Rockne Six – kurzlebiger Marketing-Coup mit Langzeitwirkung

Erstellt am 11. Mai 2020
, Leselänge 7min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Bruno von Rotz 
1
Stefan Fritschi 
1
RM Auctions 
1
Gerard Brown 
1
Archiv 
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“Rockne” ist ein ungewöhnlicher Name für eine Automarke, vor allem für eine amerikanische. Und tatsächlich hatte dieser Name norwegische Wurzeln. Aber dies war nicht das einzige Ungewöhnliche am Rockne Six, der in den Dreissigerjahren durchaus für Furore sorgte und dessen Technik noch bis in die Achtzigerjahre verbaut wurde.


Rockne Six 75 (1932) - Tag 16 - Omsk - Tyumen - Rallye Peking-Paris 2016
Copyright / Fotograf: Gerard Brown

Vom Football zum Automobil

Knute Rockne wurde als Knut Larsen Rokne 1888 in Voss (Norwegen) geboren, wanderte aber zusammen mit seinen Eltern bereits 1893 in die USA, genauer nach Chicago aus. Im Rahmen seines Studiums an der University of Notre Dame in Indiana setzte er sich als Football-Spieler durch und sorgte durch seine Erfolge und sein innovatives Spiel (Stichwort “Vorwärtspass”) für Aufsehen.


Rockne Six (1932) - nach dem Fussball-Spieler und Trainer Knute Rockne benannt
Zwischengas Archiv

Auf seine Spielerkarriere folgten eine Karriere als Trainer und mehrere Meisterschaftstitel. Zum komfortablen Leben reichten diese Sportlerehren aber offenbar nicht und so heuerte er nebenberuflich auch bei Studebaker-Präsident Albert Erskine an, erhielt im Prinzip eine Marketing/PR-Rolle.
Erskine hatte geplant, mit Rockne ein preisgünstiges Einstiegsautomobil auf den Markt zu bringen.

Im März 1931 verstarb Knute Rockne unerwartet bei einem Flugzeugabsturz. Die Trauer in den USA über das Ende dieses populären Sportlers war riesig.

Unterdessen hatte Erskine Ralph Vail und Roy Cole eingestellt, die ein komplettes Design für einen Personenwagen von Willys-Overland mitbrachten, für das es keine Verwendung mehr gab. George M. Graham, der Verkaufsleiter von Willys-Overland stiess später auch dazu. Es wurde beschlossen, die neue Marke “Rockne” mit zwei Produktlinien zu lancieren, dem Rockne Six ’65’ und ’75’.

Ankündigung im Herbst 1931

Schon vor offiziellen Ankunft im Herbst 1931 wurde über die neue Marke gesprochen. Die ADAC Motorwelt schrieb am 20. November 1931:
“Bezügliche der Pläne George M. Grahams, der, wie neulich gemeldet, die Herstellung eines neuen billigen Sechszylinders in Vorbereitung hat, verlautet jetzt, dass Studebaker hinter diesem neuen Erzeugnis steht und daß der Name des neuen Wagens “Rockne” sein wird, in Erinnerung an den jüngst verunglückten früheren USA-Fussballfavoriten Knute Rockne, der kurz vor seinem Tode zum Werbeleiter der Studebaker Corp. ernannt worden war.”

Die beiden Modelle ’65’ und ’75’ unterschieden sich auf dem Papier weniger als in ihrer Entstehungsgeschichte. Während der kleinere ’65’ auf dem übernommenen Willys-Overland-Design fusste, war der ’75’ ein Abkömmling des Studebaker Six. 3110 cm3 standen 3364 cm3 gegenüber, die Radstände betrugen 279 oder 290 cm. Von Anfang an gab es verschiedene Karosserie-Ausführungen. Preislich orientierte man sich an den teureren Varianten des Ford Model A.

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Auf dem Genfer Autosalon 1932

Im März 1932 standen die beiden Rockne-Modelle auch auf dem Genfer Autosalon. Schon zuvor waren die Modelle als Sensation angekündigt und tüchtig beworben worden.


