Wie ein Wink aus der Vergangenheit jährt sich genau jetzt – zum Zeitpunkt der drohenden Audi-Werksschließung in Neckarsulm – ein herausragendes Ereignis zum 100. Mal, das seinerzeit die gesamte Motorsportwelt beeindruckte.
Vierfachsieg
Am 11. Juli 1926 holten die an der Sulm komplett neu entwickelten NSU Sechszylinder-Kompressorrennwagen beim ersten ‚Großen Preis von Deutschland 1926‘ in der Klasse F bis 1,5-Liter einen grandiosen Vierfachsieg. Dieser Grand Prix – ausgerichtet vom AvD, dem Automobilclub von Deutschland – war das erste internationale Rennen in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg und mit rund einer Viertelmillion Zuschauer DAS Motorsportereignis des Jahres 1926.
Die Neckarsulmer Fahrzeugwerke hatten den NSU Typ 6/60 PS speziell für den Renneinsatz entwickelt. Es war das erste Sechszylindermodell von NSU, wobei die 6 für die Einteilung in die richtige Steuerklasse stand. Es leistete 60 PS, wog 830 Kilogramm und brachte es in der Spitze auf 175 Stundenkilometer. Übrigens gab es den Wagen nur in der damaligen deutschen Rennfarbe Weiß.
Die Stärke der NSU-Rennwagen war der neue Reihensechszylinder. Der Motor war über die gesamte Distanz von mehr als 400 Kilometern robust und erlaubte es so den NSU-Rennfahrern Georg Klöble, Jakob Scholl, Ernst Islinger und Josef Müller, in dieser Reihenfolge die ersten vier Plätze in dieser Klasse zu belegen. Eine Leistung, die im In- und Ausland für viel Aufmerksamkeit sorgte.
Nach ihrer Rückkehr aus Berlin wurden die erfolgreichen NSU-Piloten im Neckarsulmer Werk frenetisch empfangen: Mitarbeiter und die damaligen Direktoren Fritz Gehr und Georg Schwarz gratulierten den Fahrern, für die es anschließend mit ihren Rennwagen auf „Reklamefahrt“ nach Heilbronn und Stuttgart ging. Mein Urgroßvater Fritz Gehr stellte für das Foto seinen linken Fuß auf die Vorderachse von Wagen Nr. 28 (Jakob Scholl).
Von der Rennstrecke auf die Strasse
Der Erfolg des NSU Typ 6/60 PS auf der Rennstrecke ließ in Neckarsulm die Entscheidung reifen, ein neues Auto zu entwickeln, das in die damals beliebte 6-PS-Steuerklasse passte: den NSU 6/30 PS. Sein Sechszylindermotor war direkt vom Rennmotor abgeleitet worden. Noch Ende 1927 wird der neue Wagen den Händlern vorgestellt. Gebaut wird er jedoch nur im Verlauf des Jahres 1928. NSU beendet die Fertigung und konzentriert sich dann auf die Produktion des technisch eng verwandten Nachfolgers NSU Typ 7/34 PS.
In einem der ersten Exemplare dieses NSU 7/34 Sechszylinders, und zwar als Cabriolet, fuhr die Großmutter der Autorin dieses Beitrags, Gretel Krauss geb. Gehr, bereits Ende Juli 1928 in die Flitterwochen. Das war natürlich etwas ganz Besonderes und wurde von deren Vater, NSU-Generaldirektor Fritz Gehr, nur unter der Auflage erlaubt, dass während der Reise nach Blankenberghe viele Aufnahmen mit dem Wagen gemacht würden, die dann später zu Werbezwecken gebraucht werden könnten.
Nur gut, dass Gretel Krauss den Photohändler Eugen Krauss geheiratet hatte, so dass diese Aufgabe eine wahre Freude für ihn war (mit seiner hübschen, knapp 20-jährigen frisch angetrauten Gattin als Fotomodell noch dazu).
Dies ist nur ein Beispiel für die ungemeine Innovationskraft des Standorts Neckarsulm seit über 100 Jahren.
Zur Autorin
Susanne Schartel ist die Urenkelin von NSU-Generaldirektor (bis 1933) Fritz Gehr und Autorin des biografischen Romans Hilde & Tommy, in dem sie – illustriert mit über 400 Bildern – die Geschichten Ihrer Vorfahren rund um NSU und Tom Bullus erzählt. Der englische Ausnahme-Motorradrennfahrer Bullus war in den Jahren 1930 bis 1932 nicht nur für NSU von Sieg zu Sieg gefahren, sondern wurde 1933 durch die Heirat mit Gehrs jüngster Tochter Hilde auch zu Schartels heißgeliebtem Großonkel.


































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