Ferrari 330 GT - kräftiger Gran Turismo für die schnelle Reise zu Viert

Erstellt am 21. September 2013
, Leselänge 8min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Balz Schreier 
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Bruno von Rotz 
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Khiem Pahm - Courtesy RM Auctions 
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Rory Dennis Courtesy of RM Auctions 
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Bonhams 
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Archiv 
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Als John Lennon im Jahr 1965 seinen Führerschein machte, ging es nicht lange und schon belagerten die Verkäufer von Luxusfahrzeugen sein Haus in Weybridge. Die Beatles hatten gerade die Arbeiten an “Ticket to Ride” abgeschlossen und da passte wohl auch der Kauf eines Autos gut zum Titel. John sah sich also einer imposanten Sammlung von attraktiven Autos gegenübergestellt und wählte schliesslich statt eines Aston Martin, Jaguar oder Maserati, den blauen Ferrari 330 GT 2+2 mit Chassis-Nummer 6781.


Ferrari 330 GT 2+2 (1965) - der ex-John-Lennon-Sportwagen wurde als Lot 311 von Bonhams für über 410'000 Euro an der Versteigerung am Goodwood Festival of Speed 2013 verkauft
Copyright / Fotograf: Bonhams

Ob die Farbe einen Einfluss auf den Entscheid hatte, ist nicht überliefert, die zwei Sitzplätze im Fond jedenfalls dürften John Lennon wichtig gewesen sein, denn er hatte einen Sohn im Alter von 22 Monaten zu jener Zeit.

Erstmals ein Viersitzer

Ende der Fünfzigerjahre hatte sich Enzo Ferrari als Sport- und Rennwagen-Hersteller einen guten Ruf aufgebaut, seine Autos wurden in viele Länder exportiert, der vielleicht wichtigste Markt waren die USA, wo gegen die Hälfte seiner Autos verkauft wurden. Bis 1960 hatte Ferrari seine Autos ausschliesslich (mit Ausnahme einiger Einzelanfertigungen) zweisitzig verkauft, doch mehr und mehr Kunden verlangten nach mehr Transportkapazität.

So erging der Auftrag an Pininfarina, die Quadratur des Kreises zu versuchen, nämlich die Eleganz eines Zweisitzers mit der Praxistauglichkeit eines Viersitzers zu kombinieren. Es entstand der Ferrari 250 GT 2+2, der anlässlich der 24 Stunden von Le Mans als Pace Car erstmals der Öffentlichkeit gezeigt und hinterher am Pariser Autosalon im Oktober 1960 offiziell präsentiert wurde.


Ferrari 250 GT 2+2 (1962) - meisterhafter Entwurf von Pininfarina, der bis dahin erfolgreichste Ferrari überhaupt
Archiv Automobil Revue

Pininfarina hatte ganze Arbeit geleistet und auf dem unveränderten Radstand des bisherigen Coupés durch Vorverlegung des Motors um rund 20 Zentimeter den Platz für zwei zusätzliche Sitzplätze im Fond geschaffen. Die Karosserie war gegenüber dem zweisitzigen Coupé um rund 30 cm in der Länge und sechs cm in der Breite gewachsen. Technisch entsprach der 250 GT 2+2 dem bisherigen Modell, als Motor diente die Dreiliter-Colombo-Maschine, die 240 PS bei 7’000 Umdrehungen leistete.

Der Markt jauchzte und kaufte. Etwa 950 Exemplare konnten gebaut werden, für Ferrari ein Produktionsrekord.

Zuwenig Leistung für Amerika?

Um den leistungsmässig immer stärkeren Konkurrenten nicht hinterherfahren zu müssen, entschied man sich bei Ferrari, den grösseren Motor aus dem Ferrari 400 Superamerica in den 2+2 einzubauen, so entstand bereits im Winter 1960/1961 ein erster Versuchsträger, doch erst 1963 wurde das nun 330 GT America genannte Coupé im Kleid des 250 GT 2+2 an Kunden verkauft, wenn auch in minimalen Stückzahlen - man spricht von zwanzig Fahrzeugen.


Ferrari 400 Superamerica (1962) - der Motor dieses Wagens bildete dann auch die Basis für den 330 GT
Archiv Automobil Revue

Von aussen verriet nur der Schriftzug “America” auf dem Kofferraumdeckel den auf vier Liter gewachsenen Hubraum. Abgelöst wurde er schon nach wenigen Wochen durch den offiziellen 330 GT.

