Für viele Kenner ist der Phantom II der begehrenswerteste Vorkriegs-Rolls-Royce, gilt er doch als letztes Modell, dessen Entwicklung Sir Henry Royce noch vollständig selbst verantwortete. Unter den rund 125 ab Werk linksgelenkten Fahrgestellen der Serien AJS und AMS, die in Derby für Nordamerika gebaut wurden, nimmt Chassis 226AJS eine besondere Stellung ein, das jetzt zum Verkauf steht.
Laut Anbieter gelangten nur sechs davon zu Kunden ausserhalb Nordamerikas,. Nur dieser Wagen wurde in Berlin aufgebaut, aufgrund des Kellner-Konkurses vermutlich eine der letzten Karosserien des renommierten Betriebs.
Bestellt in Genf, karossiert in Berlin
Geordert wurde der Phantom II über die Rolls-Royce-Vertretung in Genf. Im April 1931 ging das nackte Fahrgestell nach Berlin, wo Alexis Kellner ein viertüriges Cabriolet aufbaute.
Kellner gehörte damals zu den ersten Adressen im deutschen Karosseriebau und war besonders für seine patentierten, federunterstützten Verdecke bekannt, die eine einzelne Person bedienen konnte. Nur drei Rolls-Royce sind mit Kellner-Aufbau belegt: ein 20 H.P., ein Phantom I und dieser Phantom II.
Die Karosserie sitzt auf einem eigenen Hilfsrahmen, der als Einheit über Gummiblöcke mit dem langen Chassis verbunden ist, was für Verwindungssteifigkeit und Laufruhe sorgt. Sie ist bis heute original, inklusive Kellner-Plakette mit Patentvermerk. Dazu kommen ausstellbare Frontscheibe, Lenkrad mit Hupenring, verstellbare Einzelsitze vorn, Wurzelholz, Leder und zwei Reserveräder.
Von der Schweiz über Belgien nach Deutschland
Erster Besitzer war ein Schweizer, 1935 übernahm ein zweiter Schweizer Eigentümer den Wagen und behielt ihn bis in die 1960er-Jahre. Während des Zweiten Weltkriegs stand der Rolls-Royce wegen der Benzinrationierung still.
Danach folgte ein technisch versierter Enthusiast in Belgien, dessen Korrespondenz mit dem Werk weitgehend erhalten ist. Seit Anfang der 1980er-Jahre befindet sich der Phantom II in deutschen Sammlerhänden.
Technik und Zustand
Werksseitig wurde der Wagen auf Kundenwunsch mit breiteren hinteren Bremstrommeln samt grösserer Spurweite sowie verbesserter Motorschmierung ausgeliefert. Tacho in Kilometern, Tankanzeige in Litern und eine französischsprachige Typenplakette verraten die Kontinentalauslieferung.
Der Reihensechszylinder mit 7668 Kubik leistet laut Prüfstandsprotokoll 92 PS bei 2500/min, Doppelzündung, Vierganggetriebe und servounterstützte Trommelbremsen an allen vier Rädern gehören zur Ausstattung. Der Radstand misst 3810 mm.
Nach einer Motorüberholung 2004/2005 und weiteren Arbeiten an Zylinderkopf und Block wurde der Wagen ab 2017 komplett restauriert, Motor und Getriebe eingeschlossen. Angeboten wird der Phantom II von Ni-Cola Classics in Ladenburg (D), Preis ist auf Anfrage.
Technische Daten Rolls-Royce Phantom II "Kellner"
| Karosserie | Viertüriges Cabriolet, Alexis Kellner, Berlin |
| Chassis-/Motor-Nr. | 226AJS / B55M |
| Auslieferung | April 1931, Linkslenkung ab Werk |
| Motor | Reihensechszylinder, hängende Ventile |
| Hubraum | 7668 cm3 |
| Bohrung x Hub | 108 x 139,7 mm |
| Leistung | 92 PS bei 2500/min (Werks-Prüfstandsprotokoll) |
| Zündung | Doppelzündung (Batterie und Magnet) |
| Kraftübertragung | Vierganggetriebe, Einscheiben-Trockenkupplung, Kardanantrieb auf Hinterräder |
| Fahrwerk | Halbelliptikfedern und hydraulische Stossdämpfer rundum |
| Bremsen | Trommelbremsen an allen vier Rädern, Bremsservo |
| Radstand | 3810 mm (langes Fahrgestell) |
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