Chevrolet Corvair Monza - innovative Technik mit Nebentönen

Erstellt am 18. September 2015
, Leselänge 6min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Bruno von Rotz 
46
General Motors 
4
Archiv Reinhard / Max Pichler 
1
Archiv 
17

Er hat einen luftgekühlten Sechszylinder-Boxer im Heck, vier Einzelradaufhängungen und wurde besonders leicht gebaut, aber er ist kein Porsche sondern ein Chevrolet. Der Corvair verkörperte um 1960 die geballte Innovationskraft der Amerikaner, sollte aber trotzdem nicht zur Erfolgsgeschichte werden.


Chevrolet Corvair Monza Convertible (1962) - das Dach kann fast komplett versenkt werden
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Gegenattacke

Mit zunehmendem Interesse der amerikanischen Autokäufer an kompakteren (und europäischen) Autos, konnten auch die grossen drei Fahrzeughersteller der USA, also Ford, Chrysler und General Motors, nicht mehr abseits stehen. In kurzer Folge präsentierte Chrysler den Valiant, Ford den Falcon und General Motors den Chevrolet Corvair. Richtig kompakt waren sie alle nicht, ihre Abmessungen hatten in Europa Oberklassen-Niveau. Während Ford und Chrysler einfach kleiner bauten, entwickelte General Motors ein komplett neues Autokonzept.

Innovationsreich

Der neue kompakte Wagen sollte leicht und geräumig sein. Um dies zu erreichen, baute man den Motor im Heck ein und wurde so den Kardantunnel los. Dank selbsttragender Bauweise konnte man einen grossen Innenraum bereitstellen, so dass der Corvair sechs Personen problemlos Platz bot, wenn auch für die Knie etwas weniger Zentimeter zur Verfügung standen.


Chevrolet Corvair (1960) - Duchsichtszeichnung
Archiv Automobil Revue

Mit Luft- statt Wasserkühlung sparte man genauso Gewicht wie durch Verwendung von Leichtmetall für das Kurbelgehäuse und die Zylinderköpfe. Der Boxermotor mit sechs Zylindern und zentraler Nockenwelle wurde als Kurzhuber ausgelegt und längs hinter der Hinterachse eingebaut. Geschaltet wurde mit Wandlerautomatik oder Dreiganggetriebe.

Vorne wurden die Räder an Dreiecksquerlenkern, hinten an einer Pendelachse geführt. Gebremst wurde mit grosszügig dimensionierten Trommeln.
1,5 Millionen Entwicklungsstunden investierte man in den Corvair, drei Millionen Testkilometer wurden abgefahren, um von Anfang an ein reifes Produkt zu den Händlern bringen zu können. Man überliess also nichts dem Zufall.

Angebote von Zwischengas-Spezialisten
MG MG F 1.8 Steptronic (2001)
Fiat 124 CC Sport 1600 (1974)
Alfa Romeo 1750 GTAm (1971)
Fiat 1500 (1968)
+41 79 445 32 04
Gommiswald (oberer Zürichsee), Schweiz

Designmuster

Sportlich kam der nur 1065 kg leichte Corvair daher, seine Dimensionen von 4,57 Meter Länge, 1,70 Meter Breite und 1,30 Meter Höhe erlaubten eine elegante Karosserieform, die durchaus mit neuartigen Akzenten aufwartete. Die Front verzichtete auf jede Andeutung eines Kühlergrills, vorne und hinten markierten doppelte Lampenkörper Dynamik.


Chevrolet Corvair Monza Spider (1963) - auch für den Geschäftsmann
Archiv Automobil Revue

Breit kopiert wurde der umlaufende Falz unter der Gürtellinie, den man u.a. auch bei NSU und BMW wieder sehen konnte. Die grosszügige Verglasung sorgte für einen hellen Innenraum.

Variantenreich

Auf die viertürige Limousine folgte 1960 das Coupé, das man “Monza” nannte. Es folgte ein Kombi namens “Lakewood”, der Van “Greenbrier”, die Nutzfahrzeugvarianten “Rampside” und “Loadside” und für das Jahr 1962 schliesslich der Spyder auf Monza Coupé Basis.


Chevrolet Corvair (1961) - zeitgenössische Prospektabbildung von 1961
Archiv Automobil Revue

Gerade diese Variantenvielfalt sicherte dem Corvair einen Achtungserfolg, während beim klassischen Viertürer Ford und Chysler eher ein glücklicheres Händchen hatten.

Positiver Empfang

Die Presse zeigte sich vom Corvair begeistert. Paul Frère verglich die drei “Compacts” aus den USA im Jahr 1960 für die Zeitschrift “Auto Motor und Sport” in einem Test und zeigte sich vom Corvair sehr angetan. Er habe die beste Lenkung, zeigte die spritzigsten Fahrleistungen und auch mit dem Fahrverhalten kam Frère gut zurecht, wenn er auch notierte, dass die Tendenz zum Übersteuern doch etwas gar stark ausgeprägt sei, “etwa wie bei einem Porsche von 1956”. Der Viertürer mit 80 SAE-PS beschleunigte in 16.1 Sekunden von 0 auf 100 km/h und kam auf 139.5 km/h Höchstgeschwindigkeit.


