Lagonda 14/60 HP 2 Litre Low Chassis Tourer – innovativer Super-Sportwagen der Zwanzigerjahre

Erstellt am 13. Dezember 2019
, Leselänge 5min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Daniel Reinhard 
27
Bruno von Rotz 
5
Michael Alschner 
2
Bonhams 
1
Archiv 
3

“Lagonda” kennen heute viele höchstens noch als Typenbezeichnung von Aston-Martin-Fahrzeugen, aber vor dem Zweiten Weltkrieg war Lagonda einer der berühmtesten und renommiertesten Autobauer überhaupt. Die Autos von Lagonda waren etwas Besonderes, die Konstruktionen fortschrittlicher und andersartiger als bei der Konkurrenz.


Lagonda 14/60 HP 2 Litre Tourer (1931) - flott unterwegs, wenn nötig läuft der Lagonda deutlich über 100 km/h schnell
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Dass man in einem besonderen Auto sitzt, merkt man am Lenkrad eines 14/60 HP 2 Litre Tourers sofort, das Gas ist in der Mitte zwischen Kupplung und Bremse angeordnet, der erste Gang rechts vorne, der vierte links hinten. Geschaltet wird mit der rechten Hand, obschon auch das Lenkrad rechts sitzt. Für den modernen Autofahrer ist das schon ganz schön gewöhnungsbedürftig.

Auf der Suche nach innovativen Lösungen

Der Gründer von Lagonda hiess Wilbur Adams Gunn, war Sohn eines Pastors und vielseitig begabt, denn neben seinen technischen Interessen sang er auch an Opernhäusern. Ende des 19. Jahrhunderts präsentierte er sein erstes eigenes Produkt, ein Dampfschiff namens Giralda und war damit offenbar schneller unterwegs auf der Themse als alle anderen. 1899 dann wurde die Lagonda Engineering Company gegründet, die zunächst Antriebe für Dampfschiffe, aber schon bald Motorräder baute. 1904 erfolgte die Umbenennung in Lagonda Motor Co. Ltd. und schon bald entstanden auch Autos, die auch international für Furore sorgten.

Motorsport-Erfolge beim Brooklands Summer Handicap und bei Zuverlässigkeitsfahrten in Russland sorgten noch vor dem Ersten Weltkrieg für Renommee. Betrachtet man die damalige Technik aus heutiger Sicht, kann man darüber nur staunen, dass Wilbur Gunn die 700 km von Moskau nach St. Petersburg im Jahr 1910 in nur einem Tag schaffte.

1920 verstarb der Patron, bereits vorher hatte Major William Henry Oates das Zepter übernommen. Längst hatte man expandiert, noch immer aber baute man die Autos in Staines.

Mehr Luxus mit dem 14/60 HP

1925 präsentierte Lagonda den 14/60 HP, ein Auto mit der Ambition, es an die Spitze zu schaffen. Für diesen Wagen hatte Arthur Davidson einen neuen Vierzylindermotor entwickelt, dessen Ventile über zwei kettenangetriebene und hoch angeordnete Nockenwellen gesteuert wurde. Die Brennräume waren hemisphärisch ausgeformt, die Kurbelwelle fünffach gelagert.


Lagonda 14/60 HP 2 Litre Tourer (1931) - der Zylinderkopf konnte abgenommen werden, ohne dass die Ventileinstellung nachher neu gemacht werden musste
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Rund 60 PS leistete der 1954 cm3 grosse Motor, genug für rund 100 km/h Spitze. Das Viergang-Getriebe war zwecks Optimierung des Schwerpunkts getrennt vom Motor in der Fahrzeugmitte montiert.

Angebote von Zwischengas-Spezialisten
Porsche 911 Carrera RS (1992)
Porsche 911 2.2 S (1971)
Porsche 356 SC (1964)
Porsche 911 2.4 T (1972)
0443059904
Schlieren, Schweiz

Klassisches Fahrwerk

Beim Fahrwerk war man weniger progressiv als beim Motor, ein von A. E. Masters konzipierter Rahmen hielt alles zusammen. Hinten und vorne sorgten Starrachsen für die Radführung. Gebremst wurde mit Trommelbremsen, die via Seilzüge angesteuert wurden.


