Die Eroberung des Col de Turini - die Mini-Monte für Schreibtischtäter

Erstellt im Jahr 2007
, Leselänge 6min
Text:
Rainer Braun
Fotos:
Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun 
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Dieser Bericht stammt aus dem 1. Band der beliebten Buchreihe “Hallo Fahrerlager“ von Rainer Braun aus dem Jahr 2007.

Der AC Monaco pflegt bis Mitte der 70er Jahre eine wunderbare Tradition. Für jene Journalisten, die früh genug zur Formel 1 anreisen und sich selbst gerne hinters Lenkrad eines Rallyeautos klemmen, gibt es in den Tagen vor dem Grand Prix die „Trophée des Journalistes Sportifs“. Mitmachen dürfen alle, die ihre Nennung rechtzeitig abgeben, im Besitz einer bestätigten Grand Prix-Akkreditierung, einer internationalen Lizenz und eines Autos im Rallye-Trimm samt Beifahrer sind.


Prost Freunde - RTL-Männer Knupp (rechts) und Pützenbacher (links) mit Journalisten-Monte-Organisator Bertelotti beim Gala-Emfang in Monaco
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun

Als Trophäe ein Fiat 500

Auf der Originalstrecke der Rallye Monte Carlo gilt es einige Sonderprüfungen und Verbindungsetappen durchaus zügig zu absolvieren. Turini, Madonne und La Roquette sind dabei, dazu eine kurze Sprintprüfung am exklusiven Golfplatz „Mont Angel“ oberhalb von La Turbie. Start dienstags gegen Abend, Ziel um Mitternacht. Mittwochs wird die Preisverleihung mit einem großen Gala-Diner im Sporting Club zelebriert. Für den Gesamtsieger gibt es sogar mal einen Fiat 500 zu gewinnen.

Auf Einladung von Organisator George Bertelotti versammelt sich also mit schöner Regelmäßigkeit eine Journalisten-Horde in Divisionsstärke, um ein bisschen Rallyefahrer zu spielen. Manfred Jantke und Gert Hack (‚auto motor und sport’) versuchen ihr Glück genauso wie Willy Knupp und Jochen Pützenbacher (RTL-Radio) oder ZDF-Nachrichtenmann Jochen Breiter.


Autor Rainer Braun mit Beifahrer Dörfler 1969 im Opel Commodore-Dickschiff bei der Turini-Erstürmung an der Journalisten-Monte
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun

Die deutsche Abordnung muss mit lokalen Größen wie Radio Monte-Carlo-Moderator Stephane Collaro, Formel 1-Starfotograf Bernard Cahier oder Autosprint-Redakteur Massagrande um Siege und Plätze ringen.

Dass dabei auch Profi-Copiloten vom Kaliber eines Jean Todt diskussionslos als Reporter durchgehen, stört eigentlich niemand. Auch materialmäßig wird schweres Geschütz aufgefahren: BMW 2002 aus dem Münchner Rallye-Fuhrpark, Alfa GTA von Auto Delta, Opel Ascona von Irmscher oder Renault Alpine 1300 aus Dieppe werden stolz bei der technischen Abnahme präsentiert. Die wird großzügig gehandhabt, Hauptsache Zulassungspapiere, Homologationsblatt, Lizenz und Führerschein sind da.

Prominente Service-Mannschaft mit Mass und Stommelen

Natürlich habe auch ich mir dieses Spektakel nicht entgehen lassen und bin insgesamt sieben Mal angetreten. Mal mit einem Opel Commodore GS, mal mit einem BMW 2002, einem Opel Ascona oder einem NSU TTS. Und natürlich auch mit versierten Co-Piloten aus der Rallye-DM wie Jens Löwenhardt, Jochen Dörfler, Oda Denker-Andersson oder Horst Rack. Trotzdem hab’ ich den Gesamtsieg leider immer irgendwie verpasst: Einmal Zweiter, zweimal Dritter, zweimal Vierter, einmal Fünfter – und einmal Totalschaden.

1972 beispielsweise bin ich fest davon überzeugt, ein unschlagbares Paket zu haben: Ein bestialisch gehender Werks-BMW mit 250 PS, dazu meine sowieso vor Ort weilenden Kölner Kumpels Jochen Mass und Rolf Stommelen als mobile Servicetruppe.


Alpenglühn - BMW 2002-Team Braun-Löwenhardt 1972 bei der Journalisten-Monte am Col de Turini
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun

Zumindest verfehlt der eindrucksvolle Aufzug seine psychologische Wirkung auf die wichtigsten Konkurrenten nicht. So schleichen Lokalheld Collaro und sein Co Jean Todt, die in Mailand einen Werks-Alfa GTA losgeeist haben, forschend um den BMW. Todt empört sich gleich mal darüber, dass wir lockere Sprüche über seinen Alfa vom Stapel lassen. „Wir geben die Antwort am Turini“, lässt der kleine Franzose in perfektem deutsch vernehmen.

Für mich läuft alles perfekt. Zwar gibt es nach den Sonderprüfungen keine Zwischenstände, aber ich bin mir meiner Führung absolut sicher. Zumal Kollege Collaro als ärgster Gegner seinen Alfa zum Entsetzen seines Beisitzers Todt schon früh an ein Mäuerchen klatscht und wegen arg verschobener Radgeometrie nur noch mit stumpfer Waffe kämpft.

