Lincoln Premiere - der Ford-Abkömmling mit gewichtigen Eltern

Erstellt am 26. September 2016
, Leselänge 6min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Theodore W. Pieper - Courtesy RM/Sotheby's 
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Courtesy RM/Sotheby's 
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Ford Motor Company 
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Shooterz LLC - Courtesy RM Auctions 
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Bruno von Rotz 
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Archiv 
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Lincoln hatte bereits eine lange Geschichte hinter sich, als 1956 die Modellreihe Premiere vorgestellt wurde. Trotzdem war gerade dieses Auto wichtig für die Marke, denn es verkörperte designtechnisch einen grossen Schritt vorwärts und half dabei, den Rückstand auf Cadillac zu verkürzen.


Lincoln Premiere Sedan (1956) - offerierte allen Komfort
Copyright / Fotograf: Courtesy RM/Sotheby's

Eine lange Markengeschichte

Bereits 1917 wurde die Lincoln Motor Company von Henry Leland und seinem Sohn Wilfred gegründet. Der Name war Abraham Lincoln, einem amerkanischen Präsidenten des 19. Jahrhunderts gewidmet. Bereits im ersten Jahr baute man auch das erste eigene Auto, ein Model L mit V8-Motor und an die vermögende Klientel gewidmet.

1922 musste sich Lincoln bankrott erklären lassen und wurde von der Ford Motor Company übernommen. Fortan war Lincoln die Ford-Marke, die sich im obersten Segment gegen Packard oder Pierce-Arrow etablierte.


Lincoln Model K V12 LeBaron Coupe (1936)
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Mit dem Lincoln-Zephyr wurde im Modelljahr 1936 ein Meilenstein herausgebracht, ein Auto, das nach aerodynamischen Grundsätzen gestaltet war und hypermodern wirkte, sich in der Folge auch relativ gut verkaufte.


Lincoln Zephyr (1937) - Zweitürer
Copyright / Fotograf: Ford Motor Company

Trotzdem wurde Lincoln im Jahr 1940 als Division in die Ford Motor Company integriert und enger geführt. Fünf Jahre später wurde Lincoln unter dem Ford-Dach mit Mercury zusammengeführt. Viele weitere Umstrukturierungen führen die Marke bis in die Neuzeit.

Die Premiere-Vorboten

Für das Modelljahr 1956 stellte Lincoln komplett neue Fahrzeugreihen vor, eine davon war der Premiere. Damit war Lincoln eine der wenigen Marken (neben Rambler), die ein gesamtheitliches Restyling ihrer Autos präsentierten konnte.

Als Ausgangspunkt für die Neugestaltung gelten zwei Konzeptfahrzeuge: Der Mercury-800 und der Lincoln Futura. Beide wurden massgeblich von Ford Chefdesigner John Najjar mitgestaltet.


Mercury XM-800 Traumwagen von 1954 - Blaupause für viele Ford, Lincoln und Mercury in den Fünfzigerjahren
Copyright / Fotograf: Shooterz LLC - Courtesy RM Auctions

Der Mercury XM-800 wurde erstmals auf der Chicago Motor Show im Jahr 1954 gezeigt. Neben dem zukunftsweisenden Design, das ganze Generationen von Automobilen der Ford Motor Company beeinflusste, war der nicht funktionsfähige Wagen auch konstruktiv interessant, bestand doch seine Karosserie aus Kunststoff. Als Traumwagen war der zweitürige XM-800 natürlich flach und breit geraten, bot aber trotzdem vier Personen in Schalensitzen Platz.

Das Konzeptfahrzeug ging später an eine Universität und wechselte dann noch einige Jahre den Besitzer, bis es restauriert an der RM “Automobiles of Arizona” Versteigerung im Januar 2010 für USD 429’000 zum letzten Mal öffentlich den Besitzer wechselte.

Ähnlich wie der XM-800 war auch der Lincoln Futura ein reines Ausstellungsstück, das zwar funktionierte, aber nie für die Strasse zugelassen wurde. Bill Schmidt arbeitete mit Najjar am bei Ghia in Italien handgefertigten metallic-weissen Cabriolet.


