Erstmals fand die Retro Classics Stuttgart vom 25. bis 28. April 2024 unter der neuen Leitung der AFAG, gesteuert von Henning und Thilo Könicke, statt. Messemachern weht ja momentan ein relativ kalter Wind entgegen, so verwundert es nicht, dass die 23. Retro Classics nicht mehr ganz so gross angelegt war wie ihre Vorgänger.
Von den zehn Hallen wurden nur deren sechs bespielt, die anderen gesperrt oder andersweitig vergeben. Durch die Konzentration auf die Hallen 1, 3, 5, 7 und 9 sowie die Halle 6 fand die Oldtimermesse primär auf der rechten Seite der Messe Stuttgart statt, wenn man Eingang Ost aus schaute. Flächenmässig bedeutete dies 80’000 Quadratmeter, aber auch etwas weniger Aussteller.
Die Besucher kamen trotzdem, 70’000 wurden gemäss Organisation gezählt. Und sie konnten sich 2000 Autos, aber auch viele aufwändig vorbereitete Präsentationen von Spezialisten, Dienstleistern, Veranstaltern und Museen anschauen.
Bitter im Atrium
Die grösste Sonderschau zeigte Bitter. Erich Bitter ist bekanntlich im letzten Jahr gestorben, aber seine Marke wird nun von seinem Nachkommen Markus Bitter weitergeführt.
Gezeigt wurden im Atrium alle bekannten Sportwagen, insbesondere das elegante Coupé CD und dessen Nachfolger SC, präsent auch als Cabriolet. Zudem konnte man auch einen Intermeccanica Indra bewundern, den Bitter zwar konstruierte, der aber aus verschiedenen Gründen nicht ganz zur Blüte kam.
Im Atrium zu bewundern waren auch Bitter-Einzelstücke und zwei Bitter Aero, sowie moderne Veredelungsprojekte.
Die eigentlich zentrale Lage der Sonderschau im Atrium war im Jahr 2024 vermutlich suboptimal, weil die Messebesucher nicht mehr zwischen den beiden Hallensträngen pendeln mussten. Da dürfte der eine oder andere Besucher das etwas niedriger liegende Atrium glatt übersehen haben.
50 Jahre Porsche Turbo
Es war im Jahr 1974, also vor 50 Jahren, als der deutsche Übersportwagen Porsche Turbo erstmals in Serienform gezeigt wurde. Dieses Jubiläum musste natürlich gefeiert werden und Porsche stellte gleich den ganzen Stand unter dieses Motto.
Gezeigt wurden nicht nur verschiedene Turbo-Generationen, sondern auch der damals für Luise Piëch gebaute Schmal-Turbo, sozusagen der erste Strassen-Turbo überhaupt.
Auf dem Stand konnte auch ein GT1 '98 bewundert werden, ein Auto, das man nicht jeden Tag zu sehen kriegt.
- Fahrzeughandel
- Autohandel (Oldtimer & Youngtimer)
60 Jahre Ford Mustang
In Halle 3 wurde dann der 60. Geburtstag des Ford Mustang gefeiert.
Sozusagen in einer Startaufstellung “fuhren” frühe und andere Mustang-Modelle auf den aufgebauten "Dunlop-Bogen" zu. Bekanntlich wurde der Ford Mustang am 12./13. April 1964 erstmals vorgestellt und er wurde zu einem riesigen Erfolg.
Viele weitere Jubiläen
An Jubiläen fehlt es im Jahr 2024 sowieso nicht und vielen wurde denn auch am einen oder anderen Stand gedacht.
So stolperten wir auf unserem Rundgang, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, über 25 Jahre BMW Z8, 40 Jahre Mercedes-Benz 190E 2.3-16, 40 Jahre Lancia Thema und 30 Jahre Lancia Kappa, 50 Jahre VW Golf, 50 Jahre Ford Capri II, 50 Jahre Citroën CX, 60 Jahre Trabant (P601), 70 Jahre Mercedes-Benz Flügeltürer, 70 Jahre “Grosser Ponton” und 90 Jahre Citroën Légère.
Runde Geburtstage sind ja gerade an Messen immer ein guter Grund, vergessene und weniger bekannte Modelle hervorzuheben und die Aussteller in Stuttgart machten sich dies gut zu Nutzen.
