Willys Jeep Station Wagon – prakischer Pionier und Vorreiter der SUV

Erstellt am 26. Dezember 2020
, Leselänge 7min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Bruno von Rotz 
41
Archiv Besitzer 
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Chrysler Group 
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Archiv Besitzer / SBB 
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Archiv 
16

Als der Autohersteller Willys-Overland im Jahr 1940 mit dem «Willys Quad» der US-Armee den Prototyp des Jeeps vorstellte, hatte die Firma schon eine 37-jährige Geschichte. Angegangen hatte es nämlich mit der Marke «Overland» im Jahr 1903. 1907 übernahm John N. Willys die in finanzielle Schwierigkeiten gekommene Firma, die in der Folge in «Willys-Overland» umbenannt wurde. Bis 1940 war man mit wechselndem Erfolg hauptsächlich als Anbieter von Personenwagen im Geschäft, aber mit dem Jeep wurde ein komplett neues Segment erschlossen, das in den ersten Jahren natürlich ausschliesslich vom Armeegeschäft profitierte.


Willys Quad Original Pilot (1940)
Copyright / Fotograf: Chrysler Group

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren allerdings neue Käufersegmente gefragt und so baute man auf der Basis des Standard-Jeeps ein deutlich vielseitiges Fahrzeug.

Vom Geländewagen zum Allzweckfahrzeug

Mitte der Vierzigerjahre verpflichtete man Brooks Steven (1911-1995), einen Industriedesigner und beauftragte ihn, einen «Station Wagon», also einen Kombi zu zeichnen. Während das Design vor allem vorne an den Geländewagen Jeep erinnerte, glich der Rest des Wagens ab A-Säule eher den typischen amerikanischen Kombis, die ihre Form meist mit Hilfe von Holzelementen erhielten. Diesen Naturwerkstoff wollte man bei Willys aber wegen der Kosten, der aufwändigen Verarbeitung und aus Sicherheitsaspekten nicht verwenden. So entstand ein Stahlblechaufbau, der aus vielen kleinen Blechelementen zusammengeschweisst wurde, mit seiner Oberflächenstruktur aber immer noch an die «Woodies» erinnerte.


Willys Jeep Station Wagon (1949)
Copyright / Fotograf: Chrysler Group

Die Automobil Revue beschrieb den Neuankömmling im September 1946:
«Die schon angekündigte neue Version des Jeep ist nun offiziell herausgekommen, doch dürfte noch längere Zeit verstreichen, bis die Serienfabrikation aufgenommen werden kann. Der Jeep “Station Wagon” ist ein Fahrzeug zwischen der Personenwagen- und Lieferwagenklasse und wird sich für zahlreiche Zwecke eignen. Vom ursprünglichen Jeep ist mit Ausnahme des altbewährten Motors und der Kühlerform nicht mehr viel übriggeblieben; auch der Motor selbst wurde weiterentwickelt und kommt nun auf eine Höchstleistung von 63 PS. Die Karosserie fasst sieben Personen oder ein entsprechendes Quantum an anderem “Ladegut”; sie ist sehr geräumig und ganz aus Stahl gebaut, weist also, im Gegensatz zu den anderen Station Wagons, keine äussere Holzverkleidung auf.»

Beim Fahrgestell griff man natürlich auf beim Militär-Jeep Bewährtes zurück, einzig der Radstand wurde um rund einen halben Meter verlängert.


Willys Jeep (1945) - Fahrgestell
Archiv Automobil Revue

Die Vorderräder wurden nun mit Blick auf zusätzlichen Komfort einzeln an oberen Dreieckslenkern und unterer Querblattfeder geführt, waren dafür aber nicht mehr angetrieben. Diese Aufhängungskonstruktion wurde «Planadyne» genannt.

Fast 1,3 Tonnen wog der Kombi leer, bot dafür aber auch richtig viel Platz und erreichte eine Höchstgeschwindigkeit von 105 km/h. Um die Drehzahlen beim nur mit drei Gängen arbeitenden Getriebe zu senken, gab es einen Overdrive (Schnellgang), der zum zweiten und dritten Gang dazugeschaltet werden konnte.

Ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen

Die Werbung machte es im Jahr 1949 klar, der Jeep Station Wagon war zur jeder Aufgabe bereit. Unter dem Titel «Bequem wie ein Luxuswagen, geräumig wie ein Lieferwagen, unverwüstlich wie ein Jeep» wurde u.a. erklärt:
«Seine breite Karosserie bietet bis zu sieben Personen Platz; für den Warentransport steht bei Wegnahme der hinteren Sitzreihe ein Laderaum von 2,7 m3 zur Verfügung; sein in über 500’000 Exemplaren bewährter Motor gibt dem Fahrzeug eine Maximalgeschwindigkeit von über hundert Stundenkilometern; der Schnellgang erlaubt eine weitgehende Schonung des Motors und maximale Ausnützung des Brennstoffes; die Länge von nur 442 cm ermöglicht wendiges Fahren, und die robuste Bauart und die ausschliessliche Verwendung von Stahl gewährleisten eine Unverwüstlichkeit, wie sie für den Jeep zum eigentlichen Begriff geworden ist.
Der Jeep-Station-Wagon, der erste Station-Wagon, den es überhaupt gab, wurde vielfach nachgemacht, ist aber in seiner praktischen Verwendbarkeit nie erreicht worden.»