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Die auffälligen Doppelscheinwerfer


Ferrari 330 GT Coupé 2+2 (1965) - einmal mehr ein Pininfarina-Entwurf, aus der Hand von Tom Tjaarda
Archiv Automobil Revue

Am 11. Januar 1964 wurde das neue Coupé 330 GT 2+2 an der traditionellen Ferrari-Pressekonferenz vorgestellt und der neugestaltete Familiensportwagen hielt für die anwesenden Journalisten eine grosse Überraschung bereit, das Vieraugengesicht. Tom Tjaarda war bei Pininfarina für das Design des leicht gewachsenen Coupés zuständig und es sei ein schwieriges Projekt gewesen. Sie hätten erst nach vielen Versuchen "die Proportionen richtig hingekriegt”.

Er als Amerikaner habe den Wagen damals als sehr italienisch empfunden, während die Europäer das Coupé für stark amerikanisch inspiriert hielten. Dies lag eindeutig an den Doppelscheinwerfern, die sicherlich ein Zugeständnis an den amerikanischen Geschmack waren. Insgesamt war der Wagen aber sehr schlicht, fast sanft gestaltet, wirkte vor allem in gedeckten Metallic-Lackierungen sehr elegant.

Im Innern hatten die Pininfarina-Leute mehr Sitzraum geschaffen und auch das Armaturenbrett war überarbeitet worden.

Am 400-SA-Motor, der bereits im 330 America seinen Dienst getan hatte, waren keine Änderungen nötig, die 3947 cm3 reichten für 300 PS bei geradezu zivilen 6’600 U/min. Geschaltet wurde über ein Vierganggetriebe mit elektrisch zuschaltbarem Overdrive.

Auch als Polizeiauto

Sie hätten auch eine Version für die italienische Polizei gebaut, ganz in Schwarz gehalten, aber mit unübersehbarem Blaulicht auf dem Dach. Technisch sei der Wagen aber serienmässig geblieben, erzählte Tom Tjaarda in einem Interview.

Mit dem 300 GT 2+2 sei ihm und Pininfarina ein Neuanfang geglückt, der nicht einfach die bisherige Linie fortgesetzt habe, sondern etwas Neues gewesen sei, meinte Tjaarda auch Jahre später noch mit viel Stolz.

Über 600 dieser (nachträglich Serie 1 genannten) 330 GT 2+2 wurden bis 1965 verkauft, die letzten rund 125 erhielten einige technische Verbesserungen, darunter ein Fünfganggetriebe. Eines dieser Coupés war John Lennons erstes Auto.

Geglättet und verbessert

Mitte 1965 überraschte Ferrari dann mit einem Facelift. Die Doppelscheinwerfer waren verschwunden und die Front trug nun wieder klassischere Züge. Statt der Borrani-Speichenräder gab es jetzt serienmässig Aluminiumfelgen, allerdings konnten die Borranis auf Wunsch immer noch bestellt werden.


Ferrari 330 GT 2+2 (1967) - im Jahr 1965 musste das Gesicht mit den Doppelscheinwerfern einer klassischen Gestaltung weichen
Archiv Automobil Revue

Im Laufe der weiteren Produktion, die bis zum Ende 1967 dauerte, wurden weitere Dinge verbessert, so etwa das Getriebe. 455 Exemplare der sogenannten Serie 2 wurden gefertigt.

Komfortabel und neutral

Die damals noch blutjunge Zeitschrift Rallye Racing verglich im Sommer 1967 fünf Traumsportwagen, darunter der Ferrari 330 GT, der damals in Deutschland DM 54’250 (in der Schweiz CHF 54’000) kostete und damit gleich teuer wie ein 275 GTB/4 war, der Lamborghini 400 GT 2+2, der Iso Grifo 365 GL und die beiden vergleichsweise preisgünstigen Mercedes 250 SL und Jaguar E-Type. 243 km/h Höchstgeschwindigkeit wurden beim Ferrari gemessen, Lamborghini und Iso waren nur unbedeutend schneller.

Den Sprint von 0 auf 100 km/h schaffte der Ferrari in 7 Sekunden, nach 16 Sekunden standen 160 km/h an, auch hier waren die beiden italienischen Konkurrenten nur unwesentlich besser. Entscheidender waren Komfort und Motorqualitäten: “Fast kann man sagen, dass er das Paradebeispiel für luxuriöses Fortbewegen ist und alles andere verkörpert, als die Fahrleistungen des Ferrari zu versprechen scheinen. Allerdings entwickelt der 330 GT insbesondere beim Fahren in oberen Geschwindigkeitsbereichen ein weniger erwartetes Geräuschniveau, das wir aber nicht ausschliesslich dem Motor anlasten wollen ... Bereits vom Drehzahlbereich zwischen 700 und 1000 U/Min nimmt der Motor jeden Gang gelassen hin, den man ihm bietet. Weich und sauber beschleunigt der Wagen von rund 30 km/h im fünften Gang bis zur Höchstgeschwindigkeiten.”

