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Rambler Marlin – Passwort: Speerfisch

Erstellt am 23. Juli 2021
, Leselänge 7min
Text:
Paul Krüger
Fotos:
Patrick Ernzen – Courtesy RM Sotheby's 
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Archiv 
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Roy Abernathy wollte mehr. Sein Vorgänger George W. Romney hatte American Motors in den Fünfzigern mit vernünftigen Klein- und Kompaktwagen auf dem amerikanischen Markt etabliert und sorgte so für stabile Produktionszahlen. Die schlanken Rambler verkauften sich auch deswegen so gut, weil die "Grossen Drei" zu dieser Zeit überhaupt keine Autos dieses Formats im Programm hatten und ausschliesslich Full-Size-Modelle anboten, die zudem jedes Jahr grösser wurden. Aber mit Chevrolet Corvair, Ford Falcon, Dodge Lancer und Plymouth Valiant drangen General Motors, Ford und Chrysler ab 1960 plötzlich in AMC-Hoheitsgebiet ein.

Der Rambler American war lange Zeit der einzige einheimische "Compact" und verkaufte sich deshalb gut.
Archiv Automobil Revue

Als Abernathy im Februar 1962 den Vorsitz der American Motors Corporation übernahm, wollte er den Spiess umdrehen. Wenn die Detroiter Riesen ihr Modellprogramm nach unten erweiterten, würde AMC das seine eben nach oben ergänzen. Den Anfang sollte ein sportliches Mid-Size-Coupé für junge Leute machen. Wie Lee Iacocca bei Ford hatte Roy Abernathy erkannt, dass jene Kinder, die einst aus der Wiedersehensfreude Tausender aus dem Krieg heimkehrender G.I.s entstanden waren, inzwischen in ein Alter kamen, in dem sie sich ein eigenes Auto leisten konnten. Nur: die Autos, die sie sich leisten konnten, wollten sie nicht. Der schmucklose Rambler American war eher etwas für den bescheidenen Pensionär.

Ein Bild von einem Vernunftauto: Rambler Classic 4-Door Sedan von 1963
Archiv Automobil Revue

Der Prototyp mit sechs Zylindern

Roy Abernathy wollte ein sportlicheres Modell für die anvisierte Zielgruppe, das trotzdem auf dem Rambler American basieren sollte, damit es für junge Leute erschwinglich blieb. AMC-Chefdesigner Richard "Dick" Teague entwarf ein viersitziges Coupé, das mit seinem Fliessheck die Stromlinien-Mode der Vierzigerjahre zitierte und auf der Chicago Auto Show im Februar 1964 Publikum wie Presse beeindruckte. Die Journalisten zeigte sich beeindruckt von der schnittigen Linie und den gelungenen Proportionen und war sich sicher, dass sich das "Tarpon" («Tarpun», ein bis zu 2,5 Meter langer Knochenfisch) genannte Coupé schon deswegen gut verkaufen würde.

Volltreffer: der von Dick Teague entworfene Rambler Tarpon auf Basis des kompakten American war äussert gelungen.
Zwischengas Archiv

Nur gab es ein nicht unerhebliches Problem: der seitengesteuerte 3,8-Liter-Sechszylinder aus dem Rambler American war mit maximal 140 SAE-PS einfach zu schwach. Um mit dem sportlichen Äusseren mitzuhalten, bräuchte es schon einen V8 unter der Haube. Dafür war allerdings das Chassis des stets sechszylindrigen American nicht ausgelegt – der AMC-Achtzylinder war in seiner ersten Generation schlicht zu gross. Die "Gen-2"-Version war zwar schon in Entwicklung, würde aber zum Modelljahr 1965 nicht fertig werden.

Besonders das Heck mit dem schmal zusammenlaufenden Dach zeigt bereits grosse Ähnlichkeit mit dem Marlin. Eine Kofferraumklappe gab es nicht.
Zwischengas Archiv

Um die acht Töpfe trotzdem unter die Haube zu bekommen, gab Abernathy den Befehl, das Serien-Coupé auf der Basis grösseren Rambler Classic zu bauen. Dadurch entfernte sich AMCs Junge-Leute-Auto aus dem direkten Konkurrenzumfeld von Plymouth Barracuda und Ford Mustang, die beide im April 1964 im Abstand von gut zwei Wochen präsentiert worden waren. Vince Geraci erhielt den Auftrag, die Tarpon-Linie an das grössere Fahrgestell anzupassen und gleichzeitig die Dachlinie über den Rücksitzen anzuheben. Roy Abernathy fordert eine geräumige Rückbank, um das neue Coupé als familientauglichen Sportwagen bewerben zu können.

