Rückspiegel Juli 1978 - Motorsport-Schlagzeilen vor 40 Jahren

Erstellt im Jahr 2018
, Leselänge 8min
Text:
Rainer Braun
Fotos:
McKlein 
2
Archiv Ford Motorsport 
2
Archiv Porsche 
2
Kräling 
1
Förster 
1
Drehsen 
1
Privat Rainer Braun 
1
Archiv 
3

Der Hochsommermonat Juli 1978 hatte es wirklich in sich – sowohl von den Hitzegraden wie auch vom Renngeschehen her. Da hat sich so einiges getan. Zum Bespiel die vielbeachtete Ford-Präsentation des sagenumworbenen Turbo-Capri freitags vor dem deutschen Formel 1-GP in Hockenheim. Bei sengender Sonne und mehr als 30° im Schatten enthüllten der Kölner Ford-Sportchef Michael Kranefuss und sein Entwicklungspartner, Zakspeed-Eigner Erich Zakowski, die neue Wunderwaffe für die 2-Liter-Division in der Deutschen Rennsportmeisterschaft (DRM). Zu den VIP-Ehrengästen gehörten Ford-Botschafter Jackie Stewart, Fords-Sport-US-Statthalter Walter Hayes sowie die gesamte Ford-Europa-Führung und Kölner Ford-Vorstände. Kranefuss, Zakowski und Werkspilot Hans Heyer gaben in Kurzform Auskunft über Entwicklung, Technik und Erfolgsaussichten. Zufälligerweise sah der Terminkalender auch ein DRM-Rennen in Rahmen des GP-Weekends vor, sodass gleich nach der Premiere der Praxistest in Gestalt des Zeittrainings und tags darauf das Rennen vor grossem Publikum folgen konnte. Was Besseres als auf Anhieb eine klare Pole-Position herauszufahren, hätte Ford und Heyer an dieser Stelle nicht passieren können. Und auch der Ausfall im Rennen nach anfänglicher Führung verwässerte den guten Eindruck keineswegs, denn uns Fachjournalisten war klar, dass dieses bärenstarke Auto neue Massstäbe im Tourenwagensport setzen wird. So kam es dann ja auch, zwar nicht mehr unbedingt in der laufenden Saison, dafür aber umso heftiger in den Jahren danach.


Schön und schnell - Kampfmaschine Ford Turbo Capri
Copyright / Fotograf: McKlein

Auch ein echtes Juli–Highlight war das Promi-Rennen mit identischen Chevrolet-V 8-Camaro auf dem Flugplatzkurs von Diepholz. Bilstein-Sportdirektor Hugo Emde und Diepholz-Rennleiter Peter Rumpfkeil hatten die Idee gemeinsam ausgedacht und unter Einsatz erheblicher Geldmittel realisiert. Immerhin mussten die Eigner von rund 20 Camaro aus einer Rennserie in Skandinavien insoweit entschädigt werden, dass sie willens waren, ihre Autos zur Verfügung zu stellen und nach Deutschland zu transportieren. Beim Anblick der wüsten Raufereien standen den Besitzern der wuchtigen V8-Boliden allerdings die Haare zu Berge. Wahrscheinlich waren die Auswüchse auch der Hitze des Tages zuzuschreiben – immerhin fiel bei 35° Aussentemperatur und fast 70° im Cockpit der eine oder andere nach 2 x 20 Runden halb ohnmächtig aus dem Auto. Als Streckensprecher hat’s mir natürlich viel Spass gemacht, mal ein weniger ernstes Kräftemessen unserer besten deutschen Rennfahrer zu kommentieren und auf dem Siegerpodium die Herren Stuck, Heyer und Mass in bester Laune zu begrüssen. Zurück blieben ein mehr oder weniger verbeultes Camaro-Feld und ein flüchtiger Harald Grohs, der allein schon die Hälfte aller verbogenen Autos auf dem Gewissen hatte. Irgendwie hatte man den Eindruck, dass sich an diesem heissen Tag mal alle frei von Taktikspielchen und Meisterschafts-Stress so richtig austoben konnten.


Ein bisschen Spaß muss sein - Camaro-Helden von Diepholz Mass, Stuck, Stommelen
Copyright / Fotograf: McKlein

