Die Sonderwunsch-Abteilung von Porsche ist bekannt dafür, auch unmöglich scheinenden Wünsche von Kunden umsetzen zu können. Bei besonders zeitaufwendigen Projekten bekommt der Kunde sogar einen Werksausweis und kann als halb-offizieller Mitarbeiter den Fortschritt an seinem Auto jederzeit beobachten. So wie in diesem Fall, als sich ein Kunde die Umrüstung seines 911 GT2 RS (Typ 991.2) von 2018 zu einer Flachbauversion wünschte. Klingt dramatischer als es ist, denn genau diesen 911-Typ mit so einer Umrüstung hat Porsche schon mal als Kleinauflage "935 Clubsport" angeboten.
Neuer 935 von 2018
Im Rahmen der Rennsport Reunion VI auf dem Laguna Seca Raceway (USA) präsentierte Porsche 2018 einen «neuen 935»: Einen 911 GT2 RS, dessen Karosserie an den 935/78 erinnerte. Von dem 700 PS starken Rennwagen wurde eine Kleinserie von 77 Stück für je 700’000 Euro (netto) gefertigt. Wie bereits beim historischen Vorbild wurden grosse Teile der Karosserie durch Anbauteile aus Kohlefaser-Verbundwerkstoff (CFK) ersetzt beziehungsweise ergänzt. Ein Rennwagen ohne Strassenzulassung zum 70 Firmenjubiläum.
Flachbau schon beim 930
Das Flachbau-Konzept mit modifizierten Kotflügeln und Klappscheinwerfern bot Porsche in den 1980er-Jahren bereits für den 911 Turbo (Typ 930) an. Zwischen 1982 und 1989 wurden von dieser Version 948 Stück verkauft. Umso grösser wuchs die Neugier in der Sportwagen-Szene, als bekannt wurde, dass sich Porsche im Mai 2025 beim Europäischen Patentamt die Modellbezeichnungen «Flachbau» und «Flachbau RS» schützen liess. Jetzt weiss man warum – ein Sonderwunschmodell. Entstanden ist ein kompromissloses Werksunikat mit Strassenzulassung, das die Idee des Flachbaus in die Gegenwart überträgt.
935 "Moby Dick" in Sonderausstellung
Der Porsche 935/78 gehört zu den Ikonen der Zuffenhausener Rennsporthistorie. Im Rahmen der aktuellen Ausstellung «75 Jahre Porsche Motorsport» und der Youtube-Reihe «Porsche Heritage Moments» befassen sich Le Mans-Sieger Timo Bernhard und der ehemalige Projektleiter Norbert Singer erstmals detailliert mit der Geschichte des 935: das homologierte Ausgangsmodell von 1976, den weiterentwickelten 935/77, den radikalen 935/78 «Moby Dick», den 935 «Baby» sowie einen werksinternen Erprobungsträger.
Krönung eines Konzepts
Der 935/78, später «Moby Dick» genannt, tritt 1978 erstmals öffentlich auf. Schon im Training für das 6-Stunden-Rennen von Silverstone fährt er zwei Sekunden schneller als das Feld und entscheidet den WM-Lauf mit deutlichem Vorsprung für sich. Die Grundlage: ein 3,2-Liter-Sechszylinder-Boxer mit Biturbo. Für Sprint- und WM-Rennen stehen bis zu 845 PS zur Verfügung, in Le Mans wird die Leistung bewusst reduziert. Die Karriere bleibt auf zwei Fahrzeuge begrenzt, doch «Moby Dick» unvergessen: «Er war die Krönung des Ganzen», sagt Singer.
Weiss und lang = Moby Dick
Vier Mal in Folge gewann Porsche damit die Markenweltmeisterschaft. Er dominierte mehrmals die 12-Stunden von Sebring und auch das 24-Stunden-Rennen von Daytona. In Le Mans ging er als Klassensieger hervor. Nur wenige andere seriennahe Rennwagen haben so viele Erfolge eingefahren. Vornehmlich seine langgezogene aerodynamische Form brachte dem Le-Mans-Rennwagen 935/78 den Kosenamen «Moby Dick» ein.
