Stellen wir uns vor, wir wären im Hotel Priva Alpine Lodge in Lenzherheide abgestiegen und hätten am Samstag nachmittag so um 13.30h ins Dorf hinunter fahren wollen. Frisch aus der Tiefgarage gefahren – schön kühl übrigens, die unterirdische Parkhalle, bei Temperaturen bis 30 Grad im Bündner Hochtal – hätte uns ein Verkehrskadett angehalten und kurz darauf wäre ein Can-Am Racer mit infernalischem Gebrüll an uns auf der Hauptstrasse vorbei gerast, gefolgt von einem Cooper Formel Junior und weiteren Monoposti. Wir hätten uns in die Wange gekniffen – denn wir befinden uns in einem Schweizer Alpenresort.
Die Vorstellung wirkt surreal, doch sie war vom 13. bis zum 15. Juni 2025 Realität auf der Lenzerheide. Gewiss, es sind jeweils keine Rennen, die hier seit 2011 jährlich stattfinden. Den Feldern fährt ein Pace-Car voran und Positionswechsel sind nur in einer neutralen Zone gestattet. Aber der Sound, das ganze Erlebnis ist dasselbe wie an der Rennstrecke. Diese besteht in der Lenzerheide aus einer Verbindungsstrasse zu verschiedenen Hotels und einem Wohnquartier des Ortes einerseits und aus der Hauptstrasse von Valbella vorbei am See und der Talstation der Rothorn-Seilbahn andererseits.
Mit 1478 Metern über Meer beanspruchen die Organisatoren rund um OK-Präsident Hans Orsatti für diesen Rundkurs das Prädikat: «höchste Rennstrecke Europas». Trotz des Umstandes, dass es also nichts zu gewinnen gibt, werden auf dieser Höhe jeweils im Fahrerlager mit viel Ambitionen die Vergasereinstellungen korrigiert. Mehr Luft heisst die Devise!
Drei historische Teilnehmer
Am 26. August 1951 fand das erste von zwei Bergrennen von Tiefencastel über Lantsch nach Lenzerheide statt. Der Gewinner der Erstauflage war Albert «Bätsch» Scherrer mit dem Jaguar XK 120 Alu. Auch heuer war diese Fahrzeug wieder mit von der Partie, wie im vergangenen Jahr wiederum mit dem aktuellen Besitzer Christian Jenny am Lenkrad. Der Austin Healey 100 S von Marco Trevisan war Teilnehmer des Rennens von 1957, das sogar zur Europa-Bermeisterschaft zählte, und auch der AC Bristol von Jürg Kohler ist 1957 bereits einmal bei einem Motorsportanlass auf der Lenzerheide im Einsatz gewesen.
Für 2025 gab es insgesamt 11 Rennfelder, wobei beispielsweise die Renntaxis sich einer anderen Gruppe anschlossen, die Ortsgruppe sich nur insgesamt dreimal für einen Stint von rund 20 Minuten auf die Strecke machte und die ACS-Gruppe sich gar mit einem einzigen Demolauf am Samstag begnügte. Für alle anderen 8 Felder winkten insgesamt vier Läufe zu jeweils zwei Stints am Samstag sowie am Sonntag. Damit bietet die Lenzerheide Motor Classics eine ganze Menge mehr Fahrzeit pro Teilnehmer als es etwa bei einem Bergrennen oder bei einem Slalom der Fall ist. So ist nicht nur die einmalige Kulisse in der Bergwelt Graubündens ein guter Grund, hier hoch zu fahren – es gibt auch eindeutig messbare Gründe, sich hier einzuschreiben.
Noch attraktiver für Zuschauer
Aus densleben Gründen gibt es auch für die Zuschauer mehr zu sehen als bei einem Rennen mit Einzelstart gegen die Uhr. Die Fahrzeuge jagen immer wieder an einem vorbei und man braucht dazwischen nicht längere Pausen einzulegen, während denen das Startfeld wieder von einem Berg herab ins Paddock zurückgeführt werden muss. Der Wechsel des Startfeldes geschieht in der Lenzerheide nahezu «nahtlos».
Dieses Jahr wurde zudem erstmals das «Infield» – wenn man den Parkplatz jenseits der Strecke bei der Rothornbahn so nennen kann – mit einer Fussgängerbrücke erschlossen. Damit wurde der jederzeitige Zugang zu dieser für Partner und Sponsoren wie auch für die Food-Trucks interessanten Fläche gewährt. Überhaupt wird auf der Lenzerheide ein unglaublich grosser Aufwand getrieben. Das Fahrerlager ist beispielsweise mustergültig: Für jeden Teilnehmer steht eine Zeltgarage zur Verfügung. Dies hat natürlich auch andere Gründe: So lässt sich das Paddock auf dem begrenzten Raum am effizientesten einrichten. Und bereits bei der Ankunft wurde jeder «Driver» – die meisten Männer aber auch einige Frauen – mit reichlich Goodies, Jacke und dergleichen eingedeckt.
Sicherheitsappell
Das Briefing von Hans Orsatti im grossen Zelt im Infield blieb hingegen recht schlicht und war dafür eindeutig formuliert. Die Kernpunkte galten der Sicherheit – mit der expliziten Erwähnung des Überholverbots – und dem sportlichen Umgang untereinander. Etwas markig herübergebracht, war die Message klar: Dem ungewöhnlichen Privileg geschuldet, dass hier eine ganze Truppe von Motorsportfreunden sich in der Alpenwelt etwas austoben kann, seien die unvermeidlichen Emissionen auf einem Minimum zu halten und jeglicher Unfug wie Burnouts und dergleichen sei zu unterlassen.