Lincoln Futura (1955) - lackiert in metallic-weiss, womit Ford einer der ersten Hersteller war, die ein Auto so bemalten - das Konzeptfahrzeug wurde an mehreren Autoshows gezeigt
Copyright / Fotograf: Ford Motor Company

Ausgerüstet mit einem V8-Motor und auf einem Continental Mark II Chassis aufsetzend wurde das Konzeptfahrzeug 1955 nicht nur als Showcar auf Messen genutzt, sondern hatte auch Auftritte in Filmen. So fuhren Glenn Ford und Debbie Reynolds den Futura im Film “It Started with a Kiss”. Deutlich bekannter sind allerdings die Auftritte des Ford Futura als Batmobile in der Fernsehserie “Batman”. Dazu nutzte der amerikanische Customizer George Barris den Prototypen, der ihm wohl Ende der Fünfzigerjahre für einen Dollar verkauft worden war.


Kaiser Deluxe (1951) - mit bedeutend mehr Fensterfläche als die Konkurrenz
Archiv Automobil Revue

Allerdings sollte man einen weiteren Design-Einfluss nicht vergessen! Der Kaiser Deluxe von 1951, ein Serienwagen notabene, gestaltet von Howard Darrin, zeigte der amerikanischen Autoindustrie bereits anfangs der Fünfzigerjahre, wohin der Weg führen würde, nämlich in Richtung tieferer Gürtellinien, grösserer Glasflächen und luftigeren Linienführungen. Dort setzten auch die Konzeptfahrzeuge der Ford-Gruppe an.

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Der 56-er-Jahrgang

Der Lincoln Premiere des Jahres 1956 war deutlich länger, breiter und etwas flacher als seine Vorgänger. Erstmals wurde bei Lincoln eine Panorama-Frontscheibe verbaut, dafür aber gleich die grösste aller Hersteller.


Lincoln Premiere Sedan (1956) - die Linienführung erinnert an den Kaiser Deluxe, aber natürlich auch an den Mercury XM-800
Copyright / Fotograf: Courtesy RM/Sotheby's

Unter dem neuen Wagen gab’s ein komplett neues Chassis, als Motor wurde der True-Power-V8 mit nun knapp über sechs Litern Hubraum und 285 PS eingesetzt. Eine zentrale Nockenwelle steuerte die hängenden Ventile an, ein Vierfach-Fallstromvergaser verteilte das Gemisch in den acht Töpfen. Geschaltet wurde per Dreigang-Wanderautomatik. Rund 180 km/h liessen sich so erreichen, als Benzinverbrauch musste man mit rund 20 Litern pro 100 km rechnen.

Die Fahrgestellkonstruktion richtete sich nach den damaligen amerikanischen Gegebenheiten. Ein Kastenrahmen mit Kreuztraverse gab Halt, vorne führten Trapez-Dreieckquerlenker die Räder, hinten eine Starrachse. Gebremst wurde mit Trommeln, gesteuert mit einer Kugelkreislauflenkung.


Lincoln Premiere Sedan (1956) - der V8-Motor mit sechs Litern Hubraum
Copyright / Fotograf: Courtesy RM/Sotheby's

Das Design wurde stark vom Mercury XM-800 Prototypen beeinflusst, so wurde etwa die Form der vorderen Lampen mehr oder weniger direkt übernommen. Auch der Heckabschluss orientierte sich am Traumauto XM-800.

Die Premiere-Schriftzüge waren goldfarben, niemand wurde im Zweifel gelassen, um welches Auto es ging. Mit fast 5,7 Meter Länge und knapp über zwei Metern Breite war der Wagen, egal ob als Viertürer oder als Cabriolet sowieso nicht zu übersehen.


Lincoln Premiere Sedan (1956) - tief geschüsseltes Lenkrad
Copyright / Fotograf: Courtesy RM/Sotheby's

Die Serienausstattung konnte sich sehen lassen, elektrische Fensterheber gehörten genauso dazu, wie elektrisch einstellbare Sitze sowie Servounterstützung für Bremsen und Lenkung. Kein Wunder betrug das Leergewicht locker zwei Tonnen.

