Gewiss, es wird vieles mit Goodwood verglichen, aber im Falle des Memorial Bergrennen Steckborn, das am 23. und 24. September 2023 zum fünften Mal durchgeführt wurde, ist der Vergleich gar nicht so weit weggeholt. Wie das Goodwood Festival of Speed zieht das Memorial überraschend grosse Besuchermengen (knapp 10'000 gemäss Organisation) an. Wie das Festival of Speed führte die Strecke einen nicht allzu grossen Berg hoch und misst etwa 3,2 Kilometer in der Länge.
Wie in England starten eine Vielzahl an Fahrzeugen (gemäss Organisation rund 345 Rennsportwagen, historische Autos und Motorräder) und wie beim Festival of Speed werden auch Zukunftstechnologien wie das Elektroauto gezeigt.
Ein Unterschied ist, dass die Strecke von Steckborn nach Eichhölzli nicht an einem Schloss vorbeiführt, obwohl das kleine Städtchen am Bodensee auch ein solches zu bieten hätte, welches aber halt anderswo gelegen ist.
Auch die Begeisterung bei Teilnehmern und Zuschauern ist in der Ostschweiz wohl kaum geringer als jene, die beim Anlass des Duke of Richmond jeweils zu spüren ist. Nur dass in Steckborn auch Kuhglocken zum Einsatz kamen, um die Fahrer zu feiern.
Auch in Steckborn geht es kaum um Millisekunden, sondern primär um das Dabeisein und das Vorführen historisch interessanter Fahrzeuge. Die Strecke selber ist durchaus nicht anspruchslos, die Fahrer werden aber durch zwei Schikanen und weitere Verengungen eingebremst. Zudem herrscht gemäss Reglement Überholverbot, allerdings kamen einige Piloten nicht umhin, langsamere Autos hinter sich zu lassen.
Optimale Wetterbedingungen
Petrus ist offenbar ein Steckborn-Fan, jedenfalls bescherte er das kleine Städtchen am Bodensee mit weitgehend schönem Herbstwetter, ohne die Motoren mit hohen Temperaturen vor unlösbare Probleme zu stellen.
Der Sonntag war noch ein bisschen besser als der Samstag, aber schon der erste Tag erfreute mindestens teilweise mit Sonnenschein.
Ein Volksfest
Natürlich sind 3,2 km Streckenlänge nicht mit dem Klausen zu vergleichen, dafür aber bietet die Topografie in Steckborn Gewähr dafür, dass die Zuschauer fast überall an der Bergstrecke zuschauen können. Beim Start jubelten die Rennfans den Piloten zu, nach der ersten Passage hinter der Bus-Stop-Schikane erlaubte eine Tribüne das Verfolgen des Rennens. Und auch bei der zweiten Schikane beim Schafgarten waren Tische und Bänke aufgestellt, um ein bequemes Geniessen des Rennbetriebs zu ermöglichen.
An mehreren Orten gab’s zudem die Möglichkeit, sich zu verpflegen, so dass niemand hungern musste.
Auf den Wiesen entlang der Streckenführung setzten sich überall Besucher auf mitgebrachte Stühle oder Picknickdecken, um die "Rennfahrer" anzufeuern. Es herrschte eine wirklich gute Stimmung.
Und wer sich gerade nicht für die vorbeirasenden Rennfahrzeuge interessieren vermochte, für den gab's immer noch die schöne Aussicht auf den Bodensee.
Hervorragende Organisation
Die vom ACS Thurgau unterstützte Memorial-Organisation hatte den Ablauf perfekt im Griff. Kam es nicht gerade zu kleinen Pannen auf der Strecke, ging der Zeitplan perfekt auf, ohne dass Hektik aufkam. Die doch ansehnliche Zahl von über 300 Fahrzeuge wurde in vier Feldern zweimal pro Tag den Berg hinaufgesandt und dann wieder nach Steckborn heruntergeführt.
Während das Corso-Feld als Gruppe fuhr, wurden die übrigen Fahrzeuge einzeln gestartet, wie es bei Bergrennen üblich ist. Gefahren wurde zu humanen Zeiten, so dass die Anwohner nicht in ihrer Nachruhe geweckt wurden.
Vom einstigen Alltagsautomobil bis zum dekorierten Rennwagen
Das Fahrzeugfeld war mehr als nur reichhaltig. Es umfasste rund 100 Jahre Automobil (und Motorrad): Vom American La France von 1915 bis zum Porsche 991 GT3 Cup von 2015 reichte das Spektrum.
Während die Felder 1, 3 und 4 sowie die Motorräder des Feldes 2 im klassischen Bergrennmodus nach Eichhölzli stürmten, ging es beim Corso im Feld 2 etwas gemütlicher zu, denn sie fuhren im Pulk geführt nach oben. Aber gerade im Corso-Feld konnten die Besucher echte Trouvaillen erblicken.
Einen Bianchi Tipo 20 von 1926 etwa sieht man nur selten, auch ein JAWA 600 Roadster von 1940 gehört sicherlich zu den Raritäten. Im Corso-Feld zeigte sich die typische Mischung aus einstigen Alltagsfahrzeugen und Autos, die schon zu ihrer Zeit selten waren.
Beispiele hierfür wären etwa der Fiat 500 oder der VW Käfer, aber eben auch ein Spatz 200 oder ein Maserati Bora.
