Auch wenn es dieses Jahr mit dem 20. Gesamtsieg nicht geklappt hat, ist die Erfolgsbilanz von Porsche bei den 24 Stunden von Le Mans immer noch so beeindruckend, dass sich ein mehr als 700 Seiten starker Bildband über sie zusammenstellen lässt. Der Porsche-Enthusiast und Wahl-Neuseeländer Wilfried Müller hat sich daher einmal durch das Werks-Archiv gearbeitet und jede Menge historisches, teils nie zuvor veröffentlichtes Bild- und Textmaterial aus 72 Jahren Zuffenhausener Engagements an der Sarthe zusammengestellt. Sein Werk "Porsche at Le Mans" ist im Juli 2023 im McKlein-Verlag erschienen. Wobei man sich vom englischen Titel nicht täuschen lassen darf. Die Texte sind ausschliesslich auf deutsch verfasst.
Bildstark
Rund 1000 sind so auf 708 Seiten zusammengekommen. Neben dem Renngeschehen auf der Strecke finden sich vor allem in der Frühphase viele amüsante Aufnahmen von hinter den Kulissen. Etwa wie ein Porsche-Mitarbeiter 1971 einen 917 Langheck von Hand mit dem Pinsel bemalt; ganze Rennwagenhecks, die an Gartenhecken lehnen; auf Reifenstapeln schlafende Mechaniker; Rennwagen, die am Stadtverkehr teilnehmen, und Zuschauer, die mit der Super-Acht-Kamera durch die Boxengasse spazieren und die Rennwagen in der Startaufstellung aus nächster Nähe filmen. Mit voranschreitender Zeit und Professionalisierung nimmt die Zahl der lustigen Schnappschüsse leider ab.
Dafür steigt die technische Qualität der Bilder, die im neuen Jahrtausend natürlich deutlich schärfer und vor allem viel häufiger farbig sind als Mitte der Fünfzigerjahre. Wobei die Aufnahmen aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren in Anbetracht ihres Alters von einer bemerkenswerten Güte sind. Häufig kommt sogar der Wunsch auf, sie mögen doch ein wenig grösser abgebildet sein, damit man noch mehr Details erkennen kann. Gerade bei totaleren Aufnahmen etwa von der Boxengasse verliert sich vieles nicht in der Bildqualität, sondern lediglich in der -grösse.
Dabei hätte man gar nicht so arg mit dem Platz geizen müssen. Denn einige Bilder wiederholen sich tatsächlich. Etwa Edgar Barth, der 1963 seine "Grossmutter" ohne rechtes Hinterrad an die Box schiebt; Jo Siffert und Hans Hermann, die 1967 ihren Klassensieg begiessen, oder der Motorplatzer von Al Holbert 1983 auf der Ziellinie – der je nach Bildunterschift einmal mit 61 Sekunden und einmal mit "weniger als einer Minute" Vorsprung noch knapp zum Sieg reicht.
Der Grund für diese Wiederholungen liegt im Aufbau des Buches. Denn nach der gleichfalls historisch bebilderten Hinführung zum Thema – und dem gewohnt inhaltsleeren Vorwort von Dr. Wolfgang Porsche – ist den Gesamtsiegen von Porsche ein eigenes Kapitel gewidmet, das jeden der 19 Triumphe auf einer Doppelseite gesondert behandelt. Daran schliesst der Hauptteil des Buches an: reichlich bebilderte Rennberichte zu allen 24 Stunden von Le Mans mit Porsche-Beteiligung – also jede Austragung seit 1951. Gerade die Fotos aus den Anfangsjahren begeistern durch ihr Zeitkolorit aus einer Epoche, in der es noch völlig normal war, in Zivilkleidung und mit Zigarette im Mundwinkel einen Rennwagen zu betanken. Den Beginn eines neuen Jahrzehnts markiert immer eine Sammlung von Porsche-Werbeplakaten, die auf die Le-Mans-Ergebnisse bezugnehmen.
