Stuttgart ist eine Auto-Metropole, gleich zwei Hersteller haben in der Stadt im Süden Deutschlands ihr Zentrum - Porsche und Mercedes-Benz. Dies spürt man auch an der Retro Classics, die alljährlich im Süd der Stadt ihre Tore öffnet, so auch wieder am 17. bis 20 März 2016.
Die Retro Classics ist mit ihren 125’000 Quadratmetern Fläche und 1555 Ausstellern (Messe voll belegt) ein Eldorado für Porsche- und Mercedes-Liebhaber, denn sie kommen am meisten auf die Rechnung.
Kaum ein Händler-Stand, der nicht zumindest ein Exemplar der einen oder anderen Marke zeigt, viele Präsentation, die fast oder gar ausschliesslich mit den beiden Herstellern bestückt sind.
Porsche und Mercedes mit Werkspräsenz
Es sind denn auch diese beiden Firmen, die offiziell als Hersteller grosse Stände führen. Mercedes nutzte die Gelegenheit, um dem 300 SL wieder einmal ins richtige Licht zu setzen.
Doch etwas weiter hinten fand man auch einen interessanten Prototypen eines W201-Cabriolets, genauer gesagt handelte es sich um einen Mercedes-Benz 190E 2.6 von 1990, der genau zweimal als Prototyp geöffnet und mit Stoffdach versehen worden war. Das Resultat darf als geglückt angesehen werden und es ebnete den Weg für offene Nachfolger.
Auch bei Porsche zeigte man einen Prototypen und zwar den Vorläufer des 924, intern EA 425 genannt.
Man ist heute sicherlich froh, dass die Designer noch etwas retuschieren durften, denn der Entwicklungsprototyp wirkt doch noch reichlich unharmonisch. Umso interessanter ist es, ihn zusammen mit seinen Nachfahren 924, 944 und 968 zusammen sehen zu dürfen.
Und dass es sich auch noch um richtig farbige Ausstellungsexemplare handelt, macht das Vergnügen noch deutlich grösser.
Artenvielfalt bei Louwman
Gleich beim Eingang Ost im Atrium stiessen Besucher auf einen der Höhepunkte der Retro Classics 2016. Das Louwman Museum aus Den Haag zeigte einiger seiner Schätze, die im Übrigen alles Originale seien, also keine Replicas, wie der Kurator bei der Pressekonferenz versicherte. Umso eindrucksvoller der Jaguar D-Type, der Maserati 8CM, der Mercedes-Benz SSK oder der Talbot-Lago T 150 SS.
Die wenigen Exponate jedenfalls machten Appetit auf mehr, ein Besuch des wunderschönen Museums ist auf jeden Fall empfehlenswert.
Veritas im Zentrum
Gleich neben der Louwman-Sonderschau stiess man auf eine zweite Attraktion, die aus einer Reihe von Veritas-Fahrzeugen bestand.
Und auch hier gab es eine Überraschung, denn als die Spezialisten die Karosserie des Meteor II Rekordfahrzeuges abhoben, zeigte es sich, dass darunter ein fast kompletter Monoposto verborgen war.
Insgesamt fünf verschiedene Veritas Sport- und Rennfahrzeuge wurden gezeigt, die Technik wurde in den Nachkriegsjahren von den Vorkriegs-BMW-328-Modellen übernommen.
Einmal und noch (fast) nie gesehen
Bei rund 2000 Automobilen (und einigen Motorrädern, Schleppern und Nutzfahrzeugen) finden sich zwischen den vielen Porsche- und Mercedes-Varianten natülrlich auch Fahrzeuge, die man mit grosser Sicherheit noch nie zuvor live gesehen hat. Da machte auch die diesjährige Retro Classics keine Ausnahme. Und es sind dann genau diese Trouvaillen, die man nicht so schnell vergisst.
So stand mitten in der Halle 1 ein merkwürdig in verschiedenen Blau-Farbtönen lackierter Sportwagen, den man auf den ersten Blick vielleicht als Iso Rivolta oder modifiziertes Fiat Dino Coupé abgetan hätte. Doch der Wagen entpuppte sich als veritables Einzelstück. Ein italienischer Industrieller, der von Ferrari nichts hielt und dessen Maserati beim Befahren der Fähre immer mit dem Auspuff aufschlug, gab den Wagen bei Michelotti in Auftrag, um endlich den ultimativen und trotzdem alltagstauglichen Sportwagen zu besitzen.
Michelotti zeichnete ein zweisitziges Coupé, das dann bei Meccanica Maniero auf einen stabilen Vierkantrohrrahmen gesetzt und mit einem Front-Mittelmotor aus der Shelby-350-GT-Familie bestückt wurde.
Präsentiert wurde der Wagen auf dem Genfer Autosalon 1967 und offensichtlich gingen sogar 24 Bestellungen ein. Doch der Auftraggeber entschied, dass ein Exemplar genug sei, zumal das Coupé offenbar mit einigen Kinderkrankheiten wie zu engen Radhäusern zu kämpfen hatte. Der Wagen überlebte aber und zeigte sich in Stuttgart erstmals im unrestaurierten Originalzustand, lässt sich aber offenbar ganz kommod fahren.
Eine weitere Überraschung gab es auf dem Stand des MG Clubs zu sehen, denn dort stand ein MG TD Vignale aus dem Jahr 1952. Man hätte das elegante Coupé beinahe für einen Fiat Otto Vu gehalten, denn die Linienführung findet sich auch an späteren Vignale-Spezialkarosserien auf Fiat-Basis wieder. Und auch hier hiess der Designer Giovanni Michelotti.
