Jaguar Pirana Bertone - die vergessene Verbindung zwischen Marzal und Espada

Erstellt am 20. Juli 2019
, Leselänge 5min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Karissa Hosek - Courtesy RM/Sotheby's 
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Es gibt Konzeptfahrzeuge, die für ewig in Erinnerung bleiben. Andere aber werden vergessen, obschon sie in der Entwicklungsgeschichte des Autodesigns einen wichtigen Platz haben. Eines dieser “Showcars” ist der Jaguar Pirana von Bertone.


Jaguar Pirana Bertone (1967) - fliessende Linien, grosser Überhang hinten
Copyright / Fotograf: Karissa Hosek - Courtesy RM/Sotheby's

Ankurbelung des Zeitschriftenverkaufs

Der Jaguar Pirana war die Idee des Zeitschriftenredaktors John Anstey, der in den Sechzigerjahren für den Daily Telegraph arbeitete. Warum nicht etwas Aufmerksamkeit (und eine höhere Auflage) generieren, indem man einen Traumwagen schuf?

Etwa ein halbes Jahr vor der London Motor Show des Jahres 1967 nahm die Idee Gestalt an, viel Zeit war also nicht.

Multinationale Zusammenarbeit

Anstey wandte sich an die Carrozzeria Bertone, gab allerdings auch die Rahmenbedingungen vor. Er wollte nämlich Technologien und Komponenten nutzen, die es bereits zu kaufen gab. Man entschied sich schliesslich für das Fahrgestell des Jaguar E-Types 2+2 als Basis.


Jaguar E-Type 2+2 (1966) - Seitenansicht
Copyright / Fotograf: AR-Archiv

Bertone baute die Karosserie, Smiths lieferte Instrumente und einige ganz besondere Komponenten, Connolly  das Leder, Triplex das Glas.

Jaguar Pirana von 1967 - Durchsichtszeichnung

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Evolution anstatt Revolution

Für das Design der aus Stahlblech geschaffenen Karosserie (eine Ausnahme war die Motorhaube, die aus Aluminium bestand) war der junge Marcello Gandini zuständig bei Bertone. Er zeichnete eine geschwungene Silhouette mit einem klar akzentuierten Gesicht, charakterisiert durch zwei Doppelscheinwerfer. Am Heck dominierten breite Heckleuchte und zwei Scheiben. Die obere diente als Heckklappe, die untere verbesserte die Sichtverhältnisse nach hinten. Eine Gitterstruktur über der sich halb versenkbaren Scheibe verhinderte den offenen Einblick.


Jaguar Pirana Bertone (1967) - Dunlop-Rennfelgen mit Zentralverschlüssen
Copyright / Fotograf: Karissa Hosek - Courtesy RM/Sotheby's

Die kraftvolle Gestalt wurde durch die breiten Rennfelgen von Dunlop, die an den Jaguar D-Type erinnerten, unterstützt.

Zwischen Marzal und Espada

Eigentlich nahm der Pirana, damals übrigens mit Piranha beschriftet, den späteren Lamborghini Espada formlich weitgehend vorweg, denn sowohl das Heck als auch die nach oben geschwungenen hinteren Seitenscheiben, sowie auch die Front mit Doppelscheinwerfern waren auch Elemente des Espada-Designs.


Lamborghini Espada (1968) - grossräumiger Gran Turiusmo - am Genfer Automobilsalon 1968
Archiv Automobil Revue

Es fanden sich auch Elemente des verwandten Lamborghini Marzal Showcars im Pirana. Der Marzal hatte übrigens wie der Pirana einen Reihen-Sechszylindermotor, allerdings war er beim Marzal quer im Heck montiert, während er im Pirana längs über der Vorderachse eingebaut wurde.


Jaguar Pirana Bertone (1967) - das Heck zeigt Züge des späteren Lamborghini Espada
Copyright / Fotograf: Karissa Hosek - Courtesy RM/Sotheby's

Im Gegensatz zu Marzal und Espada war der Pirana zweisitzig ausgelegt, und dies obschon der Spender-Jaguar eigentlich 2+2-sitzig war.


Lamborghini Marzal (1967) - grosse Glasflächen beim viersitzigen Coupé
Archiv Automobil Revue

Nur fünf Monate

Nur etwa fünf Monate hatten Bertone, Gandini und die Handwerker in Turin, um auf Basis des Jaguars ein komplett funktionsfähiges Auto mit einer neuen Karosserie und einer Reihe von innovativen Komponenten zu bauen. So verfügte der Pirana über eine Klimaanlage, die ihre Luft am Boden ansaugte und dann via das Dach in den Innenraum verteilte. Ein Kassettengerät erlaubte es nicht nur, Musik abzuhören, man konnte damit sogar diktieren.


Jaguar Pirana Bertone (1967) - rechtsgelenkt
Copyright / Fotograf: Karissa Hosek - Courtesy RM/Sotheby's

Wer nicht angeschnallt war, wurde gewarnt und auch vor zu hohen Geschwindigkeiten schützte der Jaguar den Fahrer.

