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Bild (1/1): Alfa-Romeo 412 (1939) - Daetwyler im Alfa 412 auf dem rutschigen Kopfsteinpflaster beim Bergrennen Mitholz-Kandersteg von 1951 (© BB-Archiv, 1951)
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    Willy Peter Daetwyler und sein Alfa Romeo 412

    8. Februar 2011
    Text:
    Bernhard Brägger
    Fotos:
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    Wir Frutigerbuben sammelten anfangs der 50er-Jahre leidenschaftlich die Bildchen von nationalen und internationalen Sportlern. In einem Päckchen versteckt, waren die Bildchen samt Kaugummi bei der Bäckerei Stucki an der Dorfstrasse zu beziehen. Der Kaugummi war Nebensache. Doch ein Album  gehörte dazu und da hinein klebte ich sie, fein säuberlich, stolz endlich die internationalen Sportlergrössen bei mir im Zimmer zu haben. Für genau hundert Bildchen war Platz im Album, das sich „ MAPLE LEAF ALBUM-SPORT“  nannte. Panini-Bildchen anno 1952! Natürlich besass ich sie alle, die legendären Schweizer Radfahrerasse Ferdi Kübler, Hugo Koblet, Weltmeister Fausto Coppi, die Tour de France Legende Jean Robic, die  Fussballer Seppe Hügi und Fredi Bickel, der Skirennfahrer Fredy Rubi aus Adelboden, mein Skiidol und Slalomkünstler Georg Schneider, Olympiasieger  und spätere Autorennfahrer Henri Oreiller  aus Frankreich, Grand Prix-Rennfahrer Emanuel de Graffenried, der Kunstturner Josef Stalder. Nur einer fehlte mir: Der Zürcher  Autorennfahrer Willy Peter Daetwyler. Da war ich nicht der Einzige!

    Von Kaugummi, dem Bergrennen Mitholz-Kandersteg und grosskotzigen Funktionären 

    Daetwyler besass Seltenheitswert – von einer Firma H.K. Müller & Co absichtlich verknappt. Und die wenigen die Daetwyler besassen, verlangten „astronomisch hohe Preise“. Der Handel in den Schulpausen blühte. Den Daetwyler konnte ich mir nicht leisten – mein Sackgeld reichte nicht aus. Also versuchte ich das Glück in der Dorfbäckerei. Dort gab es die kleinen Konterfeis der Sportler zu kaufen. Unsichtbar verpackt natürlich. Eine reine Lotterie. Meistens erwischte ich den Sepp Stalder. Wie ich diesen Kunstturner zu hassen anfing. Und auch mein Groll auf die Vertreiber dieser Sportlerbildchen stieg von Tag zu Tag. Ihren miesen Trick hatte ich natürlich längst durchschaut und völlig entnervt, schmiss ich das Album samt der überzähligen Stalderbildchen in eine Ecke. Doch der Name des Zürchers Rennfahrers Daetwyler blieb mir für immer präsent, unauslöschlich irgendwo in einer Gehirnkrümmung gespeichert – jener des Luzerner Turners Stalder auch!

    Und als im Herbst 1952 wie jedes Jahr zum Bergrennen Mitholz-Kandersteg gestartet wurde, gab es für mich nur einen Wunsch, dem Daetwyler persönlich meine Meinung über dieses miese Bildchengeschäft zu sagen. Eigentlich wollte ich dies schon im Frühjahr am Grand Prix in Bern tun. Doch Vater hielt das Vorhaben als Blödsinn! Am Bühlstutz konnte mich aber kein Mensch von meinem Vorhaben abbringen. Doch mit den Funktionären hatte ich nicht gerechnet. Ins Fahrerlager am Blausee liess mich so ein grosskotziger ACS-Funktionär nicht hinein. So marschierte ich an die Rennstrecke, platzierte mich demonstrativ in der zweiten Spitzkurve an die Aussenseite, ungeschützt vor möglichen Abflügen der Herren Rennfahrer und der wenigen Rennfahrerinnen ausgeliefert. Da gab es keine Funktionäre mehr, die mich zum Teufel jagten. Die Sicherheit war kaum ein Thema, ein paar Baulatten trennten uns vor den driftenden Rennwagen. Das war alles. Und als dann Daetwyler auf dem Alfa Romeo 412 den Berg oder wie die Einheimischen sagen, den Bühlstutz hinaufdonnerte, da wurde ich zu seinem grössten Fan. Wie WPD (Willy Peter Daetwyler) auf der holprigen, schmalen und nur 2'640 Meter langen Gasse den potenten Rennsportwagen pilotierte, liess all meine Rachegelüste -, meinen Bildchenfrust vergessen. Und dazu der Ton aus dem 4,5-Liter-Zwölfzylinder: tief, ohrenbetäubend. Ein Genuss für meine Bubenohren. Ab sofort waren für mich all die kleinen, kreischenden, quietschenden Rennwägelchen von Cooper, Cisitalia, Stanguellini kein Thema mehr. Und die aus BMW- und Porscheteilen zusammengebastelten Eigenkonstruktion noch weniger. Dass ihre Fahrer dem „500er Club“ angehörten, dem heutigen „Formel Rennsport Club der Schweiz“ war mir völlig gleichgültig. Keinen Gedanken an sie verschwendete ich. Für mich gab es nur noch einen Rennfahrer und einen Rennwagen: Daetwyler auf seinem  Alfa Romeo 412.

