Dingolfinger Glas-Bläser - über den kleinsten Werks-Rennstall Deutschlands

Erstellt am 9. November 2017
, Leselänge 8min
Text:
Rainer Braun
Fotos:
Diverse Archive 
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Diverse Archive - Buch Hallo Fahrerlager Classic 
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Die kleine Automobil-Manufaktur „Hans Glas GmbH“ im niederbayerischen Dingolfing war zwischen 1962 und 1966 eine ganz grosse Nummer im Tourenwagen- und GT-Sport. Zuständig für werksseitig erkämpfte Siege mit den Modellen T 600, 1004 TS, 1204 TS, 1304 TS und 1300 GT war GLAS-Ingenieur Gerhard Bodmer. An den Wochenenden zog er aus, um seinem Arbeitgeber zu Ruhm und Ehre zu verhelfen.


Dingolfinger GLAS-Bläser - komplette erste Startreihe gehörte den GLAS 1304 TS am Preis der Stadt Berlin 1966
Copyright / Fotograf: Diverse Archive

Gerhard Bodmer weiss von Anfang an, worauf er sich einlässt. Das Auto, mit dem er Rennen gewinnen will oder soll, bekommt er gerade noch gestellt. Den Rest aber muss er auf seine eigene Kappe nehmen: Tuning und Rennvorbereitung nur nach Dienstschluss. Gagen, Prämien, Reisekosten oder ähnliche Scherze stehen überhaupt nicht zur Diskussion. An den Rennstrecken, hauptsächlich Flugplätze und Bergpisten, schlüpft der wackere „Werksfahrer“ Bodmer dann wechselweise in die Rolle des Piloten oder des Mechanikers – ganz nach Bedarf. Und natürlich chauffiert der strapazierfähige GLAS-Versuchsingenieur sein jeweiliges Wettbewerbsgerät auch noch persönlich per Achse von Dingolfing zum Nürburgring, nach Wunstorf oder Hockenheim, zum Schauinsland oder sonst wohin. Für personelle Verstärkung sorgt hin und wieder Arbeitskollege und Techniker Fritz Feldmann. Wenn wegen grosser Entfernung der Freitag in die Wochenendreise mit einbezogen werden muss oder die Rückkehr aus gleichem Grund erst im Laufe des Montags zu bewältigen ist, müssen Urlaubstage geopfert werden - egal, ob mit oder ohne Sieg im Handgepäck. So einfach ist das.


Dingolfinger GLAS-Bläser - Glas Isar T 600 am Nürburgring 1962
Copyright / Fotograf: Diverse Archive

Mit dem GLAS-Kleinwagen Isar T 600 beginnt die unglaubliche Erfolgsgeschichte. Ein putziges Wägelchen mit 600 ccm Hubraum, knapp 60 PS im Renntrimm, mehr Plastik als Blech. Damit tritt der frühere Moto-Cross-Champion Bodmer ab Anfang der 60er-Jahre in der heiss umkämpften Tourenwagenklasse bis 600 ccm an - gegen die bislang unschlagbare Meute der Steyr-Puch 650 TR und NSU Prinz. Oft genug treibt der rustikale Mann mit dem schütteren Haar die etablierte Konkurrenz an den Rand der Verzweiflung. 1962 dann die erste Sensation – Bodmer wird punktgleich mit dem Volvo 544-Piloten Josef Maassen „Deutscher Rundstreckenmeister für Tourenwagen“. Danach wird der T 600 ausrangiert und 1963 übergangsweise durch den um 30 PS stärkeren und wuchtigeren GLAS 1004 TS ersetzt.


Dingolfinger GLAS-Bläser - Glas 1304 TS auf Siegesfahrt am Schauinsland 1965
Copyright / Fotograf: Diverse Archive

Ein paar Monate später steht schon der 1204 TS mit immerhin 115 Renn-PS bereit. Jetzt bekommt es der um diese Zeit 31-jährige Bodmer in der TW-Klasse bis 1300 ccm mit den Dauersiegern von Alfa (Giulietta TI) und BMC (Mini Cooper S) zu tun. Nach und nach knackt er den Mini/Alfa-Riegel am Berg und auf der Rundstrecke. Gleichzeitig animieren seine Siege immer mehr Privatfahrer, sich einen 1204 TS zuzulegen. So dauert es nicht allzu lange und die 1,3 Liter-Klasse ist mehr oder weniger fest in der Hand wackerer GLAS-Bläser aus Deutschland, Belgien und Österreich. Das 24 h-Rennen in Spa markiert 1964 einen weiteren Höhepunkt in der GLAS-Renn-Historie: Mit den Plätzen 1, 2 und 4 in der TW-Klasse bis 1300 ccm gewinnen die 1204 TS-Teams Bodmer/Schmid, Isenbügel/Rathjen und Lambrechts/Mombaerts für das Dingolfinger Werk den begehrten „Coupe du Roi“. Die Trophäe, traditionell gestiftet vom belgischen Königshaus, geht an den Hersteller, der drei seiner baugleichen Autos innerhalb der Gesamt- oder Klassenwertung am weitesten vorn und am dichtesten beieinander ins Ziel bringt.


