Lamborghini Murciélago – Respekt

Erstellt am 5. März 2021
, Leselänge 7min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Daniel Reinhard 
65

Ein Lamborghini mit dem berühmten V12-Motor ist immer etwas Besonderes, der Murciélago trug als letzter Sportwagen aus Sant’Agata den bereits Mitte der Sechzigerjahre erstmals in ein Auto eingebauten Zwölfzylinder vor der Hinterachse. Ehrfurcht ist angesagt!

Respektheischend

Dass man sich dem Lamborghini Murciélago mit Respekt nähert, liegt allerdings nicht nur an seinen legendären Vorfahren – Miura , Countach und Diablo –, sondern auch an seiner optischen Präsenz, die mit 2045 mm Breite und 4580 mm Länge bei 1135 mm Höhe schlichtwegs atemberaubend ausfällt.


Lamborghini Murciélago (2001) - Ton-in-Ton
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Seine Form verdankt der Murciélago dem belgischen Designer Luc Donckerwolke, dem vorher bereits mit dem Audi A2 ein kühner Wurf gelungen war. Eigentlich war der Diablo-Nachfolger im Jahr 1998, als Audi das Zepter bei Lamborghini übernahm, bereits weitgehend fertiggestellt. Natürlich wollte sich der neue Besitzer in Ingolstadt mit den Vorarbeiten nicht zufrieden geben und verlangte nach einer kompletten (optischen) Überarbeitung.

Das Ergebnis aus Stahlrohrrahmen, Kunststoffteilen sowie Alu- und Stahlblech, welches dann natürlich auch nicht auf die bereits zur Tradition gewordenen nach oben öffnenden Türen verzichten musste, feierte im September 2001 an der IAA in Frankfurt eine vielbeachtete Premiere, was die ersten gebauten Murciélago im Jahr 2021 bereits zu Youngtimern werden lässt.

Ziemlich analog

Der Einstieg in das Batmobile ("Murciélago" steht im Spanischen für Fledermaus und auch der Film-Batman bemühte den Lamborghini in zwei Hollywood-Produktionen als Einsatzfahrzeug) fällt leichter als erwartet, sitzt man doch weiter aussen als beispielsweise beim Miura oder beim Countach und die Türöffnung erlaubt einem normalsportliche Menschen den halbwegs eleganten Ein- und Ausstieg.


Lamborghini Murciélago (2003) - über die Schöhnheit des Lenkrads liesse sich diskutieren
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Auch hinter dem Lenkrad fühlt man sich wohl, der Blick gleitet auf einen Cluster mit sechs hübsch gezeichneten Analoginstrumenten, während sich die Digitalanzeige oben vornehm zurückhält.

Gestartet wird per Schlüsseldreh und sofort brüllt der Stier im Lambo los. Viel eindrücklicher kann sich ein Auto nicht in Szene setzen.


Lamborghini Murciélago (2003) - Mittelkonsole mit offener Schaltkulisse
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Geschaltet wird bei den Murciélago-Coupé der ersten drei Produktionsjahre grundsätzlich von Hand, das E-Gear-System wurde erst nachträglich eingeführt. Heute wird die Sechsgang-Kulissen-Schaltung von vielen Klassikerkäufern präferiert und dies zurecht, denn sie lässt sich problemlos bedienen und verbindet den Piloten noch mehr mit dem 6,2 Liter grossen Zwölfzylinder.


Lamborghini Murciélago (2003) - 580 PS leistet der Aluminium-Zwölfzylinder im Heck
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Schwierig zu fahren ist der Lamborghini nicht, trotzdem sollte man ihn vielleicht nicht gerade einem Fahrschüler anvertrauen. Aber die Kupplung trennt zuverlässig und absehbar. Und die Servolenkung verhindert ein Übersauern des Bizeps. Generell sind die Bedienungskräfte auch ohne Muskelaufbau-Training human und selbst die Ergonomie führt kaum zu Fragezeichen im Kopf, wenn man einmal von der Fernbedienung-/Wegfahrsperre absieht.

Der Allradantrieb, der normalerweise 70 Prozent zur Hinterachse führt, fällt nicht negativ auf und erhöht die Fahrsicherheit natürlich beträchtlich.

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Blick nach vorne

Als Murciélago-Fahrer orientiert man sich primär nach vorne und da ist die Aussicht sehr gut. Auch zur Seite kann man problemlos blicken und die beiden Rückspiegel vermitteln auch ein Bild vom rückwärtigen Verkehr. Der Innenspiegel oder ein Blick nach hinten geben da deutlich weniger her und im engen Grossstadtverkehr fühlt sich der Wagen vermutlich wohler als der Pilot.


