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Mit dem Austin 12/6 an der Winter Raid 2011

Erstellt am 24. Januar 2011
, Leselänge 9min
Text:
Beat Weibel (Fahrer) und Pitt Jung (Navigator)
Fotos:
Daniel Reinhard 
32
Rudolf Menzi 
2

Eine Teilnahme mit einem Vorkriegsfahrzeug an einer Rallye ist immer etwas besonderes, wenn die Rallye aber auch noch im Winter und (teilweise) im Schnee stattfindet, wird es zum richtigen Abenteuer. In diesem Bericht werden die Erlebnisse der Besatzung des ältesten teilnehmenden Fahrzeugs an der diesjährigen Winter Raid (2011) zusammengefasst.

Die Anreise und der Prolog Lenzerheide – Klosters

Die Anreise erfolgt (der Austin fährt auf dem Anhänger) bereits am Mittwochnachmittag, um am folgenden Tag genügend Zeit für Vorbereitungen und Wagenabnahme am Startort zu haben. Wir haben uns entschlossen, direkt an den Zielort Lenzerheide zu fahren und Zugfahrzeug und Anhänger dort stehen zu lassen. Schon beim Aufladen des Austin 12/6 ergibt sich die erste Überraschung: einer der drei Vergaser verliert Benzin. Grund: Ein klitzekleines Gummistück behindert das Schwimmerventil, der Vergaser überläuft. Die ist schnell behoben und die Fahrt nach Lenzerheide kann losgehen. Der vorher rekognoszierte Abstellplatz ist schnell gefunden und bei leichtem Schneefall wird der Austin 12/6 abgeladen.

Auf dem Weg von Lenzerheide zum Startort nach Klosters verliert der Austin in den Steigungen nach Alvaneu plötzlich deutlich an Leistung. Zunächst vermuten wir, dass der Motor zu mager läuft, Pitt Jung stellt daher das Gemisch nach. Doch schliesslich wird klar, dass ein Vergaser kein Benzin erhält. Also wird das Schwimmerventil frei gemacht, und endlich läuft der Motor mit voller Leistung. Dies ist auch sehr zu begrüssen, denn in der Zwischenzeit ist es bereits dunkel geworden und es hat stark zu schneien begonnen. Die Sicht mit den relativ schwachen Scheinwerfern und der verschneiten Brille ist alles andere als gut. Der Rest der Fahrt verläuft unproblematisch, ausser einem eindrücklichen Bremstest, der zeigt, wie die mit Schneematsch gefüllten Reifen nahezu widerstandslos auf den Spikes rutschen. Dies ermahnt den Fahrer, bei diesen Verhältnissen sehr vorsichtig zu fahren.

Der erste Tag: Klosters – Davos – Julierpass – St. Moritz – Zernez – Livigno – Passo di Foscagno – Bormio – Tirano – Berninapass – Pontresina – St. Moritz

Schon in der Nacht ist der Wetterwechsel deutlich zu hören - es regnet in Strömen und so geht es auch bis zum Mittag weiter. Nach dem Fahrerbriefing in einem gut geheizten Schuppen, der die warm angezogenen Offen-Fahrer in Kürze zum Schwitzen bringt, geht es los: Die Teilnehmer stürmen in ihren Fahrzeugen los, vor der technischen Abnahme entsteht ein Durcheinander. Nach Komplettierung der Unterlagen und erfolgter technischer Abnahme - unter den interessierten Blicken verschiedener Journalisten und Fernsehteams - können die Lunchpakete gefasst werden und ein heisser Punsch genossen werden. Als ältestes Auto ist der Austin 12/6 ganz offensichtlich eine Attraktion für die anwesenden Medienvertreter.

Punkt 12 Uhr erfolgt der Start nach Davos. Die Strasse über den Wolfgangpass steigt bereits am Anfang ziemlich stark an, so dass hubraumstärkere, später gestartete Vorkriegsfahrzeuge (Lagonda 4.5 Liter und Alvis 2.5 Liter) bereits nach wenigen Kurven zum Überholen ansetzen. Eine erste Schlauchprüfung erwartet die Austin-Besatzung auf der Natureisbahn von Davos. Die mit Spikes ausgerüsteten Michelinreifen erfüllen ihren Dienst bravourös, und wir erreichen das Ziel ohne Dreher. Bereits jetzt zeigt sich, dass Navigationsgeschicke Hubraum- und Leistungsdefizite kompensieren können, braust der Lagonda doch bereits kurz nach der Eisprüfung wieder uns vorbei. Nach einer Spezialprüfung bei Tiefenkastel, die dem Austin durch eine entgegenkommendes Postauto erschwert wird, geht die Fahrt über den Julierpass nach St. Moritz zum Zwischenhalt vor dem Padrutt’s und zum ersten Etappenende nach Zernez. Auf dieser Etappe löst sich der Lenkstock, was Pitt in Zernez glücklicherweise beheben kann.