Der große Schock kommt dann kurz nach Mitternacht. Im Ziel werden die Ergebnisse ausgehängt, ich traue meinen Augen nicht: 35 Sekunden fehlen zum Gesamtsieg, den sich das Team Delserre/Massard aus der Sportredaktion des „Nice Martin“ in einem eher unauffälligen Triumph PI 2500 holt.

Nach der verlorenen Schlacht liefert Freund Mass weit nach Mitternacht an der Bar des Hotel Hermitage das Highlight der Nacht: Mit Unschuldsmiene gibt er zu Protokoll, er habe eben diesen Triumph mit den beiden Franzosen auf einer Verbindungsetappe mit leerem Tank angetroffen und mit Benzin ausgeholfen. Mit unserem Benzin. „Ich dachte doch“, schiebt er schuldbewusst nach, „ihr liegt haushoch in Führung.“ Das dachte ich auch.

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Fittipaldi als Coach

Ein Jahr später, ich bin mit einem Irmscher-Ascona und Profi-Beifahrerdame Oda Denker-Andersson angereist, steht uns mit Emerson Fittipaldi sogar ein leibhaftiger Formel 1-Weltmeister als Coach zur Seite. Manager Domingos Piedade, wie ich damals in Köln zu Hause, hat uns seinen Schützling als moralische Aufrüstung zur Seite gestellt.


F1-Weltmeister Emeron Fittipaldi kümmert sich 1973 persönlich um das Opel-Team der Journalisten-Monte - von links nach rechts AZ-Chefredakteur Reinke, Co-Pilotin Andersson, Braun, F1-Weltmeister Fitiipladi, F3-Pilot Mazet
Copyright / Fotograf: Hallo Fahrerlager / Archiv Rainer Braun

Geduldig marschiert der Lotus-GP-Pilot mit zur Technischen Abnahme, klebt eigenhändig Startnummern und Sponsoren-Sticker und lässt die Konkurrenz mit Blick auf den Ascona beiläufig wissen: „There is no way to beat this car, believe me, guys.“ Und am Ziel der ersten Sonderprüfung oberhalb von Monaco steht „Fitti“ sogar mit Eistee und guten Ratschlägen für die Nachtetappen parat. Trotz Promi-Service und Top-Auto reicht’s wieder nicht zum Sieg – wir werden nur Vierte. Als ich ihn am nächsten Tag über das Ergebnis unserer nächtlichen Umtriebe informiere, stellt er mitleidslos fest: „Well done, but not good enough.“

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht mehr zu sorgen: Domingos beschimpft mich als Pfeife, die Ford-Freunde Mass, Stommelen und Kranefuß empfehlen einen Fahrerlehrgang. Und Opels Rallye-Statthalter Günther Irmscher kommentiert meinen telefonischen Frontbericht mit den Worten. „Da ist dir nicht mehr zu helfen, du hattest unser stärkstes Auto. Damit fährt sonst der Röhrl.“

„Die Kurve geht voll“

Nach der Schmach mit dem Röhrl-Auto hab’ ich’s zur Abwechslung mal mit einem NSU TT aus dem Fuhrpark von Peter Viererbl in Neckarsulm versucht. NSU-Tuner Sigi Spiess versichert mir im Vorfeld, dass „die Kiste geht wie die Hölle“. Auf dem heißen Sitz neben mir nimmt Horst Rack Platz, der sonst mit einem Porsche in der Rallye-DM unterwegs ist. Sofort stellt er klar: „Wenn ich sage, die Kurve geht voll, dann bleibt das Gaspedal gefälligst unten.“

Das Teil aus Neckarsulm marschiert infernalisch, aber nur bis zu jener etwa 30 cm hohen Begrenzungsmauer, die einen superschnellen Linksknick vom exklusiven Golfplatz ‚Mont Angel’ trennt. Der Schlag ist gewaltig, der Schaden an Auto und Golfareal auch. Nach einem Riesensatz bis in die Nähe von Loch 17 bleibt ein Trümmerhaufen zurück. Rack ist erschüttert, die NSU-Heeresleitung ebenfalls. Der TT ist so platt, dass sich ein Rücktransport nicht mehr lohnt. Ein monegassischer NSU-Händler führt das einstmals prachtvolle Stück auf Geheiß aus Neckarsulm der Verschrottung zu.

Leider ergibt sich keine weitere Chance mehr zur Rehabilitierung. Das Kapitel der „Trophée des Journalistes Sportifs“ wird für immer geschlossen, nachdem George Bertelotti, Initiator, Organisator und Herzstück dieser wunderbaren Veranstaltung, aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zur Verfügung steht. Der rührige AC Monaco-Mann gehört zu den Schwerverletzten des GP von Spanien, die von herumfliegenden Teilen des verunglückten Stommelen-Lola getroffen werden. Von den gesundheitlichen Folgen dieser Katastrophe, die im April 1975 drei Tote fordert, hat sich Bertelotti zeitlebens nicht mehr erholt.

Diese Geschichte stammt aus Band 1 (2007) der dreiteiligen Buchreihe "Hallo Fahrerlager" von Rainer Braun. Derzeit sind noch Restbestände der Bände 1, 2 und 3 als Paket im Schuber verfügbar, solange der Vorrat reicht. Aktuell ist die Sonderedition „Hallo Fahrerlager Classic“ im Großformat mit 300 Seiten und vielen neuen Episoden im Handel. Weitere Infos dazu und Bestellungen auf der Website von “Hallo Fahrerlager” oder dem Racing-Webshop .

Weitere Beiträge von Rainer Braun sind im Themenkanal "Hallo Fahrerlager" zu finden.

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