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Bild (1/5): Erfahrungen für das Daytona Coupe wurden mit den älteren Cobra Roadsters an der Targa Florio gemacht - Standbild aus dem Film The Snake and the Stallion (© Spirit Level Film, 1960)
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    Targa Florio - vergessene Rennstrecke in Sizilien

    Erstellt am 11. Mai 2013
    Text:
    Thomas Suter
    Fotos:
    Daniel Reinhard 
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    Archiv / J. Froidevaux / Daniel Reinhard 
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    Waren es Helden oder Wahnsinnige, die sich jedes Jahr nach Sizilien auf die Jagd nach Ruhm und Ehre aufmachten? „Kinder und Haustiere einsperren!“ lautete die überlebenswichtige Aufforderung in den Tagen der legendären „Targa Florio“.

    Porsche 904 an den Boxen der Targa Florio 1964
    © Archiv Automobil Revue

    Ende der Sechziger-, anfangs der Siebzigerjahre, also in der Hochblüte der Sportwagenrennen, donnerten Rennwagen vom Schlage eines Alfa Romeo 33, Ferrari 512 und 312 oder eines Porsche 908 über die Strassen der Madonie, einer heute unter Naturschutz stehenden Region im Hinterland des sizilianischen Städtchens Cefalù.

    Pedro Rodriguez im Porsche 908/3 an der 54. Targa Florio 1970
    © Zwischengas Archiv

    Die 72 km lange Runde gehörte zum härtesten, was eine Strecke einem Rennfahrer abverlangen konnte. „Und du bist nie sicher, ob nicht hinter der nächsten Kurve trotzdem ein Eselskarren die Strasse versperrt, wenn du voll am Limit unterwegs bist“, schilderte seinerzeit Jo Siffert die Risiken.

    Sizilianisches Idol

    Und dann die Dorfdurchfahrten: Zuschauer bildeten lebendige Leitplanken, Rennwagen donnerten mit wenigen Zentimetern Abstand, die Ideallinie suchend, vorbei. Da nimmt sich ein heutiges Rennen auf einer der unseligen Retortenstrecken wie eine Kaffeefahrt aus!

    Targa Florio – ein Rennen, das im gleichen Atemzug wie Le Mans, Nürburgring oder Mille Miglia genannt werden muss. Das 1000-Kilometer-Rennen in Sizilien trennte „Buben“ von „Männern“. Nur sehr wenige Cracks schafften es, die anspruchsvollen 72 Kilometer auswendig zu lernen.

    Ferrari 512S (1970) von Nino Vaccarella und Ignazio Giunti an der Targa Florio 1970
    © Copyright / Fotograf: Rainer W. Schlegelmilch

    Einer der wenigen ist der Lokalmatador Nino Vaccarella, in erster Linie sizilianisches Rennfahreridol, dann  mit 77 Jahren pensionierter Rektor des Gymnasiums von Palermo und drittens, quasi als Dreingabe, dreifacher Targa-Florio-Gewinner, „die ich eigentlich mindestens fünf Mal hätte gewinnen müssen, wenn mir Fortuna besser beigestanden wäre,“ wie er gerne anmerkt.

    „Als Sizilianer hatte ich natürlich den Vorteil, dass die Strecke vor meiner Türe lag und ich sie trainieren konnte“, erklärt er trocken. Wenn er in den Erinnerungen kramt, kommen im nur gerade eine Handvoll weiterer Cracks in den Sinn, die sich die Strecke einprägen konnten: Siffert, Rodriguez, Kinnunen, Marko, Elford und der italienische Asphalt-Cowboy Merzario. „Regazzoni, Ickx und Bell hatten ihre liebe Mühe, ganz zu schweigen von den Formel-1-Weltmeistern Fangio, Surtees oder Hill“, schmunzelte das sizilianische Rennfahrer-Idol.

    Ausruhen bei 300 km/h

    Vaccarellas aktive Laufbahn dauerte von 1956 bis 1975, er ist also durchaus in der Lage, Piloten aus einer 20 Jahre dauernden Aera beurteilen zu können.

    Zu seinen Lieblingsrennwagen für die Targa Florio zählt Vaccarella den Alfa Romeo T33/3 von 1971, mit er den zweiten Gesamtsieg einfuhr. „Der 33er hatte ein ausgezeichnetes Handling. Und als Pilot musste man nicht soviel leiden, wie in den Jahren zuvor“, führte er aus und blickte vielsagend auf seine Hände. „Arme und Hände wurden am meisten malträtiert, nach der Zieldurchfahrt hatte ich meistens blutige Hände, herrührend vom Lenkrad, das fast nicht zu halten war“, erklärte er.

