Jaguar XJ6 4.2 – Aufbruch in die Moderne

Erstellt am 9. Dezember 2020
, Leselänge 7min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Daniel Reinhard 
33
Archiv 
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Über 50 Jahre ist es her, seit Jaguar einen Nachfolger für die Typen 340, S 380 und 420 präsentierte. Die Latte war hoch gelegt, schliesslich hatte Jaguar einen Ruf als innovativer Autobauer zu verteidigen. Öffentlich vorgestellt wurde der XJ6 als 2,8- und 4,2-Liter am Pariser Autosalon im Oktober 1968.

Fast alles neu

Mit seinen Vorgängern hatte der Jaguar XJ6 nur wenig gemein. Die selbsttragende Karosserie war eine Neukonstruktion, die sowohl auf Komfort als auch Sicherheit ausgelegt war. Trotz neuer Linienführung war der Wagen sofort als Jaguar erkennbar, die grossen Räder und die angedeuteten Kotflügel hinten schlugen den Bogen in die Vergangenheit.


Jaguar XJ6 (1969) - Nachfolger der Modelle 340 S 380 und 420 - Genfer Automobilsalon 1969
Archiv Automobil Revue

Auch die Vorderachse war komplett neu. Trapezdreieckquerlenker sorgten für die Radführung, neuartige Dämpfer und eine spezielle Bewegungsgeometrie erlaubten einen Anti-Dive-Effekt, verhinderten also das übermässige Eintauchen beim Bremsen. Hinten übernahm man die modifizierten Einzelradaufhängungen vom 420 G, setzte allerdings mit einer vergrösserten Spurbreite auf noch bessere Fahreigenschaften.


Jaguar XJ6 (1969) - Durchsichtszeichnung
Archiv Automobil Revue

Vier Scheibenbremsen und zwei getrennte Bremskreise sorgten für die zuverlässige Verzögerung. Erstmals kam eine Zahnstangenlenkung zum Einsatz, die auf Wunsch mit Servounterstützung arbeitete.

Bewährte Antriebstechnik

Die Motoren mussten nicht neu entwickelt werden, der Reihensechszylinder war bekannt, wurde allerdings geringfügig verfeinert. Die grössere Version kam auf einen Hubraum von 4235 cm3 und leistete 245 SAE-PS bei 5500 Umdrehungen, nach DIN-Norm wurden daraus 185 PS. Der Motor ruhte zusammen mit den Vorderradaufhängungen auf einem Hilfsrahmen, womit eine noch bessere Dämpfung von Vibrationen und Motorschwingungen gegenüber der Karosserie erreicht wurde.


Jaguar XJ6 (1969) - Cockpit mit sportlicher Ausstattung
Archiv Automobil Revue

Als Getriebe gab’s entweder eine Borg-Warner-Dreigangautomatik oder eine Viergang-Handschaltung mit aufpreispflichtigem Overdrive.

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Nicht billig

CHF 28’500 oder DM 28’600 kostete der XJ6 im Jahr 1969 mit Handschaltung, der Overdrive erhöhte die Rechnung um weitere 650 Franken. Die Konkurrenz kostete teilweise deutlich weniger. Für einen BMW 2800 etwa waren CHF 24’500 oder DM 17’249 zu bezahlen, für einen Mercedes-Benz 280 SE CHF 26’200 oder DM 18’759. Ein Opel Admiral 2.8E kostete CHF 20’300 oder DM 16’961, ein Rover 3500 V8 CHF 23’500 oder DM 17’455. Allerdings musste bei der Konkurrenz manches gegen Aufpreis bestellt werden, was beim Jaguar serienmässig vorhanden war.

Geglückter Spagat

Der XJ6 wollte gleichzeitig “rassig, dynamisch, sportlich” und “sicher, geräumig, luxuriös” sein, so versprach es die Werbung. Natürlich brannten die Automobilzeitschriften darauf, diese Ankündigung zu prüfen.

Das deutsche Magazin “auto motor und sport” veröffentlichte bereits im Oktober 1969 einen Testbericht und notierte darin viele Stärken und wenige Schwächen. Überzeugen konnte die sehr gute Handlichkeit, der leise und elastische Motor, der hohe Fahrkomfort und die exklusive Ausstattung. Zu kritisieren gaben die mässigen Bremsen, das unpräzise Fahrgefühl wegen einer zu indirekten Lenkung und die begrenzte Innenraumgrösse.
"Der XJ6 ist ein überraschend gutes und abgerundetes Automobil, dem man es nicht übelnehmen sollte, daß bei seiner Konstruktion bereits künftige Projekte berücksichtigt wurden”, stand im Test zu lesen. Hingewiesen wurde dabei auf den erwarteten V12-Motor, der aber noch nicht serienreif war.


