung von Audi‘s neuem Topmodell endlich eine Viergangautomatik mit Allradantrieb an den Start. Das von ZF zugelieferte Getriebe war ursprünglich für den BMW der Siebener Reihe entwickelt worden und musste aufwändig  auf den Allradantrieb umgebaut werden. Die bekannte Hohlwelle entfiel und zum Einsatz kam eine Lösung mit einer Zwischenwelle für den Vorderradantrieb. Außer von dem hohen Gewicht bemerkte der Fahrer davon allerdings nichts, denn der Audi V8 war die erste Luxuslimousine, die es dem Vorstandschef ermöglichte, ohne Schneekettenstopp zur Skihütte zu gelangen und zurück mit 250 km/h über die Autobahn zu fegen.


Audi V8 (1988) - Meisterstück von Chefentwickler Piëch. Mit ihm begann Audis Aufstieg in die Oberklasse
Copyright / Fotograf: Audi AG

Die Werbung jubelte: „Jetzt kann kein Wetter die Spitzenklasse mehr bremsen“. Das war ganz nach dem Willen von Piëch, dessen Ziel es zeitlebens war, die Konkurrenz mit seinen Produkten in die Schranken zu verweisen. Mit „quattro“ gelang ihm dies über einen Zeitraum von zehn Jahren auf höchst eindrucksvolle Weise, denn weder bei BMW noch bei Mercedes hatte man in der Oberklasse in den Neunzigerjahren einen Allradantrieb im Programm. Audi gelang es so auch bei winterlichen Großanlässen, wie dem Wirtschaftsgipfel in Davos, zum einzigen Shuttledienst zu avancieren. Ein weiterer Schritt den Hersteller von Brot und Butter Autos fit für die Premiumliga im Autobau zu machen.

Und wie hat sich der quattro gehalten über die Zeit?

Wer quattro hört, denkt natürlich zuerst an das klassische Audi quattro Modell mit dem schon Michelle Mouton um die Ecken fegte. Doch gibt es daneben alle anderen Modelle von Audi auch mit dem Allradantrieb, der grundsätzlich identisch ist mit dem des Rallye Weltmeisters.

Angst vor der Antriebstechnik braucht man beim Klassiker-Kauf nicht zu haben, denn eigentlich gibt es nur zwei unterschiedliche „quattro“-Fahrgestelle. Die Modelle der B-Baureihe, zu denen neben dem Audi quattro, dem Audi Coupé auch die Modelle Audi 80 und 90 gehören, sind technisch eng miteinander verwandt. Das trifft auch für die Modelle der größeren C-Baureihe zu, der alle Audi 100, 200 und sogar der V8 zugehören, wenngleich der Achtzylinder technisch etwas speziell ist.


Audi 80 quattro (1987) - Durchsichtszeichnung der Baureihe B3 - das Torsen-Verteilergetriebe war die zweite Stufe der quattro Entwicklung 1987
Copyright / Fotograf: Audi AG

Hinsichtlich der Karosserien gelten die Ratschläge wie für alle anderen Audis auch, nur dass ein Check der Unterseite in jedem Fall dazugehören sollte. Nicht selten verwechselten Kunden früher quattro-Modelle die Autos mit leichten Geländewagen und ramponierten den Fahrzeugboden. Problematisch kann auch das jeweilige Einsatzgebiet sein, denn wenn der quattro gern im Schnee wühlen durfte, wurde vor Ort meist mit Salz nicht gespart und trotz Vollverzinkung (ausser Audi Quattro) rostet der Allradler dann.

Fazit: Die quattro-Technik an sich ist im Alter problemlos. Lediglich die notwendigen Anbauteile, wie Achsen oder Tank können Ärger machen und gehen ins Geld. Dass dies manchmal auch nicht hilft, um einen quattro am Laufen zu halten, ist Schuld des Herstellers, der der Teileversorgung nur wenig Beachtung schenkt.

Welchen kaufen? Wer keine 40’000 Euro für einen Urquattro investieren will, greift zum Audi 80 quattro 5E oder seinen Verwandten, den Audi 90. Dort gibt es Sound, es macht Spaß und die Preise halten sich im Umfeld niedriger fünfstelliger Beträge. Für Liebhaber der großen Baureihe bieten sich der S6 plus oder ein V8 4.2 an. Den gab es auch mit langem Radstand und Schaltgetriebe.

