Klein, aber oho! Ein Besuch der Kleinwagen-Oldtimersammlung Voit

Erstellt am 30. März 2021
, Leselänge 6min
Text:
Wolfram Hamann
Fotos:
Wolfram Hamann 
56

Irgendwo in St. Ingbert, einer Mittelstadt des Saarlandes mit industrieller Vergangenheit, befindet sich in einer alten Industriehalle auf 900 qm die private Sammlung historischer Kleinwagen von Stefan Voit. Diese kann nach telefonischer Voranmeldung besichtigt werden.

Gezeigt werden Fahrzeuge aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren in einer farbenfrohen Campingplatzdekoration. Doch neben Autos sind auch Anhänger, kleine Wohnwagen und Zweiräder zu finden. Entsprechend der Ausrichtung dieses Forums beschränken sich die folgenden Ausführungen allerdings auf die Automobile, hier also auf die Klein- und Kleinstwagen.


Blick in die Sammlung Voit
Copyright / Fotograf: Wolfram Hamann

Dabei sei vorab klargestellt, dass der Verfasser dieser Zeilen nicht zu jenen Zeitgenossen gehört, die beim Anblick etwa einer Isetta verzückt dem Kindchenschema anheim fallen. Vielmehr erinnert er sich noch gut an die Zeit, als man froh war, überhaupt einen "fahrbaren Untersatz" zu haben, um "motorisiert" zur Arbeit fahren zu können. Denn damals fuhr man nicht aus Überzeugung Fahrrad, sondern eher in Ermangelung bequemerer und schnellerer, gern auch überdachter Gefährte. Die Kleinwagen der sogenannten Wirtschaftwunderzeit sind also eigentlich gar nicht "niedlich". Vielmehr gebührt ihnen bzw. ihren Konstrukteuren, die mit einfachen Mitteln etwas auf die Räder gestellt haben, Respekt.

Kleine Autos, grosse Geschichten

Wer nun meint, man wäre mit der Saarländer Ausstellung "schnell durch", der irrt sich gewaltig. Natürlich beanspruchen Klein- und Kleinstwagen weniger Fläche als etwa US-full-size-cars - doch vor allem gilt, dass der umtriebige Hausherr dem Besucher vieles zu erzählen hat. Und deshalb sollten rund 3 Stunden für die Führung schon eingeplant werden.

Dabei ist das Interesse des Sammlers Stefan Voit keineswegs nur auf Automobile beschränkt. Denn Voit sammelt vieles, zum Beispiel jegliche Art von alten Radios, Phono-, Film- und Fotogeräte. In der Deko der Ausstellung kann man daher immer wieder Sammlerstücke, Kuriositäten oder längst vergessen geglaubte Dinge aus der eigenen Kindheit entdecken. Sofern diese nach dem Zweiten Weltkrieg und vor 1970 lag. Denn dadurch und bei einer Obergrenze von ca. 600 ccm Hubraum ist ungefähr der Rahmen dieser vorzüglichen Sammlung abgesteckt.

Die Exponate befinden sich durchweg in sehr gutem Zustand und wurden oft vom Hausherrn selbst restauriert.


Blick in die Werkstatthalle - im Regal oben links ein AWS Shopper
Copyright / Fotograf: Wolfram Hamann

Doch wie kommt man auf die Idee, gerade historische "Microcars" zu sammeln? Voit, nebenbei auch begeisteter Sportler und Motorradfahrer, entdeckte einst auf dem Vespa-Stand der Motorradmesse in Saarbrücken zufällig einen Messerschmitt Kabinenroller. Um es kurz zu machen: Aufgrund einer etwas vorwitzigen Bemerkung gegenüber einem seiner Söhne sah er sich plötzlich im Wort und erwarb stante pede einen. Und da er sein Sammlergen in der Folgezeit augenscheinlich nicht unterdrücken konnte, kam dann noch so manch ein Klein- oder Kleinstwagen hinzu...

Zwischen alten Bekannten und neuen Freunden

Bei einem Rundgang neigt man natürlich dazu, zunächst die vermeintlich alten Bekannten zu begrüßen. Klar: Isetta, Goggo, Messerschmitt und Heinkel Kabine fallen dem Besucher sofort ins Auge. Weil er zunächst ja nur das sieht, was er sehen will. Doch schon auf den zweiten Blick sind seltenere Fahrzeuge wie Gutbrod, Maico, Fuldamobil oder Kleinschnittger, Zündapp Janus und andere Kuriositäten zu entdecken.

Nicht immer muss dies übrigens original sein - so gab es offiziell nie eine Heinkel Kabine als (meines Erachtens übrigens stilistisch gelungenen) "Roadster" und auch einen "aufgeschnittenen" Fiat 500 offerierte das Werk seinerzeit nicht. Originalitätsfetischisten mögen das nicht goutieren - interessant ist es aber allemal. Und hier - inmitten von Raritäten, Unikaten und Prototypen - passt es ganz einfach.


