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Bild (1/1): Mercedes-Benz 600 SEL (1992) - Die glatte Stoßstange wurde zugunsten einer harmonischeren Optik 1995 neu gestaltet (© Leon Wiedenhoff, 2020)
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Mercedes-Benz 600 SEL (W140) – ein Schiff wird kommen

Erstellt am 15. Oktober 2020
Text:
Sven Jürisch
Fotos:
Daimler AG 
(50)
Leon Wiedenhoff 
(19)
 
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Denkt man an die Mercedes-Benz S-Klasse der 90er kommt automatisch die Geschichte mit dem Autozug in Erinnerung oder die Assoziation mit Helmut Kohl. Ja, es stimmt der Autozug nach Sylt war etwas eng für das Schlachtschiff von Mr. Mercedes alias Werner Niefer und ja, der üppige Innenraum war ein idealer Reise- und Arbeitsplatz für den Kanzler der Einheit. Böse Zungen behaupteten, bei der Kiellegung der S-Klasse 1982 habe man den Kanzler als Berater hinzugezogen, so ideal verschmolzen beide im Laufe der Jahre. Und als Kohl 1998 ging, war auch der W 140 Geschichte. Schröder fuhr Audi.

Mercedes-Benz 600 SEL (1992) - Business as usual. Der W 140 war nicht selten das Beförderungsmittel von Vorständen großer Unternehmen
© Copyright / Fotograf: Leon Wiedenhoff

Größe zählt

Doch, was machte diese die S-Klasse vom Typ W 140 zur Sonderklasse und legitimen Erben der Besten Limousine der Welt? Für die Zielgruppe, meist grau melierte Manager oder wohl situierte Senioren, war das Auto nach dem biederen W 126 zunächst ein Schock, brach es doch mit all den Tugenden vornehmer Zurückhaltung, deretwegen man dem inzwischen barock wirkenden Luxusliner die Treue gehalten hatte.

Der W 140 wirkte bei seiner Präsentation irgendwie unförmig. Die schmale Spur, die das Fahrwerk irgendwie eine Nummer zu klein erscheinen ließ und die konturlosen Flanken ließen das Design unharmonisch wirken. Hinzu kam die absolute Größe, mit der die Kunden in den Parkhäusern und bei der Nachbarschaft so ihre Probleme hatten. Da halfen auch nicht die als Hilfe zum Einparken gedachten Peilstäbe , die beim Einlegen des Rückwärtsgangs pneumatisch an den hinteren Ecken der Limousine ausfuhren. Die erst später lieferbaren hektisch piepsenden  Ultraschallwarner schienen den Entwicklern ursprünglich nicht standesgemäß. Schließlich war Stille das zentrale Thema dieser S-Klasse, die als das erste Automobil mit geräuschdämmender Doppelverglasung in die Geschichtsbücher fuhr.

Mercedes-Benz 500 SEC (1992) - Statt Peilstäben verbaute Daimler ab dem Facelift eine optische Parkdistance
© Copyright / Fotograf: Daimler AG

Der “Sound of Silence" spielte bei der S-Klasse auch im Motorraum. Die Sechs-und Achtzylinder bildeten nur den Auftakt zu dem feinen Konzert der leisen Töne. Kurz nach dem Debüt im Jahr 1991 legte Mercedes nach und bot den V 12 mit 6,0 Litern Hubraum an. Nachdem BMW Jahre zuvor mit dem 300 PS starken 750 i ein Coup gelungen war, retournierte Daimler. 300 war auch das Ziel von Dr. Kurt Obländer, dem Entwickler des V12. Nur eben nicht in PS, sondern in Kilowatt. Mit zunächst 408 PS war der 600 SE die stärkste Limousine weit und breit.

First Class

Neben einem komfortablen Antrieb und reichlich Platz bot die S-Klasse der 90er natürlich noch mehr. Das spürten die Insassen vor allem auf langen Strecken. Die Sitze waren bei Bedarf mit raffinierten Luftpolsterstützen ausgestattet, die Etappen von tausend Kilometer oder mehr am Tag zu einer Kleinigkeit werden ließ. Das galt auch für die Fondpassagiere, wo für den Gegenwert eines Volkswagen Polo sogar elektrisch verstellbare Einzelsitze montiert wurden.

Noch weiter ging Daimler bei der Kommunikationsausstattung. Telefon, Fax und eine Fernbedienung für das Becker Radio waren Bestandteil der Aufpreisliste. Später gab es sogar eines der ersten Navigationsgeräte. Zunächst nur als Radionavigation, dann sogar in einer Bildschirmausführung, die hierzulande allerdings nicht angeboten wurde.