Und dann gab es da noch eine weitere Spassveranstaltung, die unbedingt der Erwähnung bedarf. Erstmals lud Porsche seine Werks- und Privatfahrer, Teamchefs, Journalisten und Freunde des Hauses im Juli 1978 zu einem Radrennen auf die Versuchsstrecke in Weissach. Als besondere Würze wurden noch einige Profis vom Schlage eines Rudi Altig dazu gebeten. Es sollte ein Team-Wettbewerb mit je vier Mann sein. So gab es beispielsweise die Mannschaften mit klingenden Namen wie „Martini Porsche“, „Vegla Glas“, „Vaillant Therme“ oder „Ford Motorsport Köln“. Porsches Pressechef Klaus Reichert übertrug mir das Amt des Moderators – was ich zu sehen bekam, war ein durchaus spannendes, von Können und Ehrgeiz durchsetztes Radrennen. Die Aufgabenstellung: 15 Runden à 2,5 km, fünf eingelagerte Sprintrunden und Addition der Platzziffern fürs Endresultat. Dass dabei auch einige der rund 60 Teilnehmer im Eifer des Gefechts zu Boden gingen, lag in der Natur des Wettbewerbs. Beim sicherheitshalber zum Ort der Handlung abkommandierten Porsche-Rennarzt Dr. Huber stellten sich dann auch gleich mehrere Patienten zur Erstversorgung vor. So brach sich Erich Zakowski aus dem Ford-Team die Schulter, andere den Arm oder die Rippen. Weitere Sturzopfer humpelten lädiert und bandagiert von dannen. Gewonnen hat übrigens das „Team Porsche Martini“ mit Jacky Ickx, Manfred Schurti, Rolf Stommelen und Porsche-Sportpressechef Manfred Jantke. Dieses Ergebnis war insofern keine grosse Überraschung, weil die vier Herren zwecks Konditionstraining sowieso ständig auf ihren Rennrädern sassen und dadurch ziemlich gut im Futter standen.


Kämpfen bis zum Umfallen - Porsche Radrennen 78 Weissach
Copyright / Fotograf: Archiv Porsche

Bis in vier Wochen
Herzlichst

F1-WM: Lotus und Andretti siegen weiter

Die Saisonsiege Nr. 4 und 5 der Erfolgs-Kombination Andretti/Lotus beim GP von Frankreich in Paul Ricard und beim GP von Deutschland in Hockenheim festigen die WM-Führung des Amerikaners. Den dritten GP des heissen Formel 1-Juli in Brands Hatch gewinnt Carlos Reutemann im Ferrari vor Niki Lauda. Der Titelverteidiger muss laut FIA-Beschluss ebenso wie sein Teamkollege John Watson bereits seit dem Frankreich-GP wieder mit dem „normalen“ Brabham ohne die am Heck montierte Saugeffekt-Turbine antreten. Erfreulich aus deutscher Sicht: Hans-Joachim Stuck (Shadow-Ford) holt in England mit Platz fünf die ersten zwei WM-Punkte dieses Jahres.

DRM: Grosser Bahnhof bei der Turbo-Capri-Premiere

Ort und Zeitpunkt hätten die Ford-Offiziellen kaum besser auswählen können: Beim DRM-Lauf im Rahmen des GP Deutschland in Hockenheim präsentieren Ford und Zakspeed den angekündigten 1.4 Liter-Turbo-Capri als neue Geheimwaffe für die 2 Liter-Division. Hans Heyer soll mit der 500 PS-Kampfmaschine endlich die Dominanz von BMW beenden. Beim Pressetermin auf der Start-Ziel-Geraden wird die neue Wunderwaffe in Anwesenheit von viel Prominenz (u.a. Jackie Stewart, Ford-Vorstände aus Deutschland und den USA) vorgestellt.


Die technischen Väter des Turbo Capri - Zakspeed-Ingenieure Helmut Barth und Bruno Bunk 1978
Copyright / Fotograf: Archiv Ford Motorsport

Anschliessend fährt Heyer den neuen Flachmann wie selbstverständlich auf die Pole, fällt aber tags darauf im Rennen nach kurzer Führung schon nach vier Runden mit geplatztem Turbolader aus – übrigens genau vor den Boxen und fast an der gleichen Stelle, an der die Präsentation stattgefunden hat. Doch Heyer ist keineswegs enttäuscht, sondern gibt sich im TV-Interview geradezu euphorisch: „Ich wusste sofort, dass dieses Auto die Zukunft der 2 Liter-Klasse bestimmen wird. Die ganze Zakspeed-Truppe, die Kölner Ford-Sportführung und ich sind unheimlich stolz auf diesen perfekt gelungenen Renn-Tourenwagen. Wir werden damit neue Massstäbe setzen, zumal PS-mässig noch nicht das Maximum erreicht ist.“ Und nochmal Heyer: „Den Rest der Saison betrachten wir als Erprobung, Ausfälle sind da einkalkuliert. Aber nächstes Jahr dürfen sich alle ganz warm anziehen.“


Die geistigen Väter des Turbo Capri - Erich Zakowski und Mike Kranefuss 1978
Copyright / Fotograf: Archiv Ford Motorsport
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DRM: Ertl marschiert in Richtung Tabellenspitze

Gleich drei DRM-Läufe bescheren Teams und Piloten einen hektischen Juli. In Zandvoort, Kassel-Calden und im Rahmen des deutschen GP in Hockenheim erkämpft sich Harald Ertl im Schnitzer-BMW 320-Turbo gleich 55 von 60 möglichen Punkten (2 Siege, 1 x Zweiter) und rückt damit als neuer Mit-Favorit auf den zweiten Tabellenrang vor. Die grosse Division über 2000 ccm bleibt weiter fest im Griff eines Porsche 935-Quartetts mit Meisterschafts-Leader Toine Hezemans (GELO, 2 x Zweiter, 1 x Dritter) und John Fitzpatrick (GELO), Bob Wollek (Kremer) sowie Klaus Ludwig (GELO). Ganze acht Punkte trennen Ertl jetzt noch von Hezemans – oder Schnitzer-BMW von GELO-Porsche-Team. Drei Läufe stehen noch aus.