Fiat 500 (1965) - Umbau zum Roadster
Copyright / Fotograf: Wolfram Hamann

Der besondere Reiz dieser Sammlung liegt nun darin, dass der Chef der Sammlung - der diese nicht als Museum sieht und folglich auch nicht so bezeichnet - zu wirklich jedem Exponat eine spannende Geschichte parat hält - "every car tells a story" sozusagen. Diese kann sich auf die Technik oder die Entstehungsgeschichte des Kleinmobils beziehen oder aber darauf, auf welche verschlungene Art und Weise das Auto Einzug in die Saarländer Sammlung gefunden hat.

Angebote von Zwischengas-Spezialisten
Rolls Royce Silver Shadow II (1980)
Jaguar XJ12 5.3 HE Sovereign (1985)
Rolls-Royce CORNICHE Coupé (1976)
Land Rover Series 1 86 Inch (1955)
+41 62 788 79 20
Safenwil, Schweiz

Aus aller Welt

Beginnen wir unseren Rundgang und greifen einige Autos heraus, die der Berichterstatter zum ersten Mal gesehen hat: Zu entdecken ist etwa der Pengor Penguin, das Unikat eines winzigen viersitzigen Amphibienfahrzeugs, an dessen Front das BMW-Logo prangt. Es wurde 1965 in Kanada gebaut und gehörte einst dem Industriellen und BMW-Anteilseigner Harald Quandt, was das wohl eher scherzhaft gemeinte Emblem erklären würde.

Etwas skurril erscheint mir der Norsjö-Shopper aus Schweden, ein dreirädriges Fahrzeug aus der 50 ccm-Klasse, mit einer Fronttür ähnlich der Isetta, dafür hinten offen.

Gewöhnungsbedürftig ist auch der ebenfalls dreirädrige Velorex aus Tschechien, ein bis in die 1970er Jahre gebautes Fahrzeug. Bei ihm besteht die Karosserie aus Stoff, welches über einen Rohrrahmen gespannt ist.

Noch seltener ist wohl der hübsche kleine Sportwagen PTV 250 aus Spanien mit seiner geschmackvollen Zweifarbenlackierung. Bei dem hier gezeigten Exemplar handelt es sich um das einzige außerhalb Spaniens.


PTV 250 (1961) - hübscher kleiner Sportwagen aus Spanien
Copyright / Fotograf: Wolfram Hamann

Ein Dach über dem Kopf bot der als führerscheinfreier Stadtwagen offerierte Meister K 5 aus Österreich, der allerdings ausnahmsweise schon aus den 1970er Jahren stammt. In perfektem Zustand präsentiert sich der rot/weiß lackierte Champion CH-2 von 1949. Er stammt aus dem Bestand von Bruce Weiner, dessen Sammlung von "Microcars" 2013 unter großer medialer Beachtung versteigert wurde. Damals erzielte ein FMR Tg 500 "Tiger" einen Rekordpreis. Fast überflüssig zu erwähnen, dass sich auch ein Exemplar dieses legendären vierrädrigen Kabinenrollers auch in der Sammlung Voit findet. Eigentlich sind es sogar zwei, denn eine aus Eisenteilen zusammengeschweißte Skulptur des "Tigers" im Maßstab 1:1 befindet sich direkt daneben.


FMR Tg 500 (1961) -
Copyright / Fotograf: Wolfram Hamann

Eine besondere Rarität ist zweifellos auch der Prototyp des (Buckle) Goggomobil Dart, eines sportlichen, türlosen Roadsters mit Kunststoffkarosserie auf Goggomobil-Basis. Das gezeigte Exemplar wurde in Australien gebaut und mit einer Lockheed Super Constellation nach München gebracht. Nachdem man bei Glas das okay erhalten hatte, startete die Firma Buckle mit der Kleinserienproduktion in Australien.

Stefan Voit erklärt seine Autos stets kurzweilig und humorvoll - etwa, wenn er die eher überdimensionierte Fronthaube des britischen Bond Three-Wheeler öffnet und demonstriert, dass das Fahrzeug quasi auf der Stelle drehen kann.

Bemerkenswert fand der Verfasser auch den ausgestellten Nachbau eines Glas Isar S 35. Bei diesem auf der IAA 1959 präsentierten Fahrzeug handelt es sich um ein sportliches Coupé mit der modifizierten Karosserie des Goggo-Coupés, erkennbar an den vorn angeschlagenen Türen und einer markanten Schnauze aus Kunststoff. Es sollte mit dem Boxermotor des Isar T 700 bestückt werden und auf 12-Zoll-Rädern stehen. Doch der S 35 ist nie auf den Markt gekommen. Die Verkaufsprospekte waren schon gedruckt, aber dann machte der Hersteller einen Rückzieher. Schön, dass dieses Projekt hier dokumentiert wird.