Mercedes-Benz 600 SEC (1992) - Ein Faxgerät war in den frühen 90er Jahren der Inbegriff von Luxus. Erst recht im Auto.
© Copyright / Fotograf: Daimler AG

Neben allem Luxus gab es aber auch eine Menge an Sicherheitsausstattung, mit der die S-Klasse auch heute noch punkten kann. So gehörte der Doppelairbag schon früh zur Serienausstattung und spezielle Gurtstraffer sorgten dafür, dass das Gurtband in angelegtem Zustand kaum zu merken war, im Ernstfall aber vorgespannt wurde. ABS war Serie und ein Bremsassistent feierte, ebenso wie das Stabilisierungsprogramm ESP ab 1996 Premiere in der S-Klasse.

Soviel Innovationen hatte zu diesem Zeitpunkt kaum ein Hersteller auf dem Markt und belegte, wie sehr man bei Daimler der S-Klasse einen Führungsanspruch zugestand.

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Derivate für mehr Absatz

Ein weiterer Baustein für die Steigerung des in Europa schleppenden Absatzes war die Einführung des Diesel in der Luxuslimousine. Mitte der 90er ein absolutes Novum, galten die Selbstzünder doch als nicht standesgemäß für eine Limousine der Oberklasse. Als S 350 TD mit 150 PS hatte der Daimler zwar keinen Durst, aber eben auch keinen Dunst mehr. Der Sechszylinder Turbodiesel war mit der Masse an Auto schlicht überfordert. Nach dem Facelift 1995 gab es zwar etwas mehr Leistung, doch der Diesel blieb hierzulande ein Sonderling, der vor allem mit zahlreichen Motorschäden auffiel.

Besser lief es für die kleinen Sechszylinder. S 280 und S 320 waren beliebt, sorgten sie doch für annehmbare Fahrleistungen auf Kurz- und Mittelstrecke und akzeptablen Verbrauch. Im 1993 präsentierten Coupé gab es derlei Spargedanken nicht. Das neu konstruierte Modell gab es nur mit dem V8 oder V12 Motor. Die Kunden, es waren nicht viele, liebten das Modell für seine Oppulenz, auch wenn es mit den sonderbaren Scheinwerfern schnell den Spitznamen „Mörderbiene„ bekam.

Mercedes-Benz 500 SEC (1992) - Mörderbiene lautete der Spitzname des Coupe. Grund hierfür waren die komplex zu fertigenden Facettenscheinwerfer
© Copyright / Fotograf: Daimler AG

Die Fahrt in einem solchen Coupé ist allerdings alles andere als mörderisch. An einem Sommertag empfiehlt sich das Herunterlasen aller Fenster und eine streßfreie Reise über Landstraßen mit großen weiten Kurven. Der V8 säuselt dann etwa bei 1500 U/min und die Automatik reicht völlig unauffällig die passende Fahrstufe. Das Erlebnis wird komplett, wenn man mit einem solchen Coupé vor dem Hotel parkiert und beobachtet, wie dem verdutzen Pagen beim Parkieren der Gurt durch den elektronischen Gurtbringer gereicht wird. Garantiert wird er dieses Auto nicht so schnell vergessen. Und das, wo er den W 140 noch nicht einmal auf der Autobahn erlebt hat. Dort fühlt sich das Coupé in seinem Element und punktet mit souveränem Fahrverhalten und absoluter Ruhe. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die gesamte Seitenverglasung rahmenlos ist.

Sacco ausser Mode

Doch wie immer ist das Gute des Besseren Feind und schnell bekam die S-Klasse, ein Entwurf von Bruno Sacco, energischen Gegenwind. Der Audi V8 wurde 1994 vom deutlich modernen Aluminium Audi A8 abgelöst und auch BMW bot mit dem E 38 einen Siebener als elegante Alternative an. Beide Autos sahen neben der S-Klasse wie von einem anderen Stern aus. Der W 140 wirkte in ihrer Gegenwart klobig und altbacken. Dies sah auch die Kundschaft so und trotz einiger Retuschen, der Veränderung des Innenraums und Einführung immer neuer Technologien blieb das Modell in Deutschland ein Ladenhüter.