Im einspurigen Tunnel nach Livigno kommt der Klang des kleinen 1.5-Liter-Sechszylinders wunderschön zur Geltung. Nach dem Tunnel verbessert sich auch das Wetter schlagartig, und auf dem teilweise schneebedeckten Passo di Foscagno kommt ein erstes Mal Winterrallye-Stimmung auf. Es folgen weitere Spezialprüfungen, so z.B. in Tirano eine Doppelschlauchprüfung und ein Stück Fahrt nach Karte, das durch die “Yellow Fox Transponder” kontrolliert wird. Es läuft alles gut, wenn man von einem verpassten Kontrollposten absieht. In der Zwischenzeit ist die Dunkelheit eingebrochen, und wir fahren den Berninapass hoch. Das bedeutet, dass die Kühlerabdeckung wieder runtergerollt werden muss, denn unser Austin verfügt über keinen Thermostaten, so dass der Motor auf Bergabfahrten bei offenem Kühler zu kalt und bergauf bei geschlossenen Kühler zu heiss wird. Um im optimalen Temperaturbereich fahren zu können, ist somit ein manuelles Öffnen und Schliessen der eigens angefertigten Kühlerabdeckung unabdingbar.

Die Stimmung erreicht kurz vor dem Berninapass einen Höhepunkt, als wir im Mondschein entlang meterhoher Schneemauern fahren und uns den Schnee ins Gesicht blasen lassen. So haben wir uns eine Winterrallye vorgestellt! Die Reifen bewähren sich, während andere Mitbewerber Ketten montieren müssen. Auf dem vereisten Lagalp-Parkplatz erwartet uns die nächste Schlauchprüfung, die dank Spikes keine besonderen Probleme stellt. Weiter geht die Nachtfahrt nach Pontresina, wo wir am Etappenende mit Applaus begrüsst werden. Allerdings haben wird die geforderte Durchschnittsgeschwindigkeit auf dieser steilen Etappe deutlich verfehlt. Für die steilen Stücke fehlt es dem kleinen Austin aufwärts an Leistung und viele Steigungen können nur im zweiten Gang bewältigt werden, abwärts wären stärkere Bremsen wünschenswert.

Während der Überführung zum Hotel Kempinski in St. Moritz tanken wir den Austin auf und füllen erstaunlich viel Oel nach. Es zeigt sich, dass den Bergen Tribut gezollt werden muss. 

Zweiter Tag: St. Moritz – Berninapass – Tirano – Passo del Aprica – Passo d. Tonale – Malé – Mezzolombardo – St. Michele a.A. – Avisiotal – Pedrazzo – Passo di Valles – Passo di S. Pellegrino – Canazei – Sellajoch – St. Ulrich – Bozen

Am nächsten Morgen teilen wir wieder einmal das Schicksal vieler Vorkriegsteilnehmer bei Mehrtages-Rallies. Wir müssen als erste los und das Frühstück im noblen Kempinski kann nicht richtig genossen werden. Der Start erfolgt pünktlich um 8 Uhr, und wir nehmen bei wunderschönem Wetter Fahrt in Richtung Berninapass auf.

Eine erste Schlauchprüfung verläuft gut, bei der anschliessenden Spezialprüfung gibt es einige Irrungen und Wirrungen mit der Position des Zielpostens. Positiv denkend und uns am einwandfrei laufenden Austin erfreuend schlucken wir die Enttäuschung hinunter und machen uns auf Richtung Tirano. Mit dem Passo del Aprica erwartet uns eine der steilsten Sonderprüfungen, die der brave Austin aber problemlos meistert. Nachher führt der Weg in Richtung Passo Tonale mit einem ausserplanmässigen Abstecher zu einem Bergdorf und einer weiteren Schlauchprüfung auf einem verschneiten Parkplatz auf der Passhöhe. Danach fahren wir der warmen und direkt ins Gesicht scheinenden Sonne entgegen  zum Etappenziel nach Mezzolombardo. Im Gegenlicht fehlten uns ein paar schützende Sonnenblenden. Am Etappenziel versuchen wir vergeblich aufzutanken, aber nichts geht während der Mittagspause.

Das Mittagessen findet in St. Michele a.A. , wo uns eine umfangreiche italienische Mahlzeit mit Antipasto, Risotto, Pasta, Hauptgang, Nachtisch und Kaffee erwartet. Allerdings wird die Zeit knapp, den Hauptgang lassen wir aus und den Kaffee trinken wir bereits beim Hinauseilen.