    Seinen zweiten Lauf beobachtete ich nach der schnellen Linksrechts-Kombination kurz vor dem Ziel. Einzig Granitsteine, mit Wasserrohren verbunden, trennten mich vor der tödlichen Gefahr. Die war mir nicht bewusst, schliesslich lenkte mein neues Idol das brutale Geschoss. Noch heute sehe ich ihn vor mir, der auf mich zuschiessende, von einer Strassenseite zur andern tanzende Alfa Romeo. Ein Film läuft ab, als wäre es gestern geschehen. Zur eigentlichen Rangverkündigung im Grand Hotel Victoria in Kandersteg hatte ich keinen Zutritt. Immer wieder diese Herren Funktionäre! Dafür beobachtete ich Daetwyler beim Betreten des Hotels. Er schien in bester Laune zu sein, woraus ich schloss, dass er gewonnen hatte. Ihn um ein Autogramm zu bitten, fiel mir nicht ein. Autogrammjagden waren uns Oberländerbuben unbekannt. Aus respektvoller Distanz bewunderte ich mein neues Idol. Seine mächtige Figur war nicht zu übersehen. Meine Wut auf die Kaugummibildchen und ihre Urheber war längst verflogen. Ich hatte vor wenigen Stunden den WPD erlebt, wie er hautnah an mir vorbeidonnerte und mich zwang, die Ohren zuzupressen. Das dumpfe, heisere Gebrüll des 12-Zylinders samt Kompressor war nur so zu ertragen. Und noch immer hatte ich den süsslichen Geruch von verbranntem Rizinusöls in meiner Nase. Was sollte da noch das Gezänk um Kaugummibildchen und ihre fantasielosen Profiteure.

    Von Giovanni Michelotti, Baulatten, Holzpfählen, WPDs Rekordfahrt und seinem „Verrat“ an Alfa Romeo.

    1953 fuhr ich wieder an den Bühlstutz. Per Velo - ohne Übersetzungen natürlich! Daetwyler hatte dem Alfa Romeo nach einer Skizze von Giovanni Michelotti ein neues Alu-Kleid massschneidern lassen. Dazu gab es jetzt einen Doppelkompressor und Bruno Picco – der hochbegabte Alfa Romeo-Rennmechaniker - soll dem Wagen noch einige PS eingehaucht haben. Insider vermuteten weit über 250 PS.

    1953 war das Jahr des vor kurzer Zeit noch unmöglich gehaltenen Streckenrekords. 1.42,6. Eine Durchschnittsgeschwindigkeit von knapp unter 100 km/h. Und ich war dabei, am Strassenrand natürlich, erneut fasziniert von den spektakulären Fahrten „meines“ Willy Peter in seinem jetzt auch optisch wunderschönen Alfa Romeo. Erst acht Jahre später konnte der Glarner Harry Zweifel auf seinem Cooper-Ferrari den Rekord unterbieten.

    Leider sah ich in den folgenden Jahren den Daetwyler nicht mehr am Bühlstutz. Meine Eltern fanden, dass das Rennen auch für Zuschauer zu gefährlich sei und legten ihr Veto ein. Nicht ganz zu Unrecht. Der Sicherheit schenkte die organisierende ACS Sektion Bern noch keine echte Beachtung: Randsteine durch Wasserrohre verbunden, rot-weiss gestrichene Baulatten und Holzpfähle mit verrosteten Eisendrähten. Sie sollten eigentlich die Kühe und Ziegen vom Überqueren der Strasse abhalten. Und was für das Vieh recht war, sollte auch für Zuschauer genügen! Das Interesse am Automobilrennsport, insbesondere an Daetwyler, begann zu schwinden. Er schaffte sich bald einen Maserati an und dies empfand ich als „Verrat“ an Alfa Romeo. Damals konnte ich ja nicht wissen, dass der 412er mit seinen beinahe 15 Jahren die beste Zeit hinter sich hatte und dass die internationalen Sportreglemente den Trend zu kleinvolumigen Wagen einläuteten. Dazu kam, dass mich jetzt der Fussball zu fesseln begann. 1954 fand die Weltmeisterschaft in der Schweiz statt. „Das Wunder von Bern“ geschah. Die ungarischen Stars versuchte ich zu kopieren - allen voran ihren Kapitän Ferenc Puskas.

    Viele Jahre später fand ich an den Bühlstutz zurück, als ich nach Spuren einer weiteren Jugenderinnerung suchte. Gegenüber der Rennstrecke wurde in den 40er-Jahren nach Kohle gegraben. Doch das Kohlenbergwerk wie die Bergrennen waren längst zur Legende geworden. Auch Daetwylers Bergeuropameister-Titel, seine Siege und Rekorde in  St. Ursanne - Les Rangiers, Ollon – Villars, Aosta - San Bernardo oder am 22 Kilometer langen Mont Ventoux und an Rundstreckenrennen waren längst vergessen. Daetwyler war lupenreiner Privatfahrer und ging während all seiner Rennfahrerjahre einer geregelten Arbeit als Geschäftsleiter des Lagerhauses in Zürich nach. Später dehnte er seine Geschäfte nach den USA aus. 2001 ist Willy Peter Daetwyler verstorben.

    Und das 100ste Bildchen im "ML Album-Sport“? Heute hab ich ihn, den Daetwyler, gefunden im Internet, teuer, einem Sammler abgekauft. Und mit ihm der Josef Stalder, der Ferdi Kübler, der Hugo Koblet, der Emanuel de Graffenried ….

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    ···
     
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    Neueste Kommentare

     
     
    mo******:
    26.02.2015 (17:47)
    Hallo Bernhard - lange nichts von dir gehört. Toller Artikel. Gruss Moritz Meyer aus der Rally-Zeit
    ad******:
    23.10.2013 (10:45)
    Grossartig dieser Brägger! Ein Zeitzeuge kann dies dankbar beurteilen
    Ueli E. Adam
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