VW-Porsche 914/6 Tapiro - Design-Keil mit Serienambitionen von Giugiaro

Erstellt am 4. Juli 2015
, Leselänge 5min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Werk / Giugiaro / ItalDesign 
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Archiv 
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Der VW-Porsche 914/6 wurde nur drei Jahre lang gebaut und trotzdem gibt es mehr namhafte Konzeptfahrzeuge auf Basis dieses Typs als vermutlich vom über Jahrzehnte gebauten Porsche 911 überhaupt. Pietro Frua schuf den Hispano-Allemano, Graf Goertz für Eurostyle eine individuelle Variante mit scheinbarem Kombiheck, Heuliez den rundlichen Murene und Giorgio Giugiaro für Italdesign den Tapiro. Darüber hinaus entstanden weitere Umbauten unterschiedlichster Qualität und Ausführung, aber der Tapiro war sicherlich der spektakulärste von allen, dabei war er eigentlich für den Serienbau vorgesehen.


VW-Porsche 914/6 Tapiro (1970 - sexy präsentiert
Copyright / Fotograf: Werk / Giugiaro / ItalDesign

Schaustück

Im September 1969 zeigten VW und Porsche erstmals öffentlich ihren neuen Volks-Sportwagen, der die Brücke zwischen den beiden Marken bilden sollte und sowohl mit Volkswagen-Vierzylinder-, als auch Porsche-Sechszylindermotor erhältlich war.

Nur gerade ein Jahr später zeigte die italienische Designfirma ItalDesign am Turiner Autosalon im November 1970 die Studie “Tapiro”, die auf Basis des VW-Porsche 914/6 entstanden war.


VW-Porsche 914/6 Tapiro (1970 - an der Auto Expo 1971
Copyright / Fotograf: Werk / Giugiaro / ItalDesign

Der Sportwagen stand mehr oder weniger Seite an Seite mit den extravagant geformten Lancia Stratos Prototyp von Bertone und der Studie Modulo von Pininfarina in Turin, was ihn wohl deutlich angepasster erscheinen liess als erwartet. Die Automobil Revue schrieb kurz im Messebericht:  “Der von Ital-Design gekleidete VW-Porsche 914/6 besticht durch eine geräumige Karosserie mit keilförmiger und etwas eigenwilliger Linienführung”, und wandte sich den anderen Spezialkarosserien zu. Generell war das Feedback positiv, man sprach von harmonischen und gefälligen Linien.

Verbesserte Technik des VW-Porsche

Im Prinzip übernahm Giorgetto Giugiaro, der Mann hinter ItalDesign, den serienmässigen Antriebsstrang aus dem VW-Porsche 914/6, doch arbeitete er mit dem Tuner Bonomelli zusammen, um mehr Leistung auf die Hinterachse zu bringen. Mittels diverser 911-R-Teile wurde der Motor auf 2,4 Liter Hubraum und 220 PS bei 7200 U/min gebracht. Die Verdichtung wurde dazu auf 10:1 angehoben, die Übersetzung so angepasst, dass bei 7200 U/min 246 km/h möglich gewesen wären.

Die Aufhängungen wurden übernommen, allerdings verwendete man beim Prototypen einstellbare Dämpfer. Vorne waren Acht- hinten Neun-Zoll-Räder montiert. Der Felgendurchmesser betrug rundum 15 Zoll und natürlich verzögerte der VW-Porsche mit Scheibenbremsen.

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Aerodynamik und Sicherheit als Zielsetzung

Für das Karosseriekleid strebte Giugiaro, der bereits mit dem Manta, dem Abarth 1600 und dem Iguana formlich interessante Konzeptfahrzeuge für ItalDesign gezeichnet hatte, kein reines Show-Fahrzeug, sondern einen für den Alltag geeigneten Sportwagen mit überdurchschnittlich guter Aerodynamik und ohne Abstriche an der Sicherheit an. Gleichzeitig sollte dabei die Ästhetik nicht auf der Strecke bleiben.

Auf unverändertem Radstand entwarf Giugiaro eine Karosserie, die 11 cm flacher, 10 cm breiter und 7.5 cm länger war als das Original. Gleichzeitig wuchs der Überhang vorne, während jener hinten schrumpfte. Damit war die Basis für völlig andere Proportionen gelegt als sie der Serien-914 aufwies, was durch die typisch für Giugiaro stark geneige Frontscheibe noch verstärkt wurde.

Der Tapiro, der Name stammt tatsächlich vom etwas unförmigen aber reaktionsschnellen Säugetier Tapir, wies eine konsequent durchgezogene Keilform auf. Zwei Flügeltüren erlaubten einen bequemen Zugang zum nicht allzu avantgardistischen Interieur, zwei weitere Flügeltüren gaben den Motor in der Mitte frei.

Kein Stück Blech des originalen 914 konnte wiederverwendet werden, immerhin aber funktionierte der Mechanismus der Klappscheinwerfer gleich wie beim Werksauto.


