Porsche 356 Speedster - Reinheitsgebot

Erstellt am 19. Juni 2018
, Leselänge 8min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Bruno von Rotz 
30
Thibault Chevalier 
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Porsche AG / Porsche Schweiz AG 
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Marcus Werner, Rightlight Media 
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Archiv Porsche AG 
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Archiv 
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Natürlich hatten Ferdinand Porsche und sein Sohn Ferry gute Ideen, aber ohne Enthusiasten aus der Schweiz und aus Österreich, wäre daraus vermutlich nicht die Erfolgsgeschichte geworden, die wir heute kennen. Der Zürcher von Senger kaufte beispielsweise den ersten Sportwagen, der den Namen Porsche trug, und Schweizer sorgten auch für die Anschubfinanzierung bei der Produktion des Serienmodells 356.

Ein anderer Schweizer, Heinrich Sauter, löste mit der für ihn gebauten Sportversion des 356 den Gedankenanstoss aus, der indirekt zum Porsche 356 Speedster führte.


Porsche 356 Speedster 1500 (1955) - 1,22 Meter hoch
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Für die Amerikaner

Es war aber ein Österreicher, der für den notwendigen Innovationsdruck sorgte. Maximilian Hoffmann war in den USA erfolgreich als Autoimporteur, hatte den Mercedes-Leuten schon beigebracht, was die Amerikaner gerne kaufen und wurde im Herbst 1950 auch bei Porsche vorstellig. Ein Auto für die heimkehrenden GIs sollten die Stuttgarter bauen, einfach, schnell und günstig.


Porsche 356 (1952) - Aufnahme der Produktion im Werk 2, im Hintergrund ist ein "American Roadster" zu sehen
Copyright / Fotograf: Porsche AG / Porsche Schweiz AG

Die Porsche-Ingenieure hörten zu, erinnerten sich an den Sauter-Porsche und bauten den “American Roadster”, intern Typ 540 genannt. Mit bei Gläser gebauter Aluminium-Karosserie und minimaler Wetter-Ausrüstung erfüllte der neue Wagen zwar die Anforderungen, wurde wegen seiner Bauweise aber viel zu teuer und konnte 1952 und 1953 nur gerade 17 Mal verkauft werden. Das musste doch günstiger (und schöner) gehen, schliesslich hatte der Typ 540 auch optisch nicht ganz überzeugt!

Richtig im zweiten Anlauf

Beim zweiten Anlauf machte man alles richtig. Man hielt sich enger ans normale 356-er Kleid, das Reutter nur minimal anpassen musste. Eine flache, aber gebogene Frontscheibe und ein minimales Verdeck reichten, zusammen mit Steckscheiben und einfachen Sitzen, um das Gewicht um fast zwei Zentner zu senken. Weggelassen wurde auch ein Teil der Geräuschdämmung, Sonnenblenden, die hinteren Notsitze und noch ein paar andere Sachen, die man zum Fahren nicht unbedingt brauchte.


Porsche 356 Speedster (1954) - die durchgehenden Chromstreifen hatte nur der Speedster ohne Aufpreis
Archiv Automobil Revue

Im September 1954 konnte man das Ergebnis vorstellen, der “American Roadster” war vergessen, Hoffman (das letzte “n” hatte Max in der neuen Heimat abgelegt) war glücklich.

Auto Motor und Sport schrieb: “Für Kalifornien, wo ewig die Sonne vom Himmel lacht, ist dieser neue Porsche-Roadster gedacht, von dem jetzt in Zuffenhausen eine größere Serie aufgelegt worden ist. Der ,,Speedster" ist mit 1,22 m Gesamthöhe noch wesentlich niedriger als das normale Porsche-Coupe, weist ein sehr organisches neues Instrumentenbrett mit Stirnschutz für den Beifahrer auf, hat schmale, den Körperformen angepaßte Rennsitze, keine Seitenscheiben und nur ein Roadster-Verdeck. Nur für den Amerika-Export vorgesehen, wird der Speedster drüben mit dem 55 PS-Anderthalbliter-Motor zu dem attraktiven Preis von $ 2950 verkauft.“

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Leichter = Schneller

Während hierzulande kaum über den Speedster geschrieben wurde, fuhr Road & Track in den Staaten gleich mehrere Varianten probe. Im May 1955 erschien der Vergleich zwischen dem Speedster mit dem 1500-er-S-Motor, als dem 1,5-Liter mit der Hirth-Kurbelwelle, der 70 DIN-PS entwickelte. Damit beschleunigte der Speedster in 10,3 Sekunden von 0 bis 60 MPH (96 km/h) und erreichte eine Spitzengeschwindigkeit von 104 Meilen pro Stunde (167 km/h). Das gleich motorisierte Coupé lief zwar noch 4 Meilen pro Stunde schneller, hatte beim Beschleunigen aber wegen des Gewichtsnachteils von 80 kg keine Chance, was teilweise allerdings auch an der “beschleunigungsfreundlicheren” Getriebeabstufung des Speedsters lag.

