Rambler American Station Wagon – kompakt, elegant, praktisch, visionär?

Erstellt am 2. September 2020
, Leselänge 7min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
RM/Sotheby's 
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Archiv 
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Der Rambler American war 1958 das richtige Auto zum richtigen Zeitpunkt. Ein kompakter Wagen für kleines Geld, das war genau das, was amerikanische Autokäufer in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wollten. Und die American Motors Corporation musste nicht weit suchen, um die Basis für das neue Modell zu finden, schliesslich gab es in den eigenen Reihen ein gutes Vorbild, nämlich den Nash Rambler von 1955.


Nash Rambler Custom Station Wagon (1954) - viertüriger Kombi
Archiv Automobil Revue

Das Auto, das die Amerikaner wollten

Der Name war Programm, zumindest sahen das die Verkaufsstrategen von American Motors so. “Meet the ALL-AMERICAN Smaller Car” stand im Verkaufsprospekt von 1958, also “Schauen sich den komplett-amerikanischen kleineren Wagen an”. Dieser Slogan hätte auch in das moderne Trump-Amerika gepasst. Unvermeidbar sei es, dass dieser so anders gebaute Ramlber American auf den US-Markt gekommen sei im Jahr 1958, stand weiter im Verkaufsprospekt, denn schliesslich bestehe dafür eine grosse Nachfrage.


Rambler American (1958) - komfortabler Fünfsitzer
Archiv Automobil Revue

“Gleiten Sie hinter das Lenkrad des Rambler American und fahren Sie durch den schlimmsten Verkehr, den Sie finden können. Sie werden bemerken, wie der Wagen sofort auf jede Kontrollbewegung reagiert. Sie wenden innerhalb des Wendekreises jedes anderen in den USA gebauten Wagen. Sie parken, wo es andere nicht schaffen. Und wenn Sie auf eine freie Überlandstrasse fahren, dann stellt der Rambler American viel Komfort für fünf Personen bereit, so dass Sie fast unmerklich Meile um Meile zurücklegen, während die Nadel der Benzinanzeige höchstens minimal zittert.”

Ja, die Verkaufsliteratur pries den neuen kompakten Fünfsitzer mit grossen Worten an.

Revival

Wer sich die Technik und selbst die Karosserieform genauer anschaute, kam schnell auf den Gedanken, dass der Rambler American eigentlich nur eine verbesserte Version des Nash Rambler von 1955 war, der wiederum auf dem ersten kompakten Nachkriegsmodell gleichen Namens basierte, das am 13. April 1950 vorgestellt worden war.

Wie seine Vorgänger verfügte auch der neue Rambler American über eine selbsttragende Karosserie und sogar der Radstand von 100 Zoll (2,54 Meter) ging bis zu den Anfängen des Nachkriegs-Nash-Ramblers zurück.


Rambler American (1958) - selbsttragende Karosserie mit rund 9000 Schweisspunkten
Archiv Automobil Revue

Die Automobil Revue beschrieb die Designanpassungen in der Ankündigung im Januar 1958:
“Seine selbsttragende, zweitürige Karosserie ist jedoch in wesentlichen Punkten modernisiert worden. Der Wagen ist mit einer Gesamthöhe von 145,6 cm etwas niedriger, das Dach fällt nach hinten nicht mehr ab, und die bei den übrigen Rambler-Karosserien nach hinten oben geführte Dachstütze wurde zugunsten eines normalen Fensters aufgegeben. Front- und Heckscheibe sind zwar stark bombiert, weisen aber keinen Panoramaeffekt auf. Die Kühlluftöffnung vorn auf der Motorhaube ist ebenfalls verschwunden, es besteht nur noch ein Lufteinlass vor der Windschutzscheibe. Die Kühlerverkleidung zeigt wieder die einfache, leicht ovale Form und die massive Umrahmung früherer Nash-Modelle. Durch einen nach hinten ausschwingenden Radausschnitt über den Hinterrädern hat die sonst von allem Zierrat befreite Pontonkarosserie einen europäisch anmutenden eleganten Zug erhalten. Heckflossen und vordere Doppelscheinwerfer wurden ebenfalls weggelassen.
Die Innenabmessungen charakterisieren auch diesen kleinen Rambler noch als sehr geräumi- gen Amerikaner. So misst der Hüftraum vorne 147,3 cm und hinten 115 cm, während die Kopf- höhe vorn 87 cm und hinten 84 cm beträgt.”

