Georges Irat Leichtbau-Sportwagen – revolutionärer 2/3-sitziger Prototyp

Erstellt am 18. April 2021
, Leselänge 6min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Bonhams 
25
Bruno von Rotz 
1
Dirk de Jager - Courtesy Artcurial Motorcars 
1
Archiv 
6

Die Nachkriegszeit war gerade in Frankreich eine überaus kreative Periode. Ingenieure und Konstrukteure konnten während der Kriegswirtschaft nur beschränkt über Automobil-Innovationen nachdenken, umso grösser war dann die Schaffenskraft, die ab 1946 zum Tragen kam.

Zu sehen bekam dies der automobilistisch interessierte Besucher am ersten Autosalon von Paris im Oktober 1946.

Da standen mächtige Achtzylindermotoren, elegante Spezialkarosserien, ein sparsames Dreirad namens VEL 37 von Mathis, aber auch ein neuer Prototyp von Georges Irat.

Frontantriebspionier

Georges Irat war kein Unbekannter. Schon vor dem Krieg war er immer wieder mit besonderen Kreationen aufgefallen, zuletzt mit einem frontangetriebenen Sportwagen, der über 100 km/h schnell fuhr.

Während der Kriegszeit entwickelte Georges Irat kleine Elektroautos, die ohne das kaum vorhandene Benzin fahren konnten. Trotz Reichweiten von 90 bis 100 km waren den leichtgewichtigen Autos während des Kriegs kein Erfolg gegönnt.

Doch kaum war der Zweite Weltkrieg Geschichte, da stand Georges Irat wieder bereit.

Zukunftsweisende Chassiskonstruktion

Der Georges Irat von 1946 stand als dreisitziges Cabriolet mit aerodynamisch wirkender Formgebung auf dem Pariser Autosalon.


Georges Irat (1946) - Nachkriegsfahrzeug auf der Autoausstellung
Archiv Automobil Revue

Die Automobil Revue schrieb im Oktober 1946:
“Neu ist ebenfalls ein dreiplätziger Georges Irat. Obwohl er eigentlich als luxuriöser kleiner Sportwagen angesehen werden kann, gehört er auch in die Kategorie der Leichtwagen, wiegt er doch fahrbereit nur etwa 500 kg. An Stelle des Chassis tritt ein Fachwerkgerippe aus Magnesiumlegierung, das aus einzelnen, verschraubten Stücken besteht. Der Frontantriebsblock enthält einen obengesteuerten Vierzylinder-Boxermotor von ca. 1100 cm3, der bei 4500 Touren/min etwa 45 PS leistet. Das Leistungsgewicht des Wagens ist somit vorzüglich. Die vorderen Räder sind einzeln aufgehängt; das Getriebe hat vier Gänge. Der ausgestellte Wagen bildet den Prototyp einer Serie, die nicht vor einigen Monaten zu laufen beginnt; er ist mit einer Cabriolet-Karosserie versehen, deren elegante Linienführung und Ausstattung (der Wagen ist ganz in Weiss gehalten) grosse Anziehungskraft auf das Publikum ausübt. Trotz des geringen Gewichtes ist seine  Spezifikation sehr komplett.”

Der Motor war ein kleines Schmuckstück, denn 45 PS aus 1100 cm3 bedeuteten im Jahr 1946 eine sehr hohe Literleistung. Mit je einer obenliegenden Nockenwellen pro zwei Zylinder war der Boxermotor auch für hohe Drehzahlen gerüstet.


Georges Irat (1946) - Motor des Nachkriegsfahrzeugs
Archiv Automobil Revue

Trotz grossem Interesse ging es allerdings nicht so schnell vorwärts wie erhofft.

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Eine grössere Variante

Im Oktober 1947 wurde ein grösserer und schnellerer Georges Irat gezeigt. Der Boxermotor war nun einem Zweiliter-Reihenvierzylinder gewichen, das Gewicht war allerdings auch angestiegen. Mit den versprochenen 80 PS –  auch eine Supersportausführung wurde angekündigt –  wäre man allerdings sicherlich angemessen motorisiert gewesen.