Glas Isar S 35 (1965) - Nachbau
Copyright / Fotograf: Wolfram Hamann

Vergessen dank bestimmungsgemässem Nutzen

Das große Verdienst der Sammlung Voit besteht darin, eine erstaunliche Bandbreite von Kleinstfahrzeuge der Nachkriegszeit darzustellen, wobei deren Bedeutung durch die anschaulichen Erläuterungen des enthusiastischen Sammlers erlebbar wird. Beim Betrachten eines originalen Goggomobil TL 250 der Deutschen Bundespost erkennt man, dass dieser kleine und praktisch konstruierte Kastenwagen seinen Zweck schon weit vor dem später berühmt gewordenen Volkswagen "Fridolin" erfüllte.

Und zweifellos ist der sechssitzige Lloyd LP 600 der Ahn jener Fahrzeuggattung, die man erst Jahrzehnte später "Van" nannte. In der Sammlung Voit findet man Fahrzeuge, die seinerzeit eine Bedeutung und Berechtigung hatten. Oft sind sie wohl nur deshalb in Vergessenheit geraten, weil sie bestimmungsgemäß aufgebraucht wurden oder weil Ihnen das Potential zu einer spekulativen Wertanlage fehlte. Dennoch sind diese einfachen, oft minimalistischen Fahrzeuge echte Ingenieurleistungen und automobilhistorisch bedeutsam.


Velorex (1965) - Dreirad aus der Tschechoslowakei
Copyright / Fotograf: Wolfram Hamann

Am Ende meines Rundgangs kommt der Gastgeber noch mal auf seine weiteren Sammlungen zu sprechen - etwa auf ungewöhnliches, in Japan hergestelltes mechanisches Spielzeug für den US-Markt. Und ganz am Schluss hat der humorvolle Sammlungschef für mich noch ein Rätsel in Form eines handtellergroßen Apparates parat. Dessen Auflösung sei hier ausnahmsweise verraten: Es handelt sich um eine Schleifmaschine für Rasierklingen. Auch so etwas hatte der Berichterstatter vorher noch nie gesehen...

Kleinwagen Oldtimersammlung Voit

Ein Besuch ist nur mit vorheriger telefonischer Terminvereinbarung für Gruppen möglich (idealerweise in der Größe von 10 bis 15 Personen). Reservationen kann man unter der Nummer +49 (0) 171 975 50 07 tätigen.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von Raymond
06.04.2021 (09:14)
Antworten
Danke euch mal wieder für dieser toller Artikel. Bin wirklich gespannt wo es noch mehr solche Perlchen gibt.

Gruss aus die Niederlande
von Strich 8
06.04.2021 (23:02)
Antworten
Zwei Anmerkungen zu der Aussage: "Nicht immer muss dies übrigens original sein - so gab es offiziell nie eine Heinkel Kabine als(meines Erachtens übrigens stilistisch gelungenen) "Roadster" und auch einen "aufgeschnittenen" Fiat 500 offerierte das Werk seinerzeit nicht."

Fiat bot ein Cabriolet, sogenanntes "Beach Car", als Fiat 500 JOLLY GHIA (Spiaggina) an.

Beim Heinkel Kabinenroller muss man schon genauer recherchieren. Nach einer Klage von BMW wegen der Ähnlichkeit der Isetta mit dem Kabinenroller musste Heinkel sein Werk in andere Teile der Welt verlegen. Produktionsanlagen und -rechte wurden 1958 nach Irland an die Dundalk Engineering Company verkauft und gelangten 1960 an die britische Firma Trojan Cars Limited, die diese Fahrzeuge unter den Namen Trojan 200 noch bis 1966 baute. Heinkel Kabinenroller wurden auch in Don Torcuato Argentinien unter Lizenz bei Los Cedros S.A.C.I.F von 1959 bis 1962 produziert.
1960 kamen Lieferwagen (Vans) auf den Markt und es gab auch Cabrios (Convertibles). 1963 kam es zu einer Fusion mit Isard Argentina, die in General Pacheco, Buenos Aires, gefunden wurde.
Sie produzierten auch mindestens zwei, möglicherweise auch drei Sportprototypen (Cabriolets). Eins wurde von International Sales in London hergestellt und zur Bewertung an Dundalk geliefert, wo mindestens ein weiteres in Irland hergestellt wurde.