Lamborghini Murciélago (2003) - breite Landstrassen und die Autobahn sind sein bevorzugtes Revier
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Dabei sorgt die serienmässige Klimaanlage durchaus für erträgliche Temperaturen. Wenn der Fahrer also zu schwitzen beginnt, hat dies andere Gründe. Jener weiss natürlich um die empfindliche Natur der Kupplung, die mit dem enormen Drehmoment des V12 zu kämpfen hat. Tatsächlich liegen schon bei gut 1000 Umdrehungen über 400 Nm an und im Drehzahlbereich von 2000 bis 7000 U/min sinkt das Drehmoment nie unter 500 Nm.

Dieser Vortrieb ist denn auch auf freier Strecke besser aufgehoben. Und so schrieb Götz Leyrer nach dem ersten Test Ende 2001 in ams:
“Vollgas. Aus dem tiefen Grollen wird zorniger Donner, der dann kurz vor dem Hochschalten bei 7500 Umdrehungen eine Lautstärke erreicht, die durch Mark und Bein geht. Kein anderer Sportwagen dieser Welt vermittelt die Explosion seiner Kraft so intensiv wie der Lamborghini, kein anderer lässt das Arbeiten der komplizierten Mechanik so ungefiltert spüren.”


Lamborghini Murciélago (2001) - in voller Fahrt
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Dem ist wenig zuzufügen. Wundern muss man sich nur darüber, dass vor 20 Jahren bedauert wurde, dass die Geräuschvorschriften den “aggressiven Brunstschrei” des Aluminium-Zwöflzylinders hörbar gedämpft habe. Aus unserer Sicht ist genug davon übriggeblieben, immerhin schallen bis 93 dB(A) ans Fahrerohr. Der Radio wird damit definitiv zur Nebensache.

Richtig schnell

An mangelndem Vortrieb fehlt es dem 580 PS starken – er hätte auch LP 580 heissen können, diese Nomenklatur wurde aber erst mit den leistungsstärkeren Versionen eingeführt – sowieso nicht. Bei 3,6 Sekunden stoppten die Uhren den 0 bis 100 km/h Sprintversuch von “auto motor und sport”. Dass der erste Gang dabei bis 103 km/h reicht, half natürlich dabei. Als Spitzengeschwindigkeit wurden beim Erstling satt 330 km/h notiert und auch die Elastizität enttäuschte nicht.

Das fühlt sich heute kaum langsamer an, selbst wenn moderne Elektroautos mit vollem Drehmoment ab Start uns zu verwöhnen drohen. Der Murciélago kann es kaum schlechter als die schnellsten Elektrosportler, die Beschleunigung ist aber deutlich eindrücklicher, da sie von einem faszinierenden Soundtrack, welcher der komplexen Mechanik hinter der Besatzung ohne Tricks und Verstärkungen entlockt werden kann, begleitet wird. Und als Pilot ist man immer komplett involviert, spürt Getriebezahnräder, Kolben, Ventile und Nockenwellen in ihrer Bewegung. Welch ein Genuss!

Der Murciélago konnte es damals, trotz nicht unbescheidenem Leergewicht von 1819 kg, mit nahezu allen Konkurrenten aufnehmen, auch wenn sie deutlich teurer waren.

Mit einem Neupreis von DM 420’856 (EUR 215’180) oder CHF 343’000 war der Lamborghini zwar kein Schnäppchen, aber doch schon fast als günstig einzustufen, vor allem im Vergleich zu manchem Hypersportwagen, der später kam.

Reif für den Einsatz

“Keine Mängel am Testwagen”, stand im ams-Testbericht von 2001. Damit zeigte es sich deutlich, dass die Qualitätsansprüche von Audi auch bei Lamborghini Wirkung gezeigt hatten. Und man kommt nicht umhin, dem inzwischen rund 20-jährigen Murciélago ein gutes Zeugnis auszusprechen. Alles scheint zu funktionieren und zwar in einer Art und Weise, wie man es auch von Grossserienfahrzeugen gewohnt ist. Von allen Sportwagen mit dem klassischen 60-Grad-V12 der Gründerzeit war der Murciélago sicherlich der ausgereifteste.

Doch natürlich blieb die Entwicklung auch bei Lamborghini nicht stehen. Auf den Lamborghini der ersten Generation, den es ab 2004 auch als “Roadster” gab, folgten der LP 640 und der LP 670-4 SuperVeloce.

