BMW 320i Cabriolet – gelassene Zeitmaschine für Sonnenanbeter

Erstellt am 27. Mai 2020
, Leselänge 6min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
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Eine Fahrt im BMW 320i Cabriolet von 1988 wirkt wie eine Zeitreise, vor allem dann, wenn man eines seiner Mixtapes aus den späten Achtzigerjahren in den Schacht des Kassettengeräts schiebt.


BMW 320 i Cabriolet (1988) - die einfachere Variante, Foto genommen in den Achtzigerjahren
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Revolution?

Damals sang Tracy Chapman “Talking ‘Bout a Revolution” und ein bisschen nach Revolution sah es 1985 schon aus, als BMW das 325i Cabriolet vorstellte. Schliesslich war das Angebot an Voll-Cabriolets damals ziemlich übersichtlich. Neben dem Alfa Romeo Spider, dem Saab 900, dem Mercedes-Benz SL (R107) und dem Porsche Carrera gab es kaum Volumenmodelle, wenn man einmal von den Bügelcabrios wie VW Golf oder Fiat (Bertone) Ritmo sowie offenen Amerikanern absah.

Die Cabriolet-Renaissance hatte damals noch gar nicht richtig begonnen, aber die BMW-Ingenieure hatten schon seit dem Jahr 1982 an einem komplett offenen E30 getüftelt, nachdem man zuvor dieses Geschäft über viele Jahre der Firma Baur überlassen hatte.

Bis Ende der Sechzigerjahre hatten die Münchner meist interessante Cabriolets im Programm, so etwa den 328, den 503, den 507 oder den offenen BMW 700. Der letzte offene Wagen ab Werk war der BMW 1602, den es über kurze Zeit als Vollcabriolet gab. Dann war Schluss, denn die drohenden amerikanischen Sicherheitsbestimmungen schienen das Ende des Cabriolet einzuläuten. Doch es kam anders.


BMW 325i Cabrio (1987) - 171 PS, 215 km/h
Archiv Automobil Revue

An der Internationalen Automobil Ausstellung des Jahres 1985 zündete BMW ein wahres Neuheiten-Feuerwerk rund um die Dreierreihe. Vorgestellt wurden nämlich der 2,5-Liter-Reihensechszylinder, der den 323i-Motor ablösen sollte, eine Variante mit Allradantrieb, der M3 als Sportevolutionsmodell und das Cabriolet. Die Messebesucher waren begeistert, die Bestellungen für den offenen Dreier liessen nicht auf sich waren. Allerdings konnte man sich erst ab Frühjahr 1986 ein 325i Cabriolet in die eigene Garage stellen, wenn man denn schnell genug war. Viele warteten deutlich länger.

Robust

Nein, fragil wie es Sting auf seinem Album mit dem Song “Fragile” intonierte, war das BMW Cabriolet nicht gebaut. Das Cabriolet war nämlich nicht einfach ein zweitüriger E30 mit abgeschnittenem Dach, die Umbauarbeiten waren deutlich aufwändiger gewesen. Die Rohkarossse musste von Grund auf neu berechnet werden, um bezüglich Torsionsfestigkeit auf ähnlichem Niveau wie die geschlossene Variante zu liegen. Dazu wurden rund 60 Millimeter höhere Längsträger und zusätzliche Streben zwischen den verstärkten B-Säulen und hinteren Federbeindomen verbaut. Der Frontscheibenrahmen wurde aus dickerem Blech gefertigt und an vielen Orten wurden zusätzliche oder steifere Blechteile integriert. Das Ergebnis überzeugte, war aber auch rund 130 kg schwerer als die zweitürige Limousine.

Entsprechend waren auch Anpassungen am Fahrwerk, das weiterhin aus Querlenkern mit Federbeinen vorne, sowie Längslenkern hinten bestand, nötig. Vier Scheibenbremsen ergänzten das Paket. ABS war Serienausstattung.

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Perfekt

“Perfect” war der Hit von “Fairgound Attraction”, der es Ende der Achtzigerjahre bis auf die obersten Ränge der Charts schaffte, und (fast) perfekt war auch das BMW 3-er Cabriolet. Das Dach alleine war schon eine Ingenieurleistung der Sonderklasse. “Übertotpunktkinematik” war das Zauberwort. Wenn man es vorne zur Windschutzscheibe herunterzog, drückte es auch hinten den unter Teil des Dachs auf die Heckpartie, eine Verriegelung hinten war nicht nötig. Im offenen Zustand verschwand das allerdings ungefütterte Dach unter einer festen Abdeckung, offen war es in weniger als 20 Sekunden, wenn der Cabrioletbesitzer geübt war.