    Auf den 72 km gab es einen einzigen Streckenabschnitt, auf dem sich ein Pilot etwas erholen konnte, und dies bei über 300 km/h, im fünften Gang voll, immer kurz vor dem Drehzahlbegrenzer: Die rund sechs Kilometer lange Gerade von Buonfornello, die zum Städtchen Cerda führt. Drei Runden musste ein Pilot bis zum Fahrerwechsel absolvieren. Gleichzeitig wurde aufgetankt und die Reifen gewechselt. „Bremsen wurden nur im Notfall gewechselt, obwohl sie stark beansprucht wurden. 1970 musste ich mit nachlassenden Bremsen mit meinem Ferrari 512 schon nach zwei Runden an die Boxen – wir verloren soviel Zeit, dass ich keine Chance mehr auf den Sieg hatte,“ blickte Vaccarella zurück.

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    Es begann anfangs des 20. Jahrhunderts

    Die Targa Florio geht ins Gründungsjahr 1906 zurück. Der Adlige Vincenzo Florio suchte sich für die damalige Zeit etwas Verrücktes und kam auf die Idee, im sizilianischen Hinterland ein Autorennen zu veranstalten. Beim ersten Start waren gerade mal 10 Fahrzeuge am Start, gefahren wurden drei Runden auf dem damals doppelt so langen Kurs (148 km / Runde) und die Siegerzeit betrug 9 Stunden und 32 Minuten. Für dieses Rennen hatte Florio die Summe von 50’000 Lire ausgesetzt, damals ein stattliches Vermögen.

    Mercedes 28/95 PS (1921) - an der Targa Florio am 29. Mai 1921 - Max Sailer gewann die für den schnellsten Serienwagen bestimmte Coppa Florio
    © Copyright / Fotograf: Copyright Daimler AG

    Im Laufe der Jahre etablierte sich die Veranstaltung zu einem der wichtigsten Rennen im Kalender und alles, was Rang und Namen hatte, seien es Piloten oder aber auch Werke, pilgerten einmal im Jahr nach Sizilien. Die Sieger-Liste der Targa-Florio ist denn auch ein richtiges „who is who“ von Rennfahrer-Berühmtheiten. Nuvolari ist im Buch der Sieger ebenso eingetragen wie Varzi, Moss, Bonnier, Mairesse, Siffert oder Herbert Müller, zweimaliger Sieger und Nino Vaccarella mit drei Erfolgen. Die Zeit machte auch vor der Targa Florio keinen Halt. Das Rennen wurde zunehmend gefährlicher und schliesslich 1977 verboten.

    Mit Einzelstart

    Eine Besonderheit war das Startprozedere. Aufgrund der engen Strassenverhältnisse wurde auf einen Massenstart verzichtet. Die Fahrer wurden im 20-Sekunden-Abstand auf die Strecke geschickt. Für den Lokalmatador „Nino Nazionale“ Vaccarella war die Targa Florio etwas, das er nie auf die leichte Schulter nahm, Einheimischen-Bonus hin oder her. „Das Risiko fuhr immer mit und ein Abflug hätte im schlimmsten Falle mit dem Tod geendet“, analysierte er trocken die Umstände. „Ich versuchte immer, mit einem kalkulierten Risiko zu fahren, zügig, aber nicht voll am Limit“, war seine Taktik. Aber was heisst schon, nicht am Limit, bei Rundenschnitten von 128 km/h?

    Im Vergleich zu heute meint Vaccarella auch, seien die Strassen in einem besseren Zustand gewesen. Heute gibt es Abschnitte, bei denen die eine Fahrbahnhälfte bis einen halben Meter abgerutscht ist. „Es wäre unmöglich gewesen, mit einem Rennwagen ohne schweren Unfall einen solchen Abschnitt zu fahren“, gibt er zu Protokoll. Sein potentestes Auto war 1970 ein Ferrari 512 S mit über 550 PS und knapp 850 Kilogramm Gewicht. „Ein echtes Geschoss, in den engen Dorfdurchfahrten zwar nicht gerade ideal, dafür hatte ich Zeit, den Applaus der Zuschauer zu geniessen“, schmunzelte der Sizilianer, der auf der Buonfornello-Geraden bei einer Geschwindigkeit von über 325 km/h ausruhen konnte ...!

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    Der fliegende Finne

    Den Rundenrekord hält Leo Kinnunen (Team Rodriguez / Kinnunen), gefahren 1970 mit einem Porsche 908 in 33’36’’.  Dies bedeutet, dass rund 1000 Höhenmeter und 900 Kurven mit einem Schnitt von 128 km/h gefahren wurde. Trocken meinte Vaccarella: „Eigentlich hätte es noch schneller gehen sollen, aber keiner der Piloten kann wirklich behaupten, dass ihm jemals eine perfekte, fehlerlose Runde gelungen sei ...“. Für ihn ist klar, dass mit den Sportwagen der 70er Jahre eine Zeit unter 30 Minuten hätte möglich sein sollen.