Georges Irat (1947) - auf dem Pariser Salon von 1947 mit 2-Liter-Boxer, 80 PS
Archiv Automobil Revue

In den Presseunterlagen von Georges Irat wurde der Prototyp umfangreich beschrieben:
“Im Bereich des Sportwagens, wo die Marke Georges Irat seit vielen Jahren ein unbestrittenes Prestige erworben hat, werden wir dieses Jahr, ausgestellt auf dem Stand des Grand Palais, ein neues Cabriolet, mit drei Sitzen, leicht, schnell, perfekt profiliertes Luxusauto sehen, von dem wir denken, dass es interessant ist, hier einige der wesentlichen Eigenschaften hervorzuheben.
Das ‘Chassis-coque’ besteht aus gegossenen Elementen aus einer Magnesiumlegierung und wird durch Schrauben zusammengefügt; diese Lösung kombiniert grosse Leichtigkeit mit grosser Steifigkeit.  Die Formelemente, die der Form der Karosserie folgen, bieten maximalen Platz (3 Personen vorne und etwas Gepäck hinter den Sitzen).
Eine sehr angenehme Federung besteht aus Schraubenfedern mit variabler Flexibilität und hydraulischen Teleskopstossdämpfern.
Die vier einzeln aufgehängten Räder sind mit einem hydraulischen Bremssystem von Lockeed, dessen Ruf hervorragend ist, ausgestattet.
Die Hinterräder werden von einer gefederten Hinterachse angetrieben, die mit dem 4-Gang-Getriebe von Cotal verbunden ist.”

Der Leichtmetall-Zweiliter-Reihenvierzylinder (!) war wassergekühlt und verfügte über eine Bohrung von 84 mm und einen Hob von 90 mm. Halbkugelförmige Brennräume und zwei obenliegenden Nockenwellen erlaubten die relativ hohe Leistung von 80 PS. Gleichzeitig wurde der Verbrauch mit nur 10 bis 12 Liter pro 100 km angesagt und die Spitzengeschwindigkeit von 140 km/h versprochen. Das Leergewicht wurde mit 750 kg angegeben, der Radstand mit 2,6 Metern.

Im Jahr 1947 musste Georges Irat mit deutlich mehr Konkurrenz kämpfen, denn Autos wie der Isotta Fraschini Monterosa, der Grégoire oder der Cisitalia Grand Sport zogen viel Interesse auf sich. Auch ein Bugatti Coupé mit Vierzylinder Kompressormotor war zu sehen.


Georges Irat 1100 Prototype (1946) - als Lot 334 an der Artcurial-Versteigerung anlässlich der Rétromobile in Paris 2018
Copyright / Fotograf: Dirk de Jager - Courtesy Artcurial Motorcars

Im Jahr 1948 wurde nochmals der ursprüngliche Prototyp von 1946 gezeigt am Pariser Autosalon. Dieser Wagen, der über keine herkömmlichen Schweinwerfer verfügte, hat komplett überlebt und wurde an der Rétromobile-Versteigerung von Artcurial im Februar 2018 zum Kauf angeboten.

Schwanengesang im Jahr 1949

Am Pariser Autosalon von 1949 trat der sportliche Georges Irat ein letztes Mal auf. Der dritte Prototyp präsentierte sich wieder etwas kompakter.


Georges Irat (1949) - aerodynamisch geformt, aber nicht erfolgreich
Archiv Automobil Revue

Die Linienführung orientierte sich zwar an den bisherigen Prototypen, doch hatte der Wagen nun einen Fernscheinwerfer im Kühlergrill erhalten und Nebellampen in der vorderen Stossstange.

Die Automobil Revue notierte:
“In etwas geänderter Form trifft man den zwei/dreisitzigen Georges Irat wieder, dessen Magnesium-Fachwerk einem Rahmen und einer Karosserie aus dem gleichen Rohstoff weichen musste, der aber mit einem vierzylindrigen Anderthalblitermotor dank seiner sehr glatten
Stromform und dem geringen Gewicht von nur 600 kg auf 150 km/h kommen soll.”

Viel mehr war auch der eigens gedruckten Verkaufsbroschüre nicht zu entnehmen. Immerhin erfuhr man noch, dass knapp 4000 Umdrehungen zum Erreichen der durchaus respektablen Höchstgeschwindigkeit ausreichen würden und dass von den vier Vorwärtsgängen, die am Lenkrad geschaltet werden konnten, drei geräuschlos waren.


