Volvo P 1800 - das Dienstfahrzeug für Roger Moore, den Heiligen

Erstellt am 25. April 2011
, Leselänge 7min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Daniel Reinhard 
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Volvo Car Group 
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Bruno von Rotz 
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Volvo Car Corporation 
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Volvo Car Germany 
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Volvo Car Group / Werk 
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Simon Templar war der Held einer beliebten Fernsehserie der Sechzigerjahre. Der oftmals unkonventionell agierende Serien-Detektiv, der wegen seiner Initialen “S.T.” auch “the Saint”, also der Heilige, genannt wurde und der englischen Version der Serie damit den Namen gab, wurde vom Schauspieler Roger Moore verkörpert und als Einsatzfahrzeug wählten die Fernsehmacher den Volvo P 1800.


Roger Moore als Simon Templar in der Fernsehserie Simon Templar/The Saint mit dem Volvo P1800 S
Copyright / Fotograf: Volvo Car Corporation

Fünf Fahrzeuge lieferte Volvo und verschaffte dem kompakten Sportwagen Publizität weit über Schweden und England hinaus. Roger Moore war so begeistert vom Volvo, dass er ihn auch privat nutzte. Und für Volvo war der Auftritt in der Fernsehserie günstige Werbung.

Konzipiert in Schweden, gebaut in England

Die Geschichte des Volvo P 1800 beginnt bereits 1956, als Helmer Petterson dem Volvo-Boss Gunnar Engellau vorschlug, einenvernünftigenSportwagen zu bauen. Bereits ein Jahr später lagen mehrere Entwürfe vor und ein Vorschlag von Frua machte das Rennen.


Volvo P1800 Prototyp (1960)
Copyright / Fotograf: Volvo Car Germany

Nun hatte Volvo aber keine Kapazitäten frei, um den Wagen selber zu fertigen und es musste daher zuerst ein Karosseriebetrieb - Pressed Steel Co. - und ein Montagebetrieb - Jensen - gefunden werden, notabene in England. Wegen Streiks verzögerte sich der Serienstart weiter, so dass zwar bereits 1959/1960 Prototypen präsentiert werden konnten, das Auto aber erst 1961/1962 an die Kunden ausgeliefert wurde.

Designanleihen in Italien

Gezeichnet wurde der Volvo P 1800 von Per Petterson, der in Diensten von Pietro Frua arbeitete. Design-Elemente von Ferrari klangen an der Front an, das Heck war eigenständig. Insgesamt wirkte die ganze Karosserie etwas verspielt. Auf Fotos wirkt der Wagen oftmals nicht so attraktiv wie in Wirklichkeit, was Manfred Jantke 1962 in Auto Motor und Sport das Auto als “nicht fotogen” beschreiben liess. Dies hatte seine Ursache aber nicht darin, dass Fotograf Julius Weitmann bei den Aufnahmen beinahe von einem wegfliegenden Raddeckel getroffen worden wäre.

Auf Praktikabilität und Sicherheit getrimmt

Als 2+2-Sitzer mit grossem Kofferraum war der Volvo P 1800 auf den gut situierten sportlichen Fahrer ausgerichtet, der auch mal eine Golftasche transportieren musste.


Volvo P 1800 S (1961) - grosser Kofferraum für einen Sportwagen
Archiv Automobil Revue

Bequeme Sitze und eine vollständige Ausstattung machten lange Reisen angenehm. Mit einem Wendekreis von 8.75/9.25 Metern war das Auto trotz beträchtlichen Aussendimensionen handlich zu fahren. Dreipunkt-Sicherheitsgurten gehörten zum hohen Standard.

Nicht ganz “bullet proof”

Schnell zeigte sich, dass der Volvo P 1800 nicht ganz die Qualitätsmerkmale seiner Brüder aus dem Volvo-Stall erreichte. Der Testwagen der Automobil-Revue - der 1962/1963 durchgeführte Langstreckentest wurde allerdings aus verschiedenen Gründen nie publiziert - zickte auf jeden Fall mit versagenden Schlössern, geräuschvoller Hinterachse, nicht staubsicherem Kofferraum und Wassereinfall. Die Testfahrer notierten, dass Volvo-Equipen durch das Land reisten, um die verkauften Volvo P 1800 abzudichten.


Volvo P 1800 S (1962) - Normalausführung mit Stahlrädern und Radkappen
Archiv Automobil Revue

Volvo reagierte auf die Probleme durch Verstärkung der Qualitätssicherung und 1963 mit der Übernahme der Produktion in die neue Fabrik in Torslanda in Schweden.

DIe Karosserien wurden allerdings weiterhin in England gefertigt und erreichten nicht den üblichen Volvo-Standard. Restauratoren haben denn auch damit zu kämpfen, dass kaum eine Ersatz-Türe auf Anhieb passt.

Eher zum Reisen als zum Rennen

Obschon als Sportwagen geplant, lässt sich der P 1800 eher dem Genre “Gran Turismo” zuordnen. Für den sportlichen Einsatz war die Federung zu weich, das Auto zu schwer und es fehlte an Leistung. Mit den von der Automobil Revue gemessenen 15.6 Sekunden für den Sprint von 0 bis 100 km/h jedenfalls konnte man sich von der meist deutlich günstigeren Konkurrenz nicht absetzen und auch die Höchstgeschwindigkeit von 166 km/h reichte am Stammtisch nicht für beeindruckte Blicke.