Als Nachfolger erschien dann am Genfer Autosalon 2011 der Lamborghini Aventador, der technisch nur noch wenig mit dem Murciélago gemeinsam hatte.


Lamborghini Murciélago (2003) - fast die Hälfte des Autos gehört dem mächtigen Motor
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Immerhin 4099 (andere Quellen nennen 3983) Lamborghini Murciélago, die übrigens natürlich nicht nach der Fledermaus, sondern nach einem berühmten Stier, der durch Antonio Miura (sic!) gezüchtet worden war, benannt wurden, verliessen die Produktion in Sant’Agata. Rund ein Drittel, genaue Zahlen sind nicht bekannt, dürften die offene Sechsgang-Kulisse aufgewiesen haben, gegen Schluss tendierte der Anteil der Handschaltung trotz erheblichem Aufpreis für e-Gear gegen Null. Rund drei Viertel der Produktion wurden als Coupé ausgeliefert.

Und keines der frühen Coupés, die offiziell in die Schweiz gingen, war rot lackiert, so dass der Erstbesitzer des von uns gefahrenen Murciélago einen Wagen aus Deutschland importierten musste. Dabei steht dem Lambo die rote Farbe ausgezeichnet, damalige Besteller bevorzugten aber wohl die metallisierten Gelb- und Grüntöne.


Lamborghini Murciélago (2003) - die Karosserie lässt sich auf Knopfdruck anheben, wenn Schwellen überfahren werden sollen
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Mit 34’500 auf dem Tacho fühlte sich der rote Mittelmotorsportwagen jedenfalls immer noch bestens und unverbraucht an, sowieso dürfte es kaum Murciélago mit richtig hohem Tacho-Stand geben, ein Indiz dafür, dass niemand diesen eigentlich alltagstauglichen Wagen auch wirklich im Alltag einsetzen wollte. Gut, zugegeben, ein Verbrauch von 23,5 Litern (ams-Testverbrauch) oder gar 32,6 Litern pro 100 km (ECE-Stadtverbrauch) wirkt nicht mehr ganz zeitgemäss, die Reichweite ginge bei 100 Litern Tankinhalt allerdings in Ordnung.

Eine erhebliche Investition dürfte bei häufigem und artgerechtem Einsatz der gar nicht so seltene Ersatz der 335 mm breiten Hinterreifen sein. Doch auch diese Kosten wird im Vergleich zur stetig notwendigen Wartung vermutlich nicht übermässig auffallen.


Lamborghini Murciélago (2003) - mächtige Lambo-Stopper
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Obwohl ein Murciélago der ersten Generation im Jahr 2021 noch deutlich unter dem damaligen Neupreis gehandelt wird, sollten Käufer doch eine gut gefüllte Brieftasche haben. Entschädigt werden sie mit einem faszinierenden und gut gebauten Fahrzeug, das jede Fahrt zu einer bleibenden Erinnerung macht.

Der rote Lamborghini Murciélago von 2003 wird am 27. März 2021 von der Oldtimer Galerie Toffen im Rahmen der Frühjahrsauktion angeboten. Wir danken der Oldtimer Galerie für die Gelegenheit zur Foto-Session.


Lamborghini Murciélago (2003) - Markenschriftzug am Heck
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Weitere Informationen

  • AMS 20/2001, ab Seite 68: Vorstellung Lamborghini Murciélago - einfach stierisch
  • AMS 22/2001, ab Seite 206: Fahrbericht Lamborghini Murciélago
  • AMS 26/2001, ab Seite 70: Der Herr der Ringe - Test Lamborghini Murciélago
  • AMS 1/2002, ab Seite 16: Vergleichstest Lamborghini Murciélago
  • AMS 12/2004, ab Seite 92: Vergleichstest Lamborghini Murciélago

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von zw******
09.03.2021 (12:08)
Antworten
.......ich möchte ihn "nur" hören!
von pl******
09.03.2021 (07:43)
Antworten
Ein schöner Bericht zu einem atemberaubenden Auto. Allerdings besteht der Murcielago nicht nur aus "Stahlrohrrahmen, Kunststoffteilen sowie Alu- und Stahlblech" sondern zu großen Teilen der Karosserie auch aus Carbon. Bei Murcielagos im Erstlack lässt sich die Carbonstruktur - bei Gegenlicht -sogar durch die Lackierung hindurch erkennen. Wem das nötige Budget fehlt, der aber dennoch ein kleines Bisschen Murcielago sein Eigen nennen möchte, besorgt sich am Besten den vorderen, seitlichen Dreiecks-Blinker. Der stammt vom Ford Focus und ist als Einziges Ersatzteil günstig zu erwerben.
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