Text knapp
Wie so oft bei dieser Art Buch ist der Text die Schwachstelle. Allerdings ist es in diesem Falle weniger wie er geschrieben ist – sieht man einmal von seltsamen Überschriften wie "Vom Rookie zum Giant Killer" ab –, sondern was geschrieben ist. In seinem Vorwort zum langen Kapitel der Rennberichte schreibt Wilfried Müller von "kuriosen wie warmherzigen Anekdoten", die jeder Porsche-Mitarbeiter, der einmal im Werks-Quartier in Teloché gewesen ist, zu erzählen habe. Nur gibt Müller sie leider nicht an seine Leser weiter.
Die Rennberichte sind genau das: eine kurze Auflistung der Fahrerpaarungen samt Wagen, eine Zusammenfassung des Rennverlaufs und schliesslich die Nennung der Ergebnisse in Lauftextform – also nichts, was man nicht auch aus dem Appendix übersichtlicher herauslesen könnte. Nette Geschichten aus der Werkstatt, die den Le-Mans-Einsätzen eine persönliche geben und das Aufzählen von Autos und Ergebnissen auflockern könnten, fehlen. Zudem hat sich mindestens ein grösserer Fehler eingeschlichen: Den Sieg in der 1,6-Liter-Klasse 1961 mussten Herbert Linge und Ben Pon (der hier versehentlich "Ben Bon" genannt wird) im Porsche Carrera GTL Abarth nicht gegen mehrere Triumph TR4 verteidigen. Zum einen, weil es den TR4 im Juni 1961 noch gar nicht gegeben hat, zum anderen weil Triumph mit dem TRS in der Sportwagenklasse bis zwei Liter angetreten ist. Dort siegten Masten Gregory und Bob Holbert im 718 Spyder.
Interessantes Archivmaterial
Im bereits erwähnten Anhang folgt zunächst eine in diesem Umfang noch nie veröffentlichte Sammlung von Porsche-Werksdokumenten mit Le-Mans-Bezug. Auf 135 Seiten finden sich Rennprotokolle, Teilelisten, Kostenaufstellungen, Pressemitteilungen, Leistungsdiagramme, Aktennotizen und weiteres geduldiges Papier aus der Rennabteilung. Natürlich ist es völlig unwichtig, wie viele Zündkerzen das Werk 1956 mit nach Le Mans genommen hat – aber es ist schön, dass man es trotzdem nachschlagen könnte, wenn man die Information doch einmal braucht.
Den Abschluss des Buches bildet eine 54-seitige Tabelle, die die Ergebnisse aller jemals in Le Mans eingesetzten Porsche (Werk und privat) Jahr für Jahr auflistet; inklusive Renndistanz (Runden und Strecke) und Durchschnittsgeschwindigkeit.
Fazit
"Porsche at Le Mans" ist ein gelungener Motorsport-Bildband, der den Werdegang des bei den 24-Stunden von Le Mans erfolgreichsten Herstellers würdig illustriert. Da die Fotografien ganz klar das stärkste Argument für den Kauf des Buches sind, sind die Schwächen im Text verschmerzbar. Zudem bietet der umfangreiche Anhang einen ungewohnt hohen Nachschlagewert, der diesen Bildband auch für jene Porsche-Liebhaber interessant macht, die mehr wollen als nur Bilder anschauen. "Porsche at Le Mans" ist ab sofort für 100 Euro erhältlich und auf 963 Exemplare limitiert.
Bibliografische Angaben
- Titel: "Porsche at Le Mans – Die Erfolgsgeschichte von Porsche in Le Mans"
- Autor: Wilfried Müller
- Sprache: Deutsch
- Herausgeber: McKlein Publishing
- Auflage: 1. Auflage, Juni 2023, limitiert auf 963 Exemplare
- Umfang: 708 Seiten, ca. 1000 Fotos
- Format: 247 x 270 mm, gebunden
- Preis: EUR 100.00
- ISBN: 978-3-947156-12-2
- Kaufen/bestellen: online bei McKlein Publishing oder bei Porsche





























































































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