Immerhin 19’465 Viertürer konnten vom Baujahr 1956 verkauft werden, womit die Limousine zum zweitbeliebtesten Lincoln-Modell wurde. Der Slogan “sogar einfacher zu fahren als ein kleiner Wagen” schien gerade auch bei Frauen zu funktionieren.

In Europa dürfte der Absatz allerdings ziemlich zaghaft gewesen sein, musste doch der Schweizer beispielsweise CHF 37’500 für die Limousine oder das zweitürige Coupé, 38’100 für das Cabriolet hinlegen. Dies waren noch rund 4000 Franken mehr, als ein sicherlich nicht günstiger Mercedes-Benz 300 SL Flügeltürer kostete.

Der 57-er-Jahrgang

Obschon das neue Design und das Chassis erst ein Jahr auf dem Buckel hatten, wurde der Lincoln Premiere für das Jahr 1957 umfangreich angepasst und aufgewertet mit dem Ziel, gegen Cadillac und Imperial, die mit komplett neuen Modellen herauskamen, Schritt zu halten.
Die Automobil Revue kommentierte im November 1956:

“Stärker an die Vorjahresform anlehnend präsentiert sich Lincoln mit einigen Retouchen, so vor allem mit der neuen Frontgestaltung und den übereinanderliegenden Doppelscheinwerfern. Als Angehöriger der obersten amerikanischen Preisklasse bietet der Lincoln allen erdenklichen Komfort; besondere Erwähnung verdient wohl der automatische Stationensucher für den Radioapparat, der durch Druck auf ein besonderes Pedal den Wellensucher in Tätigkeit setzt."


Lincoln Premiere Convertible (1957) - 5,6 Meter Auto - das muss Eindruck machen
Copyright / Fotograf: Theodore W. Pieper - Courtesy RM/Sotheby's

Die neue Scheinwerferanordnung namens “Quadra-Lite” war erst durch eine Gesetzesänderung möglich geworden, aber auch am Heck wurde umfangreich retouchiert. Neuerdings konnte man auch die Dreiecksfenster und die Schlösser elektrisch ansteuern, allerdings gegen Aufpreis, obschon der neue Jahrgang auch so schon deutlich teurer geworden war.

USD 5’381 (781 mehr als 1956) verlangte Ford in den USA für den Lincoln als Convertible. Kein Wunder konnten nur 3’676 offene Premiere verkauft werden, während der Gesamtausstoss immerhin 41’193 Autos umfasste.


Lincoln Premiere Convertible (1957) - das Interieur war ähnlich wie im Baujahr zuvor
Copyright / Fotograf: Theodore W. Pieper - Courtesy RM/Sotheby's

Immerhin erhielt der Kunde für das viele Geld 15 PS mehr als im Jahr zuvor und eine wassergekühlte Automatik. Vor allem aber gab es beim Cabriolet etwas, was sonst niemand bieten konnte, ein automatisch und komplett schliessendes Dach!


Lincoln Premiere Convertible (1957) - die spitzen Heckflossen deuten auf Traumwagen-Abstammung hin
Copyright / Fotograf: Theodore W. Pieper - Courtesy RM/Sotheby's

Die Nachfolger der 56-/57-Premiere-Modelle waren selbsttragende Konstruktionen, die aber trotz dieser Bauweise die Vorgänger nochmals bezüglich Gewicht und Ausmasse übertrafen.

Die beiden in diesem Bericht portraitierten Premiere-Modelle werden an der RM/Sotheby’s-Versteigerung von Heshey am 6. und 7. Oktober 2016 für USD 30’000 bis 40’000, respektive 50’000 bis 60’000 versteigert.

Weitere Informationen

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von Th******
27.09.2016 (10:22)
Antworten
Im Jahre 1920 wurden die ersten 6 Lincolns ausgeliefert. Von diesen existiert keiner mehr. Einzelne 1921er Modelle sind in U.S.A. noch anzutreffen. Im übrigen ist Lincoln noch heute eine eigenständige, zum Ford Konzern gehörende, Automarke. Somit ist "Ford Abkömmling" nicht korrekt...
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