Georges Irat (1949) - Blick ins Interieur
Archiv Automobil Revue

Es blieb bei der hydraulischen Vierradbremsanlage. Das Cockpit war ausserordentlich umfangreich instrumentiert. Der Verkaufsprospekt schloss mit den elegant formulierten Worten:
“Etudiée quant à ses organes et, à sa ligne par des techniciens réputés, construite méticuleuse- ment avec des matériaux les meilleurs, munie des derniers perfectionnements, la “Georges Irat" quoique de moyenne puissance est une voiture, de grand luxe: elle est essentiellement réservée à une clientèle d’élite."
(Übersetzung: Von renommierten Technikern auf seine Technik und seine Linie hin untersucht, sorgfältig mit den besten Materialien gebaut und mit den neuesten Verbesserungen ausgestattet, ist der ‘Georges Irat0, obwohl von mittlerer Leistung, ein Auto von großem Luxus: er ist im Wesentlichen einer elitären Kundschaft vorbehalten.)

Nun, diese elitäre Kundschaft blieb wohl aus und der französische Staat und dessen Pons-Plan erwies sich als nicht sehr hilfreich. So gab Georges Irat schliesslich das Ansinnen, einen Luxussportwagen zu bauen, auf. Er zog nach Casablanca weiter und zeigte im Jahr 1950 am Pariser Autosalon dann einen Mehrzweckwagen mit Panhard-Motor. Die Sportwagenzeit war vorbei.

Zurückgelassen

Beim Umzug liess man Teile des Wagens wohl in Bègles (Bordeaux), wo Irat auch Industriemotoren hergestellt hatte, zurück. Und dort wurde dann Jahre später auch die Karosserie, gehämmert vom Karosseriebauer Labourdette, wiedergefunden. Die Technik fehlte, aber dieser Prototyp repräsentierte ein wichtiges Kapitel der französischen Automobilgeschichte.


Georges Irat (1949) - optisch kaum vom in Paris ausgestellten Prototyp zu unterscheiden
Copyright / Fotograf: Bonhams

Um den Wagen wieder zeigen und fahren zu können, wurde das Fahrgestell eines Simca von 1939 angepasst und der Georges Irat erhielt einen 1,1-Liter-Simca-Motor. Karosserie und Innenausbau konnten erhalten werden und auch die faszinierende rahmenlose Vitotal-Windschutzscheibe, konstruiert von Labourdette-Ingenieur Joseph Vigroux, blieb konserviert.


Georges Irat (1949) - bereit zur Losfahrt
Copyright / Fotograf: Bonhams

Im Februar 2016 wurde dieser Simca-angetriebene Georges Irat von Artcurial für € 57’216 versteigert, jetzt soll der besondere Prototyp an der Monaco-Auktion von Bonhams am 23. April 2021 erneut einen neuen Besitzer finden. Geschätzt wurden EUR 70’000 bis 100’000.

Aber wann kann man sich schon einen einmaligen Meilenstein aus französischem Schaffen sichern?


Georges Irat (1949) - Georges Irat Markenzeichen auf dem Bug
Copyright / Fotograf: Bonhams

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von Strich 8
20.04.2021 (09:22)
Antworten
Erwähnenswert - aber leider auf Bild 26 nicht zu erkennen:
Der 1946 im Grand Palais des Pariser Automobilsalons erstmalig ausgestellte Prototyp Georges Irat 1100 Sport-Roadster hat keine traditionellen Scheinwerfer. Sie sind durch spezielle Lampen im Stoßfänger ersetzt worden.
Dieser Prototyp wurde 1948 erneut am Pariser Automobilsalon ausgestellt, während Irat darauf wartete, den nächsten Prototypen zu enthüllen.
Der Prototyp von 1946 wurde auf der Pariser Retromobile Show 2018 erstmalig zum Verkauf angeboten. Hier gibt es interessante Fotos dazu:
https://www.artcurial.com/en/lot-1946-georges-irat-1100-prototype-3279-334
Im Gegensatz zu den beiden anderen Prototypen der Automobilausstellungen von 1947 und 1949 ist dieser der Einzige, der über seine ursprüngliche Karosserie, sein Chassis und seine Mechanik verfügt.

Frage an die Redaktion zu "Schwangengesang im Jahr 1949": Was bedeutet Schwangengesang? Ich kenne nur den Begriff Schwanengesang als letztes Werk, letzter Auftritt, letzte Rede eines Künstlers.

Kleine Korrektur: Der Motor war ein kleines Schmuckstück, der PS aus 1100 cm3 bedeuteten im Jahr 1946 eine sehr hohe Literleistung.
Es sollte wohl ", 45 PS aus 1100 " heißen.
Antwort vom Zwischengas Team (Chefredaktor)
20.04.2021 (09:34)
Danke für diese wertvolle Ergänzung, wir haben den Artikel ergänzt und die Tippfehler korrigiert. Merci!
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