    Ach ja, und hier noch die Frage nach der erfolgreichsten Marke? Nein, nicht Alfa Romeo. Die Mailänder Marke totalisierte 10 Siege und wurde von Porsche mit 11 Erfolgen knapp geschlagen. Ferrari schaffte 7 Siege, Mercedes nur gerade deren 3.

    Mercedes-Benz 300 SLR (1955) - Sieger an der Targa Florio 1955 werden Moss/Collins - der SLR beweist Nehmerqualitäten und läuft mit groben Beschädigungen als Erster im Ziel ein
    © Copyright / Fotograf: Copyright Daimler AG

    Verfallen

    Heute erinnern kurz vor dem Städtchen Cerda die Boxenanlagen und die Tribünen bei Start und Ziel an die glorreichen Zeiten - allerdings verfallen die Gebäulichkeiten in schöner Langsamkeit. Hinter der Tribüne, im abgesperrten Teil, steht zu Ehren des Gründers Vincenco Florio eine Büste, die an die Anfänge erinnert. Vielleicht kann die heutige Generation mit dem allem nicht mehr viel anfangen. Obwohl: Auf Stützmauern entlang der Strecke sind immer noch vergilbte Schriftzüge wie „Nino Nazionale, Forza Vaccarella“ und ähnliches auszumachen.

    Targa Florio Tribünen heute
    © Copyright / Fotograf: Thomas Suter

    Und der Betrachter fährt in seinem Fiat Punto Diesel bei wenig Gegenverkehr zügig, aber entspannt über die engen Strässchen und die Haarnadelkurven, weicht den unzähligen Schlaglöchern und andern Strassenschäden aus und denkt unentwegt: Ein Schnitt von 128 km pro Stunde ist doch gar nicht möglich ...?  Waren die damaligen Piloten nun Helden oder Verrückte?

    Die Sieger der Weltmeisterschaftslauf-Austragungen

    Von 1906 bis 1954 gab es 38 Austragungen der Targa Florio, bevor das Strassenrennen am 16. Oktober 1955 erstmals und danach wieder ab 1958 als Sportwagen- oder Marken-WM-Lauf zählte. Ab 1974 zählte das Rennen mit einem qualitativ minderen Feld vier Jahre lang nur noch zur Italienischen Meisterschaft, ehe es in eine Rallye überging.

    Die folgende Tabelle zeigt die Siegerteams der WM-Jahre. Durch Klicken auf die Spaltenüberschriften kann nach Belieben sortiert werden.

    Jahr Marke Typ Fahrerbesatzung Kommentar
    1955 Mercedes-Benz 300 SLR Stirling Moss/Peter Collins (GB)  
    1956 Porsche 550 Umberto Maglioli/Husche von Hanstein (D/D) ohne WM-Status
    1957 Fiat 600 Fabio Colona (I) ohne WM-Status, Gleichmässigkeit
    1958 Ferrari 250 TR Luigi Musso/Olivier Gendebien (I/B)  
    1959 Porsche 758 RSK Edgar Barth/Wolfgang Seidel (D/D)  
    1960 Porsche 718 RS60 Joakim Bonnier/Hans Herrmann/Graham Hill (S/D/GB)  
    1961 Ferrari Dino 246 SP Wolfgang Graf Berghe von Trips/Olivier Gendebien (D/B)  
    1962 Ferrari Dino 246 SP Willy Mairesse/Ricardo Rodriguez/Olivier Gendebien (B/Mex/B)  
    1963 Porsche 718 GTR Joakim Bonnier/Carlo-Maria Abate (S/I)  
    1965 Ferrari 275 P2 Nino Vaccarella/Lorenzo Bandini (I)  
    1966 Porsche 906 Carrera 6 Herbert Müller/WillyMairesse (CH/B)  
    1967 Porsche 910 Paul Hawkins/Rolf Stommelen (AUS/D)  
    1968 Porsche 907 Vic Elford/Umberto Maglioli (GB/I)  
    1969 Porsche 908/2 Gerhard Mitter/Udo Schütz (D)  
    1970 Porsche 908/3 Jo Siffert/Brian Redman (CH/GB)  
    1971 Alfa Romeo 33/3 Nino Vaccarella/Toine Hezemans (I/NL)  
    1973 Porsche 911 Carrera RSR Herbert Müller/Gijs van Lennep (CH/NL)  

     

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