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Audi A2 - Vom Winde verweht

Erstellt am 23. Februar 2021
, Leselänge 8min
Text:
Sven Jürisch
Fotos:
Audi AG 
31

Die IAA in Frankfurt im September 1997 öffnet ihre Tore und auf dem Audi Stand gibt es eine kleine Sensation zu sehen. Nur drei Jahre nach Debüt der ersten Luxuslimousine in Aluminium Space Frame Bauweise legt Audi mit der Studie AL2 nach. Diesmal ist es ein Kleinwagen, dem die Ingolstädter die Alukur verordnet haben. Noch ist es eine Studie, doch wenig später wird aus dem viel beachteten Versuchsauto Realität. Und zwar fast in digitaler Umsetzung.

Audi AL2 (1997) - Das Konzeptauto, welches zum A2 wurde
Copyright / Fotograf: Audi AG

Vom Winde verweht

Mit dem Wind hat es Audi seit den frühen 80er Jahren. Genauer gesagt mit dem Luftwiderstand, denn damals ließen sich die Ingolstädter feiern für den seinerzeit niedrigsten cw-Wert der Automobilgeschichte. Der Audi 100 der Baureihe 44 legte 1982 die Meßlatte, für alle weiteren Entwicklungen sehr hoch. Und auch der Audi A2 hört auf das Diktat des Windkanals. Gerade bei Kleinwagen ist es für die Entwickler herausfordernd, niedrige Luftwiderstandsbeiwerte zu realisieren. Die geringe Aussenlänge macht es schwer, zudem darf die Entwicklung aerodynamischer Details auch nicht zu viel kosten. Sonst ist die Marge schneller vom Winde verweht, als es dem Hersteller lieb ist. Beim Audi A2 gelingt das Meisterstück. Wunibald Kamm heißt der Erfinder des im A2 realisierten Designstils und findige Google Spezialisten werden schnell herausfinden, dass der gute Mann nie bei Audi beschäftigt war. Eine tragende Rolle spielte er dennoch bei der Gestaltung des A2, denn dessen sich nach hinten verjüngende Form entspricht der reinsten kammschen Lehre, wonach eben dieses Karosseriedesign dem Wind besonders wenig Widerstand bietet.

Audi A2 (2000) - In vielerlei Hinsicht einzigartig
Copyright / Fotograf: Audi AG

Für die Optimierung  investiert Audi viel Feinarbeit in die Details. So glänzt die Front des A2 durch Abwesenheit eines für den cw-Wert ungünstigen Kühlergrills, stattdessen gibt es eine glatte Serviceklappe, hinter der sich Ölpeilstab und Waschwasserbehälter verbergen. Zusätzlich glättet Audi den Unterboden  und bietet so dem Wind keine Angriffsfläche. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Der cw-Wert liegt bei mustergültigen 0,28, so wenig, wie bei keinem anderen Kleinwagen.

Gut ist nicht gut genug

Doch der kleine Audi kann noch mehr. Er ist bis heute der erste in Großserie hergestellte Kleinwagen überhaupt, den man komplett aus Aluminium hergestellt hat. Audi greift dabei auf die Fertigungstechnik und die Erfahrungen mit dem Luxusliner Audi A8 zurück. Die „Aluminium Space Frame„ Technologie wird zur Perfektion getrieben und am Ende ist die Audi A2 Karosserie um mehr als 40 Prozent leichter, als wenn man sie in Stahl und in herkömmlicher Bauweise gefertigt hätte. Dazu kommen aufwändige Konstruktionsmerkmale: Ein doppelter Boden läßt die Insassen leichter Einsteigen und damit höher sitzen, ein optionales großes Glaslammellendach (Open Sky) schafft bei Bedarf auf Knopfdruck eine luftige Cabriolet-Atmosphäre und luxuriöse Sonderausstattungen, wie ein Bose-Soundsystem, eine Bildschirm Navigation oder Fensterairbags geben einen Eindruck, wie luxuriös künftig ein Kleinwagen zu sein hat.

