„Originell geformt“ – Chevrolet Camaro Frua Coupé

Erstellt am 9. September 2020
, Leselänge 7min
Text:
Stefan Dierkes
Fotos:
RM Sotheby's 
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Archiv Roberto Rigoli, Familie Frua 
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Archiv 
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Der italienische Automobildesigner Pietro Frua (1913–1983) schuf in seiner fünf Jahrzehnte währenden Karriere viele Karosserien die ihn nicht nur zu Lebzeiten zu einem der bekanntesten „Fashion Kings of the Car World“ machten, sondern auch den Test der Zeit überstanden und noch heute zu den schönsten Oldtimern aller Zeiten gezählt werden, darunter seine Entwürfe für Maserati (A6G, Mistral, Quattroporte), Renault (Floride), Glas (GT) und den ersten Monteverdi (High Speed 375 S). Doch wie jeder Designer hatte er auch schwache Stunden, in denen ihm die Linienführung nicht so glückte oder er sich den Wünschen seines Auftraggebers beugte.


Chevrolet Camaro Frua Coupé (1976) - Sich am sonnen
Copyright / Fotograf: Archiv Roberto Rigoli, Familie Frua

Ähnlichkeiten zu früherem Design

Fruas erstes Coupé auf Basis des Chevrolet Camaro entstand 1968 und ähnelte – trotz des um 23,5 cm längeren Radstandes – seinem Monteverdi High Speed. Nach der Präsentation des blaumetallic lackierten Coupés mit großer Heckklappe auf dem Pariser Salon im Oktober 1968 urteilte Cyril Posthumus im amerikanischen Road & Track Magazin kurz und knapp: “Best looking Camaro ever.”


Chevrolet Camaro SS Coupé Frua (1968) - sehr elegantes Kleid von Pietro Frua für den amerikanischen Sportwagen
Archiv Automobil Revue

Der Wagen wurde von Frua mit einer in einen goldmetallicfarbenen Ton geänderten Lackierung auf der New York Auto Show im April 1969 gezeigt, was zum Unmut des Monteverdi Pressemanns Carl L. Wagner führte, der dort zwei Monteverdi 375 S mit Frua- und mit Fissore-Karosserie ausstellte.

Europäisierung amerikanischer Muscle Cars

Acht Jahre später erhielt Frua von dem New Yorker Unternehmen Multi-Passenger Export Inc. (M.P.X.) den Auftrag zur Konversion der seit 1970 erhältlichen zweiten Auflage des Chevrolet Camaro. Dieser sollte sowohl als Komplettfahrzeug als auch als Bausatz (engl. „Kit“) über die General-Motors-Händler in den USA vertrieben werden. Die Europäisierung amerikanischer Muscle Cars im Kit-Car-Verfahren war Mitte der Siebziger Jahre in den USA ein Nischenmarkt für Kunden, die sich unterscheiden und die robuste amerikanische Großserientechnik mit dem luxuriösen oder eleganteren europäischen Look kombinieren wollten. Der M.P.X.-Auftrag an Frua für die Modifikation des Camaro und seinen GM-Verwandten Pontiac Firebird beinhaltete eine europäisierte Front, ein Fließheckeck mit großer Heckklappe („Europo rear hatch“) und herausnehmbare T-Roof-Dacheinsätze. Ansonsten sollte die selbstragende Karosserie im mittleren Teil beibehalten werden. Ob das Design-Vorbild des im Vorjahr präsentierten Lancia Beta Montecarlo des Pininfarina-Designers Paolo Martin bereits Bestandteil des Briefings für Frua war, lässt sich nicht mehr nachvollziehen.


Chevrolet Camaro Fastback II Frua (1976) - keiner seinen besten Würfe, Pietro Fruas eigenwillige Interpretation des Camaro
Archiv Automobil Revue

Frua fertigte unter der Auftragsnummer 378 zunächst für den Camaro am 5. Juli 1976 drei 1:10-Entwürfe mit den Designnummern 917, 918 und 919 an, die er als „Modifikationsskizzen“ bezeichnete. Sein Kunde M.P.X. wählte offenbar den Entwurf 917 aus, der sich nicht mehr in Fruas Nachlass befindet. In den beiden erhalten Entwürfen variierte Frua die Front, die breite B-Säule mit Lüftungsschlitzen, das Fließheck ohne Seitenfenster und die Rückleuchten.