Im Prinzip hatte man den Rambler American wieder etwas näher an die frühen Ausführungen des Nash Ramblers zurückgeführt.


Rambler American (1958) - der Reihen-Sechszylinder mit Borg-Warner Flash-O-Matic-Automatikgetriebe
Archiv Automobil Revue

Auch der seitengesteuerte Reihensechszylinder-Motor wurde übernommen. Er leistete weiterhin 91 PS bei 3800 Umdrehungen, obschon man die Verdichtung von von 7,3:1 auf 8:1 erhöht hatte.


Rambler American (1958) - mit seitengesteuertem Reihen-Sechszylindermotor mit 90 PS
Archiv Automobil Revue

Ganz ohne Anpassungen unter dem Blech hatte man natürlich das neue Modell nicht vorgestellt. Die Spur wurde verbreitert, die Vorderradaufhängung übernahm man vom grösseren Rambler (Trapezdreieckslenker und Schraubenfedern), während hinten weiterhin eine Starrachse mit Halbelliptikfedern Dienst leistete. Grössere Bremstrommeln verbesserten die Verzögerungsleistung, auf Servounterstützung wurde verzichtet, auch bei der Lenkung (Schnecke/Rolle).

Mit USD 1789 war der Rambler American auf dem Heimmarkt ziemlich preisgünstig, in der Schweiz kostete er im Jahr 1959 CHF 13’850, allerdings als Super mit besserer Ausstattung. Damit bewegte man sich mindestens auf Opel-Kapitän-Niveau.

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Ökonomisch

American Motors bemühte sich, die wirtschaftlichen Vorteile des neuen Rambler American herauszustreichen. Man betonte, dass das Design für Jahre nicht ändern würde und somit der Wiederverkaufswert hoch blieben würde. Zudem kaufe man sich mit dem American ein Auto, das mehr Platz als alle ausländischen Kompaktfahrzeuge biete und gleichzeitig deutlich weniger koste als diese.

Schliesslich trat man auch noch den Beweis an, dass der Rambler American sparsam mit dem Treibstoff umging, liess den Wagen unter offizieller Nascar-Kontrolle 2837 Meilen von Los Angeles nach Miami fahren. Trotz Steigungen, Wüstendurchquerungen und viel Verkehr auf den Schnellstrassen gelang es dem Sechszylinder, auf einen Durchschnittsverbrauch von 35.4 M.P.G. zu kommen, notabene 6.65 Liter pro 100 km. Damit wurden alle bisherigen Nascar-Rekorde unterboten, nicht zuletzt auch dank des montierten Overdrives.

Tatsächlich gab es den Rambler American mit drei unterschiedlichen Kraftübertragungen. Man konnte ihn mit einem normalen Dreiganggetriebe mit optionalem Schnellgang bestellen oder aber auch die Borg-Warner Flash-o-Matic ordern, die ein Zweigangplanetengetriebe mit einem Drehomomentwandler kombinierte.

Zur Limousine ein Kombi

Die Verkäufe liefen im ersten kurzen Produktionsjahr 1958 gut an, doch bereits im Oktober wurde ein zweite Modellvariante angekündigt, ein zweitüriger Kombi. Die Automobil Revue erklärte:
“Die Modellreihe wurde durch einen zweitürigen Station Wagon erweitert, dessen äusserlich nur spärlich geschmückte Karosserie eine hintere, aus zwei Hälften bestehende Klapptüre und umlegbare Hintersitze und drei Seitenfenster aufweist. Die technischen Spezifikationen sind mit denjenigen der zweitürigen Normalmodelle identisch. Diese sind gegenüber dem Vorgänger unverändert.”


Rambler American Station Wagon (1958) - die parktische Kombi-Variante
Archiv Automobil Revue

Es blieb auch bei denselben Aussenmassen, die stark an heute europäische Mittelklassewagen erinnern: Länge 453 cm, Breite 185 cm, Höhe 145,5 cm. Damals allerdings waren 1,85 Meter Breite hierzulande viel, aber sie ermöglichten eben auch bequemes Sitzen zu Dritt in einer Reihe.
Ansonsten blieb es bei minimalen stilistischen Anpassungen, die vor allem zugunsten günstigeren Reparaturen unternommen worden, so etwa in Form des zweiteiligen Kühlergrills oder mittels massiveren Stossfängern.