Audi A2 (2000) - Rundlich
Copyright / Fotograf: Audi AG

So sieht es auch der damalige Audi Vorstandsvorsitzende Franz-Josef Paefgen. Für ihn ist der in Neckarsulm produzierte A2 Audis Vorschlag für fortschrittliche Mobilität im 21. Jahrhundert". Rund 337 Mio. DM nimmt Audi für den Aufbau der Fertigung in die Hand und hofft, nun auch in dieser Fahrzeugklassen den „Vorsprung durch Technik“ etablieren zu können. Doch es kommt anders.

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Antrieb von der Stange

In Sachen Motoren herrscht zunächst nämlich eher Flaute als extrovertierter Technikrausch. Der Vierzylinder Benziner mit 75 PS kommt aus dem Polo und ist ein braver Zieher, während der Dreizylinder Diesel mit TDI-Technik zwar innovativ ist, die Insassen aber mit seiner deutlichen Aussprache und unausgeglichener Leistungsentfaltung irritiert.  Noch viel weniger überzeugen kann der wenig später nachgereichte 1,2 Liter 61 PS Diesel mit automatisiertem Schaltgetriebe. Das extrem verbrauchsgünstige Auto (Herstellerangabe 2,99 Liter /100 Kilometer) ähnelt technisch dem Volkswagen Lupo 3L, krankt aber an häufigen Defekten der Getriebeeinheit und vermag auch bei den Fahrleistungen nicht zu überzeugen. Daran kann auch der nochmals erhöhte Aufwand in Sachen Leichtbau nichts ändern, mit dem es den Technikern gelingt, alleine aus den Fahrwerkskomponenten noch einmal 80 Kilogramm Gewicht herauszuholen. Und auch der cw-Wert sinkt beim Spar A2. Mit cw 0,25 ist der 3 Liter A2 cw-Weltmeister aller Serien PKW.

Audi A2 (2000) - Durchsichtszeichnung
Copyright / Fotograf: Audi AG

Die Innovationen haben ihren Preis. Der Audi A2 ist der teuerste Vertreter seiner Klasse. Zwar gibt Audi hohe Rabatte, doch irgendwie will der Markt das ungewöhnlich anmutende Auto trotz aller Innovationen nicht annehmen. Mit einem Vierzylinder mit wegweisender FSI-Technologie und deutlich mehr Leistung versucht Audi das Modell erfolgreicher zu vermarkten. Doch der 110 PS starke Benziner erweist sich als Flop. Zu wenig profitiert der Kunde von der aufwändigen Benzin Direkteinspritzung samt teurer Abgasnachbehandlung mit zwei Katalysatoren. Der Motor ist zudem laut und ruppig und am Ende verbraucht der A2 bei Ausnutzung der Leistung kaum weniger, als herkömmliche Fahrzeuge. Ein Lichtblick kommt Ende 2003 auf den Markt. Die leistungsgesteigerte Version des Dreizylinder TDI-Motors bietet 90 PS und verhilft dem Auto endlich zu dem gewünschten Mix aus Sparsamkeit und Dynamik. Mit über 190 km/h ist der A2 TDI (mit dem roten i) schnell und mit knapp 5 Liter Diesel wirklich sparsam.