Rockne Six (1932) - am Genfer Autosalon 1932
Archiv Automobil Revue

Die Automobil Revue schaute sie sich am Salon genauer an und kommentierte:
“Der von der Studebaker-Corporation herausgebrachte Rockne-Wagen wendet sich an einen sehr weit gezogenen Verbraucherkreis. Er kann gleichzeitig als Qualitäts- wie als Gebrauchsfahrzeug gelten und zeichnet sich bei alledem durch einen erstaunlich niedrigen Preis aus.
Unter dem Namen eines seinerzeit populären amerikanischen Sportmannes kommen zwei Typen heraus, eine mit nominell 65 und eine mit 75 PS. Die Motoren beider Typen sind Sechszylinder, und zwar betragen deren Abmessungen 79 x 104 mm bzw. 82 x 104 mm. Die Ventile sind seitlich stehend angeordnet. Die Kurbelwelle ist viermal gelagert und mit einem Torsionsschwingungsdämpfer ausgerüstet. Die Kolben sind elektrisch verzinnt, wodurch sie ohne Gefahr eines Anfressens knapper eingepasst werden können. Die Verzinnung garantiert zudem vollständige Geräuschlosigkeit und lange Lebensdauer der Kolben. Der ganze Motor ruht im Chassisrahmen, unter Zwischenschaltung von vier massiven Gummipolstern. Der Anlasser startet automatisch beim Einschalten der Zündung und tritt auch bei einem unbeabsichtigten Stillstehen des Motors selbsttätig wieder in Funktion. Ausser der Bequemlichkeit dient diese Anordnung auch als Schutz für die Batterie, verhütet sie doch, dass man versehentlich den Motor mit eingeschalteter Zündung stehen lässt und so die Batterie erschöpft.
Das Dreigang-Getriebe hat zwei geräuschlos arbeitende, schräg verzahnte Übersetzungen, die ausserdem noch durch eine Synchronisierungsvorrichtung leicht schaltbar gestaltet sind. Hinter dem Getriebe ist ein Freilauf eingebaut, der in allen Vorwärtsgängen wirksam ist, auf Wunsch jedoch auch ausgeschaltet werden kann.
Die Federung geschieht durch vier halbelliptische Federn und hydraulische Stossdämpfer. Die Bremsen arbeiten mechanisch mit Innenbacken. Sowohl die Fuss- wie die Handbremse wirken auf alle vier Räder. Beide Typen sind mit einer grossen Anzahl geschmacksvoller Stahlblech-Karosserien lieferbar. Die Ausrüstung der Karosserien entspricht dem hohen Standard der amerikanischen Qualitätswagen.”


Rockne Six '75' (1932) - die grössere Variante
Archiv Automobil Revue

Erste Erfolge

Obwohl die Zeiten nicht gut waren, konnte sich die neue Marke gut etablieren. Gemäss Verkaufsliteratur stieg der Rockne vom 34. auf den 8. Platz der Verkaufshitparade auf. Erst im Februar 1932 konnte die Produktion des Modells ’65’ gestartet werden, während das Modell ’75’ schon ab Dezember 1931 zusammengebaut worden war.

Trotz guter Ergebnisse, die sicher mit der auch öffentlich gut sichtbaren Unterstützung durch Studebaker verknüpft waren, verlangte die schwierige Wirtschaftslage nach Optimierungen und so wurde für das Baujahr 1933 auf eine Modellreihe fokussiert, die man als verbesserte Version des Rockne Six ’65’ sehen konnte.

Evolution und Konsolidierung für 1933

Der Verkaufsprospekt des modifizierten Modells kündigte den Wandel mit grossen Tönen an:
“Neue Schönheit zeichnet den Rockne Six von 1933 aus. Seine Karosserien sind niedriger und reichlicher ausgestattet. Die beliebten Sedan-Karosserien sind länger und geräumiger.
Die aerodynamische Linienführung, welche durch den Rockne in der niedrigen Preisklasse eingeführt wurde, wird bei diesen neuen Modellen durch die breiteren Vorderkotflügel und die neuartigen Scheinwerfer sogar noch mehr hervorgehoben. Er ist der eleganteste Wagen der niedrigen Preisklasse, nicht nur in seiner Aussenform, seinem Luxus und seiner Konstruktion, sondern auch in der Vollkommenheit seiner Ausstattung. Obwohl ein Neuling im Anfang des Jahres 1932 wurde der Rockne dennoch in seinem ersten Jahr auf Grund seiner zahlreichen Vorzüge einer der Verkaufsführer der Automobilindustrie.
Der Rockne Six von 1933 ist ein noch vortrefflicherer Wagen als sein Vorgänger. Mit jeder anerkannten technischen Neuheit in ihm verkörpert, mit seiner hervorragenden Schönheit, seiner erhöhten Geräumigkeit und seiner verbesserten Leistung ist er zu seinem niedrigen Preise der einzige Wagen, welcher alle diejenigen Fahreigenschaften besitzt, die ein wirklich modernes Automobil haben sollte.”


