Bentley und Rolls Royce Corniche - über die Leichtigkeit des Seins und Fahrens

Erstellt am 23. Oktober 2011
, Leselänge 9min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Daniel Reinhard 
32
Bruno von Rotz 
7
Archiv 
25

Man fühlt sich irgendwie von allen Sorgen enthoben, wenn man im Bentley Corniche fast schwerelos über die Strassen gleitet, die Luft in den Haaren, das dumpfe Grollen des grossvolumigen Achtzylinder-Motors in den Ohren. Alles geht mühelos vonstatten, ein Fingerschnippen genügt, elektrische Unterstützung inklusive.

Der Corniche ist der Bentley/Rolls Royce für Selbstfahrer, obschon sich die Prominenz wie Elton John oder David Bowie, der übrigens einst im fotografierten schwarzen Bentley Corniche reiste, auch chauffieren liessen.


Bentley Corniche (1980) - jetzt muss nur noch die Sonne scheinen
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Bruch mit der Vergangenheit

Als Rolls-Royce 1965 die Limousine Silver Shadow und den baugleichen Bentley T Series in Paris vorstellte, wurden gleich mit einer ganzen Reihe von Traditionen gebrochen. Eine selbsttragende Karosserie aus Stahlblech, eine gegenüber den Vorgängern drastisch verbesserte Aerodynamik, erhöhte passive Sicherheit und knappere Dimensionen, ohne dabei Nutzwert zu verlieren, waren einige der Neuerungen, die die Rolls-Royce-Entwickler ab Mitte der Fünfzigerjahre zuerst mit dem Projekt Tibet und dann mit einer Reihe von Prototypen erprobten und dann zur Limousine Silver Shadow gedeihen liessen. Und er wurde von denen, die sich ein derartiges Fahrzeug leisten konnten, überaus freundlich empfangen.

Coupé und Cabriolet als kreative Ableitung

Die neuen Konstruktionsprinzipien hatten auch Auswirkungen auf die kreativen Ableitungen und Individualkarosserien, die in der Vergangenheit ein bedeutendes Geschäftsfeld für verschiedene Karosseriebauer wie James Young, Barker, Freestone and Webb, Gurney Nutting, Hooper oder etwa Mulliner, Park Ward gewesen waren. Diese hatten auf den selbstragenden Chassis kunstvolle Karosserien aufgebaut, für Leute, die sich das Besondere leisten wollten.

Mit dem Übergang zur “Monocoque-Bauweise” wurden Umbauten ungleich komplexer. Immerhin gelang es James Young eine gekürzte Silver-Shadow-Coupé-Variante zu bauen, die sich rund 50 Mal verkaufte.

Die Entwicklung und der Bau der “offiziellen” Coupé- und Cabriolet-Version des Silver Shadows (und Bentley T-Series) aber wurde Mulliner, Park Ward anvertraut, welche bereits seit geraumer Zeit von Rolls-Royce übernommen worden waren.


Rolls-Royce Corniche Convertible (1971) - die zweitürigen Versionen wurden mit einem stärkeren V8-Motor ausgerüstet
Archiv Automobil Revue

In kürzester Zeit entstand das komplette Styling der zweitürigen Varianten und das wichtigste Element davon war der Schwung auf dem hinteren Kotflügel, der dem Wagen eine gewisse Leichtigkeit und gleichzeitig etwas nostalgisches verlieh. Zudem war das Heck umgestaltet und wirkte zierlicher als bei der Limousine.

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Design fast für die Ewigkeit

In nur sechs Wochen also schuf Bill Allen ein Design, das fast dreissig Jahre lang gebaut werden sollte, was man allerdings 1965 noch nicht wissen konnte. 1966 wurde das Coupé am Genfer Autosalon vorgestellt, 1967 folgte die offene Version, die in London debütierte. Preislich lag die Coupé-Version rund 50% über der Limousine, für das “Drophead Coupé”, so wurde die Cabriolet-Version genannt, waren nochmals 5% mehr anzulegen. Dies entsprach £ 8’500 (exklusive Steuern) oder 112’000 Franken in der Schweiz, fast 119’000 DM in Deutschland. Die Bentley-Version war marginal günstiger zu haben, die Preisdifferenz zum Rolls betrug etwa 1968 50 Pfund oder 600 Schweizer Franken.

Viel Handarbeit, lange Bauzeit

Viel Geld für ein Auto, der Wert entsprach immerhin einem kleinen Einfamilienhäuschen und das sollte sich über die ganze Bauzeit nicht ändern. Es steckte aber auch viel Arbeit in einem zweitürigen Rolls oder Bentley. Die durch “Pressed Steel Fisher” angelieferten Silver-Shadow-Karosserien wurden bei Mulliner, Park Ward in aufwändiger Arbeit in Coupés und Cabriolets umgebaut, für die offene Version mussten zahlreiche Verstärkungen angebracht werden, um die Stabilität der um das Dach beraubten Variante zu erhöhen. Das Cabrio-Dach wurde individuell durch einen Facharbeit in rund einer Woche Arbeit an das Fahrzeug angepasst.