Lagonda 14/60 HP 2 Litre Tourer (1931) - typische Lagonda-Front
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Dank höherer Verdichtung stieg die Leistung des Motors ab 1927 auf rund 70 PS verfügte. “Speed” als Zusatzbezeichnung deutete auf diese Modifikation hin, versprochen wurden 130 km/h Spitze.

Ab 1929 war eine tiefergelegte Version, genannt “Low Chassis” verfügbar.

Zum Schluss erschien dann auch noch eine Version mit Kompressor (von Cozette oder Powerplus), womit die Leistung weiter stieg und damit auch die Höchstgeschwindigkeit gegen 150 km/h. Diese Variante nannte sich “Continental”.

Eigene Karosserien

Zwar konnte man sich auch bei Lagonda ein 14/60-HP-Chassis ohne Aufbau bestellen, die meisten Autos aber verliessen das Werk samt attraktiv geformter Karosserie. Angeboten wurden unter anderem Limousinen nach Patent Weymann (mit Kunstlederbezug), viersitzige (offene) Tourer und ein Semi-Sport mit v-förmiger Windschutzscheibe.


Lagonda 14/60 HP 2 Litre Tourer (1931) - Werkskarosserie nach Patent Weymann
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Gemeinsam war den verschiedenen Ausführungen ein Radstand von knapp über drei Meter und eine Gesamtlänge von etwa 4,1 Metern, bei gut 1,7 Metern Breite.

Erfolge im Rennsport

Auch den 14/60 HP setzte man im Rennsport ein. 1928 ging ein Dreimann-Team nach Le Mans. Man fuhr bis auf den achten Gesamtrang vor und hatte sogar einen Klassensieg vor Augen, das bestplatzierte Auto aber schied wegen eines Kühlerplatzers aus. Die beiden anderen Wagen hätten sich beinahe gegenseitig ins Aus katapultiert, ein Wagen hielt aber mit deutlichen Kampfspuren durch und erreichte den 11. Gesamtplatz. Mit fast 30 Rückstand auf den führenden 4,5-Liter-Bentley kamen Baron André d’Erlanger und Douglas Hawkes immerhin noch auf den zweiten Platz in der Zweiliterklasse.


Lagonda 2 Litre Tourer (1931) - wie er 1928 in Le Mans teilgenommen hat
Archiv Automobil Revue

Der grosse Lagonda-Erfolg in Le Mans kam erst sieben Jahre später mit dem M45R mit Meadows-Motor und Johnny Hindemarsh / Luis Fontés am Steuer.

Sieben Jahre Bauzeit

Bis 1931 sollen insgesamt 1440 Autos entstanden sein. Es folgten dann grössere Wagen und Sechszylinderkonstruktionen und 1935 schliesslich der Konkurs, der zur Versteigerung der Firma führte. Aber dies ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

Wie man sich den Tourenwagen einst vorstellte

In seiner Zeit alt der Lagonda 14/60 HP als zierliches und leichtfüssiges Fahrzeuge. Mit drei Metern Radstand und einem gefühlten Wendekreis von über 12 Metern muss man das heute natürlich relativieren. Und leicht war der Lagonda natürlich höchstens im Vergleich zur Konkurrenz.
Die Zündung wird per Drehknopf eingeschaltet, dann kann der Motor mit einem Starterknopf in Betrieb genommen werden. Das Getriebe mit dem verkehrten Schaltschema verlangt nach Zwischenkuppeln und wohldosierte Zwischengasstösse. Der Retourgang ist über eine Zusatzsperre abgesichert.