Ähnlich gross waren die Unterschiede auch bei den “Continental”-Versionen mit 66 SAE-PS, die Road & Track im Jahr 1956 verglich.

Richtiggehend glücklich wurden die RT-Tester dann aber mit der 1600 Super Version des Jahres 1958, die 88 SAE-PS bei 5000 Umdrehungen produzierte, aber deutlich alltagstauglicher daher kam, als frühere 1500 S-Varianten mit rollengelagertem Motor. Mit 10.5 Sekunden von 0 bis 60 MPH und 105.2 MPH Höchstgeschwindigkeit entsprachen die Fahrleistungen der früheren Topversion.

Natürlich bemerkten auch die Amerikaner die Neigung zum Übersteuern, doch befand man den Porsche mindestens so fahrsicher wie andere Autos auf der Strasse. Zudem stimmte der Komfort und die leichtgängige Lenkung mit nur 2,3 Umdrehungen zwischen den Anschlägen überzeugte. Einzig der Preis erschien hoch für ein derart kleines Auto, zum 500 USD mehr für die Super-Version fällig waren. Doch das Schlussverdikt lautete: Noch begehrenswerter als zuvor.

Evolution im Einklang mit den übrigen Typen

Natürlich nützte der Speedster die Technik der übrigen 356-Typen. Dies bedeutete vordere Einzelradaufhängungen an Kurbellängslenkern mit querliegenden Torsionsstabfedern und eine hintere Pendelachse an Längslenkern und querliegender Torsionsstabfeder. Für die Verzögerung sorgten Trommelbremsen. Ab November 1954 gab es einen Stabilisator an der Vorderachse.


Porsche 356 Speedster (1955) - zusammen mit einem Porsche 356 A Coupé von 1956, aufgenommen im Frühjahr 1956
Copyright / Fotograf: Archiv Porsche AG

Im September 1955 profitierte auch der Speedster von dem Modifikationen, die aus dem 356 den 356 A machten. Der Hubraum stieg von 1,5 auf 1,6 Liter, die Aufhängungen waren verbessert worden.

Auch in Europa konnte man nun den Speedster kaufen, in Deutschland wurden DM 12200 (500 DM weniger als für das Coupé) verlangt, in der Schweiz lautete der Preis CHF 15’500 (immerhin 900 CHF mehr als das Coupé kostete).

1956 wuchs die Frontscheibe um fünf Zentimeter, 1957 erhielt der Speedster tropfenförmige Heckleuchten. Ansonsten wurde der Speedster über rund vier Jahre weitgehend unverändert gebaut, 4822 Mal insgesamt (inklusive der wenigen und sehr teuren Carrera-Versionen mit dem Königswellen-Motor).


Porsche 356 A Speedster (1956) - aufgenommen in Australien
Copyright / Fotograf: Archiv Porsche AG

Der Beitrag, den der Speedster zum Erfolg in den USA leistete, war bedeutend, schliesslich gingen im Jahr 1955 fast die Hälfte aller Autos in die Staaten. In jenem Jahr arbeiteten übrigens gerade einmal 600 Leute bei Porsche, die Hälfte davon in der Produktion beschäftigt. Diese fertigten fast 4000 Autos, immerhin das Doppelte vom Jahr zuvor!


Porsche 356 Speedster (1955) - fast die Hälfte der Porsche-Produktion geht in die USA, entsprechend wichtig ist der Speedster
Copyright / Fotograf: Porsche AG / Porsche Schweiz AG

Halbherziger Ersatz

1958 schliesslich ersetzte der Convertible D, gefertigt bei Drauz in Heilbronn, den Speedster. Mehr Komfort, u.a. normale Seitenscheiben und bequemes Gestühl, bedeuteten auch mehr Gewicht und weniger Sportlichkeit, vor allem aber höhere Preise.


Porsche 356 A Convertible D (1958) - bestückt vom Heilbronner Karosserie-Spezialisten Drauz, ersetzt im August den Porsche 356 A Speedster
Copyright / Fotograf: Porsche AG / Porsche Schweiz AG

Der Charme des Speedsters war verflogen, der Convertible D ein Cabriolet und kein Roadster mehr. Die luxusgewohnte Klientel wusste es sicherlich zu schätzen.

