Mitte Juni fand mit der Kronprinz Wilhelm Rasanz Fahrt zum ersten Mal eine Oldtimerveranstaltung der besonderen Art am Niederrhein statt. Achtzig Prozent der teilnehmenden Fahrzeuge hatten ein Baujahr vor 1918.
Fahrendes Museum
Bei der ersten Kronprinz Wilhelm Rasanz konnte man Oldtimer auf der Straße erleben, die sonst häufig ein Dasein in Sammlungen und Museen fristen, ohne jemals wirklich bewegt zu werden.
Solchen „Stehzeugen“ bot die Rasanz eine willkommene Gelegenheit, wieder zu echten Fahrzeugen zu werden. Eine Gelegenheit, die immerhin 25 Veteranenmotorfahrer mit ihren rund 100 Jahre alten Fahrzeugen anlässlich der Premiere wahrgenommen haben.
Es ist nun nicht so, dass es keine anderen Veranstaltungen für frühzeitliche Mobile gibt, denn mit der Bertha-Benz-Fahrt, den ASC-Schnauferl-Rallies und der Herkomer-Fahrt in Süddeutschland oder etwa der wiederauferlebten Prinz-Heinrich-Fahrt bieten sich gottseidank auch den langsameren frühen Fahrzeugen Gelegenheiten, Standschäden vorzubeugen. Trotzdem ist natürlich jede zusätzliche Veranstaltungen gerade in diesem Umfeld erfreulich, vor allem, wenn sie geografisch neue Wege geht.
Das älteste Fahrzeug bei der Rasanz 2013 war ein Peugeot Typ 26 aus dem Baujahr 1899. Der Zweizylinder mit 5,5 PS wurde von Karl Behlau und Beifahrer Theo Hesse pilotiert.
Ebenso unerschrocken machten sich zwei Dutzend weitere urzeitliche Automobile der so genannten „Messing Fraktion“ auf, die rund 80 Kilometer lange Strecke von Schloss Krickenbeck zu Schloss Dyck und retour zu bewältigen. Für eine Auftaktveranstaltung war das Teilnehmerfeld (man beachte die Starterliste) hochklassig besetzt.
Besondere Herausforderungen
Über 100 Jahre alte Fahrzeuge verlangen nach besonders viel Zuwendung. Der Fahrer des Opel Rennwagens von 1903 berichtete, er habe den Wagen komplett auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt. Entsprechend wundere er sich jetzt, dass das Auto überhaupt fahre.
Sowieso seien die Bedingungen heute für ihre alten Fahrzeuge nicht mehr opttimal, meinte ein anderer Teilnehmer. Wegen der allzu glatten Strassenoberfläche fehlten die Erschütterungen, die früher manche Mechanik und Schmierfunktion überhaupt in Gang gehalten hätten.
Es wurde generell viel geölt und geschraubt auf der Ausfahrt, jeder auch noch so kleine Zwischenhalt wurde genutzt, um Flüssigkeitsstände wieder aufzufüllen und die ordnungsgemässe Funktion der Fahrzeuge zu überprüfen. Ohne technische Kenntnisse kam man damals wie heute nicht aus.
- Automobile als Erlebnis
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- Reiseveranstalter
- Tourismus
Erinnerungen an Wilhelm Rasanz
Organisiert wurde die Rasanz von Classic Days Initiator Marcus Herfort, der damit im 125. Jahr nach Bertha Benz’ legendärer erster Fahrt mit einem Automobil im Jahr 1888 Automobilhistorie wieder lebendig werden ließ.
Herfort, selbst Eigner eines Premier 6-48 von 1914, musste als Organisator dessen Steuer zwar einem anderen überlassen, hielt aber ansonsten alle Fäden selber in der Hand. Er bewies ein weiteres Mal - neben den Classic Days ist er der Initiator des Großglockner Bergrennens, das im letzten Jahr zum ersten Mal stattfand – seine Fähigkeiten als Ausrichter hochklassiger Oldtimer-Events.
Mit der Kronprinz Wilhelm Rasanz knüpft Herfort dabei an eine historisch verbürgte Begebenheit an: Im Jahr 1907 fuhr der damalige Kronprinz Wilhelm nach Düsseldorf. Wie sein Onkel Prinz Heinrich war auch Kronprinz Wilhelm begeisterter Automobilist. Die Düsseldorfer Gastgeber wollten es dem mit der Bahn angereisten Würdenträger recht machen und baten Hermann Weingand, zu dieser Zeit Inhaber der Düsseldorfer Daimler- und Mercedes-Verkaufsstelle, einen 70 PS-Mercedes-Wagen zur Verfügung zu stellen. Er selbst ließ es sich bei dieser Gelegenheit nicht nehmen, dem motorsportbegeisterten Sohn des Kaisers als Chauffeur zu dienen.
Im entfernten Schloss Krickenbeck hörte Heinrich Graf von Schaesberg-Tannheim vom Besuch des Kronprinzen und machte sich auf die über 80 Kilometer lange Fahrt mit dem Auto nach Düsseldorf.
