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Technik im Rennwagen (5): Maserati Tipo 60/61 Birdcage – Front-Revolutionär im Vogelkäfig

Erstellt am 31. Mai 2021
, Leselänge 4min
Text:
Gerhard Schütz
Fotos:
Daniel Reinhard 
7
Bruno von Rotz 
15
Archiv Gerhard Schütz 
12
Tim Scott Courtesy of RM Auctions 
10
Kyle Burt - Courtesy RM Auctions 
7
Dave Nicholas 
5
Maserati 
3
Gerhard Schütz 
1
Drew Gibson - Goodwood Revival 
1
Archiv Essen Motor Show 
1
Archiv 
5

Die Jahre 1958-1978 waren die zwei kreativsten Jahrzehnte der Renntechnikgeschichte. Diese Serie porträtiert die innovativsten, zukunftsweisendsten wie auch  exotischsten Kon-struktionen der Formel 1, der Indy Cars, der Sportwagen und der CanAm und zeichnet so zugleich die bis heute nachwirkenden, grossen Entwicklungslinien nach. Die Serie startete mit Lotus, einem der wichtigsten Innovationstreiber dieser zwei Jahrzehnte. Und mit Lotus wird die Serie auch ins Ziel kommen: Mit dem ersten Groundeffekt- Formel 1, der 1978 eine WM gewann, dem Typ 79.  Doch in dieser Folge ist die Rede vom Frontmotor-Maserati Tipo 60/61, bekannt als “Birdcage”.

Maserati Tipo 60/61 (1960) - Voller Durchblick
Copyright / Fotograf: Archiv Gerhard Schütz

Revolutionär? 1960? Mit Frontmotor? 1959 war doch das Jahr des ersten Siegs eines Mittelmotorfahrzeugs in der Fahrerweltmeisterschaft  (Jack Brabham  mit dem Cooper T51).  Nun, bei den Zweisitzern sollte die Entwicklung etwas gemächlicher verlaufen. Und: Was Giulio Alfieri für Maserati hier auf die Räder stellte, war nicht einfach nur ein weiterer Frontmotor- Sportwagen, nein, es war eine Konstruktion, die, ein Jahr nach dem andern Sportwagen- Highlight, dem Aston Martin DBR 1 (siehe Technik-im-Gespräch-Beitrag 4), zum Höhepunkt und Abschluss einer Epoche das Letzte aus dem traditionellen Frontmotor-Layout herausholte.

„Ein fabelhaftes Auto! Leicht, sehr agil, fantastische Bremsen, sehr gute Lenkung, enormes Drehmoment und viel Leistung. Ferrari und Lister-Jaguar sind dagegen Lastwagen.“
Sir Stirling Moss

Da war zum ersten ein Rohrrahmen-Chassis, wie man es noch nicht gesehen hatte, und es hatte doch schon einige eindrückliche Konstruktionen gegeben. Nicht zufällig erhielt der Wagen den Übernamen „Birdcage“ – Vogelkäfig – so eng standen die Rohre dieser faszinierenden Skulptur. Jedem einzelnen Rohr war förmlich anzusehen, welche Kräfte es in welcher Richtung aufzunehmen hatte – Statik in schönste Geometrie umgesetzt.

Alfieri, der oft im Kontakt mit Colin Chapman von Lotus stand, dem künftigen Monocoque-Pionier,  hätte eigentlich lieber ein Monocoque  gebaut, aber das knappe Budget sprach dagegen. Wenn aber je ein knappes Budget zu gestalterischen Höchstleistungen angetrieben hat, dann hier.
200 Rohre von 10, 12 und 15 Milimeter Durchmesser wurden so verbaut, dass sie jeweils nur in einer Richtung belastet wurden (also nicht auf Biegung). Das Chassis-Gewicht belief sich auf nur 35 kg.

