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Historisches Flugplatzrennen Kassel Calden - wiederbelebt

Erstellt am 4. September 2017
, Leselänge 7min
Text:
Martin Schröder
Fotos:
Martin Schröder 
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kreativ-innovativ.de 
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Archiv Martin Schröder 
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Topotwin 
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Archiv Jordan 
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Lengemann 
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Flugplatzrennen sind eine Disziplin der Nachkriegszeit. Denn nach 1945 gab es in vielen Ländern Flugplätze, die nicht mehr gebraucht wurden. Motorisierten Rennsport und damit Bedarf nach geeigneten Strecken gab es jedoch sofort nach Kriegsende reichlich.

In England waren es die Umgehungsstraßen der Feldflugplätze, die «Perimeter Roads», auf denen man wunderbar Auto- und Motorradrennen austragen konnte. Aus diesen Perimeter Roads entstanden sowohl Silverstone – The Heart of British Motor Racing – als auch der Goodwood Circuit.

In USA wird der ehemalige Flugplatz Sebring in Florida noch heute zu Meisterschaftsläufen – Sebring 12 Hours – genutzt. Deutschland und Österreich hatten nach dem Krieg eine ganze Reihe von Flugplätzen anzubieten, die auf Grund der glatten Betonpisten mit geringem Aufwand durch Reifenstapel und Pylonen zu Rennstrecken umfunktioniert werden konnten. Die bekanntesten in Deutschland sind:

  • Achum
  • Diepholz
  • Kassel Calden
  • Mainz-Finthen
  • Wunstorf

In Österreich:

  • Wien Aspern
  • Tulln
  • Zeltweg, sogar F1 1961

Kassel ist nicht nur die Stadt der Documenta, es ist auch die Stadt der „Schlafenden Automobilschönheiten“, jener Ausstellung der Depotfahrzeuge der Sammlung Schlumpf in einer historischen Fabrikhalle im Jahr 2013. Und diese Ausstellung war der Initiative der Altauto-Enthusiasten Heinz W. Jordan und Dietrich Krahn zu verdanken, die nicht nur die Idee hatten, sondern diese auch in Zusammenarbeit mit dem Kurator des Musée National Mulhouse, Richard Keller, im Alleingang realisiert haben. Die Ausstellung fand europaweite Beachtung und war trotz der enormen Kosten für Transport, Versicherung und Miete ein voller Erfolg. Seitdem sind die Namen Jordan und Krahn in der Szene bekannt.

Flugplatzrennen Kassel Calden – kurze Geschichte

Ab 1971 wurden in Kassel Calden Auto- und Motorradläufe zur Deutschen Rundstreckenmeisterschaft mit Fahrzeugen der Formel 3 und Formel V, Sportwagen und Prototypen und zur Deutschen Straßenmeisterschaft für Motorräder ausgetragen.

Das ging so bis 1987, und neben Tourenwagen und Formelfahrzeugen gingen auch Porsche 917 und McLaren M 20 mit Leistungen jenseits der 800 PS auf die 2,65 km lange Strecke. Für Motorräder gab es ab 1977 eigene Rennen.
1987 kam das Aus für das beliebte Flugplatzrennen, weil zur Ausweitung des Flugbetriebs in Calden ein Instrumenten-Landesystem installiert wurde. Die letzte Motorsportveranstaltung fand als Nachtprolog 1997 bei der ADAC Nordhessen Rallye statt.

Formel Super V 1973 - Historisches Flugplatzrennen Kassel Calden
Copyright / Fotograf: Lengemann

Berühmte Fahrer gingen in Calden an den Start, darunter Jochen Mass, Klaus Ludwig, Hans-Joachim Stuck, Hans Heyer, Hellmut Kelleners und Willi Kauhsen. Unter den internationalen Fahrern waren Nelson Piquet, Vittorio Brambilla, Henri Pescarolo, Bob Wollek, Toine Hezemans, Tim Schenken, Herbert ‚Stumpen‘ Müller und Karl Wendlinger. Unter den Motorradfahrern stachen Toni Mang, Dieter Braun und Martin Wimmer hervor.