Im Rennfeld 1 fuhren seriennahe Autos aus Italien, Deutschland und Grossbritannien. Wer sich auf Alfa Romeo Giulia, BMW 2002 oder Austin Mini Cooper freute, der kriegte hier einige dieser Autos zu sehen.
Im Feld 1 traten aber auch zwei der aus Steckborner Sicht wichtigsten Autos an, nämlich jene Jaguar XK 120, die schon in den Fünfzigerjahren am Bergrennen von Steckborn nach Eichhölzli am Start waren und sogar in ihrer Klasse siegten, respektive Platz 2 errangen.
Dass diese beiden Autos 2023 wieder vor Ort waren, ist fast ein kleines Wunder.
Doch es gab auch noch manche andere Trouvaille zu entdecken, die man nicht an jeder Veranstaltung sieht, etwa einen Fiat 131 Abarth Rallye von 1977 oder ein Alfa Romeo Alfasud mit Cup-Renngeschichte.
Die Tourenwagen und GT-Rennwagen bildeten zusammen mit den US-Sportwagen und einer bunten Mischung weiterer Raritäten das Feld 3.
Auch hier gab es manchen weniger bekannten Wagen zu entdecken, etwa den Matra Djet 5, den AMC Javelin 360 SST oder den Datsun 510.
Am Start waren aber auch viele Ford Escort, Opel Kadett oder BMW 3-er, genauso wie die fast komplette Ahnenreihe der Chevrolet Corvette, von C1 über C2 und C3 bis zur C4.
Für viel Begeisterung sorgten einmal mehr die verschiedenen Cobras aus dem AC/Shelby-Vermächtnis.
Das letzte Feld 4 schliesslich war den mehr oder weniger reinrassigen Rennwagen gewidmet.
Bei den Vorkriegsfahrzeugen fuhren unter anderem ein Bugatti 35B, ein Maserati 8 CM und zwei brachiale American La France mit.
Zudem donnerten zweisitzige Rennwagen vom Schlage eines Lotus 23 oder eines Sauber C1 in Richtung Ziel.
Und als Schlussbouquet gab’s dann auch noch die Formelfahrzeuge zu sehen, eine ziemlich reichhaltige Fahrzeuggruppe, in der sich unter anderem ein Martini Mk 28 BMW F2 oder ein March 713 von 1971 tummelten.
75 Jahre Porsche
Als besondere Attraktion wurde anlässlich des 75. Geburtstags des Sportwagenbaus bei Porsche für das 5. Memorial ein Porsche-Feld zusammengestellt, das aus über 30 Fahrzeugen bestand.
So sah man etwa einen Porsche Carrera GTS, einen Porsche 550 Spyder, mehrere Renn-911er und einen noch jungen 918 Hybrid, den Le-Mans-Sieger Marco Werner den Berg hochpilotierte.
Die Autobau-Erlebniswelt Romanshorn mit Fredy Lienhard unterstützte gerade dieses Feld mit vielen Fahrzeugen.
Sound of Speed
Neben der optischen Bereicherung boten die Rennfahrzeuge auch einiges fürs Ohr. Vom Ein- bis zum Zwölfzylinder gab es fast alles zu hören, was die Autoindustrie die letzten 100 Jahre hervorgebracht hat. Besonders eindrücklich waren natürlich die hochgezüchteten Boliden, aber auch die Motorräder hielten sich akustisch nicht zurück.
Einzig, als der Zug der Elektromobile vorbeizog, verzog der eine oder andere Zuschauer die Miene. "Man hört nichts", meinte der Streckensprecher. Tatsächlich aber waren die Abrollgeräusche der schweren und dick besohlten Elektrofahrzeuge mindestens so laut wie jene der Automobile, von denen manches (im Corso) kaum lauter war in Summe.
Durchaus umweltfreundlich
Nicht nur fuhren einige der Teilnehmerfahrzeuge mit synthetischem Treibstoff, die Organisation gab auch ein ökologisches Umweltversprechen ab. Im Oktober werden in Absprache mit dem Förster mindestens 350 junge einheimische Bäume in der Region Untersee gepflanzt, um die Natur noch über Generationen zu bereichern. So darf sich dann einer der Bäume vielleicht Bugatti 35 oder Maserati 8 CM nennen …
Die über 700 Fotoaufnahmen zu dieser Veranstaltung wurden in fünf Bildergalerien angeordnet, die dem interessierten Leser einzeln zur Verfügung gestellt werden:
- Feld 1 - Seriennahe Autos aus Italien, Deutschland und Grossbritannien
- Feld 2 - Motorräder
- Feld 2 - Corso
- Feld 3 - Tourenwagen, GT, US-Cars und Varia
- Feld 4 - Vorkriegsfahrzeuge,“75 Jahre Porsche” und zwei-/einsitzige Rennwagen



































































































































































































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