Es lebe der Sport

Irritiert von dem Misserfolg versucht Audi mit Sondermodellen und Erweiterungen der Modellpalette den Verkauf anzukurbeln. So werden die Color Storm Modelle lanciert. Die Fahrzeuge sind in fünf Farben (gelb, blau, rot, orange und silber) lieferbar und ihre Radläufe sowie die Mittelbahnen der Dachhaut sind in matt schwarz abgesetzt. Dazu gibt es lustig gepunktete Sitzbezüge und einen kleinen Preisvorteil, der bei Zulassung durch den Händler sich schnell vergrößert. Interessanter hingegen sind die heute sehr gesuchten S-Line plus Modelle, die zwar ein Serienmodellen waren, jedoch nur selten geordert wurden. S-Line Felgen in 17 Zoll, ein S-Line Fahrwerk sowie spezielle Armaturen, Sitzbezüge und ein schwarzer Dachhimmel machen aus dem A2 im Sportdress einen echten Hingucker. Allerdings fährt die häufig ältere Kundschaft auf soviel Sportlichkeit nicht ab. Ihnen ist das Reifen-Fahrwerk-Setup zu unkomfortabel und das Interieur zu düst.

Audi A2 (2000) - Vorsprung durch Technik im Kleinwagen
Copyright / Fotograf: Audi AG
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Praktisch unschlagbar

Doch bei aller Kaufzurückhaltung spricht es sich schnell rum, dass das Auto eigentlich ein Volltreffer ist. Dank der einzeln herausnehmbaren Rücksitze und dem ebenen Ladeboden ist der Audi A2 ein idealer Umzugspartner, in den selbst eine Europalette spielend einzuladen ist. Dazu kommt seine Wendigkeit und seine hohe Innenraumqualität, die sich in Materialmix und Haptik an dem Audi Flaggschiff A8 orientiert - billig wirkt an dem Auto nichts. Das bestätigt auch die Pannenstatistik, wo der Audi A2 über Jahre hinweg überhaupt keine Erwähnung findet. Doch trotz dieser positiven Aspekte wird Audi mit dem Auto nicht froh. Die Ingolstädter bemühen sich allerdings auch nicht wirklich, den Verkauf anzukurbeln und so bleibt es bei einem Mini-Facelift zum Modelljahr 2004, bei dem das Design der Serviceklappe geändert wird und der 75 PS Benziner dank neuer Zündanlagen eine bessere Schadstoffeinstufung bekommt. Auf ein Automatikgetriebe müssen die A2 Kunden ebenso verzichten, wie auf einen spaßigen Benziner mit Abgasturboaufladung. Den bekommt nur der Polo.

Audi A2 (2000) - Das Interieur
Copyright / Fotograf: Audi AG

2005 dann das Ende. Die immer schlechteren Verkaufszahlen lassen Audi nach nur fünf Jahren und rund 175’000 Fahrzeugen die Notbremse ziehen. Angeblich setzte Audi bei der Produktion sogar zu, sodaß das frühe Ableben der Baureihe ein Segen für das Controlling sein dürfte. Die letzten Autos werden mit irren Rabatten verramscht und dann beginnt etwas Sonderbares: Die Lagerwagen gehen bei den Händlern weg, wie geschnitten Brot. Am Ende überlegt der VW-Konzern sogar eine Neuauflage durch die spanische Tochter Seat. Auch über ein Weiterleben als Elektroauto existieren Planungen, die aber über das Versuchsstadium nicht hinaus kommen. Selbst ein Exemplar mit Wasserstoffantrieb wird 2004 auf der Hannover Messe gezeigt. Doch am Ende kommt es nicht mehr dazu. Der Audi A2 bleibt in jeder Hinsicht einmalig.