Jaguar XJ6 (1969) - im harten Testbetrieb
Archiv Automobil Revue

Auch die Automobil Revue nahm sich den XJ6 zur Brust und legte mit mehreren Exemplaren immerhin 9000 km zurück. Gelobt wurde auch hier der hohe Fahrkomfort, die ausgezeichneten Fahrleistungen und die elegante Ausstrahlung. Schwächen in den Bremsen konstatierte man in der Schweiz nicht. Das Resümee lautete:
"Es ist typisch für den XJ 6, dass seine Marke aussen nirgends angeschrieben ist. Der Wagen ist wirklich für Kenner bestimmt, nicht nur des hohen Preises wegen, sondern vor allem angesichts des Buketts edler Eigenschaften, die man in ganz wenigen Autos vereint trifft. Die fast unvermeidlichen Schattenseiten dieses Stars sind nach unseren Erfahrungen fast aufs Minimum reduziert. Am meisten werden ihm wohl die langen Lieferfristen angekreidet. Der XJ6 4,2 Liter mit Automat ist zweifellos ein Markstein für Autos mit höchster sportlicher Fahrkultur."

Und sogar das Motorsportmagazin «Powerslide» erhielt einen XJ6 und scheuchte ihn über Schweizer Strassen. Die Geschwindigkeitsmessungen erfolgten auf der Autobahn Wängi-St. Gallen, wo man nicht nur die Beschleunigungszeiten bis 180 km/h stoppte, sondern auch die Spitzengeschwindigkeit von 199 km/h. Damit bestätigte man die Messungen von "auto motor und sport" weitgehend, wobei die Deutschen offensichtlich noch etwas mehr Anlauf hatten und auf eine Höchstgeschwindigkeit von 203 km/h kamen.

Auch beim Verbrauch waren sich alle Tests weitgehend einig, Gemächliches Fahren war mit 15 bis 16 Liter möglich, schnelles Reisen konnte den Schnitt auf über 20 Liter Verbrauch pro 100 km steigern. Aber auch so war noch eine Reichweite von über 500 km drin, dank des riesigen Tankvolumens von 105 Litern. Der zweiteilige Tank verlangte übrigens nach einem manuellen Umschalten im Cockpit.

Der XJ6 konnte auch die Zeitschrift “Powerslide” überzeugen: “In seiner Ausgewogenheit, seiner Laufkultur und seinem Fahrverhalten ist der XJ6 wirklich außerordentlich gelungen."

Trans Europe Express

Die Automobil Revue verglich den Jaguar XJ6 damals mit dem “Trans Europ Express” (TEE). Das war damals ein Schnellzug, der Geschäftsleute in möglichst kurzer Zeit über Landesgrenzen hinweg schnell und bequem ans Ziel bringen sollte. Dass dies auch dem XJ6 gelang, davon zeugten die vielen positiven Testberichte. Aber selbst über 50 Jahre später lässt sich schon nach kurzer Kontaktnahme erkennen, wie fortschrittlich und gut der XJ6 sich damals angefühlt haben muss.


Jaguar XJ6 (1969) - frühe Serie mit grossem Kühlergrill
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Während der “normale” Autofahrer im VW Käfer, Opel Kadett, Renault 8 oder Sunbeam Imp nur knapp über 100 km/h hinaus kam und eine halbe Minute arbeiten musste, bis er Landstrassengeschwindigkeit erreicht hatte, schüttelt der Jaguar die Leistung und vor allem das Drehmoment aus dem Armgelenk und zwar ohne dabei viel Aufsehen zu machen. Sportliche Autofahrer würden sich sogar eine etwas deutlichere Aussprache des 4,2-Liter-Langhubers wünschen, zu sehr verschwindet der wohlklingende Bariton hinter Wind- und Reifenabrollgeräuschen.

Am Fahrkomfort gibt es heute noch weniger auszusetzen als damals, Generationen von immer flacheren Niederquerschnittsreifen haben uns schon lange vom Komfort eines Mercedes-Benz 600 oder Citroën DS entwöhnt.

Im Gegensatz zu vielen anderen Klassikern aus den Sechzigerjahren lässt sich der Jaguar ohne Kraftaufwand und ohne grosse Vorkenntnisse fahren. Das Vierganggetriebe lässt sich butterweich bedienen, der Overdrive schaltet sich im vierten Gang durch Verschieben eines kleinen Schalters auf dem Schalthebel dazu und senkt die Drehzahl um etwa einen Fünftel.