Interieur des Jaguar Pirana von 1967

Das Interieur wurde wohnlich ausgestattet und auf’s Feinste eingekleidet. Manches, u.a. Instrumente oder Schalthebel, erinnerten zwar noch an den Jaguar E-Type, insgesamt wirkte der Pirana aber deutlich edler.

Präsentation auf der London Motor Show 1967

Vorgestellt wurde der Jaguar Pirana wie geplant an der Londoner Earls Court Motor Show im Oktober 1967.

Jaguar Pirana an der London Motor Show 1967

Die Automobil Revue schrieb damals:

“Luxus und Komfort im Pirana von Bertone: Eine Attraktion ersten Ranges verkörpert der im Auftrag des Daily Telegraph Magazine von Nuccio Bertone geschaffene Pirana. Die auffallend langgestreckte, 2+2sitzige Karosserie mit in mattem Perlgrau gehaltener Lackierung ist auf einem verlängerten Fahrwerk des Jaguar 2+2 ausgebaut. Besonders reichhaltig ist die Innenausstattung. Diese umfasst: Klimaanlage von Smith, Radio mit Tonbandaufnahme- und Wiedergabegerät, beheizte Heckscheibe, elektrisch betätigte Seitenfenster, Warngerät für Geschwindigkeit, Warnleuchte für nicht umgeschnallte Sitzgurte, Ölstand usw.”

Jaguar Priana Broschüre 1967

Zur Präsentation wurden eigens Broschüren gedruckt, die die Möglichkeiten des Wagens aber auch seine Entstehung zum Inhalt hatten.

Jaguar Priana Broschüre 1967

Ein Filmdokument von damals zeigt den Jaguar Pirana anlässlich seiner Präsentation mit Nuccio Bertone am Lenkrad (ab 2:04):

Ganz klar, der Jaguar Pirana gehörte zu den Aushängeschildern des Londoner Salons, trotzdem aber hielt sich die Berichterstattung darüber in den hiesigen Breitengraden in Grenzen, vielleicht auch deshalb, weil der Impuls von einer Zeitschrift ausging. Und vielleicht wirkte der Pirana auch einfach nicht exotisch und futuristisch genug, schliesslich wurde in London auch der Lamborghini Marzal gezeigt.

Der Wagen wurde nachher auch noch in Turin, Montreal und New York gezeigt, auch dort fiel er positiv auf, erzeugte aber kaum Schlagzeilen.

Verkauft und verschollen

Billig war der Pirana damals nicht. Der Bau kostete wohl etwa soviel wie drei neue Ferrari 275 GTB/4 zusammen und der Daily Prophet war wohl froh, ihn anlässlich einer Versteigerung im Mai 1968 für USD 16’000 wieder loszuwerden. Der Jaguar wurde in die USA ausgeführt und verschwand weitgehend aus der Öffentlichkeit.

Jaguar Pirana von 1967 in Grün

Irgendwann wechselte die Farbe von Silbergrau auf Grün und ein Besitzer liess einen zusätzliche Sitzbank montieren, die die ursprüngliche 2+2-Konfiguration des E-Types wieder herstellte. Zudem liess er die Viergangschaltung durch eine Automatik ersetzen und die Klimaanlage neu verlegen.

Im Jahr 2011 wechselte das Showcar erneut den Besitzer und es wurde beschlossen, den Wagen wieder in die ursprüngliche Konfiguration, wie sie 1967 in London präsentiert worden war, zurückzuversetzen.


Jaguar Pirana Bertone (1967) - der 4,2-Liter-Reihensechszylinder im Bug
Copyright / Fotograf: Karissa Hosek - Courtesy RM/Sotheby's

Im Jahr 2015 hatte der Wagen einen Auftritt in Jay Lenos Show, bereits wieder silberfarben gespritzt, aber noch mit Automatik ausgerüstet. Leno durfte den Wagen sogar fahren und beschrieb ihn als angenehmen Highway-Cruiser, der sich bei rund 75 Meilen pro Stunde am wohlsten fühle.


Jaguar Pirana Bertone (1967) - oppulent ausgestattetes Interieur
Copyright / Fotograf: Karissa Hosek - Courtesy RM/Sotheby's

In der Folge wurden die Rücksitze wieder entfernt, die ursprüngliche Klimaanlage wieder gangbar gemacht und das Kassetten-/Diktiergerät wieder installiert.

Im Jahr 2012 wurde der Wagen am Concorso Italiano in Monterey in Kalifornien erstmals wieder der Öffentlichkeit gezeigt.

Pirana oder Piranha

Die Schreibweise der Typenbezeichnung gab schon damals zu reden. Offensichtlich verzichtete Nuccio Bertone auf das “h”, weil er den Schriftzug, der am Auto übrigens an jenen des Espada erinnert, so schöner fand.


Jaguar Pirana Bertone (1967) - hier wird Pirana noch mit "h" geschrieben
Copyright / Fotograf: Karissa Hosek - Courtesy RM/Sotheby's

Der restaurierte Jaguar kommt an der Monterey-Versteigerung von RM/Sotheby’s am 15. bis 17. August 2019 unter den Hammer. Ein Schätzpreis wurde noch nicht genannt, aber das Einzelstück soll ohne Mindestpreis verkauft werden. Trotzdem dürfte man sicherlich mit einem siebenstelligen Betrag rechnen.

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