Chevrolet Corvair Monza Coupé (1962) - als Rekordfahrzeug
Archiv Automobil Revue

Die Automobil Revue konnte ebenfalls im Winter 1959/1960 erste Erfahrungen mit dem Corvair sammeln und resümierte: “Der Corvair ist weder ein heftiger Übersteurer noch eine laute Maschine ... Zaubern können die Chevrolet-Ingenieure nicht, aber dass sie ausserordentlich tüchtig sind, das beweist schon die erste Bekanntschaft mit dem Corvair.

Allerdings wurden bereits bei den ersten Testfahrten die Wichtigkeit des korrekten Reifendrucks (vorne 1.05 atü, hinten 1,8 atü) kommentiert. Tatsächlich konnte sich das Fahrverhalten bei falschem Druck drastisch verändern.

Billig war der Corvair nicht, für den Gegenwert des günstigsten Viertürers erhielt man auch  einen Citroën DS, einen Mercedes-Benz 190 oder 2,5 VW Käfer.

Über-Corvair

Mit den ursprünglichen 80 SAE-PS gab man sich beim Chevrolet nicht zufrieden. Man erhöhte die Verdichtung und steigerte die Leistung mit herkömmlichen Mitteln bis auf 110 PS.


Chevrolet Corvair Monza Spider Turbo (1962) - Blick in den Motorraum der Turbo-Variante
Archiv Automobil Revue

1962 setzte man erstmals in der Serienproduktion mit dem Anbau eines Turboladers noch eins drauf, 150 PS waren nun im offenen Monza verfügbar, später wurden sogar 180 PS daraus! Nur, günstiger wurde der Wagen damit natürlich nicht.

Rufmord

Der Preis war aber nicht das grösste Problem des Chevrolet Corvairs. Ralph Nader, der es sich auf die Fahnen geschrieben hatte, die amerikanischen Konsumenten zu schützen, schickte den Wagen ins Off. In seinem Buch “Unsafe at any speed” (unsicher bei jeder Geschwindigkeit) geisselte er das Fahrverhalten des Heckmotor-Corvairs und versuchte zu beweisen, das die Chevrolet-Ingenieure entgegen besseren Wissens bei der Aufhängungskonstruktion gespart und damit zu viele Unfällen Vorschob geleistet hätten.

Obschon spätere Untersuchungen bewiesen, dass der Corvair nicht gefährlicher gewesen war als andere damalige Autos, war der Ruf des Autos ruiniert, die Produktionszahlen sanken.

Verbesserungen

Chevrolet packte den Stier an den Hörnern und liess dem Corvair für das Baujahr 1965 eine komplette Modellpflege angedeihen. Dabei wurde nicht nur die Aussenhülle geglättet, sondern auch die Pendelachse durch eine an die Corvette angeglichene Einzelrad-Aufhängungskonstruktion mit Längslenkern und Doppelgelenkwellen angeglichen.

Die sportlichen Varianten hiessen nun “Corsa”.


Chevrolet Corvair Corsa Sport Coupe (1965) - mit vollständig überarbeitetem Styling
Archiv Automobil Revue

Obschon deutlich verbessert verkaufte sich die Corvair wegen Nader und den folgenden der negativen Propaganda ab 1965 nur noch schleppend. Dass sogar noch gefordert wurde, alle 600’000 in den USA verkehrenden Autos zurückzuziehen, halt sicher auch nicht im Markt. Und so zog Chevrolet 1969 nach 1’786’243 produzierten Exemplaren den Stecker.

Porsche im Limousinenkleid?

1962 aber, als der türkisfarbene offene Corvair Monza in Biel in der Schweiz - immerhin 13 Fabriken weltweit bauten den Corvair oder setzten ihn aus vorgefertigten Komponenten zusammen - montiert wurde, war die Welt des GM-Kompaktautos noch in Ordnung. Und der Besitzer freute sich sicher an seinem geräumigen Fünfplätzer-Cabriolet.


Chevrolet Corvair Monza Convertible (1962) - nur rund 1,1 Tonnen schwer
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Über 50 Jahre später stellt der Corvair keinen Fahrer vor unlösbare Probleme. Der Zündschlüssel wird rechts vom Lenkrad gedreht und sofort erklingt vom Heck her ein Motorengeräusch, das durchaus grosse Ähnlichkeiten mit dem eines Porsche 911 aufweist, allerdings als gedämpfter und weniger kreischend empfunden wird.