Angebote von Zwischengas-Spezialisten
Morgan 4/4 Roadster 2-seater (1977)
Ford Sierra 2.0i Cosworth 4X4 (1990)
Volvo PV 444 Buggeli "Kuckuck" (1952)
Citroen DS Super (1973)
+41 79 445 32 04
Gommiswald (oberer Zürichsee), Schweiz

Vom Zweirad- zum Vierradantrieb

Ein Wunsch war allerdings am Anfang offengeblieben, nämlich der Allradantrieb. Doch bereits 1949/1950 wurde auch beim «Wagon» ein zuschaltbarer Antrieb der Vorderräder angeboten, allerdings auf Kosten der Einzelradaufhängungen und (zunächst) mit Verzicht auf den Schnellgang.

Stetige Evolution

Auch die Antriebstechnik wurde verbessert. Als Option gab es schon ab 1947 einen Reihensechszylindermotor, 1950 wurde die erste «Hurricane»-Motorengeneration eingeführt. Diese bot als Vierzylinder (mit je einem stehenden und einem hängenden Ventil pro Zylinder) anstatt 64 PS bei 4000 Umdrehungen bei gleichem Hubraum nun 72 PS, während der Sechszylinder mit 2433 cm3 (später 2638 cm3) nun auf 76 PS (später 90 PS) kam, aber nicht mit dem Allrad bestellt werden konnte.


Willys Jeep Station Wagon 4x4 (1951) - im Geländeeinsatz
Archiv Automobil Revue

Ab 1952 konnte der Motor auch mit dem Zündschlüssel anstatt dem Fusstaster gestartet werden. Das Styling änderte immer wieder ein bisschen und die Modellvielfalt wuchs. So wurde ab 1958 eine Version «Maverick» mit mehr Luxus eingeführt.

Des weiteren erhielt der «Station Wagon» Ende der Fünfzigerjahre eine einteilige Frontscheibe und 1962 auch einen OHC-Sechszylinder.
1964 wurde die Produktion in den USA nach knapp über 300’000 Fahrzeugen gestoppt, in Brasilien und Argentinien wurden diverse Varianten noch bis in die Siebzigerjahre weitergebaut.

Einsatz als Nutzfahrzeug

Der Willys Station Wagon war vergleichsweise günstig. 1950 zahlte man für die zweiradangetriebene Vierzylinder-Version 4-63 CHF 13’950, mit Sechszylindermotor waren für den 6-63 CHF 14’400 fällig, die 4x4-Version 4x4-63 kostete CHF 15’500, rund zweieinhalb Mal soviel wie für den VW Käfer 11a De Luxe (CHF 6200) zu berappen waren.


Willys Jeep Station Wagon (1956) - im Einsatz für die SBB
Copyright / Fotograf: Archiv Besitzer / SBB

Viele dieser Autos wurden als Nutzfahrzeuge gekauft und sie dienten für vielfältige Zug-Aufgaben, als Einsatzfahrzeug für die Feuerwehr, als Militärfahrzeug oder auch als Unterhaltswagen für die SBB (Schweizerische Bundesbahnen).

Einsatz als Alltagsauto

Aber auch im Alltag konnte sich der «Station Wagon» nützlich machen, schliesslich bot er auch einer grossen Familie Platz und hatte mit seinen Hecktüren und dem wandelbaren Innenraum die typischen Kombi-Qualitäten, die man heute noch schätzt.

Langzeitauto

Der fotografierte Willys Station Wagon mit Vierrradantrieb und Baujahr 1950 wurde einst als Miliärfahrzeug eingesetzt, dann aber 1961 ausgemustert. Auf Umwegen gelangte er ins Haslital und wurde wohl als Einsatzfahrzeug der Kraftwerke Oberhasli genutzt. Immer wieder wurden Arbeiten vorgenommen, um den Wagen am Leben zu halten. Schliesslich kam das Auto nach Lauterbrunnen und wurde dort zum Schneeräumen eingesetzt bis der heutige Besitzer den Allradler im Jahr 1998 übernehmen konnte.


Willys Jeep Station Wagon (1951) - Schiebefenster für die Fondpassagiere
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Seither hat der stolze Eigner den Station Wagen schrittweise mit Originalteilen auf die Zivilversion umgebaut. Auch ein Overdrive, den der Jeep ursprünglich nicht hatte, wurde nachgerüstet.