Dies sah auch die Zeitschrift “Sports Car Graphics” ähnlich, die ihren Test im Januar 1967 publizierte: “Bei 95 mph (ca. 150 km/h) scheint eine Jekyll/Hyde-Veränderung durch den Wagen zu gehen, er ändert seinen Charakter. Die Fahrt wird sanfter und der Komfort besser, das Coupé scheint besser auf der Strasse zu liegen. Sogar das Geräuschniveau wird angenehmer und es alles wird immer besser, je mehr die Nadel des Tachometers anzeigt.”


Ferrari 330 GT 2+2 (1964) - das Heck wurde von einigen als zu plump und massiv empfunden
Archiv Automobil Revue

Die Neutralität und Gutmütigkeit des Fahrverhaltens hob ein Kurztest der Automobil Revue hervor, der 330 GT 2 fühle sich weniger kopflastig als sein Vorgänger 250 GT 2+2 an, schrieben die AR-Tester im Jahr 1964.

Ein Traumsportwagen

Seit den Sechzigerjahren hat sich im Sportwagenbau viel getan. Der Mittelmotor kam auf, 300 PS reichen Jahrzehnte später noch für eine gut motorisierte Diesellimousine. Reifen wurden breiter und flacher, die Aerodynamik ausgefeilter, der Schwerpunkt sank. Im Vergleich mit modernen Sportwagen vom Stil eines Ferrari 458 oder FF wirkt der 330 GT so alt wie er ist, setzt man sich aber auf die Ledersitze und blickt um sich, beginnt der Sechzigerjahre-Charme sofort zu wirken.


Ferrari 330 GT (1967) - Leder und Holz im Interieur
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Das mit Holzfurnier überzogene Armaturenbrett zeigt alles an, was man sich an Informationen wünscht. Grosse Instrumente für Drehzahl und Geschwindigkeit fassen je eine Öltemperatur- und Öldruckanzeige vor dem Lenkrad ein, in der Mittelkonsole gibt es weitere Runduhren. Die Drucktasten sind beim Serie-2-Coupé links vor dem Lenkrad und sogar beschriftet. Der Wagen gibt kaum Rätsel auf. Man sitzt gut und freut sich an der dank filigraner Fensterpfosten fast perfekten Rundumsicht.

Gestartet wird per Zündschüssel rechts vom Lenkrad und sofort ertönt der melodiöse Zwölfzylinder, der turbinenartig hochdreht und dabei in ein heisseres Staccato verfällt.

Die Hand fällt vom dünnen Holzkranz des Lenkrads natürlich auf den Schalthebel, das Wechseln der Gänge vollzieht sich ohne Drama. Generell sind die Bedienungskräfte erträglich, auch Frauenwaden sollten beispielsweise mit der Kupplung zurechtkommen.

Nur der Wendekreis ist fast astronomisch gross, 13,9 Meter machen manches Park- oder Wendemanöver zu einer schweisstreibenden Arbeit. Der Fahrkomfort leidet kaum unter der hinteren Starrachse, was die Aufhängungen nicht verdauen, schlucken die dicken Ballonreifen der Dimension 205 HR 15.


Ferrari 330 GT (1967) - galt als sehr fahrsicheres Auto
Copyright / Fotograf: Balz Schreier

Beim Fahren fühlt der Gran Turismo grösser und massiger an, als es die 4,8 Meter Länge und das Leergewicht von knapp 1’400 kg vermuten lassen, aber daran gewöhnt man sich locker. Und man geniesst die unnachahmlichen Lautäusserungen des prächtigen Colombo-V12-Motors.

Ja, man kann gut verstehen, dass sich John Lennon gerade für diesen Wagen entschieden hatte. Nur, einen guten Riecher für wertmehrende Investitionen hatte der Beatles-Frontmann damit nicht gezeigt. Während nämlich der damals ähnlich teure Ferrari 275 GTB/4 heute schnell einmal im siebenstelligen Bereich gehandelt wird, gelten selbst schöne 330 GT nur einen Bruchteil davon. Wenn man denn einen findet, denn viele wurden irgendwann umgebaut oder ausgeweidet, auch dies eine Folge der schlechten Wertschätzung.

Wir danken der Oldtimer Galerie Toffen , die uns den dezent grau gespritzten Ferrari 330 GT der Serie 2 von 1967 für eine Probefahrt überliess.

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