Ritorno a Torino - eine besondere Reise mit einem Fiat-Veteranen

Erstellt am 24. Oktober 2012
, Leselänge 3min
Text:
Hans Ulrich Mörikofer
Fotos:
Hans Ulrich Mörikofer 
7

Seit 1966 ist der weisse Fiat 1100 in der Obhut seines heutigen, zweiten Besitzers, nachdem er neun Jahre lang als Familienwagen bei seinen Eltern gedient hatte.

Die Fahrleistung beträgt heute 230‘000 km. Im Verlauf der 55 Jahre erfolgten verschiedene kleinere und etwas grössere Interventionen, die man als „rolling restaurations“ bezeichnen darf. Der Motorblock ist immer noch der ursprünglich eingebaute, ebenso das Getriebe und die Achsen. 

Fortwährende Restaurierung

Als Folge der damals üblichen, ungenügenden Korrosionsvorkehrungen wurde es – wie bei fast allen Oldtimern dieser Zeit – unvermeidlich, einige Blechreparaturen vorzunehmen. 1966 wurden die Türschweller und Teile der vorderen Radläufe ersetzt. Die Bodenbleche hielten sich insgesamt gut und mussten nur durch Einschweissen von wenigen Reparaturblechen im vorderen Fussraum instand gestellt werden.  Am Motor wurden vor 20 Jahren Kolben, Kurbelwelle und Zylinderkopf (Umbau für bleifreien Betrieb) ersetzt, ebenso die Kupplung und die Buchsen der Radaufhängungen. Die Kardanwelle wurde revidiert und ausgewuchtet. Wasserpumpe, Lichtmaschine und Regler verlangten nach mehrmaliger Revision bzw. Ersatz.

Die Innenausstattung war ein dankbares Restaurationsobjekt: den Neubezug der Sitze mit Originalpolsterstoff und der Türverkleidungen sowie den Ersatz des Dachhimmels besorgte ein erfahrener Autosattler teils in den Siebziger- und teils in den Neunziger-Jahren.
Das Auto wird mit Veteranenzulassung immer noch regelmässig bewegt, weshalb auch die Restauration im strengen Sinne nie vollendet sein wird.

Die grosse Reise

Schon seit einiger Zeit kreiste im Kopf des stolzen Fiat-Besitzers die Idee zu einer Fahrt zum Herstellungsort im Piemont, also nach Torino. Kaum gedacht war klar, dass eine solche Reise geplant sein will, wenn das Ziel erreicht und auch die Rückkehr mit einem intakten Auto gelingen soll. Aufteilung der Reisedauer, Begleitung durch ein zweites Fahrzeug, Umfang der mitzunehmenden Ersatzteile und weitere Themen wurden hin und her gewälzt.

Im Umgang mit Oldtimern lehrt die Erfahrung, dass allfällig benötigte Ersatzteile vor Ort weder mit Geld noch mit guten Worten herbeigezaubert werden können. Trotzdem  riet ein guter und in Sachen Oldtimer kompetenter Freund „gar nichts“ mitzunehmen, weil im Pannenfall sowieso etwas anderes kaputtgehe ...

Der Besitzer nahm sich das zwar zu Herzen, brachte es aber schliesslich doch nicht fertig, auf alles zu verzichten. Ein Begleitfahrzeug erübrigte sich aufgrund des grosszügigen Angebotes eines weiteren guten Freundes. Er wäre im Falle einer nicht an Ort und Stelle reparierbaren Panne bereit gewesen, das Auto mitsamt seiner Besatzung mit seinem Land Rover samt Anhänger irgendwo auf der Route abzuholen. Der Freundschaftsdienst musste nicht in Anspruch genommen werden und alle Werkzeuge blieben während der ganzen Reise im Kofferraum. Beruhigend war das Angebot aber dennoch.

Pannenfreie Reise hin und zurück - Highlight Versuchspiste Lingotto

Via Autoverlad ging es am ersten Tag durch den Lötschberg-Tunnel und anschliessend auf eigenen Rädern über den Simplon nach Domodossola. Am zweiten Tag führte die Route ausschliesslich über Landstrassen von Domodossola via Lago d’Orta, Borgomanero nach Torino.