Rolls-Royce Corniche Convertible (1971) - das Verdeck wird in Handarbeit mit einen Aufwand von rund einer Mannwoche und mit Everflex in der Wunschfarbe des Kunden bezogen
Archiv Automobil Revue

Die gediegenen Interieurs wurden nach den Wünschen der Käufer individuell bezogen und ausgestattet, nur feinste Materialien (Holz, Leder) wurden verwendet. Die Standard-Ausrüstung war weitgehend komplett, es wurde für maximalen Komfort gesorgt. Servolenkung, Servobremsen, ein elektrisch öffnendes und schliessendes Dach, sowie sogar einen servo-unterstützten Schalthebel für die Automatik sollten die Besitzer soweit wie möglich von körperlicher Arbeit entlasten.

Mindestens vier Monate betrug die Bauzeit, in vielen Fällen waren es wohl eher sechs und mehr Monate, was wesentlich über den 12 Wochen lag, die für eine Silver Shadow Limousine benötigt wurden.

Technisch entsprachen die zweitürigen Versionen weitgehend der Limousine. Der Leichtmetall-V8-Motor mit zuerst 6.25 und später 6.75 Liter Hubraum wurde mit anderen Ventilsteuerungszeiten und widerstandsärmerem Auspuffkrümmer und Luftfilter auf etwas mehr Leistung getrimmt. Wie damals üblich gab es dazu keine offiziellen Zahlen-Angaben, “genügend plus zehn Prozent” musste als PS-Indikation genügen. Geschaltet wurde automatisch, im Normalfall mit der GM400-Automatik. die von General Motors zugekauft wurde.

Corniche und Reader’s Digest

War das Cabriolet unter der nüchternen Bezeichnung “Silver Shadow Drophead Coupé” zur Welt gekommen, erhielt es 1971 eine eigene Typenbezeichnung: Corniche. Der Name, der romantisch tönt, aus dem Französischen stammt und eine Küstenstrasse beschreibt, war in einer Schriftart auf dem Heck montiert, die Stylist Martin Bourne aus einem Reader’s Digest Magazin entliehen hatte.

Für Historiker sei angefügt, dass es bereits 1939 ein Bentley-Modell namens Corniche gegeben hatte, aber dieses von Van Dooren karossierte und auf einem Bentley Mark V Chassis aufgebaute Einzelstück war nach einer 24’000-km-Testfahrt durch eine Bombe zerstört worden.

Für verwöhnte Enthusiasten

Die Automobil Revue hatte 1971 die Gelegenheit, das neue Cabrio zu fahren: “Im Leerlauf hört man nichts vom Motor, und beim Niedertreten des Gaspedals setzt sich der Rolls Royce Corniche gediegen und ohne Hast in Bewegung ... Die Federung entspricht ganz dem Luxuscharakter des Wagens und hält grosse wie kleine Unebenheiten von den Insassen fern.”

Bereits 125’000 Franken kostete das Auto 1971 und 1980, als Auto Motor und Sport den Rolls-Royce Corniche Convertible fuhr, wurden bereits DM 247’922.- als Richtpreis notiert. Während die 10.7 Sekunden für den Sprint von 0 bis 100 km/h und die Spitzengeschwindigkeit 200 km/h für kaum einen Käufer ein entscheidendes Argument gewesen sein dürften, waren es Exklusivität - 1979 waren 439 Cabriolets gebaut worden - und zeitloser Stil. die insbesondere die Amerikaner vom Engländer überzeugten. Kein Wunder, wurden 80% der Rolls-Fahrzeuge linksgelenkt ausgeliefert. “Wer Massanzüge kauft oder italienische Schuhe kauft, für den ist eben auch im Automobil-Bereich irgendwann nur das Beste gerade gut genug”, erklärte Rolls-Royce-Generaldirektor David Plastow den anhaltenden Erfolg.

Individualität und Qualität, aber nicht überall Spitzenleistungen

Auto Motor und Sport jedenfalls schätzte die gefühlte Qualität: “So vermittelt jeder satt einrastende Schalter das Gefühl von ausgefeilter Perfektion ...”. Allerdings wurde auch kritisiert: Das Wirrwarr elektrischer Hilfen, zufällig verteilte Bedienungselemente, eine manuell zu montierende Abdeckung für das Verdeck, und ein hoher Verbrauch wurden als Minuspunkte genannt, gleichzeitig aber auf hervorragenden Federungskomfort, ein satt schliessendes und wasserdichtes Dach und spürbaren Schub beim Tritt auf das Gaspedal hingewiesen.

