Der Trauerfall von Neubiberg - wie sich BMW Ende 1970 aus der Formel 2 verabschiedete

Erstellt im Jahr 2016
, Leselänge 6min
Text:
Rainer Braun
Fotos:
Hallo Fahrerlager (diverse Archive) 
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Weil der Vorstand den Ausstieg aus der Formel 2 beschlossen hatte, zelebrierte das BMW-Werksteam am letzten Oktober-Wochenende 1970 auf dem Flugplatz von München-Neubiberg das offizielle Abschiedsrennen wie eine Beerdigung.

Es ist das letzte Wochenende im Oktober 1970. Die gesamte BMW-Formel 2-Mannschaft trägt Trauerflor, schwarze Armbinden zieren Mechaniker-Kittel und Fahrer-Overalls. Ob Motorenchef Paul Rosche, Versuchsleiter Alex von Falkenhausen oder Fahrwerks-Ingenieur Dieter Basche - alle haben sich dem stummen Protest gegen die Vorstands-Entscheidung angeschlossen. Die sieht vor, das Formel 2-Werksengagement mit Ablauf der Saison 1970 zu beenden. Die Bilder vom Auftritt der BMW-Männer gingen damals um die Welt.


Der Trauerfall von Neubiberg - Dieter Quester gewinnt im Oktober 1970 in Neubiberg
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager (diverse Archive)

Das Flugplatzrennen München-Neubiberg, meist im Spätherbst angesetzt und oft als letztes grosses Rennen der laufenden Saison deklariert, galt bis dahin als stimmungsvolle Veranstaltung mit Promi-Status vor den Toren der bayerischen Landeshauptstadt. Diesmal aber ist alles anders - im Fahrerlager und hier speziell rund um den Teambereich der drei BMW-Formel 2-Rennwagen herrscht gedrückte Stimmung. Die Atmosphäre ist düster, die Gesichter ernst. Zum letzten Mal werden die Werksautos für einen Start vorbereitet, danach soll Schluss sein. Ausgerechnet ein Rennen vor der eigenen Haustüre wird zum finalen Antritt der erfolgreichen BMW Formel 2-Mannschaft. Das Team muss nach diesem letzten Rennen von der Formel-2-Bühne abtreten, weil der Vorstandsbeschluss keine andere Wahl lässt. Dieter Quester erkämpft den letzten Sieg als Werksfahrer, neben ihm stehen Vittorio Brambilla und Peter Westbury (beide Brabham-Ford) auf dem Podium. Kein Jubel bei den Mechanikern, die stattdessen das Siegerauto mit schwarzem Segeltuch bedecken und wegschieben. Ein erfolgreiches Kapitel deutscher Rennsport-Geschichte wird an diesem 25. Oktober 1970 beerdigt.


Der Trauerfall von Neubiberg - Formel-2-Abschlussfeier bei BMW 1970
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager (diverse Archive)

Den Rückzugsbeschluss begreift indes keiner so recht. BMW hat 1970 sein bislang bestes Formel-2-Jahr, die Werksfahrer Jacky Ickx, Jo Siffert, Dieter Quester und Hubert Hahne haben jede Menge gute Platzierungen eingefahren. Der 1.6 Liter-Motor gilt endlich als standfest und siegfähig. Allerdings zeigt sich der mächtige BMW-Vorstand Paul G. Hahnemann nach Besuchen der Formel 2-EM-Läufe auf dem Salzburgring und in Hockenheim entsetzt darüber, „mit welch gnadenloser Härte da gefahren wird – das kann nicht in unserem Sinne sein.“ Zwar sieht der oberste Dienstherr an beiden Schauplätzen Siege seiner Werksfahrer Jacky Ickx und Dieter Quester, die sich aber erst nach grösseren Raufereien gegen ihre Widersacher durchsetzen können. Vor allem die wüste Rempelei zwischen Tecno-Pilot Clay Regazzoni und Quester in der letzten Runde des EM-Finales in Hockenheim stösst Hahnemann trotz des glücklichen BMW-Siegs ziemlich sauer auf. Dazu stehen alle auch noch unter dem Eindruck von Jochen Rindts Tod, der gerade mal ein paar Wochen zurückliegt. Und der tödliche Unfall von BMW Formel 2-Werkspilot Gerhard Mitter im August 1969 am Nürburgring steckt ebenfalls noch in den Köpfen der Entscheider. Bestärkt sieht sich Hahnemann in seiner Meinung schliesslich auch durch die wenig diplomatische Begleitmusik des gerade via Bild-Zeitung verkündeten Rücktritts seines Werksfahrers Hubert Hahne. Auf der Titelseite des Millionen-Blatts lässt der Düsseldorfer in dicker Aufmachung verkünden: „Rennfahren ist viel zu gefährlich und grenzt heute an Idiotie.“


Der Trauerfall von Neubiberg - Auch die BMW-Sportführung trägt Trauer 1970
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager (diverse Archive)

Die enttäuschten Fans tröstet BMW mit diesem offiziellen Statement: „Wir treten als Sieger ab, das ist wenigstens ein ehrenvoller Rückzug.“ Hier endet die BMW F2-Story zunächst. Doch wer die Dickköpfigkeit und den Einfallsreichtum von Motoren-Genie Paul Rosche und den Ehrgeiz von Dieter Quester kennt, ahnt schnell, dass die Geschichte noch nicht zu Ende ist. Die beiden hecken einen verwegenen Plan aus, den sie zusammen mit einer Schar williger Verbündeter diskret und ausserhalb des Werksgeländes zielstrebig umsetzen. So formiert sich über den Winter 1970-71 eine Art Guerilla-Truppe mit den besten Köpfen der Rennabteilung. Mit zwei BMW-Motoren, die Quester zum Abschied geschenkt bekommt, und einem „organisierten“ March-Chassis tauchen Quester und Rosche in den Untergrund ab. In einem angemieteten Schuppen treffen sich die BMW-Männer immer nach Dienstschluss, um das Auto für die EM-Saison 1971 fit zu machen. Im Frühjahr rücken Quester & Co. als Privatteam aus – mit dem Bewerber „Eifelland-Wohnwagenbau“ als Tarnung und zugleich auch als Sponsor.