Junge Ikone

Heutzutage ist das Auto trotz seiner Jugend im Ikonenhimmel angekommen. Gepflegte A2 mit 90 oder 110 PS sind teuer und stehen selten lange beim Anbieter. Beide Versionen sind zeitgemäß motorisiert und wer sich an dem rustikalen Klang des Dreizylinder Selbstzünders nicht stört, greift zu diesem Aggregat. Der kleine Hubraum von nur 1,4 Litern wird adäquat durch den früh und gleichmäßig einsetzenden Turbolader mit variabler Ladergeometrie überspielt und das der sechste Gang fehlt, merkt man nur auf langen Autobahnetappen. Bleibt als Wermutstropfen nur die nicht mehr zeitgemäße Schadstoffeinstufung, die den Audi A2 TDI künftig in Großstädten aussperren wird. Abhilfe kann da der 110 PS FSI schaffen, der allerdings einen grundsätzlich anderen Charakter an den Tag legt. Der Motor muss gedreht werden, um die 110 PS zu spüren. Dabei wird er laut und ruppig, zudem fehlt auch bei ihm der sechste Gang auf der Autobahn. Tacho 240 km/h (echte 202 km/h) heisst auch Arbeit am Begrenzer. Abseits solcher Orgien ist der Motor aber brauchbar, wenngleich mit 8 Litern auch nicht wirklich sparsam, zumal er auf Super Plus angewiesen ist. Was im Alltag aber zählt ist der immer noch bemerkenswert moderne Auftritt dieses nun 20 Jahre alten Kleinwagen. Das Auto sieht aktuell aus und weist seinen Fahrer als innovativen Individualisten aus.

Audi A2 (2000) - Modernes Design
Copyright / Fotograf: Audi AG

Der Audi A2 ist ein Meilenstein in der Automobilgeschichte und der vermutlich letzte Kleinwagen in aufwändiger Aluminiumbauweise. Schon deshalb lohnt sich der Kauf. Dass der 20 Jahre alte Kleinwagen auch heute noch problemlos die Alltagsroutine erledigen kann und im Detail hochwertiger wirkt, als manch ein aktueller Neuwagen, sind zusätzliche Argumente für den Kauf. Ob einen allerdings das Design anspricht, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ein Gesicht in der Menge war und ist der kleine Audi in jedem Fall und damit ein Typ, der so schnell nicht vom Winde verweht.

Technische Daten

Kriterium Wert
Hersteller Audi AG
Modell / Ausführung Audi A2 1.4
Karosserie Limousine, Aluminium,4 bzw. 5 Plätze    
Motor (Benzin/Diesel)                  Vierzylinder Front, DOHC, Einbaulage quer
Hubraum (ccm) 1390
Leistung (PS) 75 bei 5000/min
Drehmoment (Nm) 126 Nm bei 3800 /min
Getriebe Fünfgang-Schaltgetriebe
Antrieb Vorderrad
Fahrwerk vorn McPherson Federbein, Stabilisator
Fahrwerk hinten Verbundlenkerhinterachse
Reifen / Felgen 175/60 R15 5,5Jx15
Bremsen v/h Scheiben / Trommel
0-100 km/h (Sek.)                           12,0
Vmax (km/h)                                     173
LxBxH (mm)                                       3826 x 1673 x 1553
Gewicht leer (kg)                             895             
Verbrauch (l/100 km)                    6,1
Bauzeit (Baureihe oder Modell)                                     1999-2005   
Stückzahl (Baureihe oder Modell)       175‘000
Neupreis (Euro) 18‘750

 

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von pa******
09.04.2021 (11:44)
Antworten
Habe mir vor 2 Wochen einen 1,4L aus erster Hand in sehr gepflegtem Zustand (Scheckheft weist 20 Wartungen im Audizentrum aus) von einem Kiesplatzhändler gekauft. Der wusste wohl nicht, was er da an automobiler Geschichte er verkauft. Der A2 war seiner Zeit zu weit voraus und seinerzeit einfach zu teuer. Jetzt werden die Kampfspuren von 20 Jahre Großstadtverkehr beseitigt und 4 neue Reifen aufgezogen.
von jo******
02.03.2021 (20:05)
Antworten
Für mich einzigartig! Guter Bericht, vielen Dank. Habe mir mal die cw Werte aktueller Audis angesehen und selbst der R8 liegt bei 0,32, unglaublich:-) Fahre einen 75 PS FSI und bin jedesmal angetan wie bequem und sparsam mein 18 Jahre altes Modell ist. Da müssen die heutigen Kleinwagen erst einmal hinkommen.
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