Für einmal ist hoffentlich ein Frontenwechsel von vier auf zwei und drei Räder gestattet. Denn die bis zum heutigen Tage auf der Isle of Man stattfindende “Tourist Trophy” ist derartig abgefahren, dass sie auch auf "Zwischengas" ihre Berechtigung hat. Dazu kommt, dass die TT eine fast unendlich lange Geschichte aufweisen kann, wurde sie doch am 28. Mai 1907 erstmals durchgeführt und feierte damit im Jahr 2017 das 110-Jahre-Jubiläum.
Trotzreaktion
Das Rennen entstand damals als Trotzreaktion über das Verbot von Strassenrennen auf der britischen Insel. Als unabhängige Insel, die nicht zum vereinigten Königreich zählte, sondern als autonomer Kronbesitz eine Sonderstellung hatte, konnte sich die Isle of Man diesem Verbot entziehen.
Die Teilnahme-Vorschriften zum ersten Rennen 1907 waren sehr einfach: Keine Begrenzung von Hubraum und Gewicht, einzig der Benzinverbrauch auf 100 km wurde mit 3,1 Liter für Einzylinder- und 3,8 Liter für Zweizylindermaschinen reglementiert. Gefordert war auch ein Werkzeugsatz sowie Pedale, um den Motor zu unterstützen. 1908 wurden diese aber schon wieder verboten. 25 Fahrer starteten zum ersten Rennen. Der heutige 60 km lange "Snaefall Mountain Course" kam dann 1911 zum ersten Mal zum Einsatz.
Immer schneller
1931 lag die Durchschnittsgeschwindigkeit erstmals über 80 Meilen (129 km/h). Im Jahr 2017 fuhr Michael Dunlop einen Schnitt von 132,903 mph (213,8866km/h). Er verfehlte damit seinen Rundenrekord aus dem Jahre 2016, als er die 60 km in 16:53.959 min mit einem Schnitt von 133,962 mph (216 km/h) umrundete. Und das auf gewöhnlichen Landstrassen!
Zum Vergleich: Am 28. Mai 1983 stampfte der unvergessene Stefan Bellof im Abschlusstraining mit dem Porsche 956 eine Zeit von 6:11,13 Minuten in den Asphalt der Nordschleife. Das war die schnellste je gefahrene Runde in der grünen Hölle und nie wieder bezwang ein Fahrer die 20,832 km lange Strecke mit einem Schnitt von über 200 km/h.
Diese Zahlen sind vergleichbar, allerdings ist der Landstrassenkurs auf der Isle of Man eindeutig gefährlicher als die Nordschleife.
Dies hielt sogar arrivierte Rennfahrer vor einer Teilnahme ab. 1972 boykottierte Giacomo Agostini nach dem tödlichen Unfall des in der 125ccm Klasse führenden Gilberto Parlotti das Rennen. Diesem Boykott schlossen sich die damaligen Spitzenfahrer Phil Read, Barry Sheene und Rodney Gould an. Daraufhin nahm die FIM die TT Ende 1976 aus der Wertung zur Strassen-Weltmeisterschaft.
Anachronismus
Heute gilt dieses Rennen als das älteste, gefährlichste und auch umstrittenste Motorradrennen der Welt. Es ist mit Sicherheit der letzte Anlass der gesamten Motorsportszene, der trotz immer schnellerer Motorräder immer noch auf exakt derselben 60 km langen Strecke stattfindet wie vor fast 100 Jahren.
Es ist ein Ritt auf der Kanonenkugel und der Tod lauert dabei auf jedem Zentimeter. Sechs Runden dauert das Hauptrennen. Das ergibt eine Distanz von 360 km, die in einer Zeit von weniger als zwei Stunden abgespult werden. Absolute Konzentration ist für das Überleben unabdingbar und immer wieder wird auf weit über 300km/h durch Häuserschluchten und Baumalleen beschleunigt. Siegfried Schauzu, der erfolgreichste deutsche Teilnehmer und mehrfacher Seitenwagen-Sieger meint dazu: "Die Ideallinie um 10 cm zu verfehlen, kann den Weg ins Jenseits bedeuten." Es ist kaum möglich, sich jede Kurve und jeden Bremspunkt zu merken.
Im Jahr 2017 gab es drei Tote in nur 20 Stunden und als Fan bekam man davon kaum etwas mit. Kaum eine Meldung, weder auf der offiziellen Webseite noch in den Tageszeitungen berichteten vom Heldentod der Biker. Es wirkt alles unwirklich und abgestumpft.