Mercedes-Benz 500 SEC (1992) - Auch dies dürfte oft vorgekommen sein. Der S-Klasse-Fahrer steigt in den Helikopter
© Copyright / Fotograf: Daimler AG

Nicht wenige Kunden ließen seinerzeit den betagten Vorgänger noch einmal aufwändig bei Mercedes durchreparieren, nur um die Anschaffung des Nachfolgers auf die Zeit nach dem W 140 verschieben zu können. Mit dem klobigen Mobil wollten sich vor allem in Deutschland immer weniger Manager sehen lassen.

HubraumAuktionen

Neu gestalteter Nachfolger mit neuen Problemen

Der Nachfolger, der W 220 zeigte dann, dass das Neue nicht unbedingt besser sein muss. Die Qualität, beeinflußt vom Kostenkiller Jürgen Schrempp, sackte auf den Tiefpunkt und das Design erinnerte eher an einen preiswerten Koreaner, als an den Nachfolger des Spitzenmodells der deutschen Edelmarke. Gerüchten nach kaufte Daimler in der Folgezeit gebrauchte W 140 auf, um sie schnell ausser Landes zu schaffen, denn im Ausland genoß das Auto eine deutlich bessere Reputation. Es entwickelte sich vor allem in den USA und im arabischen Raum zu einem echten Renner. Und selbst das geschmähte Design fand Nachahmer, wie der Lexus LS 430 beweist.

Wer sich heute erstmals mit dem Auto beschäftigt, wird feststellen, wie sehr der Firmenslogan für das Modell W 140 immer noch gilt. Denn nach den ersten 100 Kilometern im W 140, will man tatsächlich nur das Beste – oder eben nichts.

Mercedes-Benz 600 SEL (1992) - Großes Kino. Wenn der 600er auftauchte war nicht selten ein Promi an Bord und die Regebogenpresse witterte ihre Chance
© Copyright / Fotograf: Leon Wiedenhoff

Für den W140 sprechen, dass er ein repräsentativer Youngtimer mit guter Alltagstauglichkeit und hohem Sicherheitsstandard ist, über eine reichhaltige Motorenauswahl verfügt und zu moderaten Einstandspreisen und mit Aussicht auf Wertsteigerung beschafft werden kann. Die Ersatzteilversorgung ist zudem vergleichsweise gut, wenn auch nicht billig.

Als Nachteile des W140 gelten die hohen Unterhaltskosten, vor allem bei den Topmodellen. Zudem weisen einige Komponenten eine hohe Defektanfälligkeit auf, während gleichzeitig die Kompetenz der Werkstätten nicht mithalten kann. Für Einsteiger unter den Selbstschraubern ist der W140 nicht geeignet, ein zu schmales Notfallbudget sollte man auch nicht haben.

Am besten fährt man mit einem S 320 für den regelmässigen Gebrauch, für Hobby- und Wenigfahrer ist auch der S 500 eine gute Wahl. Connaisseure greifen zum S 500 Coupé, mit dem man inzwischen immer bestens angezogen ist.

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Quelle:

Neueste Kommentare

 
 
Mo******:
20.10.2020 (20:08)
Die neben dem W221 wohl häßlichste S-Klasse aller Zeiten und formal noch heute genauso indiskutabel wie vor fast 30 Jahren. Nun werden böse Zungen behaupten, wer ihn kritisiert, ist nur neidisch, weil er ihn sich nicht leisten kann/konnte. Dennoch: Mag der Nachfolger W220 auch qualitativ grottenschlecht gewesen sein, so entschieden sich aufgrund der ungleich eleganteren Erscheinung doch zahlreiche ehemalige W126-Fahrer für ihn. Nebenbei bemerkt gehören zu meiner automobilen Vergangenheit ein W116 und ein W126.
11******:
20.10.2020 (19:40)
Also der Größenvergleich mit dem Passat zeugt wie so manches von wenig Sachverstand. Ich habe jedenfalls noch keinen Passat mit 5, 21 m Länge gesehen. Und das die alberne Geschichte mit dem Autozug Unsinn ist sollte man inzwiischen auch wissen. Schließlich mussten nur die serienmäßigen elektrisch anklappbaren Spiegel eingeklappt werden. Nur weil das der damalige Tester des Spiegel nicht wusste wurde das Märchen in die Welt gesetzt. Anyway, war jedenfalls ein gutes Auto, dass leider (nur) in Deutschland schlecht gemacht wurde. Ich fahre meinen immer wieder gern, wenngleich natürlich der Fortschritt weiter ging und die aktuelle Modellen in manchen Punkten deutlich besser sind.
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