Rockne Six (1933) - Modellvarianten
Archiv Automobil Revue

Wie schon das Modell 1932 gab es auch den 1933er Rockne, die man nun als Qualitätsprodukte und weniger als Preisbrecher verkaufen wollte, wiederum als viertürige Limousine, als zweitüriges Cabriolet (mit ausklappbaren Notsitzen), als zweitürige Limousine, als zweitüriges Coupé (mit Notsitz) und als “Sedan-Kabriolett” für fünf Personen.


Rockne Six (1933) - stattliche Limousine, die in verschiedenen Ausführungen lieferbar
Archiv Automobil Revue

Der Radstand mass weiterhin 279 cm, die Karosserie war aber rund 10 cm länger geworden. Der Motor leistete nun 70 PS bei 3200 Umdrehungen.
Es gab den 1300 kg schweren Rockne 65 als Standard- oder Luxusmodell. Die Ausstattung konnte gemäss Verkaufsliteratur sich sehen lassen:
“Stoff- oder Lederpolsterung, entsprechend dem Modell. Verchromte Scheinwerfer und Schlusslampe, Lüftungsklappe im Windschutz, verschiebbarerer Vordersitz, automatischer Scheibenwischer sowie Rückblickspiegel an allen Modellen. Verchromte Hupe unterhalb des linken Scheinwerfers an regulären Modellen. Die geschlossenen Modelle sind mit zwei verstellbaren, an der Innenseite angebrachten Sonnenblendscheiben ausgerüstet und mit einer Drahtanlage für Radio versehen. Das indirekt beleuchtete Armaturenbrett trägt den Geschwindigkeitsmesser mit Kilometerzähler, den Ampèremeter, den Öldruckmesser, die hydrostatische Benzin-Uhr und das Motorthermometer. Luxusausrüstung: Reserveräder in Mulden der Vorderkotflügel angeordnet; zwei verchromte Hupen unterhalb der Scheinwerfer; Kotflügel und Schutzblechteile sind der Karosseriefarbe entsprechend lackiert; klappbare Kofferbrücke.”

Frühes Ende …

Bereits im März 1933 musste die Mutterfirma Studebaker Insolvenz anmelden, der Rockne wurde noch eine Weile weitergebaut, aber schliesslich wurde die Produktion nach 23’201 gebauten Fahrzeugen aufgegeben. Einige Fahrzeuge waren noch in Einzelteilen nach Norwegen exportiert und dort montiert worden.

… aber nicht komplett Schluss

Die Jahre 1932/1933 waren sicherlich keine gute Zeit, um eine neue Automarke zu lancieren. Im Oktober 1929 setzte mit dem New Yorker Börsencrash (“Black Tuesday”) eine Weltwirtschaftskrise ein, die in den USA passend “Great Depression” genannt wurde. Die Auswirkungen der Krise reichten bis weit in die Dreissigerjahre und machten gerade auch der Autoindustrie schwer zu schaffen. Studebaker als Hersteller überlebte, der Motor des letzten Rocke ebenfalls und zwar als Antrieb in den Studebaker-Modellen Dictator und Commander. Selbst nach dem Zweiten Weltkrieg sorgte der Sechszylinder noch für Vortrieb in Studebaker-Fahrzeugen und in Nutzfahrzeugen gab es ihn sogar noch in den Sechzigerjahren.


Studebaker Rockne Six (1933) - Oldtimer in Obwalden O-iO 2017 - Fahrt von Sarnen nach Brienz
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Nur wenige Rockne haben bis heute überlebt, einige hundert Exemplare werden verteilt über die Welt als Bestand vermutet.

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