BMW 325i Cabrio (1987) - Montage Verdeck dank Übertotpunktkinetik einfach
Archiv Automobil Revue

Als raumsparende Konstruktion knabberte das Faltdach nur 113 der 425 Liter des des Limousinen-Kofferraums ab, es war auch ohne Anstrengung auf- und abzubauen, selbst ohne die Hilfe von Motoren, die es natürlich irgendwann auch gab. Nur mit diesen klappte die Öffnung vom Sitz aus, ansonsten musste man aussteigen. Offen wie geschlossen macht der Dreier mit Stoffdach eine gute Falle und für Temperaturempfindliche gab’s für teures Geld ein Hardtop zu kaufen.

Mit dem ursprünglich ohne Alternative angebotenen 2,5-Liter-Reihensechszylinder, der mit Katalysator 170 PS entwickelte. So beschleunigte das immerhin 1305 kg schwere Cabriolet in rund 8,1 Sekunden von 0 auf 100 km/h und weiter bis 214 km/h Spitzengeschwindigkeit.

Für den Rennsport reichte das nicht, auch wenn die Band Yello damals mit “The Race” für Verkaufserfolge sorgte. Aber wer hätte schon mit einem Luxus-Cabriolet an ein Bergrennen gehen wollen? Zudem war das Auto 42’000 Franken teuer, was 9500 Franken mehr war als der Betrag, den die gleich motorisierte Limousine kostete.

Allerdings konnte man sich erst ab Frühjahr 1986 einen offenen Dreier in die Garage stellen, wenn man schnell genug war. Viele warteten deutlich länger. Und erhielten dafür aber auch mehr Auswahl.

Im Windschatten

“Better be home soon” lassen Crowded House aus den Lautsprechern des 320i Cabriolets erklingen und tatsächlich, BMW wartete nicht allzu lange, um dem 325i Cabriolet ein etwas gemütlichere Schwester nachzusenden. Im Herbst 1987 war es bereits soweit. Die Autozeitschriften kümmerten sich allerdings kaum um den Neuankömmling, warum auch. Im Prinzip handelte es sich einfach um ein 325i Cabriolet mit etwas weniger Hubraum und Leistung, also a priori weniger interessant.


BMW 325i Cabrio (1987) - Vogelperspektive
Archiv Automobil Revue

Deutlich mehr Sinn machte das Zweiliter-Cabriolet für die Käufer, denn immerhin mussten sie deutlich weniger Geld vom Konto abheben (CHF 36’850 oder DM 43’100), zumindest wenn sie sich mit der Basisausstattung abfanden. Dies taten allerdings wohl die wenigsten, nur selten jedenfalls taucht ein 320i Cabriolet mit Stoffsitzen, Stahlrädern und fehlender Unterhaltungselektronik in den Gebrauchtwagenmarkt- oder Liebhaberinserate-Rubriken auf.

Paradies

Mit “Paradise” lieferte Sade Ende der Achtzigerjahre sicherlich ein idealen Cabriolet-Soundtrack? Und tatsächlich entwickelten sich die Verhältnisse für Sonnenhungrige vor 30 Jahren in paradiesischer Weise. Die Lust am Cabriolet war wiedererwacht, die Absatzzahlen gingen schnell nach oben. Kein Wunder, tauchte schon bald Konkurrenz zum BMW Cabriolet auf. Audi öffnete das Coupé des Typs 89 und schuf eine vergleichbare Alternative zum 320i Cabriolet.

Das Audi Cabriolet hatte einen Fünfzylindermotor unter der Haube und leistete 133 PS, während sich der Zweiliter-Sechszylinder im BMW mit 129 PS zufrieden gab. Der Audi war allerdings etwas schwerer (1407 anstatt 1342 kg Testgewicht) und auch etwas langsamer (196 anstatt 203 km/h Spitze). Beim Sprint von 0 auf 100 km/h verlor der Audi sechs Zehntel auf den BMW (11,9 anstatt 11,3 s) und konnte auch keine Verbrauchsvorteile vorweisen (11,5 anstatt 11,7 Liter pro 100 km). Dafür war er etwas besser ausgestattet. Zudem war sein Verdeck gefüttert und noch perfekter als jenes vom BMW.

Fortan teilten sich die beiden Konkurrenten in ihrem Segment den Markt auf und für weitere Auswahl sorgten zusätzliche Motoren, so gab es für beide zusätzlich Vierzylindermotoren und bei Audi ab 1992 auch einen Sechszylinder.