Wie kann so ein Rennen noch immer durchgeführt werden? 2017 gab es wiederum einen absoluten Einschreiberekord bei sämtlichen Kategorien, was die Organisatoren natürlich bestärkt weiterzumachen: "Wenn keiner mehr fahren will, dann wird es auch keine TT mehr geben, doch solange wir Teilnehmer haben machen wir genauso weiter!"
Vergleichbar ist dieses Rennen vermutlich heute nur mit dem Extrem-Bergsteigen. Der Traum eines jeden Bergsteigers ist das Erklimmen im Minimum einer der vierzehn Achttausender dieser Erde, natürlich möglichst ohne Sauerstoff. Genauso möchten viele der extremen Motorradfahrer einmal die TT gewinnen, oder zumindest daran teilgenommen haben.
Beim Mount Everest beträgt die Distanz vom Basislager zum Gipfel 3850 Meter. Beim "Sneafell Mountain Course" beträgt die Streckenlänge 37,733 Meilen oder 60,725 Kilometer. 216 Bergsteiger beendeten ihr Leben, seit der Erstbesteigung 1953, am Mount Everest. 255 Tote verzeichnet die TT seit 1907. In diesem Jahr liessen mit Davey Lambert, Jochem van den Hoek und Alan Bonner, drei Rennfahrer ihre Koffer im Hotelzimmer stehen. Davey Lambert`s Angehörige teilten daraufhin mit: "Er verliess die Welt genauso wie er es gewollt hätte - indem er tat, was er liebte."
Der Österreicher Horst Saiger brachte es auf den Punkt: "Jeder, der einmal hier gefahren ist in seinem Leben, für den ist alles andere, auch jedes sonstige Rennen nur Spielerei."
Und Valentino Rossi meint: "Ich fuhr eine Runde auf der Isle of Man und ich erkannte sofort wieso die Leute das so lieben, weil es «fucking einzigartig» ist. Es ist unglaublich, fantastisch. Aber auch viel zu gefährlich. Manchmal sind die Motorradfahrer schon etwas verrückt."
Würde die Targa Florio heute noch stattfinden wie in den Siebzigerjahren, dann hätte man im Automobilrennsport etwas Vergleichbares zu bieten. Aber man stelle sich das einmal vor, wie die Porsche 919 Hybrid, Toyota TS050 oder auch nur die Ferrari- oder Aston Martin-GT-Rennwagen auf der schmalen sizilianischen Rennstrecke mit Geschwindigkeiten über 300 km/h entlangrasen würde, mit minimalsten Schutzvorkehrungen … Undenkbar!
Aus der Zuschauerperspektive
Der geneigte Zuschauer beginnt sich natürlich selber zu fragen, was denn den eigentlichen Reiz dieses Rennens ausmacht. Es ist das allerletzte ungeschminkte Rennen der Welt und hat Ähnlichkeiten mit den Wagenrennen im alten Rom. Nur der Sieger überlebte am Ende. Ganz so schlimm ist es auf der Isle of Man dann doch nicht, aber man beginnt doch der "Brain-Box" Glauben zu schenken. Die "Brain-Box" ist die kleine eisgekühlte Holzkiste, worin jeder Fahrer kurz vor dem Start sein Hirn deponiert. Denn nach dem Start muss der Tunnelblick alles was sich rechts und links neben der Strecke befindet, sofort ausblenden können.
Saiger: "Im ersten Moment, wenn du mit 300 km/h da runterbretterst, ist das unnatürlich. Irgendwie ist das gegen deinen eigenen Überlebensinstinkt. Aber dann kommt der andere Instinkt: Ich will schneller sein. Und dann … Natürlich bekämpfen sich der Überlebensinstinkt und der Siegeswille immer ein bisschen. Aber man muss aufpassen, denn wenn man dieser Strecke etwas aufzwingen will, dann schlägt sie zurück. Unweigerlich und unerbittlich!"
Im Ausnahmezustand
Für zwei Wochen ist die kleine Insel zwischen England und Irland im absoluten Ausnahmezustand. Nicht einmal die Haustiere dürfen in dieser Zeit die Häuser verlassen. “Schnurrli" und “Bello” müssen drinnen bleiben, zu gefährlich wäre das Überqueren der Strasse. Es würde für den Vierbeiner, aber auch für den Motorradfahrer tödlich enden.