Auch die Schaltung mit den langen Übertragungswegen erinnert an Autos aus Wolfsburg oder Zuffenhausen. Nur die Sitzposition, die orientiert sich eindeutig an damaligen Limousinen und auch das Armaturenbrett und das Lenkrad mit dünnem Kranz sind typisch amerikanisch und wirken wenig sportlich.


Chevrolet Corvair Monza Convertible (1962) - ein Bandtacho im frühen Corvair
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Die Lenkung geht auch ohne Servounterstützung leichtgängig, wirkt aber sehr indirekt, was ebenfalls besser zur einer Limousine als einem Sportwagen passt.

Oder der Luxus-Käfer, den es nie gab?

Man hat viel Platz im Corvair Monza, selbst hinten kann man recht kommod sitzen. Der Kofferraum fasst rund dreimal soviel Gepäck wie der eines zeitgenössischen Käfers. Der Corvair heizt mit Benzinzusatzheizung drehzahl- und lastunabhängig und offeriert gute Komforteigenschaften. Ja, vielleicht hätte ein Passat-Vorgänger damals aus VW-Sicht genauso aussehen müssen.


Chevrolet Corvair Monza Convertible (1962) - auch hinten zwei doppelte Leuchten
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Wir danken der Oldtimer Galerie Toffen für die Gelegenheit zur Probefahrt im Chevrolet Corvair Monza Convertible von 1962.

Weitere Informationen

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von To******
04.08.2018 (17:27)
Antworten
Diese hier gezeigte Corvair wurde nicht in Biel montiert.
Die Chassis Nummer begann in den Jahren ab 1960 mit SS-639XXX, diese hat das normale US-Format und kam aus Willow Run Michigan USA.
Es ist auch kein 62er wie erwähnt, sonder eben eine 63er. Da die VIN mit 3 beginnt ( Modelljahr 63 ).
von bs******
01.10.2015 (13:44)
Antworten
Das war jeweils eine richtige Mechanikerarbeit, den Motor dicht zu bekommen für die Prüfung auf dem Strassenverkehrsamt. Ich erinnere micht immer noch gerne an die Zeiten als unser Corvair Toni strahlte, wenn er einen Corvair reparieren durfte.
Neuen Kommentar schreiben
Möchten Sie einen Kommentar schreiben und mitreden?
  • Ganz einfach! Sie müssen lediglich angemeldet sein, das ist kostenlos und in 1min erledigt!
  • Sie haben bereits einen Benutzernamen für Zwischengas?
    Dann melden Sie sich an (Login).
  • Sie haben noch kein Profil bei Zwischengas? Die Registrierung ist kostenlos und geht ganz schnell.

Originaldokumente / Faksimile

Markenseiten

Aus dem Zeitschriftenarchiv

Aktuelle Fahrzeug-Inserate

Aktuelle Marktpreise (Auswahl)

Cabriolet, 80 PS, 2376 cm3
Coupé, 80 PS, 2376 cm3
Coupé, 95 PS, 2687 cm3
Cabriolet, 95 PS, 2687 cm3
Coupé, 110 PS, 4293 cm3
Kombi, 162 PS, 4343 cm3
Cabriolet, 185 PS, 4638 cm3
Coupé, 170 PS, 4637 cm3
Coupé, 170 PS, 4637 cm3
Cabriolet, 135 PS, 3846 cm3
Cabriolet, 235 PS, 5359 cm3
Cabriolet, 209 PS, 6545 cm3

Spezialisten (Auswahl)

Spezialist

Amtserdam, Niederlande

Spezialisiert auf Ford, Jaguar, ...

Spezialist

Schinznach-Dorf, Schweiz

+41564501132

Spezialisiert auf Alfa Romeo, Audi, ...

zwischengas.com

Die umfangreichste Internet-Plattform über Oldtimer, Youngtimer und historischen Motorsport. Mit über 150'000 Besucher pro Monat ist zwischengas.com zur wichtigsten Informationsquelle von Oldtimer-Enthusiasten geworden.

Zwischengas Jahresmagazin

260 Seiten mit Fahrzeugberichten, Veranstaltungsrückblick und Auktionsanalysen.

Ab 6. Dezember 2020 am Kiosk und jetzt im Online-Shop

CHF 12.90 | EUR 9.90 zzgl. Versand

SwissClassics Revue

SwissClassics, das grösste Oldtimermagazin der Schweiz, erscheint mit sechs Ausgaben im Jahr und richtet sich an die Liebhaber von Oldtimern. Berichtet wird über Legenden des Fahrzeugbaus und die Schweizer Oldtimerszene sowie europäische Klassiker-Events.

Bisherige SwissClassics Ausgaben

Loading...

Jetzt kostenlos anmelden und profitieren: mehr lesen und mehr sehen!

Wenn Sie sich mit Ihrem persönlichen Passwort anmelden oder neu registrieren, haben Sie mehr von Zwischengas! Vorteile: weniger Werbung und
andere.
Die Anmeldung ist kostenlos.