Eine Nummer kleiner: Der Barracuda war die Coupé-Version des Plymouth Valiant.
Archiv Automobil Revue

Raubfisch mit der Grösse eines Wals

Das Ergebnis wird am 10. Februar 1965 der Öffentlichkeit präsentiert. Und da marine Namensgebung für Sportwagen in Amerika gerade voll angesagt ist, wird auch der neue Rambler nach einem Fisch benannt: Marlin. Marline, auch Speerfische genannt, sind wendige, schlanke Raubfische der offenen Hochsee, die bis zu 110 km/h schnell schwimmen können. Im Vergleich zu Schwertfischen haben sie ein deutlich kürzeres Rostrum mit rundem Querschnitt.

Von vorn ähnelt der Marlin seinem Technik-Spender Rambler Classic
Copyright / Fotograf: Patrick Ernzen – Courtesy RM Sotheby's

Leider kann der Rambler Marlin die stromlinienförmige Eleganz seines Namenspaten nicht ganz teilen, da durch die hastige Vergrösserung die Karosserielinie etwas gelitten hat. Der Vorderwagen wirkt ein wenig zu kurz, während das Dach, das jetzt nicht mehr gleichmässig geschwungen abfällt, sondern einen leichten Knick über dem Rückfenster aufweist, ihn leicht bucklig erscheinen lässt.

Stupsnase: der Front fehlen zwanzig Zentimeter, um das dominante Heck auszugleichen.
Copyright / Fotograf: Patrick Ernzen – Courtesy RM Sotheby's

Trotzdem verkauft sich der Marlin, der ab 19. März 1965 bei den Händlern steht, recht gut. Das liegt zum einen daran, dass er keinen direkten Konkurrenten auf dem Inlandsmarkt hat, zum anderen am günstigen Preis. Mit 3100 Dollar ist ein Basis-Marlin kaum teurer als ein Rambler Classic 770-H Hardtop für 3063 Dollar, aber deutlich umfangreicher ausgestattet. Hinzu kommt das luxuriösere Armaturenbrett des AMC-Flagschiffs Rambler Ambassador. Sogar vordere Scheibenbremsen mit Bremskraftverstärker sind serienmässig. Das gab’s 1965 sonst nur beim Shelby GT-350, und der war mehr oder weniger ein Rennwagen.

Luxus zum kleinen Preis: Das Interieur übernahm der Marlin vom Topmodell Rambler Ambassador.
Copyright / Fotograf: Patrick Ernzen – Courtesy RM Sotheby's
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Obwohl er der Grund für das unglückliche Wachstum des Marlin war und man ihm schlechte Verkaufchancen ausgerechnet hatte, war der 3,8-Liter-Sechszylinder mit jetzt 157 SAE-PS die Standard-Motorsisierung. Die AMC-Marktforschung behielt jedoch recht. Gerade einmal 2005 Marlin-Käufer entschieden sich für den 232 Six. Alle anderen wählten den V8 mit entweder 287 Kubikzoll (4,7 Litern) Hubraum und 201 SAE-PS oder 327 Kubikzoll (5,4 Liter) und 274 SAE-PS.

Die meisten Marlin-Kunden entschieden sich für einen V8. Hier die stärkste Ausfühung mit 274 SAE-PS
Copyright / Fotograf: Patrick Ernzen – Courtesy RM Sotheby's

Serienmässig waren alle Motoren mit einem an der Lenksäule geschalteten Dreiganggetriebe gekoppelt. Wer sich für den optionalen Overdrive entschied, konnte wählen, ob er weiterhin hinter dem Lenkrad oder lieber zwischen den Sitzen rühren wollte. Mit der «Twin Stick»-Mittelschaltung – einem regulären Schalthebel für das Getriebe und einem zweiten für den im zweiten und dritten Gang zuschaltbaren Overdrive – hatte der Marlin quasi ein Fünfganggetriebe. Alternativ gab es noch die «Flash-O-Matic» genannte Dreistufen-Automatik, deren Wählhebelposition ebenfalls der Kunde bestimmen konnte.

