Bentley R-Type Continental Graber von 1954 - der Traum des Connaisseurs

Erstellt am 6. April 2012
, Leselänge 8min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Bruno von Rotz 
36
Jean-Pierre Müller 
4
Archiv 
30

Georges Filipinetti war ein Conaisseur. Und er liebte schnelle Wagen. Schon vor dem zweiten Weltkrieg hatte er als Amateur Rennen bestritten und nach dem Krieg startete der ausgebildete Wärmeingenieur mehrere Autofirmen und wurde mit der SAVAF (Société Anonyme pour la Vente des Autombiles Ferrari), die er zusammen mit John von Neumann gründete, Ferrari-Importeur. 1961 gründete er zur Förderung des Rennsports in der Schweiz die Scuderia Filipinetti.

Doch bereits in den Fünfzigerjahren liefen die Geschäfte gut und Filipinetti war in der Lage, sich die Autos leisten, von denen andere nur träumen konnten. Es überrascht daher nicht, dass es dem arrivierten Filipinetti die schnellen Fahrzeuge von Bentley angetan hatten. Er hatte sich einen der legendären Bentley Continentals gekauft, damals der mit einem Verkaufspreis von rund 76’000 Franken teuerste, aber auch schnellste Viersitzer auf dem Markt.

Eine Spitzenleistung des internationalen Automobilbaus

Der Bentley Continental (mit Fastback-Karosserie) verband Gediegenheit und gentlemen-artige Charakteristiken mit den Fahrleistungen damaliger Vollblutsportwagen. Die Automobil Revue widmete dem Ausnahme-Fahrzeug im Dezember 1953 einen Langstreckentest und erhielt für die immerhin 2’800 km lange Probefahrt einen Wagen, der bereits 150’000 km auf dem Buckel hatte! Dies zeugte von grossem Vertrauen des Herstellers in Crewe für die Langlebigkeit des Produktes, welches sich auch in einer dreijährigen Garantie für Neuwagen dokumentierte.
Der Testwagen beschleunigte in 13 Sekunden von 0 bis 100 km/h und erreichte eine Höchstgeschwindigkeit von über 180 km/h. Eindrückliche Werte für die frühen Fünfzigerjahre.

Noch eindrücklicher aber war der niedrige Verbrauch von 13 bis 16 Litern Benzin pro 100 km, vor allem wenn man das Gewicht von 1’750 kg für den fahrbereiten Wagen in Betracht zieht. Für seine Grösse war der Wagen aber auch dank der Verwendung von Aluminium für den Aufbau vergleichsweise leicht und mit 11,9 kg/PS offerierte der Bentley ein Leistungsgewicht, das sonst nur von wenigen rennsportlich orientierten Fahrzeugen erreicht wurde.

Die Redakteure der Automobil Revue zollten dem schnellen Fahrzeug aus England höchsten Respekt. Sie lobten die zurückhaltende und ruhige Art, wie die überdurchschnittlichen Fahrleistungen vollbracht wurden und die geringen Bedienungskräfte, die beim Fahren nötig waren. Insbesondere zeigten sie sich aber auch beeindruckt, von der Umsicht der Konstrukteure, die sich unter anderen in zwei getrennten Benzinpumpen, einem Reduktionsgetriebe für den Anlasser und einer Servobremse, die vorwärts und rückwärts gleich arbeitete, zeigte. Der damalige Testbericht schloss mit den Worten “England darf auf dieses edle Produkt stolz sein - wer es sein eigen nennen kann, ist wahrlich zu beneiden”.

Graber’s offener Continental auf dem Genfer Automobilsalon 1954

Georges Filipinetti gehörte zu den beneidenswerten Menschen, die einen Continental fuhren, also wusste er bereits, wozu dieses Fahrzeug technisch in der Lage war. Als er dann auf dem Genfer Automobilsalon 1954 das hellblaue Drophead Coupé von Hermann Graber sah, das dieser auf der Basis des Continental-Chassis im Auftrag von Bentley erbaut hatte, griff er ohne lange nachzudenken zu. Er wusste, dass er damit ein hervorragendes Auto kaufte, denn das Chassis kannte er bereits und Graber war bekannt für ausserordentliche und qualitativ hochstehende Konstruktionen.

