Vittorio Janos erster Gran Turismo - der Alfa Romeo 6C 1500

Erstellt am 17. März 2013
, Leselänge 7min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Daniel Reinhard 
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Archiv Daniel Reinhard 
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Balz Schreier 
3
Rudolf Menzi 
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Bruno von Rotz 
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Archiv Bernhard Brägger 
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Beat Morell 
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Archiv 
27

Am 22. April 1891 wurde in Italien ein Mann geboren, der 30 Jahre später die damals kaum bekannte Marke Alfa Romeo zu Weltruf brachte: Vittorio Jano. Viele Fachleute sehen in Jano den Vater des italienischen Gran-Turismo-Wagen. 1923 trat Jano bei Alfa Romeo ein und erhielt eine eigene neue Abteilung, die “Ufficio di Studi Speciali”.

Als erstes Fahrzeug entwickelte er den Tipo P2, unterstützt von Luigi Fusi, Secondo Molino und Gioachino Colombo. Der P2 war ein grosser Wurf und fuhr von Sieg zu Sieg.

Im Herbst 1924 wurde Jano beauftragt, einen leichten und leistungsstarken Sechszylinder für den Gebrauch auf der Strasse zu bauen. Er liess sich nicht lange bitten.

Der 6C 1500 entsteht

Bereits im April 1925 war der erste Prototyp des 6C 1500 fahrbereit. Der Motor wies einen Hubraum von 1487 cm3 und hatte nur eine obenliegende Nockenwelle, die durch eine Königswelle angetrieben wurde, auf.

Schon bald darauf folgte eine Zwei-Nockenwellen-Version, die zudem auch mit einem Kompressor ausgerüstet werden konnte. DIe DOHC-Motoren hatten hemisphärische Brennräume und zentral positionierte Zündkerzen. Die Kurbelwelle war fünffach gelagert. Die äusserst seltenen “testa-fissa” Motoren, bei denen Motorblock und Zylinderkopf aus einem Stück bestanden, besassen sogar acht Hauptlager.


Alfa Romeo 6C 1500 (1928) - Kessler auf dem Alfa Romeo 6C 1500 am Klausenrennen 1928
Copyright / Fotograf: Archiv Bernhard Brägger

Das Fahrgestell war der damaligen Zeit weit voraus. Es verfügte über einen Stahl-Leiterrahmen, an den die starren Vorder- und Hinterachsen mit semi-elliptischen Federn und Reibungsdämpfern montiert wurden. Ausgeklügelte mechanisch angesteuerte Trommelbremsen an allen vier Rädern sorgten für gute Verzögerungswerte.

Das Armaturenbrett war vollständig bestückt, beim Sport-Modell enthielt es zum Beispiel Tourenzähler, Geschwindigkeitsmesser, Öldruckanzeige, Uhr, Handgas und eine Beleuchtung mit zwei Lampen.

Nur Karosseriebauern, denen Jano gut gesinnt war, durften Aufbauten für das neue Chassis bauen. Unter diesen privilegierten Firmen waren Vanden Plas, Zagato, Stabilimenti Farina, Ghia, Touring, Brianza, Castagna und Garavini, neben anderen. Die Serienproduktion des 6C 1500 lief 1927 an.

Sporterfolge sorgen für kommerziellen Stimulus

Natürlich wurde auch dieser neue Alfa Romeo sofort im Rennsport erprobt. Am 5. Juni 1927 gab der neue Alfa sein Debüt im Rennen von Modena. Es wurden zwei Wagen eingeschrieben. Enzo Ferrari kam als Erster durchs Ziel, während Marinoni auf dem anderen Alfa als Zweiter abgewunken wurde.

Natürlich schlachtete Alfa Romeo die Tatsache, dass sie mit dem ersten Auto eines neuen Typs sofort ein Rennen gewonnen hatten, geschickt aus. Im Frühjahr 1928 nahm Alfa Romeo an der zweiten Mille Miglia mit einem 6C 1500 SS mit Kompressor teil. Der Wagen wurde von Campari und Ramponi gesteuert, und sie fuhren prompt als Erste durch Ziel.

Es folgte noch eine Reihe solcher Siege mit dem 6C 1500, was den privaten Verkauf beträchtlich stimulierte. Das Werk produzierte zwischen 1927 und 1928 gemäss der bekannten 6C-Kennerin Angela Cherret insgesamt rund 1’000 Einheiten dieses Typs (181 davon waren vom Typ “Sport”), für jene Zeit und für ein derart kostbares Auto eine unglaublich hohe Zahl!

