Rallye des Alpes 1950 - gequälte Technik und Menschen an der französischen Alpensternfahrt

Erstellt am 9. Juni 2011
, Leselänge 3min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Archiv Bernhard Brägger 
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Archiv 
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Man kann sich das heute nicht einmal annäherungsweise vorstellen: 1950 fuhren 94 Equipen mit aktuellen Serien-Sportwagen auf normalen, ungesicherten Strassen eine Rallye über 3’056 km quer durch Zentraleuropa über zig Alpenpässe. Die Mindestgeschwindigkeit war hubraumabhängig vorgegeben, 60 km/h für die grössten Fahrzeuge auf den Landstrassen, 110 km/h auf der Autostrada. Die Strassen damals waren schlechter, enger und liessen vor allem in den Berggebieten kaum ein Kreuzen zu. Vergleichen kann man diese Veranstaltung vielleicht mit den heutigen illegalen Cannonball-Rennen, aber die Strapazen für Technik und Mensch müssen damals extrem gewesen sein.

Die Berichterstatter der Automobil Revue betrachteten denn auch die Rallye des Alpes eher als Rennen auf öffentlichen Strassen, denn als Rallye im herkömmlichen Sinne.

Internationale Beteiligung

Die Rallye des Alpes trug zurecht das Attribut “international”: Von den sich am Start einfindenden 94 Teams stammten 35 aus Frankreich, 34 aus England, 8 aus Holland, 6 aus der Schweiz, 4 aus Spanien, 2 aus Italien und je eines aus Belgien, Griechenland, Luxemburg, Norwegen und Portugal. Damit war diese Sternfahrt der wohl bedeutendste Langstreckenwettbewerb für Serienfahrzeuge in Europa.

3'056 km von Marseille nach Cannes

Die Sternfahrt nahm am 13. Juli 1950 ihren Start in Marseille, die erste Etappe brachte 614 km Strasse - über mehrere Pässe und Umwege - und führte nach Monte Carlo. Die zweite 719 km lange Etappe brachte die Teilnehmer nach Cortina d’Ampezzo.  Die dritte Teilstrecke endete nach 396 km in Innsbruck, die vierte stellte den Equippen die Pässe Brenner, Passo di Monte Givo, das Stilserjoch und den Berninapass in den Weg und umfasste 307 km bis nach St. Moritz. Die fünfte Etappe führte über den Oberalp, die Furka und den Forclaz in 382 km nach Mégève, wo die letzte Etappe über 628 km ansetzte und die verbliebenen Fahrzeuge über 628 km wieder zurück nach Cannes brachte, wo die Teams am 20. Juli erwartet wurden.

km-Rennen auf der Autostrada und Bergprüfungen

Als spezielle “Sonderprüfung” war auf der Autostrada Turin-Bergamo ein Einkilometer-Rennen mit fliegendem Start eingeplant. Die schnellsten, das Ehepaar Appleyard auf dem Jaguar XK 120, durchfuhren diese Strecke mit einem Schnitt von 176,470 km/h.
Als zusätzliche Würze gab es zusätzlich noch Wertungsprüfungen am Stilserjoch und am Col de Vars.

Einfaches Reglement und klare Sieger

Wer gewinnen wollte, musste die ganze Rallye überleben und durchhalten, was nur 36 der 120 angemeldeten Teams überhaupt schafften. Strafpunkte gab es für Zeitunter/-überschreitungen gegenüber den auf Basis der vorgeschriebenen Durchschnittsgeschwindigkeiten errechneten Sollzeiten. Nur die Appleyards auf dem Jaguar XK 120 und vier Dyna-Panhards kamen ohne Strafpunkte ins Ziel, Gesamtsieger wurden damit die Appleyards. Den Sieg aber mussten die Engländer trotz schnellsten Zeiten mit sage und schreibe vier Dyna-Panhard teilen. Die 610ccm-Zweizylinder-Motörchen wurden infolge der veralteten Handicapformel dermassen bevorteilt, dass keine weiteren Teams den begehrten Alpenpokal mit nach Hause nehmen konnten

Viele Ausfälle

Nur 36 der startenden 94 Teams kamen ins Ziel, nur 94 der 120 angemeldeten Equipen hatten es überhaupt bis zum Start geschafft. Die grosse Distanz und das wohl teilweise mörderische Tempo forderten ihren Tribut.
Die Ausfallgründe waren vielfältig: Unfälle, Kühlerschaden, Bruch des Drehstabs der Ventilsteuerung, Defekt der Brennstoffzufuhr, Getriebedefekt, etc.

Sportfeindliche Haltung der Schweiz?

Ein besonderes Kapitel nahmen die Probleme der Teilnehmer in der Schweiz ein. Die Liste der Zwischenfälle reichte von Postautos, die die Zeitkontrolle versperrten, über Artillerieschiessen auf dem Furka bis zu unterschiedlichen Interpretation/Definition der Sollgeschwindigkeiten durch die Organisatioren in der Schweiz und in Marseille. Der organisatorische Anteil der Schweiz reichte nicht zu einem Ruhmesblatt! Einen Einblick gibt auch der Blog von Bernhard Brägger zu diesem Thema.

Das Schlussklassement

1. Jan Appleyard/Pat Appleyard, GB, Jaguar XK 120, 0 Punkte (Sieger Klasse über 3000 cm3)
2. Signoret/Gulbourdenche, F, Dyna-Panhard, 0 Punkte (Sieger Klasse bis 750 cm3)
3. Lapchin/Plantivaux, F, Dyna-Panhard, 0 Punkte
4. Burgerhout/Sijthoff, NL, Dyna-Panhard, 0 Punkte
5. Signoret/Gulbourdenche, F, Dyna-Panhard, 0 Punkte
6. Murray-Frame/Pearman, GB, Sunbeam, 15 Punkte (Sieger Klasse 1500-2000 cm3)
7. Kenk/Dr. Zweifel, CH, MG TD Midget, 110 Punkte (Sieger Klasse 1100-1500 cm3)
8. Keller/Waeffler, CH, MG TD Midget, 119 Punkte
9. Landon/Mme. Landon, F, Renault, 245 Punkte (Sieger Klasse 750-1100 cm3)
10. Fabregas/Iglesias, E, Simca, 374 Punkte

Weitere Informationen (ausführlicher zeitgenössischer Bericht):

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