BMW-Gespann - Historisches Flugplatzrennen Kassel Calden
Copyright / Fotograf: Archiv Jordan

Die Reaktivierung als Rennstrecke

Kein Wunder also, dass sich Jordan und Krahn dieser nicht ganz unbedeutenden Renngeschichte des Flughafens Kassel Calden erinnerten, befördert durch den Bau eines neuen Flughafens gegenüber dem alten. Das erste Revival war für 2016 angesetzt, musste allerdings auf den neuen Flughafen verlegt werden, weil die Hallen des alten als Flüchtlingsunterkünfte dienten. Für die Flüchtlinge sind inzwischen Wohnungen gefunden und so konnten die Beiden mit den Vorbereitungen für Kassel Calden 25. – 27.08.2017 an historischer Stätte beginnen. Zwischengas berichtete, Mundpropaganda tat ein Übriges und schnell war ein Feld von 100 Renn- und Sportwagen und 80 Motorrädern zusammen, die, in großzügige Klassen eingeteilt, an zwei Tagen die 2.100 m der abgesteckten Strecke unter die Rädern nehmen konnten – vier Rechts-, eine Linkskurve und eine 180O-Wende.

Die alte Startbahn des Flughafens Calden - Historisches Flugplatzrennen Kassel Calden
Copyright / Fotograf: Topotwin

Zwar lautet Heinz Jordans Botschaft “Life is too short to miss a good dinner and drive a prewar race car.” und er selbst fährt stilgerecht auch einen Austin Seven, trotzdem waren bis auf wenige Ausnahmen die meisten Teilnehmer mit Fahrzeugen der 60er bis 80er Jahre vertreten.

Der Veranstalter Heinz Jordan mit seinem Austin Seven - Historisches Flugplatzrennen Kassel Calden
Copyright / Fotograf: Martin Schröder

Die stilgerechte Einstimmung vermittelte der in der Nähe des Eingangs warmlaufende 8,3 Liter Chevy-Motor des Lola T 310 von Georg Hallau, der durch seine Überbreite, gleichwohl sehr flache Karosserie alle Augen und Ohren auf sich zog.

Georg Hallau an seinem Lola T 310 - Historisches Flugplatzrennen Kassel Calden
Copyright / Fotograf: Martin Schröder

Eric Broadley hat in den 60er und 70er Jahren eine ganze Palette von erfolgreichen Rennsportwagen für die unterschiedlichsten Klassen gebaut. Man sieht sie bei Historischen Rennen vom Nürburgring bis zu Le Mans Classic regelmäßig. Für die ab 1972 laufende Can Am-Serie hatte Lola als Antwort auf Porsches 917/30 dann den T 310 mit 8 Liter Chevy-Motor und 810 PS bei 780 kg Gewicht herausgebracht. Eingesetzt vom Haas Team und gefahren von David Hobbs und Bobby Rahal ist dieses Einzelstück ein prominenter Vertreter der PS- Monster Can Am-Serie.

Proto Champ Series - Historisches Flugplatzrennen Kassel Calden
Copyright / Fotograf: Martin Schröder

Gleich daneben dann ein nicht minder interessanter, mit neuer Technik aufgebauter zweisitziger Rennsportwagen im Stil der 70er Jahre, der sich Proto Champ Series nennt. Sympathisch insofern, als er nicht als Recreation eines historischen Rennwagens erschien, nichtsdestotrotz von eleganter Erscheinung ist und eine Bereicherung der Veranstaltung darstellt.