Lagonda 14/60 HP 2 Litre Tourer (1931) - Drehzahlmesser für den Fahrer, Tacho für den Beifahrer
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Mit dem grossen Lenkrad vor der Brust und maximaler Konzentration, um die Pedale nicht zu verwechseln, lässt sich der Lagonda aber recht gut fahren, erreicht schnell Geschwindigkeiten, die ihn auf Landstrassen problemlos im Verkehr mitschwimmen lassen. Man sollte allerdings dabei die Wirkung der Bremsen nicht überschätzen, denn mit der modernen “Konkurrenz” kann man in dieser Disziplin natürlich nicht mithalten. Der Lagonda dürfte bei einem Vollstopp von 100 km/h locker 70 oder 80 Meter benötigen, bis er steht, das Doppelte oder mehr eines heutigen Autos. Aber wer will im Lagonda schon bremsen? Wenn man beschleunigen kann!

Wir danken der Oldtimer Galerie für die Gelegenheit zur Probefahrt. Der Lagonda 2 Litre Low Chassis Tourer mit Fahrgestellnummer R277B-368-83 wird am 29. Dezember 2019 in Gstaad versteigert, als Estimate sind CHF 135’000 bis 155’000 genannt.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von le******
17.12.2019 (18:58)
Antworten
Wirklich super Aufnahmen und gut in Szene gesetzt, perfekt.
von Andy
17.12.2019 (07:39)
Antworten
Die Kompressor Variante dieses fantastischen Autos , das ich einmal besitzen durfte, wurde als "Supercharger" bezeichnet. Die im Text erwähnte Continental Ausführung war die letzte Ausführung der 2 Liter 4 Zylinder Serie (14/60), welche gut durch den etwas nach hinten geneigten Kühler zu erkennen ist. Der Continental wurde nie mit einem Kompressor ausgestattet.
Neuen Kommentar schreiben
Möchten Sie einen Kommentar schreiben und mitreden?
  • Ganz einfach! Sie müssen lediglich angemeldet sein, das ist kostenlos und in 1min erledigt!
  • Sie haben bereits einen Benutzernamen für Zwischengas?
    Dann melden Sie sich an (Login).
  • Sie haben noch kein Profil bei Zwischengas? Die Registrierung ist kostenlos und geht ganz schnell.

Markenseiten

Aus dem Zeitschriftenarchiv

Aktuelle Fahrzeug-Inserate

Aktuelle Marktpreise (Auswahl)

Limousine, viertürig, 105 PS, 2580 cm3
Cabriolet, 105 PS, 2580 cm3
Cabriolet, 140 PS, 2922 cm3
Cabriolet, 140 PS, 2922 cm3
Limousine, viertürig, 140 PS, 2922 cm3
Limousine, viertürig, 140 PS, 2922 cm3
Limousine, viertürig, 236 PS, 3995 cm3
Limousine, viertürig, 345 PS, 5340 cm3
Limousine, viertürig, 294 PS, 5341 cm3

Spezialisten (Auswahl)

Spezialist

Heilbronn, Deutschland

+49 7066 94 11 00

Spezialisiert auf Lancia, Ferrari, ...

zwischengas.com

Die umfangreichste Internet-Plattform über Oldtimer, Youngtimer und historischen Motorsport. Mit über 150'000 Besucher pro Monat ist zwischengas.com zur wichtigsten Informationsquelle von Oldtimer-Enthusiasten geworden.

Zwischengas Jahresmagazin

260 Seiten mit Fahrzeugberichten, Veranstaltungsrückblick und Auktionsanalysen.

Ab 6. Dezember 2020 am Kiosk und jetzt im Online-Shop

CHF 12.90 | EUR 9.90 zzgl. Versand

SwissClassics Revue

SwissClassics, das grösste Oldtimermagazin der Schweiz, erscheint mit sechs Ausgaben im Jahr und richtet sich an die Liebhaber von Oldtimern. Berichtet wird über Legenden des Fahrzeugbaus und die Schweizer Oldtimerszene sowie europäische Klassiker-Events.

Bisherige SwissClassics Ausgaben

Loading...