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Hermann Graber, der Schweizer Karossier

1904 wurde Hermann Graber geboren und lernte, den väterlichen Spuren folgend, das Wagnerhandwerk. Bereits vor dem zweiten Weltkrieg hatte auf britischen Chassis der Hersteller Rolls-Royce und Bentley Cabrioletaufbauten aufgesetzt. Auch nach dem Krieg fertigte Graber immer wieder Karosserien für Bentley-Chassis, mehrere Cabriolets auf der Plattform des Mark VI entstanden so. Graber hatte einen sehr hohen Qualitätsmassstab und einen fast genialen Sinn für Formen, entsprechend entstanden in seiner Werkstatt wahre Prunkstücke. 18 Fahrzeuge entstanden zwischen 1946 und 1953 auf diese Weise, weitere folgten.

Für den Automobilsalon von Genf bestellte Bentley/Rolls-Royce ein Cabriolet von Graber für den offiziellen Stand. Zwar hatten die Briten bereits selber mit H. J. Mulliner einen Versuch gemacht, eine offene Version des Continentals zu bauen, doch zeigte sich das Ergebnis, noch basierend auf dem genieteten Chassis, als sehr verwindungsfreudig und musste kurzum verschrottet werden. Aus dem Zeitdruck und der Not heraus, am wichtigen Genfer Salon 1954 etwas Neues zu zeigen, griff man auf die Dienste von Hermann Graber zurück.

Die Besonderheiten des Graber Bentley Continental DHC von 1954 (BC55C)

Hermann Graber war für Bentley also kein Unbekannter und die erneute Zusammenarbeit lag nahe. Der Karosseriekünstler Graber hatte klare Vorstellungen, als er das Chassis für den Kunden “Genfer Automobilsalon” bestellte. Das Lenkrad sollte so tief wie möglich montiert sein, als Radio wurde ein Modell “4200” mit elektrischer Antenne spezifiziert, die Tacho wurde mit km-Einteilung geordert, ein flacher Benzintank gewünscht, die Lampen kamen von Marechal, die Stossstangen von Whilmot Breedon. Am 27. November 1953 ging das Chassis BC55C  samt Motor BCC54 und diverse Anbauteile auf die Reise in die Schweiz, kurz später konnte Graber seine Arbeit beginnen.

Er kleidete den Wagen in ein elegantes Cabriolet-Kleid, zimmerte eine wunderschöne Innenausstattung samt bequemen Sesseln (im Gegensatz zu den Leichtbausitzschalen im Contintental Coupé) und färbe den Wagen in Hellblau ein. Das Lederinterieur war sehr hell gehalten, für das Instrumentenbrett verwendete Graber Vogelaugenahorn. Zugunsten der Stabilität verwendete er beim Heck Stahlblech und verschweisste das Hinterteil mit dem Chassis. Der Vorderwagen bestand wie der Mulliner-Continental aus Aluminium. Passend zur Innenausstattung und den Dimensionen liess Hermann Graber auch noch einen Koffersatz mit vier auf dem Hintersitz zu verstauenden Gepäckstücken herstellen.

Und genau so und mit Weisswandreifen veredelt stand der Graber-Bentley dann auf dem Bentleystand des Genfer Automobilsalon von 1954.

Positive Resonanz am Genfer Salon 1954

Die Automobil Revue titelte “eine Schönheit im klassischen Sinn - Bentley mit Graber-Karosserie” und die englische Zeitschrift “The Autocar” schrieb in ihrer Ausgabe vom 19. März 1954:
“... die vermutlich schönste Drop-Head-Coupé-Karosserie am Salon. Auf einem Bentley Continental Chassis hat der Schweizer Karossier Graber einen fliegenden Teppich (“a magic carpet”) kreiert. Massgearbeitete Koffer nehmen den Platz hinter den Sitzen ein und mit gefaltetem Dach ist eine saubere Linie erreicht.”