Maserati Tipo 61 (1960) - der Dreiliter-Frontmotor-Sportwagen im Aufbau
Archiv Automobil Revue

Die Basisstruktur waren drei horizontale Ebenen, die durch vertikale Dreiecksrohrelemente zusammengehalten wurden. Am besonders belasteten Stellen waren zusätzliche Streben vorgesehen, und zur Verstärkung dienten auch gelochte Bleche. Die Rohre waren nicht aus teurem Chrom- Molybdän-Stahl, sondern nur von mittlerer Materialqualität, und das nicht etwa aus Spargründen, sondern, gemäss einer Quelle, um bei einem Aufprall kontrollierte Deformationen des Rahmens zu erreichen, ohne dass die Schweissnähte brachen.

Einer andern Quelle zufolge ging es nicht um Aufprallsicherheit, sondern darum, dass die leichten Spezialstähle eher brachen, während das günstigere Material etwas elastischer war.

Maserati Tipo 60/61 (1960) - Käfighaltung für den Motor
Copyright / Fotograf: Archiv Gerhard Schütz

Auch in den weiteren konstruktiven Bereichen holte Alfieri  das Letzte heraus: Der neue, kompakte Vierzylinder-Motor wurde um satte 45 Grad nach rechts geneigt (sozusagen ein halber V-8), eine Trockensumpfschmierung mit asymmetrischer, keilförmiger Wanne sorgte für eine zusätzliche Absenkung des Schwerpunkts. Dazu konnte die Kardanwelle am Fahrer vorbei zum querliegenden, sehr leicht schaltbaren 5-Gang-Getriebe an der Hinterachse geführt werden, was den Fahrersitz tief halten half.

Maserati Tipo 60/61 (1960) - Getriebe querliegend an der Hinterachse, rechts die Gleitschiene für das vorne liegende De Dion-Rohr
Copyright / Fotograf: Archiv Gerhard Schütz

Die Fronthaube lag so tief zwischen den satt verkleideten Vorderrädern wie noch nie zuvor und verhalf dem Fahrzeug zu einer sehr kleinen Querschnittsfläche. Das Heck lag höher und schloss mit einem ausgeprägten Kamm-Stummel für einen kontrollierten Strömungsabriss ab. Die Verkleidung wurde im Windkanal entwickelt – damals noch eine Seltenheit.

Maserati Tipo 61 (1960) - Frontskulptur
Copyright / Fotograf: Gerhard Schütz
Maserati Tipo 61 (1960) - Abrissheck nach dem Aerodynamiker Kamm, voller Einsatz an der Targa Florio
Copyright / Fotograf: Archiv Gerhard Schütz
Maserati Tipo 60/61 (1960) - Frontpartie (ohne Motor)
Copyright / Fotograf: Archiv Gerhard Schütz

Die Aufhängung entsprach im Grossen und Ganzen derjenigen des erfolgreichen Formel 1 250 F (Weltmeister 1957 mit Fangio): Vorne unabhängig mit Querlenkern und Schraubenfedern, hinten nach dem klassischen De-Dion-Prinzip mit querliegender Blattfeder. Neu waren sehr grosse Scheibenbremsen an allen vier Rädern. Neu war ebenfalls eine sehr präzise Zahnstangenlenkung.

Das unter 600 kg leichte, in seinen Massen sehr kompakte Fahrzeug war prädestiniert für kurvenreiche Strecken wie den Nürburgring (zwei  Siege des Camoradi-Teams  in Folge 1960/1961) oder die Targa Florio, war aber auch auf andern Strecken oft sehr schnell. Dem „Birdcage“ Tipo 60 mit Zweiliter-Motor folgte, vor allem für die USA,  eine Dreiliter-Version (Tipo 61 mit längerem Radstand).

Maserati Tipo 61 (1961) - 1000 km Nürburgring - Masten Gregory und Lloyd Casner gewannen 1961
Copyright / Fotograf: Maserati

Maserati setzte die Wagen nicht werksseitig ein, sondern verkaufte sie an Kundenteams. Das aktivste war das US-Team Camoradi, das Goodyear in den Rennsport einführte und vor allem in den USA zahlreiche Siege einfuhr.