Ohne gebirgige Hindernisse
Daran erinnert jetzt die Kronprinz Wilhelm Rasanz, die am 16. Juni auf Schloss Krickenbeck startete und die historischen Fahrzeuge über verschiedene Stationen bis Schloss Dyck führte, dem Austragungsort der Classic Days (2.-4. August 2013). Dabei kamen die topographischen Gegebenheiten des flachen Niederrheins den Teams entgegen, deren Klassiker zum Teil schon bei moderaten Steigungen an ihre Leistungsgrenze kommen.
Die gewählte Strecke jedenfalls war landschaftlich wunderschön, grün und flach verlaufend; auch das Wetter spielte mit angenehm sommerlichen Temperaturen und ohne Regen mit.
Das ursprünglich in der Ausschreibung genannte Ziel Düsseldorf wurde aus Rücksicht auf die verkehrstechnischen Gegebenheiten vom Veranstalter allerdings aufgegeben, was von vielen Teilnehmern nicht ungern akzeptiert wurde.
Schon vor über 100 Jahren Strassenrennen
Marcus Herfort, selbst ein Fan der frühen Automobile meinte: „Bereits im Jahr des Kronprinzenbesuchs, also 1907, gab es heute legendäre Straßenwettbewerbe wie das La Turbie Berg- oder das Gordon-Bennett-Rennen. Viele Automobile bewältigten damals regelmäßig weitere Strecken, ohne den Anspruch gehabt zu haben, als Rennwagen zu gelten. In England erinnert bis heute die London-Brighton-Fahrt an diese frühen Tage individueller Mobilität."
„Heute gibt es viel zu wenige Gelegenheiten zur Ausfahrt mit Automobilen der ganz frühen Baujahre in einer engagierten Gruppe Gleichgesinnter“, so der Organisator. „Wir wollten der Gemeinschaft der Fahrer ein schönes Erlebnis nach historischem Vorbild bieten.“
Rundfahrt am Samstag
Bereits am Samstag starteten am Schloss Krickenbeck einige der Teilnehmer zu einer Rundfahrt über ca. 87 Kilometer durch den Naturpark Schwalm-Nette. Mit dabei waren unter anderem ein De Dion Bouton Typ E Voiturette von 1900, ein Renault Typ D von 1901 und ein Opel Darracq von 1902.
Fortsetzung folgt?
Nach der mehr als gelungenen Auftaktveranstaltung, bei der fast das gesamte Feld das Ziel pannenfrei erreichte, ist mit einer Fortsetzung in den kommenden Jahren zu rechnen. Weitere Informationen finden sich auf der Website der Veranstaltung .
Zwischengas dankt Petra Sagnak für den Textbeitrag und die stimmungsvollen Bilder. Weitere Fotos finden sich auf der Foto-Site von Petra Sagnak .
Teilnehmerfahrzeuge
| Nr. | Fahrzeug | Baujahr |
|---|---|---|
| 1 | Peugeot Typ 26 | 1899 |
| 2 | De Dion Bouton Typ E Voiturette | 1900 |
| 3 | Renault Typ D | 1901 |
| 4 | Opel Darracq | 1902 |
| 5 | Leon Buat Monocylindrique | 1903 |
| 6 | Opel Rennwagen | 1903 |
| 7 | Autocar | 1904 |
| 8 | Benz & Cie Mannheim | 1906 |
| 9 | Adler 18/35 | 1906 |
| 10 | FIAT 2 Seater | 1906 |
| 11 | Renault Agathe | 1907 |
| 12 | Opel 10/18 PS | 1908 |
| 13 | Brasier | 1911 |
| 15 | Mercer Runabout | 1912 |
| 16 | Benz & Cie 8/20 Doppelphaeton | 1913 |
| 17 | Premier 6-48 | 1914 |
| 18 | Rolls Royce Silver Ghost | 1914 |
| 19 | NSU 5/15 | 1914 |
| 20 | Locomobile M48 Speed Car | 1916 |
| 21 | Simplex Crane | 1916 |
| 22 | Opel 8/25 PS | 1920 |
| 23 | Alfa Romeo RL | 1923 |
| 24 | Minerva AC | 1925 |
| 25 | Rolls Royce Phantom I Tourer | 1927 |
| 26 | Delage | 1910 |




































































































































































































































































































































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