Der Trauerfall von Neubiberg - Formel 2-EM-Lauf in Thruxton, England im Frühjahr 1970
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Quester erlebt eine traumhafte Saison, die noch erfolgreicher ist als zuvor im Werksteam. Sein March M 712 ist der einzige Rennwagen mit BMW-Motor im grossen EM-Starterfeld, in dem ansonsten Ford-Cosworth-Triebwerke dominieren. Das Geld reicht zwar hinten und vorne nicht, aber das „Rebellen-Team“ ist dennoch fröhlich und erfolgreich. „Manchmal haben wir wirklich mit leeren Taschen und einem kaputten LKW dagestanden“, erinnert sich der Österreicher, „aber irgendwer hat irgendwie immer wieder was aufgetrieben und es ging weiter.“ Immerhin verbucht er einen Sieg, drei zweite Plätze und einen dritten Rang – macht zusammen 31 Punkte und Platz drei in der F2-EM 1971 hinter Ronnie Peterson (March-Ford) und Carlos Reutemann (Brabham-Ford). Auf den EM-Schlussrängen vier und fünf rangieren immerhin Kaliber wie Tim Schenken (Brabham-Ford) und Francois Cevert (Tecno-Ford). „Ich habe dieses Abenteuer nie bereut“, sagte Quester damals, „und ich war immer stolz auf das, was wir zusammen auf die Beine gestellt haben.“


Der Trauerfall von Neubiberg - Versöhnliche Ehrenrunde 1970 in Hockenheimmit Quester, Regazzoni & Peterson
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Das inoffizielle Treiben ist übrigens auch den oberen BMW-Etagen nicht verborgen geblieben, schliesslich liest man ja Fachzeitschriften und Tageszeitungen. „Der ganze Vorstand wusste schon bald, was da läuft, aber niemand hat etwas gegen uns unternommen.“ Ende 1971 ist der Spass vorbei, das Formel 2-Rebellen-Team löst sich auf und wendet sich, nun wieder in offizieller Mission, in der BMW-Rennabteilung neuen Aufgaben rund um den Tourenwagensport zu. Doch schon 1973 setzt ein Umdenken bei den Verantwortlichen ein und BMW kehrt ganz offiziell wieder als Motorenlieferant für das March-Werksteam an den alten Spielplatz zurück. Mit dabei ist auch wieder Paul Rosche als Vater der neuen 2-Liter-Triebwerks-Generation. Auch BMW-Tuner Schnitzer ist plötzlich mit einem eigenen Motor zur Stelle, beliefert die französische „Ecurie elf“ und tritt mit dem Münchner Mutterhaus in pikante Konkurrenz.


Der Trauerfall von Neubiberg - Hochdramatischer Zweikampf 1970 in Hockenheim - hinter der BMW
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Die BMW-Motoren gewinnen in den folgenden Jahren unter tatkräftiger Mithilfe weiterer Tuner wie Mader und Heidegger fast 100 Rennen und sieben EM-Titel. Aber mit dem Einstieg von Honda beginnt die BMW-Vorherrschaft zu bröckeln, die Japaner drängen den deutschen Konkurrenten immer mehr ins zweite Glied zurück. Die Jahre 1983 und 1984 bringen eine geradezu erdrückende Honda-Überlegenheit. Der letzte Sieg eines von Paul Rosche präparierten BMW-Werksmotors wird am 8. Mai 1983 in Vallelunga notiert (Beppe Gabbiani, Onyx-March). Und der absolut letzte Erfolg eines BMW-Motors, vorbereitet vom Schweizer Tuner Heini Mader, gelingt am 23. September 1984 in Brands Hatch (Philippe Streiff, AGS). Mit Saisonschluss 1984 endet auch die glorreiche Ära der Formel 2-Rennwagen (1967–1984), die ab 1985 durch die Formel 3000 ersetzt werden.


Der Trauerfall von Neubiberg - Wiederauferstehung 1971 als "Eifelland" in Hockenheim
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager (diverse Archive)

Abspannbild Dieser Beitrag stammt aus dem Titel „Hallo Fahrerlager Classic“, der als Band 4 in der „Hallo Fahrerlager“-Buchreihe von Rainer Braun erschienen ist. Bis Weihnachten läuft noch eine zeitlich eng begrenzte Sonderaktion – für nur 59,90 € erhalten Sie das Buch „Hallo Fahrerlager Classic“ (UVP 59,90 €) und den Titel „Hallo Fahrerlager 2“ (geb. Ladenpreis 19,90 €) im Paket. Als besonderes Highlight sind beide Bücher vom Autor handsigniert. Das Sonder-Angebot endet am 24.12.2017. Weitere Infos dazu und Bestellungen gibt es auf der Website von "Hallo Fahrerlager" .

Weitere Beiträge von Rainer Braun sind im Themenkanal "Hallo Fahrerlager" zu finden.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von th******
28.11.2017 (08:25)
Antworten
In dem Fall klingt es vielleicht makaber, aber seit wenigen Jahren ist auf einem Teil des Flugplatzgeländes der neue Friedhof der Gemeinde Neubiberg entstanden.
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