Hier ist ein Foto eines Convertible zu sehen:
https://cybermotorcycle.com/gallery/heinkel/Heinkel-1961-advert.htm

Laut Trojaner-Archivmaterial wurden insgesamt 19 Lieferwagen produziert. Hier ist ein Bild davon zu sehen:
https://www.gettyimages.de/detail/nachrichtenfoto/transport-england-circa-1950s-a-grocer-loads-his-nachrichtenfoto/78970795
von Ru******
15.04.2021 (09:57)
Antworten
Trotz "Campingszenerie", wie es in der Einleitung heißt, kommt dann leider kein einziges Wort über diese solche, die ja in der Halle steht! Sehr schade mal wieder.... Es stehen zwei Dethleffs Camper hintereinander, einer aufgebaut, der andere im Fahrzustand! Der beste kleine Wohnwagen, den es in den 50er u. 60er Jahren zu kaufen gab! Er ist viel mehr, mit seinem voll isolierten und innenraumverkleideten Dach (beim "Export", der "Standard" war sehr selten) samt "Omnisbuslampe", als jeder andere "Faltcaravan". Und er steht in tatsächlich max. 5 Min., mit Beeilung in 3 Min. und nicht mit viel Arbeit in 1 Stunde! Gewicht leer ca. 240-280 kg, je nach Baujahr, gesamt 400 kg, Fahrhöhe ca. 1,52-1,56m, je nach Baujahr. Mit 600ccm oder etwas darüber (z.B. der tolle FIAT 600 mit 770ccm) kann man mit ihm in den Urlaub fahren, mit 500ccm und darunter ist es und war es auch damals schon Quatsch. Herrlich!
Neuen Kommentar schreiben
Möchten Sie einen Kommentar schreiben und mitreden?
  • Ganz einfach! Sie müssen lediglich angemeldet sein, das ist kostenlos und in 1min erledigt!
  • Sie haben bereits einen Benutzernamen für Zwischengas?
    Dann melden Sie sich an (Login).
  • Sie haben noch kein Profil bei Zwischengas? Die Registrierung ist kostenlos und geht ganz schnell.

Aus dem Zeitschriftenarchiv

Aktuelle Fahrzeug-Inserate

Aktuelle Marktpreise (Auswahl)

Limousine, zweitürig, 19 PS, 584 cm3
Kombi, 19 PS, 584 cm3
Limousine, zweitürig, 30 PS, 688 cm3
Kombi, 30 PS, 688 cm3
Kleinwagen, 13 PS, 298 cm3
Kleinwagen, 12 PS, 245 cm3
Coupé, 160 PS, 2982 cm3
Coupé, 40 PS, 992 cm3
Cabriolet, 40 PS, 992 cm3
Coupé, 53 PS, 1189 cm3
Cabriolet, 53 PS, 1189 cm3
Cabriolet, 60 PS, 1290 cm3

Spezialisten (Auswahl)

Spezialist

Wollerau, Schweiz

0445103555

Spezialisiert auf Mercedes Benz, Jaguar, ...

Spezialist

Amtserdam, Niederlande

Spezialisiert auf Ford, Jaguar, ...

Spezialist

Münsingen, Schweiz

+41 31 722 00 00

Spezialisiert auf Lancia, Alfa Romeo, ...

Spezialist

Toffen, Schweiz

+41 31 819 48 41

Spezialisiert auf Ferrari, Maserati, ...

Spezialist

Münsingen, Schweiz

+41 31 566 13 70

Spezialisiert auf Ferrari, Maserati, ...

Spezialist

Schinznach-Dorf, Schweiz

+41564501132

Spezialisiert auf Alfa Romeo, Audi, ...

zwischengas.com

Die umfangreichste Internet-Plattform über Oldtimer, Youngtimer und historischen Motorsport. Mit über 150'000 Besucher pro Monat ist zwischengas.com zur wichtigsten Informationsquelle von Oldtimer-Enthusiasten geworden.

Zwischengas Jahresmagazin

260 Seiten mit Fahrzeugberichten, Veranstaltungsrückblick und Auktionsanalysen.

Ab 6. Dezember 2020 am Kiosk und jetzt im Online-Shop

CHF 12.90 | EUR 9.90 zzgl. Versand

SwissClassics Revue

SwissClassics, das grösste Oldtimermagazin der Schweiz, erscheint mit sechs Ausgaben im Jahr und richtet sich an die Liebhaber von Oldtimern. Berichtet wird über Legenden des Fahrzeugbaus und die Schweizer Oldtimerszene sowie europäische Klassiker-Events.

Bisherige SwissClassics Ausgaben

Loading...

Jetzt kostenlos anmelden und profitieren: mehr lesen und mehr sehen!

Wenn Sie sich mit Ihrem persönlichen Passwort anmelden oder neu registrieren, haben Sie mehr von Zwischengas! Vorteile: weniger Werbung und
andere.
Die Anmeldung ist kostenlos.