In der ehemaligen Fiat-Autofabrik Lingotto werden seit 1982 keine Autos mehr hergestellt. Seit 1989 ist das denkmalgeschützte, äusserlich unveränderte Werksgebäude ein modernes Kultur- und Messezentrum mit Konzerthalle, Multiplexkino, Hotel und Einkaufszentrum.
Die ehemalige Versuchspiste auf dem Dach sowie die spiralförmigen Zufahrtsrampen existieren allerdings immer noch; die überhöhten Kurven der Versuchspiste sind aber nicht mehr befahrbar. Ziel der Turinreise war es, den Fiat-Veteranen auf dieser Versuchspiste zu fotografieren, was mit etwas Verhandlungsaufwand gelungen ist, wie die Bilder zeigen.

Die Rückfahrt erfolgte wiederum gemütlich auf Landstrassen: Torino,  Nus – Aosta - Grand St Bernard – Martigny - Col des Mosses – Gstaad – Bern.

Fazit: die Turin-Reise macht Mut und Lust auf mehr, nicht zuletzt, weil der Fiat Millecento nach wie vor ein zuverlässiges Auto ist.

Es gibt viel zu sehen in Turin

Neben den bekannten Sehenswürdigkeiten der eleganten Stadt Turin seien folgende Spezialitäten zum Besuch empfohlen:

  • Auf dem Dach des Lingotto-Werks, direkt an der Piste befindet sich das hervorragende Restaurant „La Pista“ (obere Preisklasse). Eine Reservation muss sein und sie kann durch die Réception des Hotels NH-Lingotto gemacht werden.
  • Museo nazionale dell’Automobile, Corso d’Unita d’Italia 40, Torino, Oeffnungszeiten: ganze Woche zu unterschiedlichen Zeiten (s. Website). Das Museum wurde erst kürzlich vollständig renoviert und wieder eröffnet.
  • Centro Storico FIAT, Via Gabriele Chiabrera 24a, Torino: offen sonntags 10:00-19:00. Für Freunde der Marke Fiat ein Muss!

 

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von hjb
30.10.2012 (09:58)
Antworten
Obwohl dieses Fahrzeug nur einfarbig lackiert ist, frage ich mich, ob es sich nicht um einen Tipo 1100 "TV" handelt.
Uebrigens: Interessanter Beitrag!
Gruss: hjb
Antwort vom Zwischengas Team (Chefredaktor)
24.11.2012 (16:38)
Nein, es ist der normale 1100 103E. Häufig wird dieses Modell wegen der zentralen Nebellampe mit dem 1100 TV 1953 - 56 verwechselt. Die Erkennungsmerkmale sind:

1953 - Mitte 1956
Fiat 1100 103 : Kühlergrill mit horizontalen Zierstäben, KEINE Nebellampe
Fiat 1100 TV 103 : Kühlergrill mit horizontalen Zierstäben, MIT zentraler Nebellampe

Mitte 1956 bis Herbst 1957, es handelt sich bei dieser Serie um den ersten Facelift (Modellpflege) seit der Première.
Fiat 1100 103E: Kühlergrill mit senkrechten Zierstäben, MIT zentraler Nebellampe. Das ist das Auto, das Gegenstand der Turin-Reise war.
Fiat 1100 TV 103E : Kühlergrill mit senkrechten Zierstäben und 2 Nebellampen, je 1 rechts und links des Kühlergrills. TV-Emblem in der Mitte des Grills.

Ausser diesen Merkmalen hatte der TV (von 1953 bis 1957) eine grössere Heckscheibe und hintere Kotflügel mit kleinen "Heckflossen"

Die Modellpflege ab ca. Sommer 1956 umfasste:
- Leistungssteigerung von 36 auf 40 PS (CUNA) bzw. von 50 auf 53 PS beim TV
- neues Armaturenbrett
- Reserverad unter dem Kofferraumboden statt ganz oben im Kofferraum
- Zierteile aus Chromstahl (!) anstelle von Aluminium
- Räder mit Belüftungs-Schlitzen, erst am Schluss der Produktionszeit
- neue Schlussleuchten

Die beiliegenden Fotos* zeigen die verschiedenen Modell-Varianten. Bemerkung : auf der Foto des TV 1953 ist zusätzlich der 1100 TV Trasformabile erwähnt. Damit ist das Cabriolet gemeint.
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