Jeder Motorsportfan kennt den 8. Mai 1982. Kaum jemand kennt den Wohnwagen auf Betonklötzen in Berthierville oder das Schneemobil, mit dem alles begann. Genau dort setzt „Villeneuve: Rise of a Legend“ an, der erste Spielfilm über Gilles Villeneuve. Er schliesst am 19. September 2026 das Toronto International Film Festival ab und hört bewusst dort auf, wo die meisten Biopics erst anfangen.
Ein Biopic, das die berühmten Jahre auslässt
Es gibt Rennfahrer, deren Ruhm sich in Titeln messen lässt. Und es gibt Gilles Villeneuve. Sechs Grand-Prix-Siege, kein Weltmeistertitel, tot mit 32. Und trotzdem eine Aura, die vierzig Jahre später ungebrochen ist. Kurven in Imola und Zolder tragen seinen Namen, am Eingang von Ferraris Teststrecke in Fiorano steht seine Bronzebüste, in Montreal fährt die Formel 1 auf dem Circuit Gilles-Villeneuve.
Umso erstaunlicher, dass es bis heute keinen Spielfilm über ihn gab. Das ändert sich jetzt. „Villeneuve: Rise of a Legend“ von Regisseur Yan Lanouette Turgeon feiert am 19. September 2026 als Abschlussfilm des Toronto International Film Festivals Weltpremiere, kommt im November in die Kinos von Québec und ab Anfang 2027 international heraus, exakt fünfzig Jahre nach Villeneuves Formel-1-Debüt beim Grossen Preis von Grossbritannien 1977.
Das Entscheidende steht allerdings nicht im Terminplan, sondern in der Anlage des Films: Er erzählt die Jahre vor dem Ruhm. Keine Zolder-Tragödie, kein Ferrari-Mythos, kein Zeitlupen-Abgesang. Stattdessen ein junger Mann aus dem ländlichen Québec, der ein Ziel hat und kein Geld.
„Die meisten Biopics geben dem Publikum, was es ohnehin schon weiss“
Wie treffend dieser Ansatz ist, sagt am besten jemand, der dabei war. Jacques Villeneuve, Formel-1-Weltmeister von 1997, über den Trailer:
„Beim Anschauen war es schwierig, die Tränen zurückzuhalten. Und ich mag es, dass sich der Film auf die frühen Jahre konzentriert, auf die Jahre, die niemand ausser unserer Familie kennt. Die meisten Biopics zeigen jemanden auf dem Höhepunkt. Sie geben dem Publikum, was es ohnehin schon weiss. Dieser Film dagegen zeigt die Bausteine.“
Regisseur Lanouette Turgeon nennt es „eine Superhelden-Entstehungsgeschichte“, mit einer bemerkenswerten Pointe: „Der Antagonist ist das Geld. Das ist das Einzige, was ihn aufhält.“
Schneemobile, ein verkauftes Haus und ein geschlagener James Hunt
Villeneuve begann 1969 mit Schneemobilrennen, gewann mehrere Meisterschaften und entwickelte nebenbei als Autodidakt an der Technik mit. Aus dem Preisgeld finanzierte er 1973 den Einstieg in die Formel Ford, und zwar mit einem zwei Jahre alten Auto, das er gegen fabrikneue Konkurrenz einsetzte. Sieben Siege aus zehn Rennen.
Für den Aufstieg in die Formel Atlantic 1974 verkaufte er das Familienhaus. Seiner Frau Joann sagte er es erst, als gepackt werden musste. Melanie Villeneuve, seine Tochter und heute Executive Producer des Films, ordnet das nüchtern ein: „Für manche wirkt das bewundernswert, weil er ein Risiko einging und es sich auszahlte. Andererseits ist es vollkommen egoistisches Verhalten.“ Diese Ambivalenz stehen zu lassen, ist eine der Stärken des Projekts.
Der Durchbruch kam 1976 in Trois-Rivières, wo Villeneuve die angereiste Formel-1-Prominenz schlug, darunter James Hunt, der wenige Wochen später Weltmeister wurde. Hunts Fazit gegenüber McLaren ist überliefert: „Ich bin hingefahren und wurde vermöbelt. Man musste kein Gehirnchirurg sein, um sein Talent zu erkennen.“ McLaren gab ihm daraufhin für Silverstone 1977 ein drittes Auto, einen M23. Danach liess das Team ihn gehen. Enzo Ferrari nicht.
Echte Autos, ein echter Mustang und ein Ferrari, der keiner ist
Besonders interessant ist, womit gedreht wurde. Die Rennszenen entstanden unter anderem auf dem Circuit Gilles-Villeneuve im Parc Jean-Drapeau in Montreal, auf der alten Piste Sanair südlich der Stadt, auf dem Circuit Mécaglisse und, für die Schneemobil-Sequenzen, in Valcourt, dem Geburtsort des Schneemobils.
Sechs echte Formel-Atlantic-Wagen kamen zum Einsatz, dazu Dummys für einzelne Actionaufnahmen. Der Ferrari 312T ist eine Nachbildung; gebaut wurden die Repliken von Race Car Replicas, jener US-Firma, die schon für „Le Mans 66“ („Ford v Ferrari“) gearbeitet hat. Nur bei einem Fahrzeug brauchte es keine Kopie: Der Ford Mustang Boss 351 im Film ist laut Produktion das Original, das Villeneuve gekauft und weiterentwickelt hatte und das seither in Familienbesitz geblieben ist.
Zehn Jahre Entwicklung, und eine Familie, die mitgearbeitet hat
Melanie Villeneuve traf die Drehbuchautoren Daniel Roby und Guillaume Lonergan erstmals 2014. Ursprünglich schwebte ihr eine englischsprachige Miniserie vor, geworden ist es ein französischsprachiger Spielfilm. „Die Leute kennen die Ferrari-Jahre“, sagt sie. „Ich wollte zeigen, wie er über Schneemobile und die Formel Atlantic zur Formel 1 kam.“
Dass die Produktion selbst mit Geldnot kämpfte, mehrfach stillstand und erst nach über zehn Jahren fertig wurde, hat Lanouette Turgeon nicht entgangen: „Beim finalen Schnitt hat es uns getroffen. Wir konnten kaum glauben, wie sehr Gilles’ Geschichte zu unserer eigenen geworden ist. Erfolg trotz finanzieller Widrigkeiten.“
„Rush“ hat Hunt und Lauda erzählt, „Senna“ hat Ayrton Senna erzählt. Villeneuve fehlte in dieser Reihe, obwohl kaum ein Fahrer so sehr für das steht, was Motorsportfans an den 1970er-Jahren fasziniert: rohes Talent, sichtbare Fahrzeugbeherrschung, ein Mann, der schneller war als sein Material und ehrlicher als nötig.




































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