Rambler American Station Wagon (1959) - einfach durch die beiden Heckklappen zu beladen
Archiv Automobil Revue

Die Verkaufszahlen legten deutlich zu und bestätigten die eingeschlagene Richtung.

Auch viertürig

Im Oktober 1960 wurde erneut eine frische Modellvariante angekündigt, nämlich die viertürige Limousine. Optisch blieb alles beim alten, minimale Anpassungen (z.B. ein grösserer Tank) fanden unter dem Blech statt.


Rambler American (1959) - Modelljahr 1960 als zweitürige Limousine
Archiv Automobil Revue

Bis zum Ende des dritten Baujahres wurden 242’734 Rambler American gebaut.

Versprechen nicht ganz gehalten

Für das Baujahr 1961 wurden dann aber im Oktober 1960 nicht nur neue Modellvarianten, z.B. ein Cabriolet, präsentiert, sondern ein gänzlich neues Design. Verantwortlich für die Neugestaltung war Edmund E. Anderson und es gelang ihm das Kunststück, den Wagen zu verkleinern, ohne die Raumausnutzung zu verschlechtern. Trotzdem wurde das Versprechen, die Form für längere Zeit beizubehalten, welches noch 1958 für gute Verkäufe gesorgt hatte, gebrochen.


Rambler American Convertible (1962) - nun auch eine offene Version
Archiv Automobil Revue

Mit seiner kantigeren Form und dem trapezförmigen Kühlergrill unterschied sich das neue Modell deutlich von seinen Vorgängern, Käufer des 1960er Americans waren darüber kaum sehr glücklich. Immerhin muss den Verantwortlichen zugute gehalten werden, dass sie drei Jahre kaum Anpassungen vorgenommen hatten.

Drei Leben für ein Fahrgestell

Und auch die zweite Generation des Rambler American wurde drei Jahre lang gebaut, notabene weiterhin auf derselben Plattform, die 1950 mit dem Nash Rambler seine Premiere gefeierte hatte. Drei Generationen von Autos hatten also über 13 Jahre dieselbe Technik genutzt.

Immerhin hatte die zweite American-Generation ab 1961 wahlweise von der Mehrleistung einer obengesteuerten Version des 3,2-Liter-Sechszylinders profitiert, ansonsten aber ging die Zeit relativ spurlos an der Technik vorbei.

Mit der dritten Generation des American ab 1964 wurde dann aber endgültig mit der Nachkriegs-Nash-Technik gebrochen.

Wenig Überlebende

Von der ersten Generation des Rambler American haben vermutlich vor allem hierzulande nur wenige Exemplare überlebt und dies trotz der Rostvorsorge mit Schutzfarbe im Bad.


Rambler American Station Wagon Custom (1959) - eleganter Kombi mit zwei seitlichen Türen
Copyright / Fotograf: RM/Sotheby's

Ein Exemplar des insgesamt 61’452 mal produzierten Station Wagon kann RM anlässlich der Auburn Fall Versteigerung vom 3. bis 5. September 2020 anbieten.


Rambler American Station Wagon Custom (1959) - mit Sitzbank für drei Personen
Copyright / Fotograf: RM/Sotheby's

Der äusserlich original aussehende Kombi von 1959 mit Chassisnummer M-46719 wurde allerdings technisch umfangreich verbessert.


Rambler American Station Wagon Custom (1959) - so nie gebaut, aber der V8 macht sicher Spass
Copyright / Fotograf: RM/Sotheby's

Anstatt des Reihensechszylinders tobt nun ein 4,9 Liter grosser V8 unter der Haube und die nachinstallierte Klimaanlage lässt den Fahrer am Lenkrad weniger schwitzen, wenn er mit der Mehrleistung klarkommen muss. Als Schätzpreis werden USD 15’000 bis 25’000 genannt, allerdings ist kein Mindestpreis gefordert. Einen “Wolf im Schafspelz” nennt RM den Rambler, dafür dürfte es sicher Interessenten geben.


Rambler American Station Wagon Custom (1959) - der "American"-Schriftzug
Copyright / Fotograf: RM/Sotheby's

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