Dingolfinger GLAS-Bläser - Bodmer & Journalist Braun 1966
Copyright / Fotograf: Diverse Archive

Als Bodmer 1965 im weiter verbesserten 1304 TS erneut Kurs auf den Meistertitel nimmt, kann er sich bereits der Unterstützung einer beachtlichen Armada von flotten Privatfahrern sicher sein. Dicke Gasfüsse wie Karl-Heinz Becker, Helmut Kelleners, Karl Herd oder der Bruder des BBS-Felgenfabrikant Heinrich Baumgartner, Markus Baumgartner sorgen dafür, dass so manches Podium komplett mit GLAS-Piloten bevölkert ist. Am Saisonschluss 1965 heisst der Deutsche Tourenwagenmeister erneut Gerhard Bodmer, aber wie schon drei Jahre zuvor muss er sich den Titel abermals teilen - diesmal mit Manfred Schiek im Mercedes 300 SE. Dazu hätte es aber gar nicht kommen müssen, wären da nicht wichtige Punkte durch eine Nullrunde verloren gegangen. Als die Sportkommissare nach einem wieder mal gewonnenen Rennen das Innenleben des GLAS-Motors zu sehen wünschen, gibt es Ärger. Bodmer hatte nämlich die Anweisung, das Triebwerk nur im Werk in Dingolfing öffnen zu lassen. Darauf liessen sich die Kommissare nicht ein und verfügten kurzerhand einen Wertungsausschluss. „Das ärgert mich noch heute“, sagte mir Bodmer noch im Frühjahr 2002 anlässlich eines Besuchs bei ihm an seiner Tankstelle in Adenau. „Ich schwöre, mit dem Motor war damals alles in Ordnung, die Kommissare hätten ihn nur verplomben und sich ins Werk bemühen müssen.“


Dingolfinger GLAS-Bläser - Siegerehrung beim Rhein-Pokal-Rennen 1967 in Hockenheim
Copyright / Fotograf: Diverse Archive

Parallel zu den Tourenwagen-Starts gibt es ab 1964 weitere Werkseinsätze in der GT-Kategorie mit dem 120 PS starken und schicken GLAS 1300 Coupé. Natürlich sind auch hier erste Siege wieder der Allzweckwaffe Gerhard Bodmer vorbehalten. Der steigt oft genug als Doppelstarter am gleichen Platz aus dem einen Auto aus und ins andere ein. Und meist hat er am Ende auch zwei Siegerkränze im Handgepäck. Wobei natürlich auch die GT-Konkurrenz in der 1300er-Klasse vom Feinsten ist: Abarth-Simca, Lotus Elite oder Alfa Zagato mit Männern am Lenkrad, die beim Gas geben auch nicht gerade als zimperlich gelten. Rein optisch ist der GLAS 1300 GT mit seinem gefälligen Fliessheck für damalige Verhältnisse ein wirklich formschönes Auto. Dagegen sind der 1204 und später auch der 1304 TS mit ihrer kantigen Karosserie und dem ausladenden Heck keine Kandidaten für Schönheitspreise. Dafür kann man mit den rustikalen Tourenwagen aber auch vieles machen, was andere Autos nicht verzeihen würden. Ziemlich brutal ist allerdings das Untersteuern des Hecktrieblers. Vor allem Bodmer zeigt sich als wahrer Artist im Umgang mit dem schiebenden und rutschenden Renngerät.


Dingolfinger GLAS-Bläser - Südschleife des Nürburgrings 1967
Copyright / Fotograf: Diverse Archive

Dass ich die aufregende Zeit mit GLAS sogar über viele Jahre quasi als externes Mitglied der engagierten Dingolfinger Renn-Familie erleben darf, verdanke ich dem damaligen Pressechef Werner Zentzytzki. Der feine, elegante Herr, der später an die Spitze der BMW-Presseabteilung rückt, hat mir 1963 zu einem meiner ersten richtig fetten Aufträge als Jung-Journalist verholfen. Vierteljährlich durfte ich in den „GLAS-Nachrichten“ über die Sporterfolge der Herren Bodmer & Co. berichten. Dafür gab es immerhin eine jährliche Honorar-Pauschale von 2.000 DM (1.022 €), was für diese Zeit richtig viel Kohle war. Zentzytzki und Bodmer arrangieren auch, dass ich mich 1966 beim Schauinsland Bergrennen sogar selbst hinters Lenkrad des roten 1304 TS-Werksautos mit dem Kennzeichen DGF-V 316 klemmen darf. Als stolzer Gewinner der Tourenwagenklasse bis 1300 ccm gebe ich das Bodmer-Auto am nächsten Tag in Dingolfing wieder ohne Kratzer zurück.