Der umzubauende Camaro mit der Fahrgestellnummer 1Q87L6N629737 wurde im Juni 1976 im GM-Werk in Norwood in Ohio produziert und mit dem leistungsstärksten „Small-Block“ V8-Motor (LM1) mit 5,7 Litern Hubraum und 165 SAE-PS an Frua geliefert. Frua ersetzte die Front und das Heck des Camaro durch seinen eigenen Entwurf, offenbar ohne dafür die übliche 1:1-Konstruktionsbezeichnung angefertigt zu haben. Möglicherweise nutzte er stattdessen eine noch in seiner Werkstatt vorhandene Holzform oder passte die handgefertigten Bleche auf andere Weise an.


Chevrolet Camaro 'Europo Hurst' by Frua (1976) - Der Motor
Copyright / Fotograf: RM Sotheby's
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Verspätete Präsentation auf dem Turiner Salon 1976

Den mit Verspätung fertiggestellten, modifizierten Camaro präsentierte Frua schließlich auf seinem Stand beim 56. Turiner Salon vom 3. bis 14. November 1976 gemeinsam mit dem aus dem Vorjahr bekannten 1975 BMW 3.0 Si (E9) Frua Coupé und dem ebenfalls neuen 1976 BMW 520i (E12) Frua Coupé. Der blaumetallic lackierte Camaro hatte eine flachere, schwarz eingerahmte Front mit Doppelscheinwerfern erhalten, zwischen denen sich die ebenfalls flachere Motorhaube absenkte. Auf dem Blech vor der Motorhaube kündigte ein rechteckiges Logo mit dem Chevy-Logo, der italienischen Flagge und dem Camaro-Schriftzug von der transatlantischen Herkunft des Coupés. Der breitere und niedrigere Kühlergrill wurde nach unten durch die durchgehende schwarze Stoßstange begrenzt. Auf ihm prangte das Chevy-„Bowtie“-Logo mit einer zusätzlichen Frua-Signatur. Das Luftleitblech unter der Stoßstange mit einem weiteren Lufteinlass entsprach unverändert dem Serien-Camaro. Das Heck ersetzte Frua durch ein Fastback mit großer Hecklappe, wie er sie schon erstmalig 1963 bei seinem Maserati Mistral Coupé sowie 1968 bei seinem ersten Camaro eingesetzt hatte. Zusätzliche seitliche Scheiben sorgten für einen transparenten Glashaus-Effekt. Analog zu der offensichtlich dem Vorbild der Kunststofffront des 1975 präsentierten Lancia Beta Montecarlo nachempfundenen, schwarz umrahmten Front schloss Frua auch das Heckblech mit einem schwarzen Rahmen mit Spoilerlippe ab. Die breiten Rückleuchten erhielt der Camaro von dem gleichzeitig beauftragten Pontiac Firebird. Der Seitenansicht verhalf Frua außer durch das Fließheck auch durch eine über die gesamte Länge verlaufende dünne Gummileiste einen neuen Look. Dach und Türen entsprachen dem Serien-Camaro.


Chevrolet Camaro Frua Coupé (1976) - Am Autosalon Turin 1976
Copyright / Fotograf: Archiv Roberto Rigoli, Familie Frua

Im Innenraum blieben die Seriensitze mit den hohen Rückenlehnen mit integrierten Kopfstützen und weißen Vinyl-Bezügen ebenso wie das schwarze Armaturenbrett mit dem weißen Instrumenteneinsatz unverändert. Nur das Chevrolet-Logo auf Lenkradnabe ersetzte Frua durch sein geschwungenes Signet aus den Fünfzigerjahren.