Willys Jeep Station Wagon (1951) - hinten öffnen zwei Klappen, um Zugang zum grossen Kofferraum zu geben
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Eingesetzt wird der renovierte Willys ganzjährig, insbesondere aber auch im Winter für die Fahrt in den Skiurlaub oder Besorgungen im Graubündnerland.


Willys Jeep Station Wagon (1955) - in der Heinrich Werft im Jahr 1962
Copyright / Fotograf: Archiv Besitzer

Gefragt, wie er denn auf die Idee zum Kauf dieses Wagens gekommen sei, erfährt man einiges vom Besitzer. Erstens habe er diese Autos schon in seiner Jugend bei ihrem täglichen Einsatz (z.B. beim Ziehen von Schiffen im Jachthafen) beobachtet, zweitens sei er diesen Autos auch bei Arbeitseinsätzen in den USA mehrfach begegnet. Er sei u.a. auch vom Design so beeindruckt gewesen, dass er unbedingt selber einen haben wollte.

Arbeitstier

Dass der Jeep Station Wagon nicht als Luxus-SUV geboren wurde, das spürt man beim Fahren sofort. Der Motor läuft relativ lau, das Schalten des Dreiganggetriebes verlangt nach beherztem Zwischenkuppeln und Zwischengas.


Willys Jeep Station Wagon (1951) - Armaturenbrett in Wagenfarbe
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Mit eingeschaltetem Allrad will der Wagen gerne immer geradeausfahren und das Bedienen der vielen Hebel im Cockpit verlangt nach beherztem Zugriff. Wer damit zurecht kommt, der erlebt ein durchaus praktisches Auto, das eine gute Rundumsicht bietet, auch eine Grossfamilie transportieren kann (Einsteig zu den hinteren Sitzen nur auf der Beifahrerseite) und so praktische Details wie umklappbare Sitze und eine zweiteilig zu öffnende Heckklappe offenbart.


Willys Jeep Station Wagon (1951) - ein bekanntes Gesicht
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Und im Notfall schafft man fast jede Steigung und auch schlimmste Strassenverhältnisse. Insgesamt erinnert der Willys Jeep natürlich schon mehr an richtige Geländewagen als an moderne SUVs, aber das ist ja gerade gut so.

Der Anfang einer langen Ahnenreihe

Der erste Willys Station Wagon wurde von 1946 bis 1964 in den USA gebaut (in einigen Exportländern auch noch deutlich länger).


Willys Wagoneer (1963) - 142 PS liefert der Sechszylinder, die Kraftübertragung ist automatisch
Archiv Automobil Revue

Der Nachfolger hiess Jeep Wagoneer, vorgestellt im Jahr 1962. Deutlich grösser und luxuriöser sollte dieser Wagen die Vorzüge des komfortablen Personenwagen mit dem Nutzen eines Geländewagens kombinieren. Damit war der Vater aller luxuriösen 4x4-SUVs geboren.
Bereits 1964 ergänzte der Jeep Super Wagoneer mit noch mehr Luxusattributen die Palette.


Jeep Wagoneer Limited (1984)
Archiv Automobil Revue

1974 dann erschien der Jeep Cherokee als zweitürige Variante des Wagoneers. Er sollte mit seiner sportlicheren Aufmachung auch jüngeres Publikum ansprechen.

Die Angebotspalette wuchs über die Jahre, die Namen wurden genauso wie die Ausführungen vielfältiger.

Willys und die Jeep-Produkte wechselten mehrmals den Besitzer, von Kaiser-Frazer, über AMC bis zu Chrysler und schliesslich in die FCA Group, die ja inzwischen bekanntlich mit der PSA-Gruppe fusioniert hat.

Wir danken dem Besitzer für die Unterstützung bei der Foto-Session und die spannenden Erzählungen, die er dazu lieferte.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von Michel
29.12.2020 (12:38)
Antworten
Als Kind war ich in einem Internat im schweizerischen Adelboden, Haus Sonnenrain, in den frühen 60er Jahren untergebracht. Eines Tages verletzte ich mich an der Hand beim Skifahren und musste ganz schnell zum Arzt gefahren werden. Der Sohn der Chefin des Internats hatte einen Jeep und fuhr mich dorthin. Man muss wissen, dass die Winter in dieser Zeit sehr streng waren und wir hatten sehr viel Schnee. Aber mit diesem Jeep war es überhaupt kein Problem, der wühlte sich durch die Schneemassen mit einem ziemlich lauten Geheule.... Wir kamen durch. Ein unvergesslicher Moment und wenn ich einen Jeep sehe, muss ich immer daran denken. Jeep sei dank, die Hand wurde geflickt.
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