Selbst heute noch sind hohe Reisedurchschnittsgeschwindigkeiten möglich und (einsame) Nachtfahrten verlieren dank gutem Fernlicht ihren Gräuel.


Jaguar XJ6 (1969) - Cockpit mit viel Leder und Holz
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Dass der XJ6 trotzdem in die Jahre gekommen ist, kann man an der für damalige Verhältnisse zwar umfangreichen Serienausstattung ersehen, die aber aus Sicht des modernen Autofahrers so manches vermissen lässt. Selbst elektrische Fensterheber kosteten damals Aufpreis, eine Sitzheizung gab’s gar nicht. Die Klimaanlage kostete mehr als einen Zehntel Aufpreis (in der Schweiz 3200 Franken).

Doch all dies kümmert den Oldtimerfahrer nicht, denn er öffnet sowieso (auch manuell) gerne die Scheiben, um mehr vom Sechszylinder zu hören.

Auf Schnee und Eis

Nur wenige XJ6 der ersten Generation werden heute wohl noch im Winter gefahren, möglich ist dies aber durchaus. Natürlich sollte man sich als Fahrer immer bewusst sein, dass weder Antischlupfregelung noch ein Antiblockiersystem an Bord sind, aber die Traktion ist, vorausgesetzt gute Winterreifen sind montiert, besser als befürchtet, schliesslich drückt fast die Hälfte des Eigengewichts auf die Hinterräder, wobei die 105 Liter in den beiden Benzintanks links und rechts vor der Hinterachse einen wichtigen Teil dazu beitragen.


Jaguar XJ6 (1969) - klassische Limousinen-Linienführung
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Verbrauchswerte von über 20 Litern pro 100 km dürften nur die wenigsten heutigen Besitzer registrieren, uns jedenfalls reichten gut 15 Liter Superbenzin und dies trotz des Wintereinsatzes, welchen die Limousine klaglos hinter sich brachte.

Zweimal aufgefrischt

Der Jaguar XJ6 hatte ein langes Leben, gebaut wurde er von 1968 bis 1986 gebaut, die Zwölfzylinderversion gab bis 1992.


Jaguar XJ C - reine Linienführung, aber etwas altväterlich brav geformt - am Genfer Automobilsalon 1974
Archiv Automobil Revue

Bereits 1973 hatte man in einem ersten Facelift im Zusammenhang mit der zweitürigen Coupé-Version das Styling überarbeitet, dabei rutschten die Stossstangen nach oben, der Kühler wurde bulliger. Das Armaturenbrett wurde “bedienungsgerechter” und die Sicherheit durch zusätzliche Blechprofile in den Türen erhöht.


Jaguar XJ 12 5.3 Series III (1979) - nun mit gummibesetzten Stossfängern, neuen Heckleuchten und geändertem Dachbereich
Archiv Automobil Revue

1979 erfolgte eine weitere Anpassung, diesmal mit Hilfe von Pininfarina. Die Stossstangen wurden massiver und erhielten eine Kunststoffauflage. Das Dach wurde etwas abgeflacht, der 4,2-Liter-Motor erhielt eine Einspritzanlage und leistete nun 205 DIN-PS. Geschaltet durfte nun mit einem Fünfganggetriebe oder einer Automatik werden.

Insgesamt wurden 404’243 XJ-Derivate (inkl. Daimler-Versionen) gebaut, die Sechszylindervarianten waren natürlich in der Überzahl.

Wir danken Rent-a-Classic für die Gelegenheit zur Schneefahrt! Der Jaguar kann auch im Winter gemietet werden.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von wa******
17.12.2020 (02:05)
Antworten
Hatte auch einen XJ6 Series I . Er war 10 Jahre alt als ich ihn kaufte. Tolles auto zum fahren in jeder Beziehung (nur schon der Duft von Leder und Holz)aber Reparaturen waren teuer. Hatte einige probleme mit the Motor Hauptlagern und Kreuzgelenken.
Im Schnee herumfahren wuerde ich nicht empfehlen; das Auto is sehr Rost anfaellig.
von fi******
16.12.2020 (08:33)
Antworten
Der Grund, für die nach oben versetzte Stossstange vorn, war - wie sollt's auch anders sein - die USA mit ihren behämmerten neuen "Regelungen". So auch zu sehn beim Spitfire und sogar dem E-Type.... Die 5 mph/8km/h aufnehmenden Stossstangen kamen dann ab Modelljahr 74 für sämtliche Auto hersteller, dies allem einem gewissen Rechtanwalt Ralph Nader aus NY zu verdanken, der heute bald Mitte 80 ist und sogar fürs Präsi-Amt kandidierte....
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