Zeitachse - Stationen des Vorsprungs

  • März 1980
    Vorstellung Audi quattro mit 200 PS und Allradantrieb
  • 1982
    Präsentation des Audi 80 quattro 5E in St.Moritz, Audi wird mit dem quattro Rallye Weltmeister
  • 1983
    Audi präsentiert den Sport quattro mit 306 PS.
  • 1984
    Gewinn der Doppelweltmeisterschaft und Start des Audi 200 quattro
  • 1986
    Audi bietet in jeder Modellreihe ein Allradmodell an. Die letzten Sport quattro werden an die Kunden ausgeliefert.
  • 1987
    Der Audi 80 B3 wird als quattro präsentiert. Zugleich stellt Audi den 200 quattro Exklusiv mit 165 PS und G-Kat als Spitzenmodell vor.
  • 1988
    Das rundliche Audi Coupe quattro 20 V wird dem Audi quattro zur Seite gestellt.
    Mit dem Audi V8 und dem 200 quattro 20 V hat Audi zwei Allradluxusliner im Angebot.
    Der Tuner SMS stellt mit der Turboversion des neuen Coupe den Vorboten des Audi S2 auf die Räder.
  • 1990
    Der Audi V8 lang läuft als Spitzenmodell bei Steyr Daimler Puch vom Band. In Handarbeit montiert entstehen so 217 Exemplare.
  • 1991
    Der Audi quattro läuft nach 11.452 Exemplaren als 20 Ventiler am 17.05.1991 aus.
  • 1992
    Der Audi 100 S4 ist das allradangetriebene Spitzenmodell der neuen C 4 Reihe. Zum Modelljahr 1993 gibt es ihn auch mit dem 4.2Liter V8.
  • 1994
    Audi stellt den V8 ein und präsentiert den Aluminium A8 als Nachfolger. Technisch bleibt der Allradantrieb unverändert.
  • 1996
    Mit dem S6 plus der C4 Baureihe kommt das erste Auto der „quattro GmbH“ auf den Markt. Zuvor hatte Audi den bei Porsche montierten RS2 noch als Audi präsentiert. Der A6 wird als 140 PS starker TDI der erste Allrad Diesel der Marke.
  • 1997
    Mit dem A6 der C4 Baureihe läuft der letzte quattro der ersten Generation vom Band. Nachfolger ist der Audi A6 C5.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von al******
12.05.2020 (19:55)
Antworten
Meines Wisssens hat der jap. Hersteller Subaro schon früher den Allradantrieb in seinen PKW's angeboten. Der (deutsche) Hersteller Audi erst vor ca. 40 Jahren nannte aber seinen Allrad: "Quattro". Mag ja auch div. Feinheiten/Unterschiede geben, aber damals war das "deutsche" Produkt noch hoch angesehen.
Als ich mir 1985 einen Mitsubishi Galant EXE 2,o zulegte, wurde ich mit meiner "Reisfeldschleuder" belächelt. Das Auto war schneller als jeder A80,
brauchte wesenttlich weniger Sprit als die deutschen Alternativen und hatte bis 350000 km keine Reparaturen. War aber keine "deutsche" Wertarbeit . . .
Antwort von mo******
14.05.2020 (22:52)
Auf dem deutschen Markt starteten beide 1980, Audi quattro und Subaru. Auf anderen Märkten war Subaru schon früher vertreten (z.B. 1979 Markteintritt Schweiz), seit 1972 bereits auch mit Allradantrieb.
von ka******
12.05.2020 (07:25)
Antworten
Ein Audi 80 quattro ist ein absolut unproblematischer Alltasgsoldtimer für den Einsteiger. Vor allem dann, wenn er einen 1.8 Liter Vierzylindermotor drinnen hat, denn dann sind Verschleiß und Ersatzteilversorgung kein Problem - es gibt einfach alles in guter gebruachter oder NOS Ausführung. Nur bei seltsamen Innenraumfarben wird es manchmal schwierig ...
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