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Weiterentwicklung zum 6C 1750

Jano und sein Team entwickelten in der Zwischenzeit den Wagen weiter und brachten bereits 1929 mit dem 6C 1750 einen Nachfolger heraus. Dazu war der 1 1/2-Liter-Motor auf 1750 cm3 aufgebohrt worden. Dieser 1750er brachte Alfa Romeo noch mehr Ruhm als der 1500er. Zuerst wurde mit ihm 1929 die Mille Miglia gewonnen. Danach siegte dieser Wagen in vielen Rennen in Nah und Fern, bis man ihn 1933 aus der Produktion nahm.


Alfa Romeo 6C 1750 (1930) - Josef Kessler beim Klausenrennen 1930 mit der schnellsten Zeit aller Sportwagen
Copyright / Fotograf: Archiv Bernhard Brägger

Der letzte 1500-er Sport

Spät im Jahr 1928 dürfte das Fahrgestell 0211504 als wohl letzter 1500 Sport das Werk in Mailand verlassen haben. Ohne Aufbau wurde das Chassis, wie damals üblich, nach England verschifft, wo es vermutlich die ersten Jahre mit minimaler Karosserie (“Due Baquets”) in verschiedenen Rennen eingesetzt wurde.

Schon bald aber erhielt der Wagen einen einmaligen Barker-Aufbau, den es in der vorliegenden Form vermutlich nur einmal auf einem Alfa 6C 1500/1750 gegeben hat. Im Frühjahr 1930 wurde der 6C 1500 Sport mit dem englischen Kontrollschild GF 2507 versehen.


Alfa Romeo 6C 1500 (1928) - Lord Strathcarron bei einem Renneinsatz im Jahr 1946 in Silverstone
Zwischengas Archiv

“Motoring for Pleasure”

Inserat in MotorSports 1949Wenige Jahre später, genau gesagt im Jahr 1946, gelangte der inzwischen mit Motorschaden (“the engine had desintegrated”) gestrandete Sportwagen für £375 in den Besitz von Lord Strathcarron, einem “Petrol Head” par excellence. Da der autobegeisterte Lord zufälligerweise von einer gerade zum Verkauf stehenden 6C 1750 Maschine wusste, griff er zu und installierte den grösseren Motor in das 6C 1500 Sport Chassis. Für den Einbau waren keinerlei Anpassungen am Fahrzeug nötig.

Die Freude am neuen Spielzeug wurde allerdings durch die Benzinrationierungen der Kriegs- und Nachkriegszeit gedämpft. Trotzdem fuhr Lord Strathcarron den Alfa an Rennveranstaltungen für historische Automobile, die schon damals in Silverstone und Prescott stattfanden.

Schliesslich, um das Jahr 1949 herum, verkaufte er den 6C 1500 zu ungefähr dem Preis von 1946, um Platz für einen Kompressor-1500-Alfa zu schaffen, von dessen Fahrverhalten er allerdings im Vergleich zum 6C 1500 Sport nicht überzeugt war.

41 Jahre im gleichen Besitz

Bald darauf landete der Barker-6C bei Albert John Thomas aus Oxfordshire. Und dieser hegte, pflegte und bewegte den Alfa während 41 abwechslungsreichen Jahren. Erst im Jahr 1995 wechselte der Alfa Romeo erneut die Hand und gelangte so, noch immer mit dem 1750-Motor ausgerüstet, in die Schweiz.

Revisionen und Restaurierung

Sofort nach der Überführung in die Schweiz wurde das Chassis und die gesamte Mechanik des Alfas revidiert und restauriert. Statt der nicht ganz standesgemässen “Austin”-Kolben wurden wieder Original-Kolben eingesetzt, viele Teile wurden ersetzt oder auf Vordermann gebracht, das Chassis sandgestrahlt und im ursprünglichen dunkelroten Farbton gespritzt.


Alfa Romeo 6C 1500 (1928) - Blick auf die Barker-Karosserie mit Grossmuttersitz
Zwischengas Archiv

Im Winter 2009/2010 folgte schliesslich eine gründliche Restaurierung der Barker-Karosserie, so dass der Wagen heute wieder wie aus dem Ei gepellt dasteht.

Eine Fahrt im klassischen Alfa Romeo Gran Turismo

Die Fahrt im 85 Jahre alten Alfa Romeo erfordert etwas Umgewöhnung, denn zum einen sind die Pedale vertauscht, zum andern hat die Technik halt seither doch einige Fortschritte gemacht.