Zwei volle Wochen dauert das Spektakel mit den Trainings und den Qualifikationen, sowie den Renntagen zum Schluss.
Nicht nur Einheimische vorne
Bei den Seitenwagen gab es sogar einen "kleinen" Schweizer-Doppelsieg. Die Paarungen Ben und Tom Birchall sowie die Zweitplatzierten John Holden und Lee Cain fuhren je mit einer Konstruktion von Louis Christen, einer LCR-Honda.
Richtige Schweizer Siege gab zum letzten Mal 1963, als Florian Camathias mit Alfred Herzig auf BMW das Seitenwagen-Rennen gewann und 1966, als Fritz Scheidegger mit dem Briten John Robinson ebenfalls auf BMW siegen konnten. Klaus Klaffenböck war mit drei Siegen der beste Österreicher und bei den Deutschen war der erfolgreichste Pilot Siegfried Schauzu, der die Gespannklasse insgesamt acht Mal und immer auf BMW gewinnen konnte. Aber auch Schorch Meier und Helmut Dähne drückten der TT ihren Stempel auf.
Bei der Senior TT, dem Hauptrennen der Veranstaltung, holte sich Michael Dunlop seinen 15. Sieg auf einer Suzuki GSX-R 1000 und liegt damit nun vor Mike Hailwood (14 Siege). Damit liegt er allerdings noch weit hinter den 26 Siegen, die Joey Dunlop feiern durfte.
Den zweiten Platz der Senior TT holte sich Peter Hickman auf einer BMW und Dritter wurde Dean Harrison mit der Kawasaki.
Das Rennen musste in der zweiten von sechs Runden abgebrochen werden, da Ian Hutchinson, der auf BMW bereits das Superbike- und das Superstock-Rennen gewinnen konnte, an vorderster Front liegend stürzte und sich einen Oberschenkelbruch zuzog.
Nach gut eineinhalb Stunden wurde für die verbleibenden 4 Runden neu gestartet. Ein Glück für den Österreicher Horst Saiger, der in der ersten Runde im "Gooseneck" stürzte und dabei seine Maschine leicht beschädigte. Er konnte zur Box zurückfahren, wo in der Zeit des Unterbruchs die Maschine repariert wurde und er beim Neustart wieder dabei war und das Rennen mit einem guten 18. Platz beenden konnte.
Sicherheit zweitrangig
Man kann als Zuschauer kaum verstehen, dass dieser Anlass so lange überlebt hat. Überall sonst wird nur noch von Sicherheit gepredigt, Feindberührungen werden im Automobilsport sofort bestraft und die Zuschauer weit vom Spektakel getrennt.
Dann kommt man auf diese Insel und alles ist wie damals. Man sitzt als Zuseher praktisch auf den Bordsteinen, Bäume zieren den Streckenrand, die weisse Farbe der Verkehrsführung klebt auf dem Asphalt, Zweikämpfe bei 300 km/h werden über weite Strecken und Schulter an Schulter ausgetragen. Die Motorräder fliegen meterweise durch die Luft, was die Autos, ausser auf der Nordschleife, schon lange nicht mehr dürfen. Und kein Mensch spricht von Sicherheit, selbst wenn es Unfälle gibt. Vermutlich sind beide Extreme total übertrieben und man müsste irgendwie wieder in die goldene Mitte zurückfinden.
Horst Saiger: Ich würde nie jemandem sagen, er solle hier nicht fahren. Aber ich kann jedem sagen: Wenn er hier nicht gefahren ist, dann hat er das Beste versäumt, was man mit dem Motorrad im Rennsport machen kann."
Das gilt auch für jeden motorsportbegeisterten Zuschauer: Man muss dies einfach einmal mit eigenen Augen gesehen haben!
Einen Eindruck verschafft das Video “Mythos TT” des NDR von der TT 2016 .






































































































































































































































































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