Rundinstrumente als Merkmal klassischer Sportlichkeit. Einen Drehzahlmesser gab es indes erst ab 1966.
Copyright / Fotograf: Patrick Ernzen – Courtesy RM Sotheby's

Der Konkurrent von Dodge

Das erste (unvollständige) Modelljahr war mit 10'327 verkauften Exemplaren eigentlich recht erfolgreich. Trotzdem beschloss American Motors, den Marlin 1966 nicht mehr unter der Marke Rambler zu verkaufen, da sie von den meisten Amerikanern noch immer mit drögen Kleinwagen in Verbindung gebracht wurde. Von Herbst 1965 an lief das Midsize-Coupé als AMC Marlin. Gleichzeitig wurde der Preis gesenkt – einen Basis-Marlin mit Sechszylinder gab es nun für 2677 Dollar – und die Serienausstattung reduziert. AMC war der Meinung, dass der Marlin für ein "Personal Luxury Car" zu umfangreich ausgestattet war, sodass den Kunden kaum noch Raum zum «personalisieren» blieb.

Schokoladenseite: von schräg hinten fällt das hohe Dach nicht so sehr auf.
Copyright / Fotograf: Patrick Ernzen – Courtesy RM Sotheby's

Ebenfalls einen Teil dazu beigetragen haben dürfte, dass der Marlin in diesem Jahr seinen ersten richtigen Konkurrenten erhielt. Am 1. Januar 1966 wurde der Dodge Charger bei einem College-Football-Spiel der Öffentlichkeit vorgestellt. Der "Leader of the Dodge Rebellion" war ausschliesslich mit V8-Motoren zu haben und sah mit seinem niedrigen Fliessheck deutlich besser aus, war aber mit 3100 Dollar Einsteigspreis auch ein gutes Stück teurer. Ein AMC Marlin mit 287-V8 kostete nur 2783 Dollar. Trotzdem konnte Dodges Streitross dem Raubfisch aus Kenosha, Wisconsin, einen grossen Marktanteil abjagen. Die Marlin-Produktion fiel auf 4547 Exemplare, während Dodge 37'344 Charger an den Mann bringen konnte.

Der 1966 vorgestellte Dodge Charger besass die deutlich schnittigere Dachlinie, auch ohne Playboy-Playmate Allison Parks darauf.
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Full Size für 1967

Für 1967 wurde der Marlin abermals vergrössert. Er basierte nun auf dem AMC Ambassador und trug auch dessen längeren Vorderwagen mit den übereinander liegenden Doppelscheinwerfern, was dem Marlin endlich jene formale Ausgewogenheit verlieh, die er seit zwei Jahren so bitter nötig gehabt hatte. Gleichzeitig war der Knick über der Heckscheibe dank des längeren Radstands nun nicht mehr so ausgeprägt. Roy Abernathy verordnete das Wachstum jedoch nicht aus ästhetischen Gründen, sondern um dem für 1968 geplanten Mustang-Rivalen AMC Javelin nicht hausintern Konkurrenz zu machen. Ford war inzwischen auch aufgewacht, und brachte den Mercury Cougar als Gegner für Marlin und Charger.

Mit dem längeren Vorderwagen des AMC Ambassador sah der Marlin gleich viel eleganter aus. Geholfen hat's leider wenig.
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Endlich war auch der neue, deutlich leichtere Gen-2-V8 erhältlich. In der kleineren 290er-Ausführung (4,8 Liter) leistete er 203 SAE-PS. Der grössere 343 V8 mit 5,6 Litern Hubraum war neben der normalen 238-PS-Version auch mit erhöhter Verdichtung (10,2:1), Vierfach-Vergaser und Doppelauspuff lieferbar, die für 284 SAE-PS bei 4800 Umdrehungen sorgte. Die Zeitschrift Motor Trend stoppte einen Marlin mit 343er-Four-Barrel-V8 mit 17,6 Sekunden auf der Viertelmeile. Damit lag er auf dem Niveau des Dodge Charger mit mächtigem 383er-Motor.

Auch am Heck findet sich der Speerfisch im Kreis.
Copyright / Fotograf: Patrick Ernzen – Courtesy RM Sotheby's

Trotzdem blieben die Kunden zunehmend aus. Im Jahr des vielleicht besten Marlin verkaufte AMC nur noch 2545 Stück. Ende 1967 wurde er ersatzlos aus dem Programm gestrichen. Rambler American und Classic sowie ihre Nachfolger AMC Hornet, Rebel und Matador blieben dagegen bis Ende der Siebzigerjahre erfolgreich. American Motors wurde den Ruf des Vernünftigen einfach nicht los.

Den hier gezeigten, unrestaurierten '65er Marlin in Frost White und Antigua Red kann bei der Open-Roads-Auktion von RM Sotheby's ab 28. Juli 2021 ersteigert werden.

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