VW-Porsche 914/6 Tapiro (1970) - viel Glas nach oben, attraktive Formgebung
Archiv Automobil Revue

Am eindrücklichsten war die Sicht auf den Wagen, denn nur gerade 30 cm Blech trennten bis ins Dach hineinreichende Glasflächen, weshalb der Tapiro sicherlich bei Sonnenschein zur Sauna mutierte.

Optisch war der Tapiro sicherlich deutlich aufregender als der Serien-914, doch Giugiaro hatte bewusst eine Serienfertigung einkalkuliert.

Für die Serie gedacht

Im Gegensatz zu vielen anderen Konzeptfahrzeugen war der 914/6 Tapiro komplett alltagstauglich und (fast) mit allem ausgestattet, was es für die tägliche Fahrt zur Arbeit brauchte. Natürlich verlangte der bereits mit dem Reserverad volle Kofferraum nach Kompromissen und auch die seitlichen Scheiben liessen sich nur zu geringem Teil öffnen.


VW-Porsche 914/6 Tapiro (1970) - Einstieg durch die Flügeltüren, Interieur
Archiv Automobil Revue

Innen war der Wagen mit Leder ausgekleidet und die Sitze waren auf Langstreckenkomfort ausgelegt. Ein einfaches Armaturenbrett mit grossem zentral angeordneten Drehzahlmesser sorgte für Sportwagenatmosphäre.

Auf der Strasse gefahren

Marcello Minerbi war einer der Auserwählten, die den Prototypen auf der Strasse probefahren durften. In der Automobil Revue vom Mai 1971 beschrieb er seine Fahreindrücke wie folgt:
“Obwohl die massive Leistungssteigerung in Verbindung mit der leicht veränderten Gewichtsverteilung (grössere Belastung der Antriebsräder) und einer überarbeiteten Aufhängung das Fahrverhalten gegenüber dem 914/6 wesentlich beeinflussen, kann der Tapiro eine gewisse Ähnlichkeit mit dem bekannten VW-Porsche-Eigenlenkverhalten nicht verleugnen. Erst bei einer eher provozierenden Fahrweise sowie im Grenzbereich machen sich die erhebliche Mehrleistung und die breiten Racingreifen stärker bemerkbar. Die selbst in langgezogenen Kurven bei nicht übertriebener «Gangart» festzustellende Übersteuerungstendenz wandelt sich bei allmählicher Temposteigerung in ein fast plötzlich einsetzendes und stark von der Gaspedalstellung abhängiges, übersteuerndes Fahrverhalten um.”


VW-Porsche 914/6 Tapiro (1970) - In einer Linkskurve
Archiv Automobil Revue

Im weiteren Verlauf der Beschreibung monierte Minerbi die gar sportlich ausgelegte Federung, zeigte sich aber vor allem vom Geradeauslauf sehr angetan. Seine Schlussfolgerung jedenfalls bestätigte das Serienpotential des keilförmigen Sportwagens:
“Nach Beseitigung einiger weitgehend unwesentlichen Abstimmungsschwächen, die vor allem Motor und Aufhängung betreffen, würde der Tapiro dank seiner bewährten Mechanik und dem ansprechend und exklusiv wirken- den Aufbau ohne Zweifel eine ernstzunehmende Konkurrenz für manchen Hochleistungs-Sportwagen darstellen.”

Keine Serienproduktion

Doch zur Serienproduktion kam es nicht, vermutlich war der Prototyp doch etwas gar zu aggressiv gezeichnet und wer hätte den Bau einer Serie schon bezahlen sollen. VW und Porsche hatten kaum Interesse, denn sie hatten mit ihren eigenen Modellen alle Hände voll zu tun. So blieb es beim einzigen Prototyp.


VW-Porsche 914/6 Tapiro (1970 - mit Flügeltüren
Copyright / Fotograf: Werk / Giugiaro / ItalDesign

Abgebrannt

Im Jahr 1971 wurde der Tapiro auch an der Auto Expo in den USA gezeigt, 1972 dann an einen spanischen Industriellen verkauft, der den Sportwagen einige Zeit im Alltag fuhr. Bei Arbeiterprotesten soll der Tapiro dann buchstäblich in die Luft gejagt worden sein, Giugiaro kaufte das Wrack zurück und stelle es ins Museum.

Während einige Quellen davon berichten, dass eine Restaurierung im Gange sei, meinen andere, dass der ausgebrannte Wagen noch immer auf seine Wiederentstehung warte. Er wäre sicher ein willkommener Teilnehmer in Pebble Beach oder am Concorso d’Eleganza Villa d’Este. Hallo Autostadt, wie wär’s damit?

Weitere Informationen

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von Cr******
10.06.2019 (15:30)
Antworten
Tolles Model. Leider ging auch dieses nie - eventuell mit marktgängigerer Anpassung - in Produktion. m.E. viel eleganter und schöner als der Standard 914er mit seinem eckigen Design. Die sensationellen Flügeltüren kamen auch nie richtig in Serie.
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