Zwei der erfolgreichsten Fahrer waren Jim Hall, der später die Chaparrals baute, und Carroll Shelby, der ebenfalls seine eigenen Fahrzeuge zu entwickeln begann und dann für den Ford GT- Einsatz in Le Mans in den Sechzigerjahren verantwortlich werden sollte.

Allerdings war die Betreuung und die Weiterentwicklung der anspruchsvollen „Vogelkäfige“ in Kundenhand nie auf dem Niveau eines guten Werkteams, und so wurden zwar viele Erfolge eingefahren, aber es hätten noch deutlich mehr sein können, wenn nicht Defekte immer wieder zu Ausfällen geführt hätten, was insbesondere zur Folge hatte, dass die Markenweltmeisterschaft 1960 und 1961 von Ferrari gewonnen wurde, obschon der „Birdcage“ das schnellere Auto war.

Schon 1961 zeichnete sich dann ab, dass die Zukunft  auch bei den Zweisitzern den Mittelmotorwagen gehören würde, wie sie in der Formel 1 Lotus, Cooper, Ferrari und Porsche bereits hatten.

Maserati Tipo 63 (1962) - Mittelmotorversuche, Platztausch für Fahrer und Motor
Copyright / Fotograf: Archiv Gerhard Schütz

Alfieri entwickelte denn auch Mittelmotorversionen des „Birdcage“ (Tipo 63, 64, 65) mit Vier-, Acht- und Zwölfzylindermotor.

Maserati Tipo 63 (1962) - Designrevolution, noch nicht ganz geglückt
Copyright / Fotograf: Archiv Gerhard Schütz

Einem zeitgenössischen Kommentar zufolge habe Alfieri einfach in einem Birdcage-Chassis  Fahrersitz und Motor getauscht. So einfach war das selbstverständlich nicht, und die Fahrversuche zeigten grosse Handling-Probleme auf, die nur mit einem entsprechenden Budget hätten aussortiert werden können.

Maserati Tipo 63 (1962) - Mittelmotor-Birdcage mit Vierzylinder
Copyright / Fotograf: Archiv Gerhard Schütz

Und dieses Geld fehlte, zumal parallel auch noch eindrucksvolle 4,5 l- Frontmotorfahrzeuge entwickelt wurden. So zog sich Maserati schliesslich aus dem Rennsport zurück, ohne das Potential seiner Konstruktionen vollständig ausschöpfen zu können.

Maserati Tipo 65 (1964) - Birdcage mit dem Zwölfzylinder-Mittelmotor
Copyright / Fotograf: Archiv Gerhard Schütz

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von ka******
01.06.2021 (12:33)
Antworten
A quite fantastic car, the T61, as I remember from test-driving one. Instead of rushing off to build the awful T63 etc., Maserati should have fixed all the weak points of the T61, with a better engine, for 1962. They would have been unbeatable.
von be******
01.06.2021 (19:15)
Antworten
Ist eines meiner Lieblingsautos. Eigentlich technisch zu verspielt, aber wie sein Bruder 250F faszinierend und manchmal unschlagbar..
Kleine Korrektur: das Bild ".. Tipo 60/61 (1960) - Heckpartie zeigt wohl die Frontpartie..
Antwort von ta******
01.06.2021 (20:18)
Danke für den Hinweis. Sie haben recht. Und es muss natürlich nicht heissen "ohne Getriebe", sondern "ohne Motor".
Der Autor
von bl******
03.06.2021 (08:44)
Antworten
In meinen Augen einer der schönsten Strassensportwagen nach 1945! Zusammen mit dem Jaguar XKSS triff es der Begriff "Skulptur auf Rädern" sehr treffend.
Schönen Gruss an die gute Auto-Fee: 2 von 3 Wünschen wären hiermit schon mal ausgesprochen...
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