Freude am Fahren

Genug erzählt, jetzt ist Fahren angesagt. Der Einstieg gelingt (bei offenem Dach) problemlos und die Kübelsitze passen wie angegossen. Knapp unter der Scheibenoberkante blickt man auf die rundliche Front des 356ers. Schlüssel eingesteckt, gedreht und dann das Knöpfchen darüber gedrückt und schon ertönt im Heck das luftige Geräusch des Vierzylinder-Boxers. Und ja, es erinnert immer noch an den VW Käfer.


Porsche 356 Speedster 1500 (1955) - luftgekühlter Vierzylinder-Boxermotor
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Die rechte Hand fällt auf den Schaltknüppel und wählt den ersten von vier Gängen, die in einem normalen “H” angeordnet sind, an. Einkuppeln und losfahren verlangen nach keinerlei unmenschlichem Feingefühl und flott schieben die (nur) 55 PS den Porsche voran. Nachdem die vier Gänge mit wenig Kraftaufwand durchgeschaltet sind, erreichen wir 80 km/h oder auch etwas mehr. Dabei hält sich der Lärm immer noch in Grenzen, während die Besatzung gut durchlüftet wird.


Porsche 356 Speedster 1500 (1955) - bequeme Kübelsitze
Copyright / Fotograf: Marcus Werner, Rightlight Media

Der normale Alltagsverkehr stellt keine Probleme, der kleine Porsche kann locker mithalten und die Sympathien fliegen ihm nur so zu vom Strassenrand. Auch Kurven - in normalem Tempo durchfahren - stellen keine besondere Herausforderungen dar, einzig die Bremsen erinnern daran, dass der Speedster vor fast 65 Jahren entstand.


Porsche 356 Speedster 1500 (1955) - mit seinem berühmten Nachfolger Carrera RS 2.7
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Die Rumdumsicht ist perfekt, nichts stört den Ausblick aufs Alpenpanorama. Auch die Sitzposition gefällt und an die stehenden Pedale gewöhnt man sich schnell. Wird die Strasse enger, freut man sich über die geringen Aussenmasse: 3,95 Meter Länge und 1,67 Meter Breite.

Man kann nachvollziehen, dass die Amerikaner fast schon süchtig nach dem kompakten Sportwagen waren. Gerade in Kalifornien passte schliesslich auch das Wetter zum offenen Wagen, während hierzulande allzuoft zum Verdeck und den Steckscheiben gegriffen werden musste, was dem Fahrvergnügen schon ein wenig abträglich war. Darum blieb der Speedster hierzulande auch eher eine Ausnahmeerscheinung, die vor allem von Motorsportlern in Erwägung gezogen wurde.

Zur Stilikone geworden

Der Porsche 356, geboren als minimalistischer und preisgünstiger Roadster, wurde über die Jahre zur Stilikone. Nicht ganz unbeteiligt daran war James Dean, der 1955 seinen MG TD gegen einen 356 Speedster Super eintauschte und damit einige Rennen bestritt, mit einigem Erfolg notabene. Dass Dean seinen Porsche selber wusch, muss heutigen Filmstars seltsam vorkommen, aber so war es damals. Dean ersetzte den Speedster (Chassis 80126) schliesslich mit einem 550 Spyder ein, mit dem er bekanntlich auf normaler Strasse tödlich verunfallte.

Als Neuwagen waren die Speedster mit die günstigsten Porsche 356, die man kaufen konnte. Heute sind sie mit Ausnahme der Carrera-Versionen die teuersten. Dass sie dem Rost fast schutzlos ausgesetzt waren, trug wenig dazu bei, von den knapp über 4800 gebauten Wagen viele überleben zu lassen.

Heute kostet ein gut erhaltener Speedster locker das drei- bis fünffache eines ähnlich motorisierten Coupés. Schöne Exemplare tendieren auch schon einmal in Richtung halbe Million (EUR oder CHF). Schade eigentlich, denn damit verkümmern viele Speedster in Tiefgaragen und hinter dicken Mauern anstatt viel und oft gefahren zu werden. Denn beim Fahren, da macht der leichtgewichtige 356 eigentlich eindeutig am meisten Spass.


Porsche 356 Speedster 1500 (1955) - hierzulande damals nur selten anzutreffen
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Anmerkung zum Titel: “Reinheitsgebot” bezieht sich normalerweise auf Bier und soll die Beschränkung auf Hopfen, Malz, Hefe und Wasser als Inhaltsstoffe beschreiben. Beim Speedster verhält es sich aber ähnlich: Mehr als einen Motor, zwei Sitze, ein Lenkrad und eine knapp umhüllende Karosserie braucht man nicht zum Autofahren.

Wir danken Porsche, die uns anlässlich des 70. Jubiläums von Porsche in der Schweiz, den Museums-356 Speedster für eine Probefahrt zur Verfügung gestellt hat.

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