Am Nachmittag erfolgt bereits am Start eine dynamische Sonderprüfung, bei der wir mit unserem 81-jährigen Kleinwagen keine Chance haben. Dies tut dem Fahrspass jedoch keinen Abbruch, lässt die rasante Fahrt durch das Avisiotal doch Eindrücke der Monte Carlo Rallye hochkommen. Der Valles und S. Pelligrino Pass bringen den Austin wieder an seine Leistungsgrenze, doch wir wollen das 1.5-Liter-Maschinchen nicht überlasten und tuckern unbeirrt mit 3000 U/Min im zweiten oder dritten Gang den Berg hoch. Dies gibt uns reichlich Gelegenheit, die Kurventechnik der uns zahlreich überholenden Mitstreiter zu studieren. In Canazei zweigt die Route über das Sellajoch ins Grödental ab. Die Stimmung unter den Sellatürmen und die Aussicht im Mondschein sind atemberaubend und entschädigen mit dem herzlichen Empfang in St. Ulrich für manchen Ärger. Unsere Bequemlichkeit, die Kühlerabdeckung nach dem Pass und auf der Überführungsetappe nach Bozen nicht wieder zu schliessen, rächt sich. Der Motor reagiert mit Arbeitsverweigerung des ersten Zylinders aufgrund einer total “versoffenen” Zündkerze. Im Hotel verpassen wir den Aperitiv, kommen aber noch rechtzeitig zum Abendessen.

Dritter Tag: Bozen – Mendelpass – Gampenjoch – Lana – Etschtal – Solden – Ofenpass – Zernez – St. Moritz – Julierpass – Lenzerheide

Der Start in Bozen erfolgt wieder um 8 Uhr und zwar im Nebel, den wir über die herrliche Strecke über den kurvenreichen, toll zu fahrenden Mendelpass und das Gampenjoch schon bald unter uns lassen. Dabei werden wir über weite Strecken von einem Fernsehteam begleitet und gefilmt. In rasanter Fahrt ging es nach Lana und an Meran vorbei durch das Etschtal nach Solden am Fuss des Stilfserjochs. Obgleich die Strecke nach Solden sehr steil ist, gelingt es uns ein erstes Mal, die Etappen-Sollzeit einzuhalten. Das Mittagessen ist hervorragend gekocht aber für hungrige Rallyefahrer etwas knapp bemessen. Den Nachtisch lassen wir aus zeitlichen Gründen aus, den Kaffee trinken wir wieder fliegend.

Für die letzte Etappe tauschen wir die Plätze. Es geht es den Ofenpass hoch nach Zernez und St. Moritz. Dazwischen gibt es eine weitere Schlauchprüfung, bei der es sich wieder einmal zeigt, dass auch die Navigation ihre Herausforderungen birgt. Es folgt der Julierpass, auf dem es zum ersten Mal richtig kalt wird. Nach dem Nachziehen der Radmuttern gehen wir auf die letzte Sonderprüfung und meistern schliesslich den Anstieg nach Lenzerheide. Die von der Passabfahrt noch halb geschlossene Kühlerabdeckung führt beinahe zur Überhitzung des Motors. In der Lenzerheide werden wir herzlich empfangen und absolvieren die zusätzliche Schlauchprüfung, die anstelle, des aufgrund zu hoher Temperaturen nicht durchgeführten Eisslaloms, in die Rallye aufgenommen wurde.

Am Ziel! Erleichtert über das unfall- und pannenfreie Abschneiden machen wir uns ans Aufladen und auf die Heimfahrt. Das Auto war von Pitt hervorragend vorbereitet worden und hat die Parforce-Tour ohne grössere Probleme gemeistert. Keine schlechte Leistung, wenn man bedenkt, dass der Austin den grössten Teil seiner Zeit in Australien verbracht hatte und zum ersten Mal über verschneite Alpenpässe bewegt wurde. Der kleine - und zumindest in der Ebene - sportliche Wagen von 1930 hat die Sympathien der Zuschauer genossen. Und dass ein 18. Rang dabei herausgeschaut hat, ist in Anbetracht der schnellen Konkurrenz, die bis zum Lancia Stratos reichte, doch sicher eine Erwähnung wert.

Und die Ergebnisse der Rallye?

Fred-Marc und Silvia Branger gewinnen die Rallye auf Ihrem Porsche 911 von 1977. Zweite werden Reto Ganser und Harald Seibert auf dem Porsche 356 A aus dem Jahre 1959. Als Dritte klassieren sich Stefano und Susanna Ginesi auf dem Alfa Romeo GT 1750 aus dem Jahre 1971. Vierte werden Daniel A. Pfirter und Kurt Schmidt auf einem weiteren Alfa Romeo 1750 GT Veloce aus dem Jahre 1969 und Fünfte schliesslich Ulrich und Chantal Körner auf einem Porsche 911 von 1967.
Als beste Vorkriegsautos klassieren sich Louis Frey und Bruno Hürlimann mit dem Lagonda M35 Rapide Le Mans von 1934 auf dem hervorragenden neunten Rang, während unser Austin 12/6 auf dem 18. Rang und somit 2. Platz der nicht explizit geführten Vorkriegswertung landet.
Die detaillierten Ergebnisse können auf der Website der Winter RAID angeschaut werden.  (http://www.raid.ch/s-winter/home.php)

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