DRM-Leader Hezemans, Gelo-Teamchef Loos 1978
Copyright / Fotograf: Förster

Formel 3: Piquet und Serra sorgen für Eklat

Der schon länger schwelende Privatkrieg der beiden brasilianischen Jung-Stars Nelson Piquet und Chico Serra erreicht in Brands Hatch beim F3-Lauf im Rahmen des GP von England seinen skandalträchtigen Höhepunkt. Schon vor der ersten Kurve fahren sich beide wieder mal derart brutal in die Kiste, dass nahezu das gesamte Verfolgerfeld in eine Massen-Karambolage nie gesehenen Ausmasses gerissen wird. Der Bitburger Bertram Schäfer, den man unter seinem umgestürzten Ralt unverletzt hervorzieht, mochte nicht glauben, was er nach seiner Rettung sah: „Das war ein einziges Schlachtfeld. Und während die Rettungsarbeiten in vollem Gang sind, prügeln und streiten sich die beiden Auslöser des Schlamassels inmitten des riesigen Trümmerhaufens um die Schuldfrage.“ Von den 36 Autos sind 25 in die Mega-Kollision verwickelt, 15 davon müssen als Totalschaden abgeschrieben werden. Zum Neustart können nur noch 18 Autos der ursprünglich 36 Autos antreten – Serra siegt, Piquet wird nach einem Dreher Vierter. „Dass man diese beiden Wahnsinnigen überhaupt noch mal an den Start gelassen hat, ist der nächste Skandal“, empört sich Schäfer noch Tage später.

Spassrennen: Camaro-Schrott in Diepholz

Das erstmals ausgetragene „German Race of Champions“ in Diepholz mit identischen Chevrolet-Camaros aus dem skandinavischen Camaro-Cup bietet 20 Piloten und 20’000 Zuschauern gleichermassen reichlich Amüsement. Nur den Camaro-Eignern aus Schweden fällt das Lachen schwer, weil sie ihre ausgeliehenen Autos teils böse verbogen wieder zurückbekommen. Denn die Herren Stuck, Heyer, Grohs, Mass, Hezemans, Stommelen & Co. lassen es ordentlich krachen, weil’s ja ein Jux-Rennen ist und es obendrein nicht ihre Autos sind. Nach 2 x 20 Runden mit viel Action, Rempelei, fliegenden Strohballen und Streckenbegrenzungen stehen die Sieger fest: Hans-Joachim Stuck gewinnt die wüste Camaro-Schlacht nach Addition der Platzziffern vor Hans Heyer und Jochen Mass. Hätte es einen Preis für die wildesten Umtriebe gegeben, wäre Harald Grohs erster Anwärter gewesen. Von den skandinavischen Startern kann sich lediglich Ulf Granberg mit einem Sieg in Lauf zwei in Szene setzen.


Der Camaro-Mörder von Diepholz - Grohs mit Dame
Copyright / Fotograf: Privat Rainer Braun

In aller Kürze:

Bruno Giacomelli (ITA, March-BMW) reichen zwei glatte Siege in den Juli-Rennen Nogaro und Enna-Pergusa der F2-EM zum vorzeitigen Titelgewinn. Sein Teamkollege Marc Surer benötigt aus den beiden letzten Rennen lediglich noch einen zweiten Rang, um die Vize-Meisterschaft und damit den Doppelerfolg der BMW-Junioren sicherzustellen. Bester Nicht-BMW-Pilot ist derzeit Derek Daly (GBR, Chevron-Ford) +++ Dem Trio Schommers/Denzel/Hahne gelingt im Zakspeed-Escort RS beim Tourenwagen-GP auf dem Nürburgring ein Überraschungssieg. In der EM-Wertung führt weiter Umberto Grano (ITA, BMW CSL), dem der Titelgewinn kaum noch zu nehmen ist. +++ Röhrl/Geistdörfer (Lancia Stratos) gewinnen die Rallye Vorderpfalz und gleich danach auch die zur EM zählende Hunsrück-Rallye – bei beiden Veranstaltungen verteidigen Hainbach/Linzen (Escort RS) die Tabellenspitze der Rallye-DM. +++ Jungtalent und Schäfer-Schützling Hans-Georg Bürger (Ralt-BMW) erzielt beim Formel 3-DM-Lauf in Diepholz mit Rang drei sein bisher bestes Saisonresultat +++ BMW-Sportchef Jochen Neerpasch ist mit Bernie Ecclestone so gut wie einig - im Rahmenprogramm der europäischen Formel 1-WM-Läufe soll es 1979 eine neue, höchst attraktive Rennserie geben. Geplant ist der Einsatz von bis zu 20 identischen BMW M1, wovon das Werk fünf Autos in einheitlicher Lackierung für die trainingsbesten F1-Piloten bereitstellen will.


Erfolgreiche Verhandlung für M1-Rennserie - F1-Dirigenten Mosley, Ecclesstone mit BMW-Sportchef Neerpasch
Copyright / Fotograf: Drehsen

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