Immerhin überzeugte die Bremsleistung. Mit 30,8 m zum Erreichen des Stillstandes aus 80 km/h setzte sich der AR-Volvo P 1800 wohltuend von Konkurrenten wie Alfa Romeo Giulietta Sprint oder Mercedes-Benz 190 SL ab.


Volvo P 1800 S (1961) - im Fahrbetrieb
Archiv Automobil Revue

Die Zeitschrift Auto Motor und Sport liess den Volvo P 1800 S im Jahre 1963 gegen Alfa Romeo Giulia Sprint, Porsche S90 und MG B antreten. Der Volvo war dabei mit 1135 kg das schwerste Auto und preislich nur wenig günstiger als der teure Porsche, während der Alfa und besonders der MG deutlich weniger kosteten. Insgesamt hielt der Volvo aber ganz wacker mit, gewann die Fahrkomfort-Wertung und errang bei den Fahreigenschaften den zweiten Platz. Nur bezüglich Handlichkeit und Wendigkeit konnte der schwere Schwede nicht überzeugen. Im Verbrauch bewegten sich die Fahrzeuge auf ähnlichem Niveau, beim Volvo wurden pro 100 km 12,2 Liter Treibstoff nachgefüllt. Im Test der Automobil Revue hatte sich der leistungsmässig damals noch 6 PS schwächere Volvo nur 10,9 Liter genehmigt.

Der geheimnisumwobene DP 208

Im Jahre 1963 wurde ein Volvo P1800 mit einem Vierzylinder-Versuchsmotor von Aston-Martin ausgerüstet. Dieser Aluminium-Motor wies einen Hubraum von 2’499 cm3 auf und leistete mit zwei obenliegenden Nockenwellen 151 PS bei 5’500 U/min. Mit diesem Motor waren rund 210 km/h Spitze und eine Beschleunigung von 0 bis 100 km/h in weniger als 9 Sekunden möglich. Volvo wollte das Projekt aber wegen fehlender Gewichtsvorteile des Aston-Motors nicht weiterverfolgen. Das Fahrzeug verschwand, der Motor kam später aber wieder zum Vorschein und wurde durch die Firma Roos in der Schweiz restauriert und wieder in einen P 1800 S eingebaut.

Kein offizielles Cabriolet

Während Volvo nie die Absicht hatte, den P 1800 als Cabriolet anzubieten, griffen Firmen wie die Harold Radford Coachbuilding Limited in England oder Volvoville in den USA zur Blechschere und öffneten die Coupés nachträglich. Man geht von kaum mehr als 20 Cabriolets aus, die auf diese Weise entstanden.

Ständig verbessert und lange produziert

Während seiner langen Bauzeit von 12 Jahren wurde der Volvo P 1800 immer wieder verbessert, Stossstangen und Zierleisten änderten ihre Form. Insgesamt blieb er aber derselbe, die grundsätzliche Karosserieform wurde weitgehend unverändert belassen, Details wurden angepasst.


Volvo P1800 S (1967) - neues Gesicht für das Coupé aus Schweden - Genfer Autosalon 1967
Archiv Automobil Revue

Mit Einspritzung moderner

Im Jahr 1968 wuchs der Hubraum des P 1800 auf 1985 cm3 und 1969 dann wurde eine leistungsgesteigerte Version namens 1800 E angekündigt, die dank elektronisch gesteuerter Bosch-Einspritzung auf rund 130 SAE-PS bei 6000 Umdrehungen kam.


Volvo P 1800 E (1970) - mit Einspritzung, erstaunliche Weiterentwicklung eines alten Bekannten - Genfer Autosalon 1970
Archiv Automobil Revue

Damit liess sich der Sprint von 0 auf 100 km/h in annähernd 10 Sekunden absolvieren, als Spitze wurden bei Testfahrten damals 181 km/h notiert.

Trendsetter 1800 ES

Eine grosse Neuerung gab es allerdings. 1971 wurde mit dem 1800 ES eine neue Art Fahrzeug vorgestellt. Dieser hatte ein Kombiheck und grosse Glasflächen erhalten und verfügte nun über einen überaus einladenden Kofferraum.


Volvo P 1800 ES (1972) - wer erkennt den vorbeihuschenden Wagen im Hintergrund?
Copyright / Fotograf: Volvo Car Group

Doch auch dieses letzte Aufbäumen konnte das Ende der Produktion im Jahre 1973 nicht verhindern.

Ohne direkten Nachfolger

Der P 1800 hinterliess keinen direkten Nachfolger. Es sollte noch bis in die Achtzigerjahre gehen, bis mit dem in den Niederlande produzierten Volvo 480 ES ein Teil der P-1800-Gene wieder Eingang in einen Sportwagen fanden. Während vom P 1800 rund 38’000 Coupés und gut 8’000 Sportkombis gebaut wurden, schaffte der Nachfolge in etwa die doppelte Zahl.