Die goldenen Zeiten des Tunings
Für viel Interesse sorgten zwei Sonderschauen zum Thema Tuning der Siebziger- bis Neunzigerjahre.
Zu sehen gab es beispielsweise den Opel Manta B aus den Manta-Filmen, der sicherlich zu einem der meistbesuchten Selfie-Objekten avancierte.
Gleich daneben machte K.I.T.T., der Pontiac Trans Am aus der Fernsehserie “Knight Rider”, mit flotten Sprüchen auf sich aufmerksam.
Veredelte Opel, Volkswagen, BMW, Porsche und ein Helme HE 111 komplettierten die eine der beiden Sonderschau.
Gleich vis-à-vis konnte man dann Produkte aus dem Schaffen der SGS Styling Garage von Chris Hahn betrachten, darunter der SGS Arrow auf C126-Basis, aber auch Cabriolets und Flügeltüren-Coupés mit Mercedes-Stern.
Aus Beobachtersicht hätte man diese beiden Sonderschauen vielleicht noch etwas mehr mit einer passenden Umgebung und Zeitgefühl inszenieren können, aber auch die Autos alleine waren schon einen genauen Blick wert.
BMW, Mercedes-Benz und Porsche
Werksmässig präsent waren BMW, Mercedes-Benz und Porsche.
BMW zeigte interessante Exponate vom V12 Le Mans bis zum M3 GTR, hatte aber auch Einzelstücke wie den BMW 530 iX Enduro Touring Individual von 1992 sowie ein BMW Z8 Safety Car auf dem Stand.
Bei Mercedes-Benz feierte man den 70. Geburtstag des Flügeltürers, zeigte zusammen mit den Clubs aber auch viele andere Klassiker der Nachkriegszeit sowie wenige Autos der Vorkriegszeit.
Porsche nutzte die Präsenz wie bereits erwähnt für die 50-Jahres-Feier des Turbos, präsentierte, teilweise zusammen mit den Clubs, aber auch den Porsche 914-6 als ONS-Streckensicherungsfahrzeug in Erinnerung an Herbert Linge, einen Porsche 356 Carrera 2 und einen Porsche 968.
Mehr offizielle Hersteller-Aufritte gab’s nicht. Marken wie Audi, Ford, Skoda oder die Stellantis-Hersteller Alfa Romeo, Fiat, Opel Citroën/Peugeot überliessen es Händlern, Museen oder Clubs, ihre Farben zu vertreten.
Aktive Clubs und Interessengemeinschaften
In die Bresche sprangen wie immer die zahlreich vertretenen Clubs und Vereinigungen.
Sie präsentierten seltene Wagen aus ihren Clubbeständen und zelebrierten das eine oder andere Jubiläum. 50 Jahre Ford Capri II etwa gaben Anlass zu einer schönen Installation, aber auch die Gruppe der Ford Model T auf der oberen Ebene der Halle 1 war schön anzuschauen.
Freude machten auch die farbigen NSU Wankel-Spider, die zudem noch durch ein Motorrad des Typs Herkules Wankel ergänzt wurden.
Im “English Corner” stiess man neben vielen britischen Klassikern auch auf einen sonnenblumengelben Austin A40 Somerset als Drophead Coupé.
Die Freunde der Marke Peugeot stellten derweil einen Gruppe-B-Peugeot 205 Turbo 16, aber auch Veteranen wie die Modelle 203 oder 402 auf ihren Stand.
Anderswo konnte man eine Safari-Variante des BMW Barockengels erblicken oder den Citroën Légère als Cabriolet.
Und wie immer lohnte es sich, die vielen Informationstafeln der Clubs zu studieren, da dort viel Wissenswertes dokumentiert war.
Reger Handel
Im Vergleich zu vergangenen Jahren war der private Fahrzeughandel deutlich kleiner, interessante Autos gab es aber trotzdem zu kaufen.
Auffällig viele dieser Fahrzeuge war noch relativ jung, Vorkriegslimousinen oder -sportwagen kamen kaum vor.
Auch die Angebote bei den Händlern stammten mehrheitlich aus den Jahrzehnten nach dem Krieg, Neoklassiker und Youngtimer waren gut vertreten.
