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MG TF - der letzte Mohikaner aus Abingdon

Erstellt am 1. Dezember 2011
, Leselänge 7min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Bruno von Rotz 
20
Balz Schreier 
1
E. K. Schwarz 
1
Archiv 
17

Im Film “Der Rächer”, gedreht nach einem Roman von Edgar Wallace, fährt Heinz Drache alias Detektiv Michael Brixan einen MG TF, um dem englischen Krimi auch eine glaubwürdige automobile Identität zu geben. Die Wahl fiel wohl nicht zufällig auf den kleinen Sportwagen aus Abingdon. Mit seinen freistehenden Kotflügeln, die Vorkriegsnostalgie signalisierten, und seiner betörenden Offenheit, eignete er sich gut für die Verfilmung einer spannenden englischen Kriminalgeschichte.

MG TF (1954) - lange Motorhaube, tief geschnittene Türen, typische Vorkriegs-Roadster-Form
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Der letzte einer langen Tradition

Wenn man die Spuren des MG TF (auch MG Midget TF genannt) zurückverfolgt, landet man schnell in den Dreissigerjahren und beim MG TA, dem Beginn der T-Serie. Doch selbst der TA stammte bereits von einem ähnlich gearteten Vorgänger ab, MG PB genannt. Im Gegensatz zum neu vorgestellten TA von 1936 hatte der PB noch einen aufwändigen Motor mit obenliegender Nockenwelle gehab, welcher beim TA aus Rationalisierungs- und Kostengründen einer einfacheren OHV-Konstruktion weichen musste. Dies gefiel zwar vielen MG-Kunden nicht, trotzdem wurde der TA von 1936 bis 1939 3003 mal gebaut, um dann knapp vor dem Krieg noch vom TB abgelöst zu werden, der es aber nur auf 379 Exemplare brachte. Dieser wies ein modifiziertes 1’250 cm3 grosses Triebwerk auf, das XPAG genannt wurde und mit Kompressoren und anderen Tuningmethoden auf über 100 PS gebracht werden konnte. Die Kirche war wieder im Dorf.

1945 dann folgte nach dem Krieg der MG TC, der weitgehend dem TB entsprach, aber als grosse Neuheit vermarktet wurde und insbesondere in den USA zum Verkaufserfolg wurde. 1949 ersetzte der MG TD den TC - ausser Motor und Getriebe war fast alles neu, auch wenn es von aussen nicht so aussah. Mehr Platz, aber auch mehr Gewicht und eine höhere Fahrerposition, dafür aber auch bessere Fahreigenschaften waren das Ergebnis.

1953 schliesslich nähere sich das Ende der langen Tradition, der TF - nicht etwa der logische Nachfolger TE, der aus unerfindlichen Gründen nie gebaut wurde - trat die Nachfolge des TD an.

Technisch Bewährtes optisch leicht aufgefrischt

Wie schon seine Vorgänger weist der MG TF einen Kastenrahmen auf, die Räder sind vorne einzeln aufgehängt, hinten überträgt eine Starrachse die Motorleistung auf die Räder. Die Karosserie ist über einen Eschenholzrahmen gezogen, als Motor werkelt der altbekannte XPAG mit 1’250 cm3.

MG TF (1954) - der XPAG-Motor mit 1'250 cm3
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Sichtbare Änderungen wies die eleganter wirkende und schwungvollere Karosserie auf, im Innern waren die Instrumente in die Mitte gerückt. Drahtspeichenräder kosteten einen Aufpreis von CHF 300, Standard waren Scheibenräder. CHF 9’700 kostete ein MG TF im Jahre 1954 in der Schweiz, ein Triumph TR 2 war für CHF 11’850, ein VW Käfer Standard stand für CHF 5’575 auf der Preisliste.

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Ein Genuss ihn zu fahren

Die Marketing-Leute von MG gaben Vollgas! Hier einige Ausschnitte aus der Verkaufsliteratur zum MG TF: “Die Art, wie er den Kopf senkt und die Strasse geradezu frisst ... der Zeiger auf hundertdreissig ... und doch bleibt das Steuer sicher in Ihren Händen ... Die Spannung des Dahinsausens, als ob Sie im Sattel eines fliegenden Pferdes sässen ... das tiefe Summen des Motors mutet an, als ob ein ungeduldiger Panther unter dem Bodenbrett gefangen wäre ... ”

Da wurde auch schamlos die Nähe zum Le-Mans-Siegen und zu Weltrekordfahrzeugen zelebriert. Die Werbeprofis hatten auch alle Gründe, kommunikativ dick aufzutreten, denn mancher MG-Kunde hätte wohl lieber ein zeitgemässeres Fahrzeug gekauft, aber dies wollte die Nuffield-Organisation 1953 nicht bauen, weil es den Austin-Healey sonst zu sehr konkurrenziert hätte.

Günstiger erzieherischer Einfluss auf den Fahrer

Im Jahre 1954 unterzog die Zeitschrift Automobil Revue den TF mit dem 1,25-Liter-Motor einem Langstreckentest. Ein Satz im detaillierten Prüfbericht fällt speziell auf: “Die Feststellung, dass der MG - gerade weil er nicht immer der Schnellste ist - auf seinen Fahrer einen günstigen erzieherischen Einfluss haben kann, scheint den Rahmen eines Prüfungsberichtes zu sprengen, dürfte aber eine notwendige Ergänzung zur Beurteilung des Wagens nach technischen Gesichtspunkten darstellen.”