Als Oldtimer beliebt und wertvoll

Bei Oldtimer-Fans und Sammlern sind die Volvo P 1800 sehr beliebt, nicht nur wegen ihrer robusten Technik und der guten Teileversorgungslage, sofern man nicht gerade Chromleisten oder andere relativ selten verbaute Spezialteile sucht. Die Form wirkt sympathisch und die Fahrzeuge sind breit einsetzbar, selbst gegen einen gelegentlichen Stau hat der langlebige Schwede nichts einzuwenden. Soviel Alltagstauglichkeit trieb über die Jahre auch die Preise nach oben, trotzdem blieb das Coupé erschwinglich.


Volvo P1800 E (1970) - wenn man nicht Bescheid wüsste, käme man kaum darauf, dass dies ein Volvo ist
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Aber aufgepasst, Reparaturen am Blechkleid gehen ins Geld, sogar die Kotflügel waren angeschweisst und die Karosserie hat dem Rost nicht immer widerstanden. Auch Reparaturen am Overdrive können aufwändig sein. Gut erhaltene Exemplare verwöhnen heutige Besitzer aber mit vergleichsweise tiefen Unterhalts- und Spritkosten und die Motoren halten oft 300’000 und mehr km. Einen Volvo P 1800 zu finden gleicht auch nicht der Suche einer Nadel im Heuhaufen, denn viele der über 40’000 Fahrzeuge haben überlebt, wenn auch ein erklecklicher Anteil in den USA.

Roger Moore hat seinen eigenen mit Minilite-Felgen ausgerüsteten P 1800 S wohl irgendwann verkauft, aber er hat es sicher lange bedauert.

Am Lenkrad eines P1800 E

Mit dem starken Motor, den Roger Moore vermutlich auch gerne gehabt hätte, ist der Volvo auch heute noch ausreichend motorisiert. Er erfreut durch eine gute Fahrbarkeit, die Gänge lassen sich leichthändig wechseln.


Volvo P1800 E (1970) - Instrumentenbrett mit vielen Anzeigen
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Das riesige Lenkrad im gefahrenen Exemplar wirkt herrlich nostalgisch, die Instrumente überraschen mit ihrer unorthodoxen Notation der Drehzahlen.


Volvo P1800 E (1970) - kein anderer Sportwagen sah so aus wie er
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Das elegante Coupé fühlt sich richtig gut an, die Rundumsicht ist generös und die Sitzposition bequem. Dank Overdrive lässt sich der Motor tieftourig fahren, sein Geräuschentwicklung passt sowieso nicht so ganz zur attraktiven Hülle.


Volvo P1800 E (1970) - macht Spass beim Fahren
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Man kann gut nachvollziehen, dass P1800-Besitzer Hunderttausende von Kilometer mit dem Coupé zurücklegten. Und wenn man mit ihm fährt, fühlt man sich auch gleich ein bisschen "heiliger".


Volvo P1800 E (1970) - mit dem eleganten Coupé darf sich der Fahrer fast wie ein Fernsehserien-Detektiv fühlen
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Wir danken der Touring Garage in Oberweningen für die Gelegenheit zur Probefahrt.

Weitere Artikel/Informationen:

  • AR Nr. 25/1961, Seite 17: Volvo P1800-Tourensportwagen auf dem Weltmarkt
  • AMS 5/1962, Seite 16: Wir fuhren Volvo P 1800
  • AMS 13/1963, Seite 18: Sportwagen-Vergleichstest - Alfa Romeo Giulia Sprint - MG B - Porsche S 90 - Volvo P 1800 S
  • Road & Track August 1970: Road test Volvo P1800 E

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von as******
12.11.2020 (16:28)
Antworten
Zum VOLVO P1800-ASTON MARTIN. Das Fahrzeug ist kein "S", sondern ein originaler P1800 "made in England", d.h. wie das Original von Jensen gebaut. Das Projekt "DP208" wurde unter der Leitung von John Wyer und Ted Cutting und dem legendären Motorenbauer Tadek Marek realisiert. Total wurden nur 3 Motoren auf der Basis des 3,7Liter DB4 gebaut. Ursprünglich vorgesehen, um den etwas beschränkt sportlichen Motor von VOLVO abzulösen. Letztendlich war das Projekt Sir David Brown zu teuer. Schade!
Tatsächlich ist der Einzige Motor der noch existiert im identischen P1800 eingebaut und wurde unter anderem von VOLVO HERITAGE SWEDEN für diverse Ausstellungen in der Schweiz abgeholt.
Beat Roos, ASTON MARTIN HERITAGE CONSULTANT since 1975
von gr******
10.11.2020 (17:43)
Antworten
Roger Moore kann es heute nicht mehr bereuen seinen P 1800 verkauft zu haben, denn er ist 2017 im Alter von fast 90 Jahren verstorben...
Antwort vom Zwischengas Team (Chefredaktor)
10.11.2020 (17:52)
Korrekt, als wir den Artikel damals schrieben, da lebte er noch ;-)
Wir haben den Satz jetzt "entschärft", damit er auch die nächsten 10 Jahre überlebt.
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