Werfen wir nun einen Blick auf die Gesamtanlage:

Blick der Kamera in der Drohne auf das Fahrerlager - Historisches Flugplatzrennen Kassel Calden
Copyright / Fotograf: Topotwin
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Porsche 911 2.2 S (1971)
Porsche 911 Carrera 3.2 Cabriolet (1984)
Porsche 911 SC (1981)
Porsche 911 SC (1979)
0443059904
Schlieren, Schweiz

Die Klasse der Winzlinge

Ein Hingucker jeder Veranstaltung mit alten Autos sind die Fiat 500 und ihre Derivate Abarth und Steyr Puch. Äußerlich ähnlich, Motor hinten, ansonsten aber deutliche Unterschiede im Antrieb. Weisen die Fiats 2-Zylinder Reihenmotoren auf, so ist der Puch-Fahrer mit Recht hat stolz auf seinen luftgekühlten 2-Zylinder Boxermotor. Dieser lässt sich mit etwas Aufwand auf 650 ccm und bis zu 50 PS tunen. Besonders viele Erfolge erzielten diese sympathischen Winzlinge bei Bergrennen.

Zwei Steyr Puch 650 im Kurvenkampf, gefolgt von Porsche 911, Lotus Cortina und Abarth - Historisches Flugplatzrennen Kassel Calden
Copyright / Fotograf: kreativ-innovativ.de

Die Formula Student

Die Formula Student ist ein seit 2006 international ausgetragener Hochschulwettbewerb mit einsitzigen Rennwagen, die von den Studenten konstruiert, gebaut und über Beschaffung von Sponsorengeld finanziert werden. Zunächst mit Verbrennungsmotoren begonnen, gibt es seit 2010 auch eine Elektroklasse.

Der Frontflügel über die volle Breite wird über Drahtseile waagerecht gehalten - Historisches Flugplatzrennen Kassel Calden
Copyright / Fotograf: Martin Schröder

Die Uni Kassel brachte das 2016er Modell nach Calden, angetrieben von einem quer eingebauten 4-Zylinder, mit dem Getriebe verblockt. Das Reglement schreibt einen 610cc Motor und einen hinter der Drosselklappe angebrachten Luftmengenbegrenzer vor, je nach Kraftstoffqualität mit 20 bzw. 19mm Durchmesser. Der Heckflügel muss innerhalb der Hinterräder liegen und kann maximal 120cm hoch sein. Beim hier eingesetzten Modell ist er als Doppelflügel ausgebildet.

Antriebseinheit aus 4-Zylinder Reihenmotor mit verblocktem Getriebe, Heckabtrieb über Doppelflügel - Historisches Flugplatzrennen Kassel Calden
Copyright / Fotograf: Martin Schröder

Der Frontflügel kann über die gesamte Breite reichen und wird bei diesem Modell über Drahtseile an die Außenkanten in Form gehalten.

Formel Student Modell 2016 der Uni Kassel - Historisches Flugplatzrennen Kassel Calden
Copyright / Fotograf: Martin Schröder

Cockpit und Fahrersitz lassen erkennen, dass bei einer solchen Mammutaufgabe maximaler Wert auf Technik und Performance gelegt wird, das Finish aber zurückstehen muss, wie man am Armaturenbrett, Lenkrad und Sitzschale leicht erkennen kann. Das Lenkrad ist allerdings bereits mit Schaltknöpfen a la Formel 1 ausgestattet. Funktion ist alles!

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Vom Leiterrahmen zum Monocoqe – Kleine Chassiskunde

Begünstigt durch die Bandbreite der Baujahre von den 20er bis in die 90er Jahre möchte ich die Gelegenheit nutzen, die Entwicklung der Chassis, oder besser der Fahrgestelle an einigen typischen Vertretern zu zeigen. Beginnen wir mit den von Heinz Jordan zitierten pre war racing cars, so sind die Wolseleys gute Beispiele für das frühe Standardfahrgestell aus Leiterrahmen, starren Achsen, Reibungsdämpfern und Blattfedern.