Von gänzlich anderer Machart war das Cabriolet, das Jean Bugatti in den Dreissigerjahren auf Basis des Typ 31 Royale Fahrgestells erarbeitete. Es hatte eine von der Seite sichbare Bootslinie oder, wie schmunzelt erwähnt wurde, die Silhouette einer Frau, wenn man das Auto aufstelle. Die Eleganz ist tatsächlich frappant, aber das Einzelstück wurde seiner Karosserie beraubt, als der damalige Besitzer befand, es sei nun Zeit für eine geschlossene Karosserie.
Ein Liebhaber liess den sogenannten Esders Roadster aber komplett neu aufbauen, nur gerade der Motor konnte einer Eisenbahn-Lokomotive entrissen werden, der Rest ist neu. Aber wenn man das Fahrzeug heute sieht, dann versteht man den Wunsch, es wieder auferstehen zu lassen.
Eine sensationelle neue Batterie
Mit grossen Worten angekündigt wurde an der Pressekonferenz auch eine neuartige Batterie, die nichts weniger als eine Revolution sei. Tatsächlich verzichten die Macher von Olife-Batterien komplett auf Blei und konstruierten in ihrem EU-finanzierten Entwicklungsprojekt einen Energiespeicher aus Lithium-Ionen-Zellen und Super-Kondensatoren.
Das Ergebnis ist leichter und gemäss Olife deutlich langlebiger (15 Jahre Garantie) als die üblichen Bleiakkus. Allerdings hat die neue Technik (noch) ihren Preis, ist sie doch leicht 5 bis 10 Mal teuerer als eine herkömmliche Starterbatterie. Der Hersteller hofft aber, durch Skaleneffekte deutlich günstiger produzieren zu können und wenn es dann noch eine schwarze statt (apple-)-weisse Variante geben wird, könnte das den einen oder anderen Oldtimerfahrer sicherlich überzeugen.
Handelsplatz Süddeutschland
Die Retro Classics ist natürlich nicht nur eine Marketing-Präsenz sondern auch ein Handelsplatz. In den verschiedenen Hallen wurden rund 1000 bis 2000 Fahrzeuge zum Kauf angeboten, zu Preisen, die manchem Interessenten wohl den Atem stocken liessen.
Ein Porsche Turbo für 220’000 Euro, eine Mercedes-Benz 280 SL Pagode für 249’000 Euro? Alles gesehen und noch einiges davon mehr.
Aber es gab auch günstigere und nicht weniger attraktive Fahrzeuge zu kaufen, so etwa den Sunbeam Venezia Superleggera aus dem Jahr 1966, den wir auf der Galerie der Halle 1 gefunden hatten. Euro 43’000 erschien uns jedenfalls wohltuend realistisch für das rare und optisch attraktive Coupé.
Drangvolle Enge
Unverständlich aus der Sicht eines Besuchers, der nicht unbedingt ein Auto kaufen will, war die bisweilen fast schmerzhaft enge Aufstellung der Fahrzeuge auf den Händler-Ständen. Fast so eng wie bei einem zweitrangigen Hinterhofhändler reihte sich Wagen an Wagen, die schönen Formen liessen sich so nur erahnen. Selbst internationale bekannte Händler liessen sich dazu hinreissen, ihren Stand zu einem reinen Verkaufsparkplatz zu degradieren.
Schade, denn so wirkte manches Auto überhaupt nicht mehr und das Publikum kam sich beim Betrachten ständig in die Quere. Dass es auch anders geht, zeigen die Präsenzen der grossen Händler an der Rétromobile in Paris, wo deutlich weniger Fläche zur Verfügung steht und die Stände trotzdem edler und attraktiver wirken.
Rekorde
Gemäss Messeorganisation soll der Besucher-Rekord des letzten Jahres (86’738) mit nun über 90’000 Eintritten übertroffen worden sein. Bereits am Donnerstag jedenfalls war bereits ein hohes Besucheraufkommen zu beobachten, ein Nachlassen des Interesses am alten Auto jedenfalls ist nicht zu beobachten. Dies bestätigen ja auch neueste Studien, wonach viele Leute sich ein altes Auto wünschen. Und dazu passt auch das diesjährige Motto der FIVA, die 2016 zum “World Motor Heritage Year” ernannt hat und sich dabei das Patronat der Unesco sichern konnte, wie Mario Theissen in der Pressekonferenz zu berichten wusste.
Und Karl Ulrich Herrmann kündigte für das Jahr 2018 dank dann zusätzlich verfügbarer Halle den Ausbau der Messe auf 140’000 Quadratmetern an. Da kann man nur hoffen, dass dann für die einzelnen Autos dann etwas mehr Platz übrig bleibt und dem reinen Kommerz etwas mehr Lust und Liebe vorgezogen wird.








































































































































































































































































































































































































































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