BMW implementierte im Sommer 1990 eine Modellpflege, die bereits früher bei der Limousine eingeführte optische Veränderungen auch beim Cabriolet nachzog.

Im April 1993 verliessen die letzten E30-Cabriolets nach etwa 140'000 gebauten Exemplaren die Produktion. Auch vom Nachfolger E36 gab es etwas später wieder eine Cabriolet-Version.

Jungbrunnen

“Forever Young” sang Rod Stewart und genauso fühlt sich heute auch das kompakte E30-Cabriolet an. Dass die frühen Autos inzwischen bereits Oldtimer sind, das spürt man beim Fahren kaum. Und in manchen Dingen ist ein dreissigjähriges BMW-Cabriolet vielen heutigen Autos überlegen, etwa in der kaum eingeschränkten Rundumsicht, bezüglich der übersichtlichen Karosserie und des superschnell ablesbaren Instrumenten-Clusters. Eine Bedienungsanleitung benötigt auch kaum ein frischgebackener E30-Fahrer.


BMW 320i Cabriolet (1988) - Leder am Lenkrad gab's nur gegen Aufpreis
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Mit “Tougher than the Rest” lässt sich Bruce Springsteen nun erklingen und auch hier passt der Songtitel wieder zum BMW. Noch heute fühlt er sich vergleichsweise verwindungssteif an, er lässt sich angenehm fahren. Das Fünfganggetriebe garantiert exakte Übersetzungswechsel, die 129 PS reichen für gemütliches “Cruisen”, ohne wirklich sportlich zu wirken.


BMW 320i Cabriolet (1988) - bis zur Gürtellinie ein ganz normaler Dreier
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Der moderne Autofahrer staunt über den gebotenen Komfort, den grosse Räder mit dicken Flanken und eine nicht auf Nürburgring-Rekordrunden ausgerichtete Fahrwerksabstimmung bieten. Und, ist das Dach unten, dann freut sich das Ohr neben “Macho Macho”, das mit Reinhard Fendrich jetzt aus den Lautsprechern erklingt, über das melodiöse und turbinenhaft tönende Reihensechszylindergeräusch.


BMW 320i Cabriolet (1988) - Blick unter die Motorhaube
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Ja, man möchte immer weiterfahren, in die Nacht hinein. Und dann würde “Under the Milky Way” von “The Church” sicherlich als Untermalung wieder bestens passen.


BMW 320i Cabriolet (1988) - ein Kamerad für alle Tage
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Wir danken der Touring Garage für die Gelegenheit zur Fotosession.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von kast2021
17.01.2021 (21:41)
Antworten
...also, ich fahre ein E30 Cabrio 320i seit 03/1990 als Erstbesitz, bis jetzt 185.000km Genuß ohne Reue. Im Sommer gibts nichts schöneres als damit
über Land zu fahren ... Seit 09/2020 hat er ein H-Kennzeichen und ist als Oldtimer eingestuft. Seit er einen Kaltlaufregler hat und mit Euro2 läuft,
fahre ich ihn mit 9,0 bis 9,5l auf 100km, ein guter Wert für einen 6-Zylinder. Er ist zwar unter 4000 Touren etwas träge, aber ich habe damals bewußt
den kleinen 6er gekauft, war 8.000,- DM billiger im Grundpreis und reicht vollkommen. 1990 waren 129 PS auch eine andere Hausnummer als heute...
Der Wagen ist Familienmitglied und wird auch von meinen 3 Kindern gerne gefahren...
von kn******
25.06.2020 (18:47)
Antworten
Die Diskussion scheint mir etwas aus dem Ruder gelaufen zu sein; es ging ja weder um BMW 5'er noch um Turbos egal welcher Marke, sondern um das 320 i Cabrio.

Ich besitze ein solches seit 2015 (Jg.1988, 2 Vorbesitzerinnen und Km-Stand damals rd. 90.000 km). Ich muss zugeben, den immer beschriebenen 'seidenweichen' Lauf des 6-Zylinders habe ich damals nicht erlebt, ich musste den Motor tatsächlich wieder 'einfahren'.

Aber 325 i oder 320 i, die paar PS Unterschied machen es doch heute wirklich nicht aus, wenn man mit einem zeitlos schönen Cabrio 'cruisen' möchte.

W.K.
Antwort von is******
25.06.2020 (19:44)
Also dieses turbinenartige ab Leerlauf bis über 6000 ist schon absolute Sahne... Drehmoment fehlte Beiden, dem 320 wie dem 325.... aber bei soviel Laufkultur ....
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