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Die erstaunlichen Handicap-Rennen in Lignières

Erstellt am 28. Juni 2013
, Leselänge 4min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Archiv Lignières Historique / TCS 
9

Im Jahr 1955 verbot die Schweiz Rundstreckenrennen offiziell, seither haben weder der Grosse Preis von Bern noch andere nahmhafte Rundkurs-Veranstaltungen von internationaler Bedeutung stattgefunden, denn im Gegensatz zu allen umliegenden Ländern, die nach dem schrecklichen Unfall von Le Mans den Rennsport bannten, aber schon bald wieder freigaben, blieben die Schweizer Behörden stur - bis heute.

Eine neue Rennstrecke im Jahr 1961

Trotzdem gelang es dem Visionär Robert Souaille im Jahr 1961 eine Genehmigung für eine Rundstrecke zu erhalten und ein Stück Land bei Lignières im Baurecht zu übernehmen.

“Am 22. Mai 1961, um 10:00 Uhr, erhielten wir die Bewilligung, um 11:00 fuhren die Baufahrzeuge auf und bereits fünf Wochen später konnte auf der Piste gefahren werden”, erzählt Hansmarkus Huber, der Souaille als Ingenieur zur Seite stand damals und den ersten Rundkurs konzipierte und plante.

Le-Mans-Start in Lignières, vom Renault Dauphine Gordini über den Simca 1000 Rallye bis zur Alpine A110
Copyright / Fotograf: Archiv Lignières Historique / TCS

Fahrsicherheit im Fokus

Nicht dem Rennsport, sondern der Fahrsicherheit galt das primäre Interesse von Souaille. Dafür legte er sein Institut für Psychodynamic aus. Der Name war Programm, denn Robert Souaille wollte auf die Psychologie des Autofahrers einwirken, um ihn zum besseren Piloten zu machen. Im Gegensatz zum Fussgänger oder Radfahrer verhalte sich die Physik für den Autofahrer nämlich gerade verkehrt herum, entsprechend falsch seien seine Reaktionen, meinte der Verkehrsicherheitsexperte.

Mit der “Méthode Souaille” lehrte der die Lignières-Bersucher eine eigene Fahrtechnik, die darauf zielte, das Kurvenfahren sicherer (und schneller) zu machen: Das Bremsen erfolgt dabei, solange der Wagen noch geradeaus fährt. Geichzeitig wird, wenn nötig, noch heruntergeschaltet. Beim Kurvenbeginn wird der Wagen sanft an die Mittellinie herangeführt. Das Lenken beginnt erst, wenn man nicht mehr bremst. Kurz nach der ersten Hälfte der Kurve fährt der Wagen hart am Innenrand. Die Lenkung kann nun geöffnet werden und man beginnt, progressiv zu beschleunigen. Der Wagen wird dadurch stabilisiert und folgt dem langsam zurückgedrehten Lenkeinschlag genau.

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Fahrsicherheit mit Spassfaktor

In Lignières wurde aber nicht an der Kurventechnik gefeilt, in sogenannten “Handicap-Rennen” wurde den Besuchern des Verkehrszentrums die Gelegenheit gegeben, rennmässig zu fahren. Um unterschiedlichen Fahrzeugen eine faire Chance zu geben, entwickelte Hansmarkus Huber eine Handicapformel, die über Jahre immer mehr verfeinert wurde und neben Gewicht, Leistungsgewicht, Radstand und Spurbreite auch die zu erwartenden Überholmanöver berücksichtigte.

Start zu einem Rennen in Lignières, die Markenvielfalt war auf jeden Fall gewährleistet
Copyright / Fotograf: Archiv Lignières Historique / TCS

Jeder Wagen erhielt so sein eigenes Handicap. Nur das Talent des Fahrers sollte über Sieg oder Niederlage entscheiden.

Im Rennen dann fuhr der gemäss der Formel langsamste Wagen zuerst los, gefolgt von den schnelleren. Da konnte es auch durchaus vorkommen, dass ein Ferrari 250 GT SWB zweieinhalb Runden nach dem zuerst gestarteten Citroën 2 CV startete.

“Aber beim Zieleinlauf, da hatte der Ferrari den Deux-Chevaux knapp eingeholt, wie es die Formel voraussagte”, erinnert sich Huber schmunzelnd.

Es gab natürlich immer wieder Fahrer, die an der Formel zweifelten und behaupteten, die errechneten Zeiten seien nicht fahrbar. “Dann haben wir jeweils den Wagenbesitzer geben, auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen und fuhren dann selber eine flotte Runde, die üblicherweise mit minimalem Abstand zur Sollzeit gezeitet wurde”, bemerkt Huber grinsend.

Spannend für Teilnehmer und Zuschauer

Man kann sich vorstellen, dass diese Handicap-Rennen eine spassige Angelegenheit waren, denn nicht nur gab es viele Überholmanöver, es war natürlich auch spannend mitzuverfolgen, ob der Ferrari nun den Citroën noch einholen würde.