Da der Camaro erst nach dem Pressetag auf dem Turiner Salon eintraf, blieb er gegenüber dem neuen BMW 520i Frua Coupé von der Automobilpresse weitgehend unbeachtet. Nur die wie immer akkurate Automobil Revue widmete ihm eine Zeile: „Bemerkenswert ist ferner ein mit Verspätung eingetroffener Chevrolet Camaro mit originell geformter neuer Front und stark verglastem Fliessheck (Dach und Türen original), der für einen USA-Kunden gebaut wurde.“

Ausstellung auf der New York Auto Show 1977

Zwei Monate später, vom 29. Januar bis 6. Februar 1977, stellte der Auftraggeber M.P.X. Fruas Camaro Fastback auf der 5. Greater New York Automobile Show aus. Inzwischen waren die gewünschten herausnehmbaren T-Roof-Dacheinsätze des Zubehörherstellers Hurst montiert und der Wagen als „Frua designed Camaro hatch back“ und „Europo Hurst Conversion“ bezeichnet. Außerdem war der Wagen jetzt mit Leichtmetallrädern des amerikanischen Herstellers Victor mit Goodrich-Reifen mit weißen Lettern ausgerüstet. Auf dem schreibmaschinengeschriebenen Informationsblatt wurde der Umbaupreis mit 2.650 Dollar ohne und 3.250 Dollar mit T-Roof-Einsätzen genannt, wozu noch der etwa gleichhohe Preis eines Serien-Camaro zu addieren war. Die Herstellung sollte Custom Enterprises in New York übernehmen und der Vertrieb über die Slano Corp. und das GM-Händlernetz erfolgen. Im August 1977 gab die Standard Motors Corp. aus Miami in Florida bekannt, das sie exklusiv den Vertrieb der Frua Camaro- und Firebird-Umbauten übernehmen würde. Für das Jahr 1978 kündigte Standard Motors außerdem europäisierte Umbauten des Chevrolet Caprice und des Chrysler L Baron im Rolls-Royce-Look sowie des Chevrolet Monza, Pontiac Sunbird, Oldsmobile Starfire, Buick Skyhawk und Ford Granada/Mercury Monarch im Mercedes-Benz-Design an.
Fruas Pontiac Firebird wurde mit dem gleichen Fließheck aber serienmäßiger Front auf der New York Auto Show im Januar 1978 ausgestellt.


Chevrolet Camaro Frua Coupé (1976) - an der Auto Show New York 1977
Copyright / Fotograf: Archiv Roberto Rigoli, Familie Frua

Versteigerung des Sammlerstücks im September 2020

Zu einer Serienproduktion des Umbausatzes kam es jedoch nicht. Seit den frühen 1980er-Jahren ist der kalifornische Autohändler, -gutachter und -sammler Dennis Mitosinka Besitzer des von Frua umgebauten Camaro. Als er ihn im August 2003 bei der Sonderausstellung zum 100. Geburtstag von Pietro Frua auf dem Concorso Italiano in Monterey zeigt, hat der Wagen erst 2.961 Meilen auf dem Tacho. Die empfindliche weiße Vinyl-Innenausstattung wurden bereits vom Vorbesitzer hellblau eingefärbt und die Sitze durch solche mit Stoffbezügen und verstellbaren Kopfstützen ersetzt. Die Reaktionen des Publikums waren gemischt. Während manchen das Design gefiel, äußerten sich andere ablehnend, darunter laut Mitosinka einer, der den Wagen als „das hässlichste Ding auf Reifen“ bezeichnete. Das Magazin „Car and Driver“ beschrieb den Look als „homely“, was soviel wie hausbacken, unattraktiv oder auch hässlich bedeutet, und ergänzt „aber wenigstens ist es ein Einzelstück“. Der damals 57-jährige Mitosinka hatte jedenfalls ein Faible für solche Raritäten.


Chevrolet Camaro 'Europo Hurst' by Frua (1976) - Das Seitenprofil
Copyright / Fotograf: RM Sotheby's

Vom 16. bis 25. September 2020 wird der Frua Camaro „Europo Hurst“ ohne Mindestgebot mit der gesamten Mitosinka-Sammlung bestehend aus weiteren 30 Fahrzeugen und über 400 Automobilia von RM Sotheby’s in Santa Ana versteigert. Seit 2003 hat sich der Tachostand des Camaro erst auf 3.147 Meilen erhöht. Das Autionshaus erwartet für das Chevy-Einzelstück einen Verkaufspreis von USD 80’000–$120'000.

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