Kein Wunder also verfiel auch Filipinetti auf dem Autosalon dem Charme des Graber-Cabrios. Bereits am 24. März 1954 löste er den Wagen auf das Nummerschnild GE 16396 ein.

Einmal fast um die Welt

Georges Filipinetti trennte sich bereits nach einem Jahr wieder von seinem Graber-Bentley, kaufte aber später wieder einen geschlossenen Fastback. William Bellairs übernahm den hellblauen Tourer und exportierte ihn 1957 nach Südafrika. 1960 verkaufte er ihn an Sir George Albu, einem Goldminenbesitzer.

Im Jahr 1963 gelangte der Bentley dann in die Hände von A. J. McAlpine, Besitzer eines Immobilien-Imperiums. Um das Jahr 1967 herum wurde der Wagen von hellblau auf burgunderrot umgespritzt. Das Interieur wurde neu in hellbeigem Leder eingefasst und auch die Teppiche und der Bezug des Daches wurden gewechselt. Gleichzeitig wurde der Motor im Rahmen eines Standard-Austauschprogrammes auf einen höheren Stand gebracht. Dabei blieb die ursprüngliche Motorennummer erhalten.

1980 erwarb William Quint mit Wohnsitz auf der Isle of Man den Wagen und schliesslich fand der Graber-Bentley im Jahr 2003 wieder den Weg zurück in die Schweiz, als der heutige Besitzer J. P. Müller ihn kaufen konnte.

Nur noch zwei weitere offene Bentley Continental von Graber

Neben dem hier beschriebenen und abgebildeten ersten offenen Continental baute Hermann Graber noch zwei weitere, BC77C und BC68D. Anders als die übrigen Contintenal war das erste dieser beiden Fahrzeuge mit dem Bentley-Standard-Getriebe und damit kürzerer Übersetzung ausgerüstet, das zweite Fahrzeuge wurde bereits 1957 in ein Coupé umgebaut. Beide Fahrzeuge haben überlebt und sind in der Hand von Sammlern. 

Bentley/Rolls-Royce liess ungefähr ein Jahr später dann bei Park Ward weitere offene Continentals bauen, man nahm dabei gewiss auch Augenmass an Grabers Entwürfen.

Für den offenen Grandseigneur

Auch heute noch beeindruckt der offene Graber-R-Continental. Er wirkt imposant, aber gleichzeitig elegant. Die Linienführung verrät den guten Formensinn von Hermann Graber. Auch nach 60 Jahren wirkt der Wagen frisch und allen Strapazen des modernen Strassenverkehrs gewachsen.

Auf Knopfdruck startet der Motor einen melodischen Reihen-Sechszylinder-Gesang, vom Heck her erklingt eine überraschend sportliche Auspuffnote. Rund 1’800 kg sind kein Pappenstiel, aber der Bentley kontert mit seinem kräftigen Motor das erhebliche Gewicht problemlos. 
Mit rund 5,2 Meter Länge und 1,8 Meter Breite war der Bentley damals ein Riese, heute erscheinen diese Dimensionen fast schon normal. Der offene Wagen lässt sich trotz fehlender Servounterstützung gut lenken und durch den Verkehr manövrieren. Nur der erste Gang ist unsynchronisiert, die Schaltung liegt beim rechtsgelenkten Wagen rechts bei der Türe.

Komfortabel geht es auch über unebene Strassen hinweg, die Verwindungssteifheit darf man allerdings nicht mit modernen Massstäben messen.

Man fällt auf mit dem roten Bentley, der Wagen macht Eindruck und das Publikum verfolgt den eleganten Luxussportwagen mit viel Interesse. 58 Jahre nach seiner Entstehung hat der Graber-Bentley nichts von seiner Aura verloren, im Gegenteil.

Wir danken dem Besitzer Jean-Pierre Müller für seine Unterstützung bei der Entstehung dieses Berichts.

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