Dies galt insbesondere für den Besuch der Rennfelder im Dorfzentrum von Lenzerheide am Freitag-Abend. Die zum Teil nicht strassenzugelassenen Fahrzeuge wurde jeweils von einem Fahrzeug der Polizei angeführt.
Wie man genau ein kleines «Motorenfestival» in einen Kur-, Wander- und Ferienort bringt, zeigten die Verantwortlichen der Lenzerheide Motor Classics auf beste Weise beim folgenden Auftakt in der Ortsmitte. Gefühlt war das ganze Dorf auf den Beinen – ein tolles Erlebnis für alle Beteiligten.
Ambitioniert bis überambitioniert
Am Samstag-Morgen ging es los, angesichts des dichten Programms startete das erste Feld – «Kampf der Zwerge» – bereits um 7.30h. Leider ging dieser erste Stint nicht für alle Teilnehmenden glimpflich aus. In der Kurve vor der Rothornbahn, durch ihre leichte Kante am Übergang von der Hauptstrasse in die Quartierstrasse etwas trickreich, wurde das Fahrwerk des Ford Anglia Cosworth von Kurt Balzer ausgehebelt und er krachte quasi auf zwei Rädern fahrend im stumpfen Winkel in die Streckenbegrenzung. Fazit: Auto deutlich gekürzt und krumm, Fahrer OK! Balzer ist aber zuversichtlich, dass sich sein Auto wieder richten lässt, was sehr zu hoffen ist.
Einige weiteren Wagen blieben ebenfalls auf der Strecke, beim Lotus Elan S4 vom Marco Martelosio hatte die Vorderachse etwas gar viel «Nachspur» am Samstag-Nachmittag und die Felgenhörner des hübschen Lotus-Zentralverschlussfelgen zeigten allesamt eine Delle…Zu wirklich ernsthaften Zwischenfällen ist es hingegen nicht gekommen. Ganz im Gegenteil: Die Erlebnisse werden sowohl für die Fahrerinnen und Fahrer wie für alle Zuschauer in bester Erinnerung bleiben. Die Veranstaltung zeigte sehr viel Routine und machte es aus diesem Grund umso entspannter für alle, die mit dabei waren.
Die Hitze hat sich allerdings bemerkbar gemacht. Bei rund 30 Grad wurde es besonders in den geschlossenen Wagen zum Teil äusserst warm, was sich denn auch im Verlauf des ersten vollen Fahrtages am Samstag ab Mittag bemerkbar machte: Immer öfter waren die Fahrerinnen und Fahrer im schützenden Schatten des Fahrerlagers zu finden, entspannt im Campingstuhl sitzend um sich etwas Abkühlung zu gönnen. Die Wärme war denn auch eine der Sorgen seitens der Organisatoren. Wasser war jedoch stets in reichlichen Mengen und umsonst für die Driver verfügbar.
Für die eigentliche Streckensicherung sorgte die entsprechende Gruppe des ACS-Mitte unter der Leitung von Thomas Kohler. Diese arbeitete professionell und effizient und dem Bergungsteam war anzumerken, dass sie ihre Handgriffe nicht zum ersten Mal ausführten. Dank ihrer Arbeit gab es stets nur kleinere Unterbrechungen, was die Fahrer wie das Publikum freute.
Gut verankert
Es ist unübersehbar, dass die Lenzerheide Motor Classic, welche seit 2011 in Erinnerung an die historischen Rennen stattfindet, die Enthusiasten quer durch alle Fahrzeugkategorien vereint. Dazu muss man ergänzen, dass es im Prinzip zwei Zielgruppen von Zuschauern gibt: Jene, die schon alles wissen und sich meist erstmal auch auf den Weg zur Rothornbahn machten um dem Geschehen im Fahrerlager zu erleben, und jene, die auf der Dorfseite und an der Strecke entlang des Sees das Geschehen mitverfolgten. Dazwischen – im Wald gelegen – findet man die besten Schattenplätze.
Die Lenzerheide bleibt ein motorsportlicher Anlass der besonderen Art, der unglaublich aufwendigen Organisation ist es zu verdanken, dass trotz vielerlei zu beachtenden Faktoren rund um die Veranstaltung – Lärm, Zufahrt für die Anwohner, Fahrer- und Zuschauersicherheit, Verpflegung, (Park)-Platz für die Teilnehmer und Zuschauer, der öffentliche Verkehr und so weiter – alles mehr oder weniger reibungslos aneinander vorbeigekommen ist. Ja selbst die Mountainbiker, die mit ihren Velos den Downhill-Trail der Rothornbahn befahren wollten, sind quasi störungsfrei um die Veranstaltung herumgekurvt. Châpeau!





















































































































































































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