Drei Jahre für Sonderwunschmodell
Ganz einfach war der aktuelle Umbau dann aber nicht. Knapp drei Jahre lang arbeitete ein Experten-Team von Sonderwunsch, Style Porsche, Entwicklungsingenieuren aus Weissach, dem Porsche Motorsport und von Manthey an dem Projekt. «Der Umbau zu einem Flachbau-Modell erwies sich als sehr anspruchsvoll, auch wenn wir in Absprache mit dem Kunden den Antrieb unverändert liessen.
Unser Anspruch war es, die ikonische Optik des 935 neu zu interpretieren, ohne Kompromisse bei Sicherheit, Technik oder Strassenzulassung einzugehen», erläutert Alexander Fabig, Leiter Produkt & Individualisierungsangebot bei Porsche.
Scheinwerfer-Kaskade
Verantwortlich für das Design dieses Sonderwunsch-Projekts war Grant Larson, der bei Porsche unter anderem den ersten Boxster zeichnete. Seine Beteiligung war ein besonderer Glücksfall: Schliesslich hatte er auch die moderne Interpretation des 935 entworfen, die Porsche 2018 anlässlich des 70. Jubiläums vorgestellt hat. „Der neue Flachbau RS ist eine moderne, stimmige Neuinterpretation des ikonischen 935 Moby Dick-Designs“, sagt Larson.
Grandprixweiss mit Mattschwarz
„Zentrales Element neben den flacheren Kotflügeln ist die Scheinwerfer-Kaskade mit ihren terrassenförmig angeordneten, sehr schmalen LED-Einheiten.“ Auch das Farbkonzept spielt bewusst mit Tradition und Neuinterpretation: „Wir haben Grandprixweiss mit mattschwarz lackierten Partien beziehungsweise Flächen mit Sichtcarbon kombiniert“, sagt Larson weiter. „Dadurch entsteht Spannung, und das U-förmige Kontrastelement an der Front greift ein Designmerkmal des 935/78 im Martini-Look, also des berühmten ‚Moby Dick‘, auf.“
Flaps von Manthey
Das Exterieur interpretiert die legendäre Flachbau-Form des 935 neu. Die Kotflügel haben nun eine flachere Form und tragen schlitzförmige Luftauslässe. Durch diese sogenannten „Louvres“ werden die Radkästen entlüftet und der Staudruck abgebaut. Wegen der neuen Kontur der Kotflügel mussten auch der Deckel des Tankverschlusses sowie die dahinter liegende Kinematik geändert werden. Der vordere Stossfänger wurde komplett neu gestaltet. Dezente schwarze Flaps von Manthey unterstreichen die aerodynamische Performance der Frontpartie.
Drei Versuchsträger
Insgesamt drei Versuchsträger wurden aufgebaut, um weitere Absicherungen in Prüfeinrichtungen wie Licht- und Windkanal sowie im Fahrversuch vorzunehmen. Zahlreiche Erprobungsfahrten auf dem Flugplatz Mendig, allein 50 Runden auf der Nürburgring-Nordschleife sowie Dauerlauf-Tests in Weissach summierten sich auf eine Beanspruchung, die für den Heckflügel einer Belastung von rund 150.000 Kilometern in Kundenhand entspricht.
Nordschleifen-Garantie
«Auf der Nordschleife wird unmittelbar klar, wie sauber ein Aerodynamik-Konzept funktioniert», sagt Porsche-Testfahrer Lars Kern, der mit dem Sportwagen auf dem Nürburgring unterwegs war. «Der Flachbau RS bleibt auch bei sehr hohen Geschwindigkeiten extrem stabil und präzise. Genau diese Rückmeldung braucht es, um ein so radikal verändertes Karosseriekonzept abzusichern.»
































































































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