Es wurde durchaus auch einiges verkauft, bereits am ersten Handel fand man “verkauft”-Aufschriften auf angebotenen Klassikern.
Rosinen und Raritäten
Als langjähriger Messebesucher fallen einem natürlich viele Autos und Stände auf, die man schon mehrfach gesehen hat. Aber jedes Jahr gibt es auch immer wieder Fahrzeuge zu entdecken, die man noch nie an einer Oldtimermesse erblickte.
Bei unserem Rundgang stiessen wir zum Beispiel auf einen B.N.C. aus dem Jahr 1929, den das Museum Boxenstop zeigte. B.N.C. baute von 1923 bis 1931 leichte Sportwagen mit kleinhubraumigen Vierzylindern zusammen, ab 1925 setzte man auch Kompressoren ein, typischerweise von der Marke Cozette. Der gezeigte Zweisitzer mit einem 1,1-Liter-grossen Ruby-Motor und Kompressor leistete 70 PS und fuhr 1936 beim Bol d’Or in Montlhéry mit.
Deutlich jünger war ein Cabriolet auf Basis des Ford Fiesta Mk III, das wir ein paar Spaziermeilen weiter bei den Alt-Ford-Freunden entdeckten. Ein Werks-Cabriolet gab es von diesem Typen nicht, für den Umbau sorgte die Firma Sllath in Egelsbach. In Deutschland soll es nur noch ein Exemplar davon geben.
Überhaupt um das einzige noch lebende Exemplar handelte es sich beim in der BMW-Halle gezeigten BMW 335 von 1943 mit Autenrieth-Coupé-Karosserie. Ingesamt gab es zwei dieser Coupés, das andere wurde in der Schweiz verschrottet. Das überlebende Exemplar wurde beim BMW Classic Partner Renocar in Brno-Slatina komplett restauriert und konnte im Neuwagenzustand gezeigt werden.
Auch unter den Autos, die privat angeboten wurden, gab’s Rosinen. Wir stiessen zum Beispiel auf einen TVR 3000 S aus dem Jahr 1979. Insgesamt wurden nur 258 Exemplare dieses offenen TVRs mit Ford-Essex-V6-Motor gebaut, nur wenige davon schafften es als Linkslenker nach Deutschland.
Weitere Raritäten lassen sich in der umfangreichen Bildergalerie finden.
Viel Zubehör
Natürlich gab’s in Stuttgart nicht nur Autos zu bewundern. Zu sehen war auch mehr oder weniger eng mit dem Automobil verbundene Angebote, vom Whirlpool bis zum Strandkorb, von der Ruheliege über ferngesteuerte Autos bis zum Garagenlift.
Dem einen oder anderen Besucher mag dies zuviel gewesen sein, aber schliesslich sieht sich die Retro Classic als Messe für Fahrkultur und da gehört halt manches dazu, was reine Auto-Enthusiasten nicht unbedingt an einer Oldtimermesse suchen würden.
Hat sich der Besuch in Stuttgart gelohnt? Auf jeden Fall! Eine Messe bietet immer wieder die Gelegenheit, ein Gespür für den Markt zu kriegen, aber auch um Bekannte und Freunde zu treffen, an längst Vergessenes erinnert zu werden und auf Überraschungen zu stossen. All dies ist der Retro Classics bestens geglückt, da schadeten auch ein paar weggefallene Hallen, Quadratmeter und Autos nicht.
























































































































































































































































































































































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