Zum Starten muss vorerst der Benzinhahn geöffnet werden, dann wird der Batterieschalter umgelegt, das Handgas etwas angezogen, die Zündung am Lenkrad zurückgenommen und dann eingeschaltet. Jetzt muss nur noch der Startknopf am Armaturenbrett gedrückt werden und der Motor nimmt seine Arbeit auf. Um die üppigen Flüssigkeitshaushalt (zehn Liter Wasser und neun Liter Öl) auf Temperatur zu bringen, empfiehlt sich ein kurzes Warmlaufenlassen im Stand. Bis der Sechszylinder Betriebstemperatur erreicht hat, wird der Wagen mit wenig Gas auf hoffentlich ebener Strecke geschont. Warmgelaufen beginnt der Motor, seine Pferde zu zeigen und den Wagen flott voranzutreiben.

Die filigrane Mehrscheiben-Kupplung muss vor allem beim Anfahren mit Gefühl betätigt werden. Generell verlangt die Pedalerie einiges an Angewöhnung, denn das Gaspedal ist zwischen der Kupplung und dem Bremspedal angeordnet. Automatismen funktionieren hier also nicht, der Kopf muss ständig mitarbeiten, sonst verwechselt man schnell die ungewöhnliche Anordnung. Und dies kann fatale Folgen haben.

Das Getriebe ist unsynchronisiert, entsprechend muss beim Hochschalten zwischengekuppelt werden und beim Herunterschalten die richtige Portion Zwischengas eingestreut werden. Nur so sind geräuschlose Schaltvorgänge möglich und wenn das perfekte Schaltmanöver gelingt, jubelt das Herz des Alfa-Fahrers.

Die sehr leichtgängige, direkte Lenkung ist ein Vergnügen, vorausgesetzt das Lenkgetriebe ist richtig eingestellt und mit Öl (nicht mit Fett) gefüllt.

Auch die mechanischen Bremsen erstaunen. Das aufwendigen Gestänge mit seitlichem Lastausgleich vorn und hinten, das ohne Seile auskommt, gibt einem sehr sicheres Gefühl. Trotzdem muss sich natürlich der Pilot des 6C bewusst sein, dass er in einem Vorkriegsfahrzeug sitzt und da ist der Abstand der beste Freund.

Der 6C 1500 Sport zeigt sich auf jeder Strasse zuhause. Am liebsten rollt er, Kurven aller Art sind sein Element. Aber, vorausgesetzt man hat eine lange Übersetzung montiert wie beim hier portraitierten 6C 1500/1750, sogar Autobahnen sind erträglich, denn bei 120 km/h dreht der Motor gerade einmal 3’000 U/min.

Einsatz im historischen Rennsport

Der Schweizer Besitzer hat den Wagen nicht für Kaffeefahrten gekauft, sondern setzt ihn immer wieder bei historischen Rennveranstaltungen ein. 1996 zum Beispiel bestritt er die zweite Berg Trophy Davos-Schatzalp und 1998, 2002 und 2006 raste der schnelle Alfa den Klausenpass hoch.


Alfa Romeo 6C 1500 (1928) - am Klausen Memorial 2006
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

2013 wird der Alfa Romeo 6C 1500 Sport mit Chassis 211504 an der Mille Miglia zu sehen sein, die Meldebestätigung liegt bereits vor.

Der in diesem Bericht portraitierte Alfa Romeo 6C 1500 Sport (211504) steht nach der Mille Miglia 2013 zum Verkauf. Interessenten mögen das entsprechende Inserat auf Zwischengas beachten.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von bi******
20.03.2013 (11:28)
Antworten
Herzlichen Dank an die Verfasser des höchst tollen und interessanten Berichts. Als "alter" Alfisti bin ich natürlich auch Fan aller Alfas, ausser den Neuzeitlichen. Schade, dass die heutigen Alfa-Verantwortlichen nur noch wenig Pioniergeist zeigen. Vielleicht ändert das sich mit den angekündigten Modellen.
von mo******
19.03.2013 (12:21)
Antworten
Warum sind die Scheinwerfer auf den Bildern gedreht? Aerodynamik? Achurtz vor Steinschlägen?
Antwort vom Zwischengas Team (Chefredaktor)
20.03.2013 (08:43)
Eine Mischung von beidem, aber vor allem Steinschlagschutz. Der aktuelle Besitzer meinte, dass die Gläser der Lampen recht schwer zu bschaffen seinen und entschied sich daher, die Lampen nach innen zu drehen, wo sie besser geschützt sind.
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