Wolseley Hornet Special - Historisches Flugplatzrennen Kassel Calden
Copyright / Fotograf: Martin Schröder

In den dreißiger Jahren kam dann die von Porsche eingeführte Kurbellenkerachse vorn und die Zweigelenk-Pendelachse hinten, wie wir sie vom Auto Union GP-Wagen, vom VW und vom Porsche 356 kennen. Hier vertreten von den diversen Formel V Fahrzeugen:

Früher Formel V mit Kurbellenkerachse vorn und Pendelachse hinten - Historisches Flugplatzrennen Kassel Calden
Copyright / Fotograf: Martin Schröder

Die nächste Entwicklungsstufe haben wir dem genialen Dante Giacosa zu verdanken, der bei der Besichtigung des von Piero Dusio 1946 zur Verfügung gestellten leeren Gebäudes für die zukünftige Produktion zunächst des Cisitalia D 46 in einer Ecke eine Fahrradproduktion vorfand und bei Ansicht der dort lagernden Rohre auf die Idee des Gitterrohrrahmens kam. Leichter und torsionssteifer. Und hier der Rahmen des Emeryson Formel Junior von 1960 – die Ähnlichkeit ist unverkennbar:

Cockpit des Emeryson Formel Junior - Historisches Flugplatzrennen Kassel Calden
Copyright / Fotograf: Martin Schröder

Der Emeryson weist ein zweites, erstmals von Rudolf Uhlenhaut 1964 beim Mercedes W 196 eingesetztes Konstruktionsmerkmal auf, nämlich die innenliegenden Backenbremsen, um die ungefederten Massen an der Hinterachse zu minimieren:

Hintere Pendelachse des Emeryson Formel Junior mit innenliegenden Bremsbacken - Historisches Flugplatzrennen Kassel Calden
Copyright / Fotograf: Martin Schröder

War der Gitterrohrrahmen bis zum Porsche 917 von 1972 der Standard bei zweisitzigen Rennwagen, so war es der geniale Colin Chapman, der bereits 1962 den Rohrrahmen durch das aus Aluteilen zusammengenietete Monocoque einführte und damit höhere Steifigkeit, weniger Torsion, geringeres Gewicht erreichte:

Cockpit des Lotus Formel Junior / Der Fahrer sitzt im Monocoque - Historisches Flugplatzrennen Kassel Calden
Copyright / Fotograf: Martin Schröder

Nach dieser für manchen Leser vielleicht etwas trockenen Lektion in Sachen Fahrwerk nun noch einige nicht weniger interessante Fahrzeuge, die mir beim Rundgang durchs Fahrerlager aufgefallen und durchaus einer Erwähnung wert sind. Als da sind: Alfa GTA, Austin Healey Froschauge, Dallara Spiess Opel und Formel Renault, Ford Galaxie, Lotus Cortina, und zum guten Abschluss noch der Trabbi „Jeep“:

Der Gott-sei-Dank nie zum militärischen Fronteinsatz gelangte Geländewagen des VEB Sachsenring – besser bekannt als Trabbi - Historisches Flugplatzrennen Kassel Calden
Copyright / Fotograf: Martin Schröder

Kassel Calden war insgesamt eine vielfältige Veranstaltung mit interessanten Fahrzeugen, die den Teilnehmern so gut gefallen hat, dass sie, wie Heinz Jordan bereits mitteilte, 2018 wieder über die Bühne gehen soll.

Zusätzliche Eindrücke gibt es in diesem Video:

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von lo******
26.09.2017 (20:55)
Antworten
Schön für Kassel. Und schön für den Flughafen Kasel-Calden, da ist wenigstens neben einem Start und einer Landung monatlich endlich "mal was los"
von 219w105
05.09.2017 (18:39)
Antworten
Danke für den schönen Bericht! Wo gehobelt wird, fallen Späne, deshalb sind die kleinen die kleinen Fehler menschlich und erst recht verzeihlich!
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