Handicap-Rennen in Lignières, ohne Helm und ohne Gurt, dafür mit viel fahrerischem Einsatz
Copyright / Fotograf: Archiv Lignières Historique / TCS

Ganze Veranstaltungen wurden dann nach dem Cup-System organisiert, die besten kamen eine Runde weiter und am Schluss kämpften die Schnellsten gegeneinander.

Erst die Mini Cooper stellten übrigens die Handicap-Formel in Frage, während offensichtlich Reifen und Fahrwerksgeometrie-Unterschiede auf der (kurzen) Piste von Lignières zumindest zu Beginn vernachlässigbar waren.

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Rennsport aller Kategorien

In Lignières wurde aber auch “echter” Rennsport geboten. Mehrfach starteten Formel-Rennwagen, auch Jo Siffert brachte seinen Renner in den Kanton Neuenburg.

Jo Siffert war mit seinem Monoposto ein gerne gesehener Gast in Lignières
Copyright / Fotograf: Archiv Lignières Historique / TCS

Im Jahr 1964 wurden auf der inzwischen auf 1,6 km verlängerten Rundstrecke anlässlich des dritten Geburtstags Jubiläumswettbewerbe durchgeführt, bei denen u.a. mit Le Mans Start losgefahren wurde.

Und auch Fahrzeughersteller nutzten die praktische Piste am Bielersee, etwa für Fahrzeugvorstellungen oder andere Presseanlässe.

Legendär sind auch die 100-Runden-Rennen, die in den Achtziger- und Neunzigerjahren durchgeführt wurden.

Wiederum der Verkehrssicherheit dienend

Vor wenigen Jahren hat der Touring Club der Schweiz (TCS) Lignières übernommen und den Rundkurs wieder so instandgesetzt, wie er 1964 ergänzt wurde. Auch die Gebäulichkeiten wurden renoviert, so dass der einzige permanente Rundkurs nun auch wieder für grössere Veranstaltungen genutzt werden kann.

Mit der Lignières Historique soll eine neue Traditionsveranstaltung etabliert werden und man darf gespannt sein, wie gross das Publikumsinteresse am 5. bis 7. Juli 2013 sein wird.

Weitere Informationen

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von ho******
19.01.2016 (10:54)
Antworten
Ab Mitte der 60er Jahre war ich in jedem Jahr für ein oder zwei Wochen im benachbarten Prèles und habe dort Urlaub bei Freunden gemacht. Als ich das erste Mal an der Rennstrecke war (damals konnte man sich noch Formel V mieten) fuhr ich die ersten Runden mit meinem BMW 1800ti um dann in einen Monoposto zu wechseln.

Es war alles sehr locker damals. Einer der Lignières-Leute hatte sich zuvor neben mich in den BMW gesetzt und zeigte mir die Ideallinie. Besonders das richtige Durchfahren einer Haarnadel war für mich, der aus Deutschlands hohem Norden kam, sehr hilfreich. Zwei Wochen nach dem ersten Lignières-Erlebnis fuhr ich in Deutschland mit meinem BMW ein Flugplatzrennen. Den Helm hatte ich mir zuvor bei Charles Vögele in Biel gekauft. Der hatte zu der Zeit noch ein Geschäft für Rennzubehör.

Schöne Zeiten waren das. "Kilimandscharo" klang aus vielen Musikboxen und man freute sich über das Leben.

holboh
von ag******
29.06.2013 (12:41)
Antworten
Guten Tag

Anbei meine persönliche Erfahrung mit Lignières:

Zwecks Erlernung der französischen Sprache verbrachte ich im Jahre 1969 als 13-jähriger
Sekundarschüler einen Sommer in Lignières als, Arbeitskraft auf einem Bauernhof.

Abends nach getaner Arbeit hörte ich hie und da faszinierende Motorengeräusche die mein Puls in die Höhe trieben.
Eines Tages fasste ich den Mut und entlehnte beim Nachbar ein Fahrrad um diesem Geräusch auf den Grund zu gehen.

Ich traute meinen Augen nicht als ich da unten in Schwimmbadnähe eine Rennstrecke entdeckte,
wovon ich als grosser Autorennsportanhänger bis dahin noch nie etwas gehört hatte.

Von diesem Moment an war die Arbeit auf dem Bauernhof nur noch Nebensache.
Die Wochenenden waren für die Rennstrecke reserviert.
Ich fand einen Nebenjob als Streckenreiniger, jeweils mit Besen die Kurven wieder zu säubern.
Einmal wollte es der Zufall, dass sogar Jo Siffert anwesend war.

Diese begeisternden Erfahrungen haben mein späteres Autoleben bis heute geprägt.

Dino 246
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