Schon 1954 wurde der TF als recht nostalgisch wahrgenommen, aber gleichzeit auch als günstigen Einstieg in den Motorsport verstanden: “Der «TF»-Midget, ein Wagen, mit dem manch junger Autosportbegeisterter seine Laufbahn beginnen wird, ist vor allem für jene bestimmt, die im Fahrkomfort ein unnötiges, ja störendes Beiwerk zum reinen Fahrgenuss sehen. Autosport heisst beim Midget nicht besonders hohe Geschwindigkeiten im Sinne des modernen Vollblutwagens. Solchen Ansprüchen kann und will er nach Konzeption und Konstruktion nicht genügen. Dafür ist er ein ideales Gerät zum Erlernen der hohen Schule des Autofahrens und zum Erwerben technischer Kenntnisse.”

Gelobt wurden von den Testfahrern die ausgezeichneten Bremsen, die ausserordentlich präzise (Zahnstangen-) Lenkung und demzufolge ein quicklebendiges Reagieren des Fahrzeugs auf Steuerbefehle, sowie die ständige Leistungsbereitschaft des Sportmotors. Empfohlen würde übrigens ein “Kühlerrouleau”, damit die Wassertemperatur bei kühleren Temperaturen überhaupt in die richtigen Bereiche gelangen konnte. Als ideales Hilfsmittel für “Schalt-Drill” wurde das hart zu bedienende, präzis schaltbare MG-Getriebe beschrieben.

21,8 Sekunden Zeit nahm sich der Testwagen für die Beschleunigung von 0 bis 100 km/h, die Höchstgeschwindigkeit wurde - bei abgeklappter Windschutzscheibe - mit 133 km/h gestoppt, der Triebstoffverbrauch pro 100 km mit 8,5 Litern angegeben. Damit schlug er seinen Vorgänger TD deutlich (25,8 Sekunden, 121 km/h, 10,8 Liter pro 100 km).

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Mehr Hubraum und Leistung im Jahre 1954

Um den mit immer mehr Leistung auftretenden Konkurrenten besser die Stirn bieten zu können, rüstete man auch den MG TF auf. Als Modell “TF 1500” erhielt er 1’466 cm3 und 63 PS, wurde nun XPEG genannt. Das Drehmoment stieg um massive 17%. Doch auch diese Leistungssteigerung diente nur zur Überbrückung von 18 Monaten, bis mit dem MG A ein wesentlich moderneres Modell eingeführt werden konnte. 

Vorkriegsnostalgie am Lenkrad

Richtig eng geht es im MG TF zu, das Lenkrad steht fast vor der Brust, die Innenbreite kann bei 152 cm Aussenbreite angesichts der Formgebung nicht generös sein. Körperkontakt ist damit garantiert. Der Ellbogen wandert fast automatisch nach draussen.

Los geht’s. Gestartet wird über einen Zugknopf, der Motor beginnt sich zu schütteln, aus dem Auspuff ertönt ein sympathisches Räuspern. Das Getriebe widersetzt sich schnellen Schaltbefehlen erfolgreich, Zwischengas empfiehlt sich, selbst bei den synchronisierten oberen Gängen.

Der Wagen will auf der Strasse gehalten werden, eine gewisse Neigung, Unebenheiten nachzulaufen und zu überspringen, erinnern ein wenig an ein zu zähmendes Pferd.

Aber man hat sich schnell an die Eigenheiten dieses knorrigen Engländers gewöhnt und erfreut sich am durchaus akzeptablen Temperament und an der betörenden Offenheit dieses Sportwagens.

Hübsch und sehr, sehr offen

Das waren noch Zeiten, als man die Windschutzscheibe noch herunterklappen konnte. Offener geht kaum! Die Luft erreicht einen von vorne und von der Seite, denn auch die Türen bereiten kaum Schutz, so tief ausgeschnitten sind sie. Natürlich kann man dem TF eine Kapuze überziehen, Steckscheiben befestigen und erreicht so sogar einen gewissen Wetterschutz, aber echte MG-Fans fahren den Wagen (fast) bei jedem Wetter offen, getreu der Losung “es gibt kein falsches Wetter, es gibt nur die falsche Kleidung”.

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Mit Foto von Peter Kraus

Das von uns gefahrene Modell mit 1,25-Liter-Motor wurde einst in die USA, dem Hauptabnehmer der TF-Modelle, exportiert und kam dann 1989 in die Schweiz. Peter Kraus, der bekannte deutsche Schlagersänger und Rock’n-Roller fuhr ihn vor vielen Jahren - ein Foto, das Teil der Unterlagen ist, zeugt noch davon.

2011 wartete der Wagen bei der Firma Classic Car Connection auf einen neuen liebevollen Besitzer.

Das seltenste Nachkriegs-MG-T-Modell

9’600 MG-TF wurden gebaut, deutlich weniger als die 29’664 TD- und etwas weniger als die 10’000 TC-Modelle. Wie bei den Vorgängern TC und TD gelangte auch der Löwenanteil der TF-Produktion (6’272 Fahrzeuge genau) in die Vereinigten Staaten. 1/3 der gebauten Fahrzeuge waren 1,5-Liter-Modelle. 

Heute (Stand 2011) werden für einen guten TF rund € 35’000 oder CHF 42’000 verlangt, die stärkeren Modelle kosten rund € 1’000 / CHF 1’500 mehr.

Ersatzteilsorgen plagen TF-Besitzer selten, auch technisch bereiten die inzwischen rund 60 Jahre alten Roadster keine grösseren Schwierigkeiten. Im Unterhalt sind die Fahrzeuge genügsam und im Betrieb, wenn gut gewartet, recht zuverlässig.

“Genuss ohne Reue” ist hier also mehr als nur ein leer Slogan.

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