Ein gutes Jahr später verglich dann die Motor Revue das Corniche Cabrio mit dem Mercedes 500 SL, dem Porsche 911 SC Cabrio und dem Morgan Plus 8 und schloss diesen Bericht mit der Bemerkung “dem Corniche gebührt die Krone, aber auch die anderen Offen-Autos zeigen, dass der Charakter noch nicht aus allen Blech-Gehäusen gewichen ist - vive la différence - es lebe der Unterschied” ab.

11.3 Sekunden, die das 2’298 kg schwere Corniche Cabriolet für die 0-100 km/h Messung benötigte und die 193,6 km/h Höchstgeschwindigkeit, wie auch die 21,4 Liter Durchschnittsverbrauch erwähnt werden. Ach ja, der Preis betrug zu diesem Zeitpunkt bereits DM 346’910. Doch damit war noch nicht Ende der Fahnenstange, die letzten Modelle standen in der Schweiz für über CHF 430’000 in der Preisliste, fast das Vierfache des ursprünglichen Preises.

Lange Bauzeit und viele Verbesserungen

Der Corniche wurde über die Jahre immer weiter verbessert und an Vorschriften und Geschmack angepasst. Er erhielt massivere Stossstangen und sogar den Ansatz eines Frontspoilers. Die analoge Uhr wich einer Digital-Uhr, das Heckfenster aus Plastik wich einem solchen aus Glas, Airbags und ABS wurden eingeführt, die Räder wurden breiter, die Klimaanlage und immer mehr andere Dinge wurden elektronisch gesteuert. Ab 1985 ersetzte bei Bentley die Bezeichnung “Continental” den Corniche-Schriftzug.

Selten, seltener, am seltensten

Immerhin 6’233 Cabriolets wurden in nicht ganz 30 Jahren gebaut, nur 9% davon trugen den Bentley-Kühler und -Markennamen. Das macht eigentlich die Bentley Corniche zu besonders seltene Artgenossen, was auch die bescheidene Zahl von 15 gebauten Bentley Corniche zwischen 1979 und 1981 beweist, denen das gefahrene und fotografisch festgehaltene Modell dieses Berichtes angehört.

Trotzdem schlägt sich das nicht in einer höheren Wertschätzung nieder, die Unterschiede zwischen den Modellen waren wohl zu gering und viele Leute bevorzugen den noch mehr nach Status-Symbol ausschauenden Rolls-Royce-Kühlergrill mit der “Spirit of Ecstasy” (auch Emily genannt) oben drauf.

Über CHF 120’000 oder € 100’000 notieren Branchenexperten als Wert für ein perfektes Corniche Cabrio, aber der Markt bietet auch bedeutend günstigere Exemplare. Wartung und Unterhalt können allerdings grosse Löcher in zu kleine Geldbeutel reissen und die Ersatzteile werden teilweise mit Gold aufgewogen.

Wie einst David Bowie

Ob David Bowie in seinem schwarzen Bentley Corniche Cabrio mit Baujahr 1980 selbst fuhr oder sich fahren liess wissen wir nicht, aber beides gehört sicher zu den genussvolleren Dingen im Leben. Mühelos gleitet der Wagen dahin, rollt sanft ab, verhindert jegliche Hektik. Es ist, als ob die Zeit langsamer läuft, der Stress entschwindet, man geniesst die Sonne, riecht Blumendüfte und hört Vögel trillern. “Space Oddity” und “Ashes to Ashes” sind da völlig unnötig, lieber stellt man fest, dass man vom Wagen fast nichts, aber von der Umwelt viel mehr hört. Majestätisch.

Achtung - Garagengrösse beachten

Obschon der Wagen vergleichsweise kompakt ausschaut, sind auch seine Dimensionen königlich. 5,2 Meter lang, 1,83 Meter breit und 1,52 Meter hoch ist der Corniche und überragt damit die meisten seiner wohlfeileren Artgenossen. Drum, selbst bei sinkenden und durchaus attraktiven Preisen sollte man zuerst die Garagengrösse und die Tauglichkeit der Einfahrt überprüfen, bevor man sich einen Corniche zulegt.

Wir danken dem Besitzer für seine Unterstützung bei der Foto-Session.

Produktionsstatistik

Typenbezeichnung Bentley Rolls Royce
James Young Saloon (Coupé) 15 35
Mulliner, Park Ward Saloon (Coupé) 98 568
Corniche Saloon (Coupé) 63 1108
Mulliner, Park Ward Drophead Coupé (Convertible) 41 505
Corniche Convertible (1971-1985) 77 3239
Corniche II (1986-1989)   1234
Corniche III (1990-1991)   452
Corniche IV (1992-1995)   219
Corniche S (1995)   25
Continential (1985-1995) 433  
Continental Turbo (1992-1995) 8  
Total 735 7385
Total Cabriolets 559 5674
Davon LHD 64% 80%

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