Dingolfinger GLAS-Bläser - Glas 1300 GT beim GT-Rennen Hockenheim 1967
Copyright / Fotograf: Diverse Archive - Buch Hallo Fahrerlager Classic

Leider gerät die „HANS GLAS GmbH“ immer mehr in wirtschaftliche Schieflage. Das Ende wird 1967 mit der Übernahme durch BMW besiegelt. Die Fertigung neuer Autos geht Zug um Zug zurück und 1969 läuft der letzte GLAS vom Band. BMW baut ein völlig neues und erheblich grösseres Werk in Dingolfing. Der erste 5er-BMW verlässt 1973 die neue Montagehalle. Etwa um die gleiche Zeit verschwinden auch die letzten 1304 TS und 1300 GT von den Renn- und Rallye-Pisten. Bis dahin halten engagierte Privatfahrer mit Restbeständen die GLAS-Fahne noch ein paar Jahre lang hoch. Aber dann gibt es wirklich keinerlei Perspektiven mehr. Der gut dotierte GLAS-Sportpokal ist schon längst eingestellt, Ersatzteile und kompetente Ansprechpartner zu finden wird immer schwieriger. Heute gibt es einen regen historischen Markt für GLAS-Liebhaber. Gut erhaltene oder restaurierte Modelle werden zu stattlichen Preisen gehandelt. Überdies wird die Tradition der Dingolfinger Kultmarke gepflegt durch den „GLAS Automobilclub International e.V.“ mit fast 800 Mitgliedern, eigener Club-Zeitschrift und Fan-Treffen. Eine 90-seitige Broschüre informiert in Wort und Bild über die grosse GLAS-Ära im Rennsport.


Dingolfinger GLAS-Bläser - Glas-Inserat nach dem Gewinn der Deutschen Rundstrecken-Meisterschaft für Tourenwagen 1965
Copyright / Fotograf: Diverse Archive

Gerhard Bodmer, der während seiner knapp zehnjährigen Rennfahrerzeit stets der Dingolfinger Marke treu geblieben ist, beendet seine Karriere 1970 und wählt mit der Familie Adenau als neuen Wohnsitz. Am Fusse des Nürburgrings eröffnet er ein Autohaus inklusive Tankstelle. Wann immer es seine Zeit erlaubt und auf der Nordschleife ein Rennen läuft, schwingt er sich aufs Mountain-Bike, steuert auf Schleichwegen spezielle Mutpunkte der Strecke an und mischt sich unerkannt unters Publikum. „Da genügt ein Blick und du weisst, wer’s kann und wer’s nie lernt.“


Dingolfinger GLAS-Bläser - Mittagspause bei einem Bergrennen 1966
Copyright / Fotograf: Diverse Archive

Im August 2002 stirbt der berühmteste und erfolgreichste GLAS-Pilot im Alter von 70 Jahren, nachdem er den jahrelangen Kampf gegen den Krebs endgültig verloren hat. Heute leitet sein Sohn Andreas den Betrieb mit Tankstelle. Neben Service und Wartung für Mazda-Automobile haben sich Bodmer jun. und seine Fachkräfte auf die Restaurierung von Oldtimern der Marken GLAS und Alfa Romeo spezialisiert. An den Wänden von Büro und Werkstatt erinnern Fotos an die grosse Zeit des Herrn Papa und GLAS im Rennsport.


Dingolfinger GLAS-Bläser - Glas 1300 GT am Flugplatzrennen Wunstorf 1965
Copyright / Fotograf: Diverse Archive

AbspannbildDieser Beitrag stammt aus dem Titel „Hallo Fahrerlager Classic“, der als Band 4 in der „Hallo Fahrerlager“-Buchreihe von Rainer Braun erschienen ist. Bis Weihnachten läuft noch eine zeitlich eng begrenzte Sonderaktion – für nur 59,90 € erhalten Sie das Buch „Hallo Fahrerlager Classic“ (UVP 59,90 €) und den Titel „Hallo Fahrerlager 2“ (UVP 19,90 €) im Paket. Als besonderes Highlight sind beide Bücher vom Autor handsigniert. Das Sonder-Angebot endet am 24.12.2017. Weitere Infos dazu und Bestellungen gibt es auf der Website von "Hallo Fahrerlager" .

Weitere Beiträge von Rainer Braun sind im Themenkanal "Hallo Fahrerlager" zu finden.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von gu******
12.11.2019 (17:09)
Antworten
Danke für diesen tollen Bericht über die Glas Bläser.Auch ich für Ende der 60er einen 1304 TS.Zu der Zeit ein richtiger Racer.Danach bin ich auf Alfa umgestiegen da von Glas kaum noch Ersatzteile auf dem Markt waren.
Liebe Grüsse aus Tirol
Günther
von ka******
18.11.2017 (16:24)
Antworten
der Glas Glaterati war aber der V8 und nicht der 1300 Gt. Weil die Karosserie vom V8 gibt es auch als Maseratti. Nur mit Doppelscheinwerfer vorne. Wie der Maseratti
genau heißt weiß ich allerdings nicht.
Antwort von sw******
19.11.2017 (12:15)
Das war m.E. der Maserati Quattroporte I mit Frua Karosserie. Wie es der Name sagt, verfügte dieser aber, im Gegensatz zum 2-türigen Glas V8, über 4 Türen.
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